…dass auf einmal ein Wunder passiert. Der Freitag, an dem ich Pia traf.

Ich habe tatsächlich eine Weile überlegt, ob ich diesen Artikel posten soll oder nicht. Da mich die liebe Beate aber explizit danach gefragt hat und es nach all dem anderen, das ich euch hier bereits zugemutet habe, irgendwie dazu gehört, müssen all jene, die es gar nicht interessiert, einfach bitte nochmal drüber wegklicken. Es kommen auch wieder andere Themen, promise 😉

Short Story long (weil mir Kurzfassungen leider noch nie lagen): Im Sommer denke ich zum ersten Mal darüber nach, einen Flug zu buchen, um einen Brief abzugeben. Ich möchte ihn schreiben und dann vielleicht persönlich an diesen Ort bringen, an dem sie aufgewachsen ist, an dem ihre Liebe zu den schönen Dingen des Lebens entstehen konnte, an dem sie die Kunst zu lieben gelernt hat. Ohne sicher sein zu können, dass er je ankommt oder gelesen wird. Einfach mein Danke übergeben, dort lassen, ein bisschen loslassen.

Dazu kommt es nicht, weil die Tagesflüge nach Amsterdam für so eine leicht verrückt anmutende Aktion doch irgendwie zu teuer sind. Egal, denke ich, aufgeschoben ist nicht aufgehoben und wenn eine Gelegenheit kommen soll, wird sie kommen.

Als ich Mitte September dem Herzmann von diesen Gedanken erzähle sagt er sofort: komm, das machen wir! Und ein paar Tage Amsterdam wären doch ohnehin super. Und so buche ich am nächsten Tag einen Flug für Anfang November, nach meinem letzten Tag im Office, Mittwoch bis Samstag, kommt am günstigsten und die Galerie hat auch offen, auch wenn sonst alle vernünftigen Menschen die Nase rümpfen bei „Amsterdam im November“. Ob ich den Brief dann auch wirklich abgebe bleibt erstmal offen, aber es vielleicht zu machen fühlt sich gut an und da meine #amsterdamliebe ohnehin unermesslich ist, schwappt mein Herz vor Vorfreude fast über. Noch 6 Wochen!

Und dann ist es soweit. Alles gepackt. Kurz bevor wir aufbrechen scrolle ich mich wie immer mechanisch durch den Stream, aufgekratzt, wie immer vor dem Fliegen. Dann bleibt mein Blick hängen, mein Herz macht einen Satz, wie immer wenn ihr Bild erscheint, die Freude über ein Lebenszeichen, völlig absurd, aber so schlagen sie halt, die Schwärmerherzen. Und dann steht da etwas, auf holländisch, das ich nur rudimentär verstehe – aber es reicht, um mir das Adrenalin kurz durch den Körper schießen zu lassen. Ausstellung über Kaiserin Elisabeth, Eröffnung November 2019. In einem Ort, der nur eine halbe Zugstunde von Amsterdam entfernt liegt. Der grottige Facebook-Übersetzer spricht wohl ähnlich mies niederländisch wie ich, aber es gibt offensichtlich eine kleine, winzige Möglichkeit, dass es wirklich um diesen Freitag geht, diesen einen, an dem ich auch da bin, eine halbe Stunde entfernt von dort. Übermorgen.

Im Hotelzimmer angekommen, nach einem schrittereichen Nachmittag und Abend, checke ich auf der Website des Museums noch einmal alle Informationen. 8. November 2019. Zandvoort. 16:00. Und dann noch etwas von: viele Leute erwartet, Gäste und Presse haben Vorrang, oh Schreck! So nah und doch so fern. Ich wäge fieberhaft ab, ob es besser ist, es drauf ankommen zu lassen oder ob ich versuche, die Galerie zu kontaktieren. Mein Aszendent entscheidet sich für die Sicherheitsvariante und ich schreibe ein Mail. Die Antwort folgt nur ein paar Stunden später. Wir stehen auf der Gästeliste – aber wir werden gebeten, eher erst gg 17:00 zu kommen, da wird es dann nicht mehr so voll sein. Selbstverständlich werden wir früher da sein und hoffen und warten. Das Daumendrücken und das innere Zappeln geht los.

Es ist Freitag. Heute. Die Eröffnung findet heute statt. Es gibt sie also, die Chance, ihr wirklich zu begegnen, nicht auf einer Bühne, sondern wirklich und ihr vielleicht, vielleicht diesen Brief in die Hand zu drücken anstatt ihn nur anonym durch einen Briefschlitz zu werfen. Was würde ich sagen, wenn es tatsächlich passiert? Keine Ahnung. Wahrscheinlich gar nichts, weil ich vermutlich nicht mal mehr sicher wäre wie man meinen Namen ausspricht. Was sagt man zu jemandem, der bis gerade eben nicht einmal wusste, dass man exisiert, während man selbst geneigt ist, eine Religion zu gründen um dem Piaismus zu huldigen oder so. Deren Worte und Stimme man sich symbolisch ins eigene Gesichtsfeld hat tätowieren lassen. Ich werde wohl vor leeren Buchstaben und Silben stehen, aber eigentlich ist es auch egal, denn auch darum geht es, nicht immer perfekt sein zu müssen, nicht immer alles kontrollieren können müssen, dem echten Gefühl Recht und Raum geben.

Mein Magen schmerzt den ganzen Tag, die Hände sind kalt, Knie und Kopf fühlen sich wattig an. Das Fotografieren lenkt mich ab, ich verliere mich in den Novembersonnenstrahlen, die sich in den Grachten brechen, kreuz und quer laufe ich durch die Gassen der Stadt, die Wege, denen ich folge, so konfus wie das Gefühl in meinem Körper.

Wir sitzen im Zug, der Magen tut weh, das Atmen fällt schwer, wann war ich zuletzt so nervös? Habe soviel Vorfreude, Glück und Aufregung empfunden wie ein kleines Kind am Weg nach Disney World? Ich erinnere mich nicht daran. Vorfreude war nicht im Sortiment. Könnte ja enttäuscht werden und war dann umsonst. Vorfreude war lange ersatzlos gestrichen.

Der Zug hat Verspätung aber wir sind ohnehin viel zu früh unterwegs, kein Platz für Stress und Hektik. Das Museum ist nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt, ich sehe die Plakate, langsam wird es real. Wenn wir hineingehen, wissen wir, ob die Chancen besser oder schlechter stehen. Es ist offen. Ich streiche ein paar mal vor der Tür auf und ab bevor ich mir ein Herz fasse und hineingehe. Drinnen wuseln bereits einige Menschen herum, die meisten gehören irgendwie zum Museumsteam. Wir wollen unkompliziert sein und irgendwie wird es dann erst kompliziert. Bleiben oder gehen, Rucksack und Jacken, drinnen oder draußen? Egal, wir stehen auf der Liste, es geht erst in über einer Stunde los, wir sollen ruhig nochmal gehen, aber nicht zu spät kommen, keinesfalls später als halb 4, sie werden sich an uns erinnern. Obwohl sie alle miteinander bestimmt etwas besseres zu tun haben, als mit uns diesen Plan zu diskutieren sind alle so herzlich, dass sogar meine Magenschmerzen endlich nachlassen.

Also entscheiden wir uns dafür, noch einen Blick zum Strand zu werfen, der strahlend sonnige Herbsttag lädt sehr aufdringlich dazu ein, das Winterlicht leuchtet traumhaft schön, doch zum ersten Mal in meinem Leben reicht selbst das nicht mehr aus um mich zu beruhigen. Ich will lieber zurück, nicht, dass es sonst doch zu voll wird und man uns nicht mehr rein lässt. Ich hetze den kurzen Weg vom Strand wieder hinunter, zurück zu diesem kleinen nordischen Backsteinhaus, in dem ich vielleicht bald wirklich dieser Person begegne, die mich und mein Leben in den letzten Monaten auf den Kopf gestellt hat.

Der Mann muss den Rucksack abgeben, aber Stopp, der Brief, nachdem ich ihn am Vormittag schon im Hotelzimmer liegen hab lassen hätte ich ihn jetzt fast wieder vergessen. Darf ich meinen kleinen Rucksack mitnehmen? Wohin mit den Jacken? Ja, Sie können schon reingehen, schauen Sie sich ruhig um (ruhig ist gut, Sie haben ja keine Ahnung). Die Kostüme, aus der Nähe sehen sie so anders aus, die Bilder, 1992 bis 2019. Außerdem die wunderschönen Gedichte der Kaiserin Elisabeth selbst, nach denen ich im Sommer vergeblich gesucht hatte. Bilder, Fotos, Worte. Ich kann wieder atmen. Ich bin da. Was passiert, passiert. Ich höre irgendwann auf, mich wie ein verängstigtes Fellknäuel umzusehen. Wir stehen da und warten und reden und plötzlich, da höre ich es. Ihr unverkennbares Lachen, das ich so mag, dieses herzhafte Lachen, das von ganz tief drinnen kommt und immer ein bisschen lauter ist als alles andere. Ich greife nach seinem Arm. „Sie ist da.“ „Was, wo? Nein!“ Doch.

Ihren Bruder sehe ich zuerst. Dann sehe ich sie.


Es kam tatsächlich dazu, dass ich ihr meinen Brief geben konnte. Es ist tatsächlich passiert, dass es mir fast vollständig die Sprache verschlug. Aber ich hatte meinen persönlichen Pia-Moment, in dem ich ihr, denke ich – selbst falls sie den Brief nie lesen würde – mein Danke vermitteln konnte, auch ohne viele Worte. Einen Moment, in dem sie mir – und zwar wirklich mir ganz persönlich – ihren Blick geschenkt hat, ihren Blick, mit dem sie Menschen anschaut und das Gefühl gibt, dass sie ihr Gegenüber gerade wirklich und wahrhaftig so wahrnimmt, wie er oder sie ist. Und das ist so viel mehr, als ich je zu hoffen gewagt hatte und das größte Geschenk, das ich in diesem Jahr nach dem Konzert im Juli bekommen konnte.


Vielleicht haben manche den Artikel gelesen, weil sie es verwunderlich und befremdlich finden, einer Person, die man persönlich gar nicht kennt, so viel Bedeutung beizumessen. Bis vor einem halben Jahr wäre ich mit Sicherheit so jemand gewesen und ich habe vollstes Verständnis für Unverständnis. Es zu erklären würde jedoch hier einfach den Rahmen sprengen. Darum bitte ich euch, mir zu glauben, dass es Gründe dafür gibt und euch mit mir zu freuen 🙂

Nach meiner persönlichen Begegnung mit ihr kann ich jedenfalls bestätigen, dass sie tatsächlich ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, allerdings ein Mensch mit einer Gabe, andere zu berühren, abzuholen, mitzunehmen und an irgendeinem Punkt plötzlich sich selbst gegenüberzustellen, wenn man  wiederum dafür offen sein mag.