Blüten vor der Haustüre: eine Farbstudie der Seele

Ich bin an sich kein Earlybird. Der Morgen ist genauso wenig meine Tages-, wie der Montag meine Wochenzeit ist. Ich bin ein Nacht- und Freitagskind. Wobei der Ausdruck „ich bin kein Earlybird“ wohl an die Untertreibung des Jahres grenzt. Ich bin quasi der Antichrist (oder die Antichristin?) der Frühaufsteher.

So klingt es, wenn ich etwas erlebe und eine Geschichte darüber schreiben will, wie eine meiner liebsten Bloggerinnen Mitzi das tut. Dann stehen hier ein paar Zeilen, die mir wenige Wochen später schon wieder peinlich sind, weil sich der Wortwitz plump und der Inhalt banal anfühlt. Darum kann ich euch also nichts Amüsantes darüber erzählen, wie mir ein Mann um 6:20 morgens beim Entladen eines LKWs der Lebensmittelkette meines Vertrauens auf mein überraschtes Niesen aus 10 Metern Entfernung „Gesundheit“ entgegen rief. Ich kann des weiteren auch nicht darüber schreiben, wie ein anderer Mann mir in der Bäckerei den Vortritt ließ und mich die Bäckersdame mit den Worten „ah, Sie sind die, die im Büro Frühstück macht!“ begrüßt und wie gerührt ich davon war, auch wenn ich vermute, dass all die Aufmerksamkeit nur an meinem hohen Dutt lag. Sorry. Für solche Geschichten bin ich einfach nicht gemacht. Was schade ist, weil ich sie selbst gerne lese und höre, aber viele Talente sind einem nunmal nicht in die Wiege gelegt und dieser Mangel gehört bei mir dazu.

In der Beschreibung von Ereignissen war ich noch nie begabt. Schon in der Schule waren meine Nacherzählungen meist länger als die Geschichte, die ich hätte nacherzählen sollen. Ich schweife aus und verfehle den Punkt und verhasple mich irgendwo zwischen dem Kern und Nichtigkeiten. Das tue ich immer wenn ich schreibe. Doch ich habe irgendwie eine Nische gefunden, wo das nicht so arg stört – oder vielleicht gar nicht auffällt. Wenn man über Gedanken und Gefühle schreibt, dann ist das „freie Assoziieren“ wie Psychoanalytiker es nennen würden, eine durchaus hilfreiche Technik um hinter die Fassade zu blicken. An dieser Stelle geht mein Dank also wieder einmal an das Faszinosum Sugmund Freud, dank dem mein wirres Geschwurbel eine Rechtfertigung finden darf. So wie zum Beispiel genau jetzt. Der erste Absatz dieses Textes schoss mir durch den Kopf, als ich mich vom Bäcker Richtung Auto bewegte. Und der Rest passiert einfach. Es leitet mich wieder zur Autofahrt aus dem bayrischen Nachbarland nachhause, als mein Herz fast überquoll von den Umarmungen fremder Menschen, die mir doch so bekannt sind.

All diese Zeilen schrieb ich bereits vor einigen Wochen, nachdem mich enorm viele emotionale Momente überschwemmt hatten, immer und immer wieder. Und über die ich einfach keine Zeit fand zu schreiben. Weil das Leben zu fordernd ist. Weil der Kopf nicht klar ist. Weil die Luft zum Atmen nicht da ist.

Ich will schreiben, es passiert soviel, und doch finde ich den Ansatzpunkt nicht. Was ist das hier? Was tue ich hier? Wohin soll es führen? Soll ich schreiben über das Durchbrechen alter Muster? Darüber, sich auf das Leben einzulassen, auch wenn man nicht wissen kann, wohin es einen bringt? Über den Mut, Entscheidungen zu treffen, vor denen man Angst hat? Über die Zwiebelschichten die sich um den Kern eines Konflikts legen und die man eben nur Schicht für Schicht entfernen kann? Darüber, sich mit seinen Ängsten zu konfrontieren? Über tiefe Gefühle oder prägende Momente? Es gibt so viel und nichts davon führt zu einem Text. Meine Notizen erinnern mich daran, einen Text über Selbstwirksamkeit zu schreiben. Meine Entwürfe erinnern mich an tausend Bilderstrecken, die emotional aufgeladen sind, doch nichts davon ist irgendwie bereit, weil der Abstand so groß ist, dass der Flow fehlt und die Selbstverständlichkeit abhanden gekommen ist.

Ich sitze im Auto, am Weg zurück von Bayern und mir schießen Tränen in die Augen, weil das Wochenende soviel Gefühl für mich bereitgehalten hatte. Ich liege auf der Couch und glotze fixiert auf Jamie Frasers Mund, der mich mit seinen Worten in „Outlander“ an etwas in mir erinnert, das ich schon lange nicht mehr gespürt hatte, von dem ich nicht mal mehr wusste, dass es so etwas in mir gab. Wer bin ich? Wer war ich? Wer bin ich geworden? Wer werde ich sein? Ich treffe gerade Entscheidungen, die richtungsweisend sind und das ist schwer, so schwer für mich. Ich habe immer so große Angst, davor, dass Entscheidungen falsch sind, weil ich Tendenzen habe, an Wege zu klammern, so sehr, dass ich das Gefühl habe, es gäbe kein links, kein rechts und kein Entkommen.

Ich habe eine Entscheidung getroffen und damit viele andere getriggert. Ich habe eine Entscheidung getroffen und damit mein ältestes Muster durchbrochen. Ich wollte mich auf das Leben einlassen, mutig sein, mich meiner Angst stellen, nur um herauszufinden, dass unter dieser Schicht eine weitere wartet und ich weiß, wenn ich diese gelöst habe, wartet die nächste auf mich. Und ja, bei jeder neuen Schicht könnte ich entscheiden auszusteigen. Mir sagen, keine Lust mehr, ich lass das jetzt so. Mich arrangieren, wie das eben die anderen so machen. Es wäre so viel leichter. Aber das kann ich nicht. Ich muss es immer wieder tun. Daran herumkletzeln, so lange, bis die Schicht sich löst, koste es was es wolle (und es kostet verdammt viel).

Ich bin in meinem Leben aktuell an einem Punkt, an dem ich sehr erschöpft bin, weil vieles an mir zehrt und zerrt und weil meine alten Muster nicht mehr funktionieren. Ich halte mich gerade fest an der Aussage „wenn das Leben ruckelt, bereitet es sich darauf vor, in den nächsten Gang zu schalten“. Es fällt mir schwer, dem Universum zu vertrauen, obwohl es mir keinen Grund gegeben hat, das nicht mehr zu tun, aber es liegt in meiner Natur. Vielleicht sind es bei mir irgendwie immer diese speziellen Zeiten, am Ende eines Jahrzehnts, die mich aus den unterschiedlichsten Komfortzonen hinauskatapultieren in ein Leben, in das ich erst hineinwachsen muss. Für das sich die Gefühle erst sortieren müssen, damit sich Gedanken und Worte ausformen. Vielleicht ist es die Zeit oder es ist der Zufall. Was auch immer es ist. Es ist, wie es ist. Sagt das Leben.