Was wäre Wien ohne Melancholie?

(Wien sehen und sterben wäre jetzt als Titel irgendwie zu plump gewesen, oder?)

Wien. Wien ist mein Zuhause und mein ewiger Reibungspunkt. Ich bin hier geboren und an der Stadtgrenze aufgewachsen und doch kommt es mir so schwer über die Lippen zu sagen, ja, ich bin Wienerin und das, obwohl ich so vieles an der Stadt liebe – ich vergesse es nur so häufig und versinke im Klischee des Schwarzmalens und Schwarzsehens.

Darum habe ich beschlossen, dass es an der Zeit ist, mal wieder mit offenem Herz und offenen Augen durch die Stadt zu gehen und sie für mich neu zu entdecken. (Ich bin versucht, euch zu erzählen, dass mich die vielen kleinen Kommentare, die Pia in ihren Interviews über ihre Liebe zu Wien fallen gelassen hat Schuld daran sind, aber ich lasse es ^.^ )

Dies ist eine offene Liebeserklärung an die Stadt von Sigmund Freud, Falco, Niki Lauda, Christoph Waltz, Romy Schneider, Friedensreich Hundertwasser, Maximilian Schell, Peter Alexander, Arthur Schnitzler, Fritz Lang, Gustav Klimt, Egon Schiele, Kaiser Franz Joseph, Maria Theresia, Mozart, Ferdinand Raimund, Johann Nestroy, Johann Strauss, Otto Wagner, Alfred Adler, Adolf Loos, Hugo von Hofmannsthal, Erwin Schrödinger, Karl Farkas, Viktor Frankl, Herbert von Karajan, Miep Gies, Leopold Hawelka, Mira Lobe, Erich Fried, Christine Nöstlinger, Georg Danzer, Ulrich Seidl, Daniel Glattauer und all die anderen, die ich nicht aufgezählt habe oder die nicht hier geboren wurden aber ihre Spuren in dieser Stadt hinterlassen haben und ein Teil davon geworden sind, was sie ausmacht.

Wien und ich, wir haben viele Parallelen. Immer darauf bedacht, hübsch zu sein an der Fassade, während dahinter und dazwischen so viel anderes lauert, das echte Leben, die unterdrückten Konflikte, die dunklen Wünsche, die wahre Liebe, die ungeschützte Seele.

Wien ist von allem ein bisschen, alt und neu, alt und jung, schön und hässlich, glatt asphaltiert und kopfsteingepflastert, es riecht gleichzeitig nach frischem Teer und Pferdeäpfeln, nach Curry und Käsekrainer, nach Falafel und Kebab.

Es gibt kein Wien ohne Stuck und pompöse Fassaden, keine Straßen ohne Häuser mit funktional verputzten Wänden, die still an die zerbombten Krater erinnern.

Die Stadt zwischen Halleluja im Himmel und Psychoanalyse, zwischen Wiener Sagen und der Traumdeutung, zwischen Monarchie und Anarchie.

Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass so viele Schriftsteller und Musiker, die in und um Wien berühmt geworden sind, in irgendeiner Form an ihrer Schwermut hängen. Ich frage mich oft, ob Sigmund Freud die Psychoanalyse auch in einer anderen Stadt als Weg gefunden hätte. Ob sich die österreichische (europäische) Geschichte anders entwickelt hätte, wären es nicht Sisi und der Wiener Hof gewesen.

In jedem Heute in dieser Stadt schwingt soviel kollektives Gestern mit.

Es ist eine Stadt mit Ecken und Kanten und rauen Oberflächen, mit undurchsichtigen Spiegelungen und grantigen Kellnern. Überhaupt ist es die Stadt, in der der „Grant“ gefühlte 100 unterschiedliche Facetten hat, die sich auch sprachlich niederschlagen. Das Wiener Vokabular für schlechte Laune und alles was dazu gehört ist schier unerschöpflich.

Aber vielleicht liegt es daran, dass so Vieles in die Tiefe geht und die Energie der Stadt selten jemanden völlig unberührt lässt. Dass diese Stadt für jeden etwas anderes, etwas Eigenes bedeutet und das für die meisten auch so privat ist, dass sie es weder teilen wollen noch können.

Wien fließt durch meine Adern und die Wiener Satzmelodie hat sich untrennbar mit meinen Stimmbändern verbunden. Für mich ist das immer noch fremd, in meinem Kopf klingt es anders, aber Mikrofone und Speicherkarten lügen nicht.

Wien ist eine Ansammlung von Gewohnheiten, ein eigener Planet mit den verschiedensten Lebensformen. Wien ist eine Stadt, in der an den meisten Plätzen jeder jeden lieben darf, in der seit Jahrhunderten Musik entsteht, zum Trotz des Volkes, das zuerst einmal grundsätzlich gegen alles ist. Wien ist Kaffee, Kuchen und Spritzwein und Würstel – die Zutaten, bei denen es sich am besten dem anderen in die Seele schauen lässt. Wien ist meine Geschichte.

Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit.