Leben in Zeiten von Corona

Vor etwa zwei Wochen habe ich meine gesundheitsbedingte selbst auferlegte Tagesmedienabstinenz unterbrochen, weil die Welt begann, sich langsamer zu drehen und auf einmal gefühlt stehengeblieben ist. In der ersten Märzwoche waren wir noch auf unserer Branchenmesse. Mit Händewaschen, teilweise ohne Händeschütteln, mit Desinfektionsmittel und Verunsicherung, aber wir waren dort, in der Annahme, dass es sich auch diesmal wieder um einen Medienhype handeln würde. Eine Woche später war alles anders.

Die Grenzen waren noch offen, aber es gab Passkontrollen, selbst zwischen D und Ö. Die Restaurants waren noch geöffnet, aber es wurde empfohlen, zuhause zu bleiben. Großveranstaltungen waren bereits abgesagt, aber die kleinen Bühnen versuchten noch, unter 100 Personen weiterzuspielen. Die Unis hatten bereits so weit wie möglich e-Learning angekündigt, aber Schulen und Kindergärten hielten ihren Betrieb noch aufrecht. Von persönlichen Treffen wurde abgeraten, aber es gab noch keine Judikatur im Falle von Nichteinhaltung.

Ich gebe es zu, ich gehörte auch zu jenen, die aus Angst vor der „Sperre“ diese Tage noch ausnützte und machte, was ich geplant hatte. Einen Cornettoccino holen und ihn in der Sonne mit einer Freundin trinken (mit Sicherheitsabstand). Mit meinen Eltern essen gehen. Ohne Körperkontakt. Mit meiner Wiener Pia-Selbsthilfegruppe auf meiner Couch „Der Besuch der Alten Dame“ anschauen. Und beim Verabschieden meinem Lieblingsmädchen an die Schulter weinen. Mit Körperkontakt. Weil ich in dieser Sekunde vor nichts mehr Angst hatte, als vor dem, was kommen würde. Aus unterschiedlichen Gründen.

Vermutlich gab und gibt es im Internet über nichts in so kurzer Zeit mehr Memes als über Corona. Einer davon lautete:

Your grandparents were called to war. You’re being called to sit on a couch. You can do this.

Als ich das gelesen hatte, fühlte ich mich erstmal mies. Ja, sie haben ja recht. Wie lächerlich ist es denn, wegen ein bisschen zuhause bleiben, wegen ein bisschen geschlossener Geschäfte, wegen ein bisschen Einschränkung im Leben, wegen ein bisschen Verzögerung der Ausbildung so ein Tamtam zu machen? Und JA, objektiv gesehen: total lächerlich. Bleiben Sie zuhause. Kein Thema. Dennoch: das ist nicht, worum es geht. Das ist nicht, was Angst macht, das ist nicht, was sich so schlecht anfühlt. Es ist die Unsicherheit, diese absolute Kontrollunfähigkeit, das Ausgeliefertsein und aktuell auch der Verlust der persönlichen Freiheit, die für so gut wie jeden von uns immer ein selbstverständliches Gut war. Und: wie schnell sich alles ändern kann und wie machtlos man dagegen ist.

Und auch, wenn all diese Maßnahmen Sinn machen, wenn sie vielleicht schon früher hätten kommen sollen, wenn sie vielleicht länger andauern sollten als sie werden, ist es ganz normal, sich davon belastet zu fühlen. Denn wir erleben eine Situation, die wir nicht kennen. Wir hören nur Vokabular aus der Assoziationskette „Krise“ – zum Teil werden von Politik und Medien gezielt Kriegsmetaphern verwendet. Das verunsichert. Das macht uns Angst. Seltsam wäre es, wenn es anders wäre. Dabei ist es Besonnenheit und Ruhe, die wir jetzt brauchen, um einfach einen Tag nach dem anderen geschehen zu lassen. Um uns zu fragen, was brauchen wir heute, damit wir gut durch den Tag kommen, was ist vereinbar mit den Bestimmungen, die derzeit gelten? Was können wir tun, um anderen, die noch schwierigere Situationen haben, zu helfen? Wen können wir anrufen, wem können wir Einkäufe bringen, wo können wir uns engagieren? Keine Hamsterkäufe, keine Corona-Parties, keine Gewalt.

Ich bin hin- und hergerissen zwischen einer Menge an verschiedenen Emotionen. Ich mache mir Sorgen, weil mein Opa in seinem Seniorenwohnheim momentan völlig isoliert von persönlichem Kontakt ist. Ich fürchte mich ein bisschen, wie wir als Land, als Staat, als Demokratie die Wirtschaftskrise bewältigen werden, die auf uns zurollen wird. Ich habe Angst um die Existenzen von Freunden, die Selbstständig sind und derzeit kein Einkommen haben. Ich bin erstaunt darüber, wie Politik und Medien momentan an einem Strang ziehen, um diese Krise gerade irgendwie in Schach zu halten und vor allem: um den Menschen im Land klarzumachen, dass wir hier alle unseren Teil beitragen müssen, ohne in Panik zu verfallen. Ich bin begeistert darüber, wieviele Menschen sich Gedanken machen, wie sie helfen können und versuchen, für andere da zu sein. Ich bin sprachlos zu sehen, wie schnell sich dieser Rückzug von uns Menschen in der Natur bemerkbar macht.

Gerade lässt sich wenig planen, einschätzen, wissen. Aber vielleicht ist es das, was wir als Gesellschaft auch gerade lernen müssen. Dass es einfach ein vollkommener Irrtum ist, anzunehmen, wir als Menschen hätten diesen Planeten unter Kontrolle. Diese Krise ist die Möglichkeit für jeden von uns, einmal tief Luft zu holen und den eigenen Alltag zu hinterfragen. Die eigenen Bausteine des Lebens. Jetzt spüren wir, was und wer uns wirklich wichtig ist. Was fehlt uns, wenn es nicht da ist? Vielleicht werden wir diese Chance nutzen, für einen der großen Paradigmenwechsel der Menschheitsgeschichte. Lasst mich ein wenig pathetisch werden und träumen. Vielleicht erleben wir mit, wie aus einem heliozentrischen Weltbild ein soziozentrisches Weltbild werden kann. Weil jeder von uns gespürt hat, dass es alleine nicht geht. Dass unsere Welt von einer Sekunde auf die andere aus den Angeln gehoben werden kann. Dass Freiheit und Gesundheit letztendlich die einzigen Dinge sind, die wirklich Bedeutung haben. Vielleicht ist es aber auch nur meine eigene Erkenntnis. Mein Leben hat es gewiss verändert.

Die Bilder stammen aus Osttirol, vom Tristachersee. Ein Ort, der aktuell komplett in Quarantäne und von der Öffentlichkeit abgeschottet ist. Unvorstellbar noch vor zwei Wochen.