Sag Mister Mind, Perfektion ist eine Illusion!

Was ist da eigentlich alles passiert, rund um diesen Sonntag, rund um diese flüchtigen siebeneinhalb Stunden, die gleichzeitig siebeneinhalb Minuten oder siebeneinhalb Tage hätten sein können? Siebeneinhalb Stunden Gefühlschaos und innere Stürme, in alle Richtungen.

Vorfreude und Nervosität, Herzklopfen und nicht-glauben-können bis zur letzten Minute, eine halb schlaflose Nacht (Kölner Karnevalsvorfeiern und innerem Nervenkostüm sei Dank) – und dann? Treffpunkt Café Eichhörnchen, 45 Minuten, ein Rooibush Tee und jede Menge Kohlenhydrate später ist es Zeit aufzubrechen.

Dank Google Maps gehen wir nur einmal die Christinastraße in die falsche Richtung (Nomen es omen!), bis wir irgendwo im Kölner Nirgendwo auf ein paar bekannte Gesichter aus Wien und Instagram treffen. Wie schön, dass die erste gleich M. ist, die ich im Dezember kennengelernt habe und in der Runde auch noch zwei weitere Menschen stehen, die ich virtuell schon kenne. Irgendwie lustig, spannend, schräg, interessant wie man innerhalb von ein paar Monaten in so einer Community landet. Wir sind also die, die überall auftauchen, die mit dem verrückten Glitzern in den Augen, Pias Apostel(innen) oder so. Natürlich stehen die „Mädels“ ganz vorne, aber heute ist mir das eigentlich völlig egal. Ich will nichts, ich brauche nichts – außer da zu sein und das ist ein sehr schönes Gefühl.

Wir alle werden im Studio mit einer Umarmung und einem Namensschild begrüßt und ja, sie ist schon da. Heute leise und fokussiert, ein ungewohnter Eindruck. Irgendwann sitzen wir alle auf einem der Klappsessel und das Geschnatter wird leiser. Wir werden von Ratan begrüßt, darauf hingewiesen, dass keine Fotos oder Videos gemacht werden dürfen, um den SängerInnen aber auch Pia einen sicheren Rahmen zu geben und dann stellt er sie vor. In mir knipst sich wieder dieses Licht an, das in meinem Solarplexus schwebt, das durch meine Augen und gefühlt durch jede Pore meiner Haut durchscheint, als sie beginnt zu reden.

Wie schnell Erinnerungen nicht mehr greifbar sind… Wie genau hat sie die Masterclass begonnen? Ich weiß es nicht mehr. Auf jeden Fall mit persönlichen Worten, damit, dass sie nicht singen wird weil es ihr Körper nicht zulässt und auch sie nicht weiß, wie genau sich dieser Tag dadurch entwickeln würde und schon war es wieder da, diese Bewunderung für ihre Offenheit und ihre Furchtlosigkeit ihre Verletzlichkeit zu zeigen. Wie, wie, wie hält sie das nur aus?

Und dann, eine kleine, kurze, wunderschöne, gemeinsame Achtsamkeitsmeditation. Spüre deine Beine, wie bist du mit dem Boden verbunden, erde dich, wie oft vergessen wir das im Alltag? Es ist so schön und so unwirklich hier zu sitzen, mit nicht einmal 50 anderen Menschen und einen ganzen Tag vor sich zu haben in einem Raum mit dieser Person, die letzten Sommer noch (vielleicht zum letzten Mal) vor jeweils 11.000 Menschen an zwei Abenden die Kaiserin war.

Von den aktiven Teilnehmern drängt sich einer vor, ein Siebzehnjähriger, der unbedingt der Erste sein will. Sympathiepunkte von den restlichen Menschen im Raum gibts dafür keine, mehr innerliches und äußerliches Augenverdrehen, aber sie erinnert mich daran, was es wirklich bedeutet, in einem Coaching-Setting einem Gegenüber wertfrei und wertschätzend zu begegnen und dahinter zu schauen und ein bisschen schäme ich mich für meine vorschnelle Reaktion. Während er plappert, sagt sie nicht viel, aber sie findet den richtigen Ton und die richtigen Worte und das bei jedem einzelnen Teilnehmer und bei jeder einzelnen Teilnehmerin, egal mit welchen Sorgen, Ängsten und Blockaden sie ihr gegenüberstehen. Sie schaut ihren Schützlingen zu, sie sieht sie an und findet ihn immer, diesen Punkt und dieses Päckchen, das sie tragen. Wir Zuschauer sitzen da, völlig gebannt von der Energie, die sich vor unseren Augen abspielt. Die Methode ist bei jedem anders, sie hat kein Schema, sie lässt sich einfach ein und nimmt den anderen mit und wir alle glauben es ihr, wenn sie sagt: „Du bist wunderbar so wie du bist. Du musst nicht jemand anders sein. Du musst nicht wo anders sein. Trau dich nur du selbst zu sein.“, weil es von Herzen kommt, weil sie es ernst meint, weil es das ist, was auch ihr eigenes großes Thema ist.

Zwischendurch teilt sie immer wieder Erfahrungen aus ihrem eigenen Entwicklungsprozess mit uns und als sie sagt, dass sie ihren eigenen Wert als Mensch erst finden muss, seit sie nicht singen kann, bricht wohl jedes unserer Herzen ein klein wenig auseinander.

Die Zeit rast und dehnt sich, ich schaue zum ersten Mal nach zweieinhalb Stunden auf die Uhr. Inzwischen haben sich so viele spannende großartige Szenen abgespielt. Bei jedem/r einzelnen konnte man beobachten, wie aus dem Willen, einen Eindruck zu vermitteln, ein Gefühl wurde. Wie sich die SängerInnen von Jacken und Haarbändern befreit und die Herausforderung angenommen haben aus ihren Mustern auszubrechen, etwas auszuprobieren und sich selbst in ihren ausgewählten Liedern zu zeigen. Immer wieder fragt sie „Woran willst du arbeiten?“ und immer wieder entsteht aus einem technischen Anspruch ein persönliches Thema, das auch uns im Publikum nahe ist. Sie berührt sie von außen an den Händen, an den Schultern, am Bauch, aber offensichtlich erwischt sie jedes Mal ein Stück ihrer Seelen.

Während sie mit den SchülerInnen arbeitet, können wir beobachten, wie sie selbst mehr und mehr in ihrer Rolle als Lehrerin aufgeht, wie sie lockerer wird und sich der Bühne hingibt. Ihr Humor, ihre Wärme, ihre Herzlichkeit füllen jeden Kubikzentimeter des Raumes. Wie sehr sie es wohl selbst vermissen muss, singen und spielen zu können.

Und dann kommt Daniel mit Musik der Nacht – diesem wunderschönen Lied aus Phantom der Oper, das ich besonders in der Version von Ethan Freeman mag, wie er es bei Pias Abend im Dezember singt. Und er singt, und es ist wunderbar und Pia sieht etwas, das wir alle noch nicht sehen und spielt mit ihm und steht vor ihm und berührt ihn bis ihm plötzlich die Tränen die Wangen herunterrinnen und mein „Piaplexus“ eskaliert. Ich spüre da etwas aus der Interaktion der beiden, genau das gleiche, das ich immer wieder spüre, seit sie am 5. Juli die Totenklage gesungen hat, das ich bei Rosenblätter spüre und wenn sie mich anschaut und überhaupt immer, wenn es um eine gewisse Rollenkonstellation geht, aber das weiß ich in diesem Moment noch nicht. Ich spüre nur, wie diese warme, leuchtende Sonne, die sonst in meiner Körpermitte schwebt und mich lächeln lässt, wenn ich sie sehe oder ihr zuhöre, auf einmal heiß wird und zu groß um in mir drin zu bleiben, aber die Verbindung nach außen ist gekappt, ich weiß, da gibt es Tränen, aber sie kommen nicht und kommen nicht, obwohl ich das Gefühl habe gleich zu ersticken wenn ich sie nicht weinen kann. Und dann ist der Moment vorbei und ich kann wieder atmen aber ich bin traurig und fühle mich so schwer und leer und verletzlich und verwirrt, weil ich nicht verstehen kann, was da in mir passiert.

Nach Daniels Auftritt lässt das Gefühl nach und ich lasse mich wieder mitreißen von all dem anderen, was passiert, aber ich weiß, da ist etwas, das noch so stark blockiert ist, etwas, das ich nicht einfach so öffnen kann, weil die Angst noch zu groß ist, dass es mich überschwemmt, mitreißt, ertränkt, doch für diesen Tag ist das erstmal vorbei.

Der restliche Nachmittag vergeht viel zu schnell und als ich endlich bei der Fragerunde soweit auf dem Boden der Tatsachen lande, dass meine kognitiven Kapazitäten wieder aktiviert sind, wurde gerade die letzte Frage gefragt. Klappsessel werden weggeräumt, wir platzieren uns zum Gruppenfoto und es ist klar, es wird heute kein Gespräch mehr mit ihr geben. Aber das ist überraschend okay. Sie hat so viel gegeben, den SängerInnen aber dadurch auch jedem einzelnen von uns, ich kann mir gar nicht vorstellen, wo sie überhaupt so viel Energie hernimmt, um das in dieser Dichte schaffen zu können.

Die Mannerschnitten mit den Grüßen der KollegInnen aus Wien werden noch schnell und heimlich übergeben und dann ist dieser Tag wirklich vorbei – doch diese Stunden werden noch lange nachhallen.

Danach gehen wir essen und als wir wieder zu dritt sind beschließen wir, dass wir noch ein Eis brauchen an diesem elend windigen und doch so perfekten Februarabend in Köln. Und so sitzen wir vor riesigem Fruchteis und Schokoladenbechern mit Schokopudding und schweben und fliegen noch weiter in der Energie dieses Tages. Gerade ist Platz für alle Träume, Ideen und Möglichkeiten, denn heute glauben wir daran, dass wir genau da sind wo wir sein müssen – und Mister Mind schweigt.

Verfasst von

Internetmethusalem. Schütze Aszendent Jungfrau, zwanghaft neurotisch, begeisterungsfähig, Kommunikationsjunkie, Psychotante. Ein Kopf voll Gefühl, ein Herz voll Gedanken.

4 Kommentare zu „Sag Mister Mind, Perfektion ist eine Illusion!

  1. Hallo, liebe Paleica, darf ich diesen Artikel lesen? Wenn ja dann bitte ich um das Passwort. Liebe Grüße von Beate

    Von meinem iPhone gesendet

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  2. Ich bin mir nicht sicher, ob mein Kommentar angenommen wurde, nach dem Absenden blieb der Bildschirm zum wiederholten Male weiß. Also hier noch einmal:

    Liebe Paleica, mehrmals habe ich deinen „Bericht“( das Wort trifft es nicht) gelesen, auf mich wirken lassen, in meinem Herzen bewegt und der Resonanz nachgespürt. Wieder einmal konnte ich Anteile von mir und meinen Lebenserfahrungen hier wiederfinden. Bis irgendwann an einem Tag im letzten Jahr hatte ich vermutlich ähnliche Empfindungen, ich spürte eine Blockade in der Herzgegend, etwas Undefinierbares lag mir schwer auf der Seele und auch ich hatte das Bedürfnis weinen zu können und die Tränen waren versiegt, der innere Herzensbrunnen war zugeschüttet. Eine Empfindung ist interessanterweise bei mir umgekehrt. Wenn du schreibst: „ … aber die Verbindung nach außen ist gekappt, ich weiß, da gibt es Tränen, aber sie kommen nicht und kommen nicht…, dann würde ich es eher so beschreiben: Ich blieb irgendwo (im Außen) im Kopf und Verstand hängen und erst als ich es wagte, mich in meine Tiefe (In mein Inneres) fallen zu lassen, wurde die Blockade aufgebrochen und ich konnte weinen. Ich konnte die Tränen weinen, die ich mir zeitlebens ohne es zu spüren nicht zugestanden hatte. Ich konnte mich zum ersten Mal mit meinen traumatischen Verletzungen meiner Kindheit mitfühlend und liebevoll anschauen und ernst nehmen. Zuvor richtete ich immer den Blickwinkel auf meine Eltern und Geschwister, meine damals engsten Bezugspersonen. Unmittelbar in dem Moment, in dem meine Kinderseele schmerzte, schaltete ich automatisch den Blickwinkel von mir auf meine Bezugspersonen und erklärte mir selber, dass sie mir aus diesen oder jenen Gründen, die in ihrer eigenen Geschichte liegen, nicht das geben konnten, was ich gebraucht hätte. Nun, an diesem Tag im letzten Jahr war plötzlich eine bis dahin verschlossene Tür geöffnet und ich konnte mich plötzlich mitfühlend anschauen, konnte die Tränen weinen, die meine Kinderseele sich bis dahin nie zugestanden hatte. Liebe Paleica, ich danke dir sehr für dein großes Vertrauen, dass diesen für mich so wertvollen Austausch möglich macht.

    >

    1. Liebe Beate, tut mir leid, dass das mit dem Kommentar erstmal nicht funktionieren wollte, jetzt hat jedenfalls alles geklappt! Danke dir übrigens – fürs nachfragen und lesen! ❤
      ich hab dir ja dazu schon auf facebook geschrieben… ich fand es ganz schräg, dass du da offenbar genau auf diese energie so reagiert und dieses thema so gewissermaßen "rausgespürt" hast. ich finde das jedes mal, wenn ich deinen kommentar lese, wieder ein bisschen unheimlich, dass wir diese empfindung offenbar so ident erleben. grade heute hab ich erst wieder nachgedacht, über dieses "die anderen verstehen, die einen verletzt haben".

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