Stadtgefühle in Zeiten von Corona oder Sonne, Mond und ich.

Ich liebe Wien. Ich hatte dieses Gefühl ja eine Weile vergessen, doch jetzt erinnere ich mich wieder sehr gut daran. Ich liebe es, wenn die Stadt im Frühling erwacht, wenn die Menschen nach der langen, tristen, grauen Jahreszeit zum ersten Mal wieder in den vielzitierten Übergangsjacken in den Schanigärten sitzen und Spritzer trinken und ganz auf ihren sonst so sprichwörtlichen Wiener Grant vergessen.

Ich liebe es, wenn die Stadt im Sommer vor Hitze flirrt und um die Mittagszeit, wenn ich mich gerade aufmache, um an irgendein Wasser zu fahren, aus allen geöffneten Fenstern das Klappern von Geschirr und Besteck zu hören ist, während die Straßen und Gassen sonst leer sind.

Ich liebe es, wenn es Herbst wird und an den ersten „crisp mornings“ (kennt ihr das, wenn es für Wörter einfach keine passende Übersetzung gibt?) der Atem vor der Nase sichtbar wird, wenn die ersten Blätter sich verfärben und zu Boden fallen und dieser ganz spezielle rauchige Geruch in der Luft liegt.

Ich liebe es, wenn im Winter Schnee fällt, am besten abends, wenn es schon dunkel ist, und die Stadt mit einer weißen Zuckerschicht überzieht, die alle Geräusche verschluckt. Wenn auch die großen Straßen leer sind und man in der Nacht die ersten Spuren darauf hinterlässt, weil man nicht anders kann als rauszugehen und Herzen auf Autoscheiben malen.

Alles das ist mein Wien, alles das und noch so viel mehr. Besonders mein Wien im Frühling hat ganz viele Nuancen und Gerüche und Klänge und Lichter, die dazu gehören, damit ich wahrnehme, dass das Leben wieder in die Stadt zurückgekehrt ist. Durch die Situation, in der wir uns gerade befinden, ist in diesem Jahr alles anders. Es gab keinen ersten leicht beschwipsten Sonnenbrand, weil man anstatt nur einen Kuchen zu essen doch noch im MQ picken geblieben ist und die Haut, die monatelang nicht mit Licht in Berührung gekommen ist, ein bisschen sensibel überreagiert. Es gab keine Livemusik mit Streetfood am Donaukanal, keine Heizschwammerlabende mit orientalischen Vorspeisenplatten am Naschmarkt, keine Stadt in Absperrbändern im Marathonausnahmezustand, keine ersten Grillgerüche aus versteckten Parks und Wiesen und doch ist die erste Hälfte des Jahres fast vorbei.

Doch es gab Sonnenuntergänge und leere Straßen. Es gab freie Blicke auf sonst von Touristen belagerte Gebäude. Es gab Spaziergänge durch eine Stadt, die sich fremd und gleichzeitig doch so vertraut angefühlt hatte. Es gab die Sonne und den Mond, die auf- und untergingen, unbeeindruckt und unbehelligt von all unseren Sorgen und Nöten.

Als ich an diesem Maisonntag durch die Straßen flanierte, überkam mich ein Sammelsurium seltsamer Gefühle, die allesamt nicht zusammenpassten und die sich ungeordnet durch meine Körpermitte wälzten.

Da war das erste Frühlingsgefühl, wenn die Luft anders riecht, weicher, sanfter, weil sich das rauchige, das ich an den frühen Herbsttagen so mag, nicht mehr so leicht durch die milderen, mit den ersten Pollen vermischten Luftpartikel in den Vordergrund drängen kann. Es war das Hochsommergefühl, wenn man in den menschenleeren Gassen das Besteckklappern aus den offenen Fenstern an den Wänden der gegenüberliegenden Häuser widerhallen hört. Es war so viel mehr an Erinnerung und Plan, das niemals gleichzeitig an Ort und Stelle sein könnte. Es war die Gesamtheit aller versäumten Momente, aller Freude, dass manches, das so wichtig ist, wieder möglich ist aber auch Schmerz über vieles, das verpasst und vorbei ist, nicht nur in diesem Jahr, sondern für immer.

Die Stadt atmet, doch sie atmet anders. Genau wie ich.

Verfasst von

Internetmethusalem. Schütze Aszendent Jungfrau, zwanghaft neurotisch, begeisterungsfähig, Kommunikationsjunkie, Psychotante. Ein Kopf voll Gefühl, ein Herz voll Gedanken.

25 Kommentare zu „Stadtgefühle in Zeiten von Corona oder Sonne, Mond und ich.

  1. Zeiten kommen, gehen, sind wieder anders. Ich habe diese Ruhe, die Corona uns allen gebracht hat genossen. Den Frühling im Park zu genießen und fast allein zu sein. Städte, die jeden Tag wirken als wäre es Sonntag. Leere Straßen, keine Flugzeuge am Himmel – eine Ruhe, die wir vermutlich nie wieder so erleben werden.

    Viele Menschen haben endlich ihre Kinder kennengelernt 😉 – eine Erzieherin erzählte mir, dass sie von den Kitas täglich/wöchentlich Ideen und Tipps im Umgang mit Kindern, was man mit diesen spielen kann usw. herausgeben. Holla die Waldfee – ich glaube Corona war mehr als nötig 😉

    Es hat sich gezeigt, dass viele auch von zu Hause aus arbeiten können, dass die Anbindung der Schulen im Sinne von Homeschooling etwas nachgebessert werden muss, dass aber auch Kinder wenn sie krank sind, online eine Möglichkeit hätten so am Unterricht, wenn er denn wieder normal stattfindet teilzunehmen. Es gibt so viel, was diese Zeit gebracht hat – neben der Ruhe …

    Ok, es gibt auch negative Dinge, aber ich bin zuversichtlich, dass sich alles wieder irgendwie finden wird.

    Der Mond mit dem Ansatz vom Dach und dem Flugzeug gefällt mir sehr gut!

    Herzliche Grüße
    Birgit

    1. es ist finde ich sehr spannend, wie verschieden menschen diese zeit erlebt haben. für die einen war es das totale horroszenario und für andere eine ruhe, wie du sie auch beschreibst. ich bin sehr gespannt, was bleiben wird. meinem gefühl nach weit nicht so viel als ich zuerst dachte, da bei uns langsam wieder überall wirklich „normalbetrieb“ herrscht und eigentlich kaum noch was zu spüren ist. aber wir werden sehen. ich denke, es wird noch eine weile aufgearbeitet werden, was da plötzlich auf der welt passiert ist.

    1. schön dass du es auch so empfindest ❤
      danke! ich weiß nicht, was hast du denn für eine kamera? sofern du einigermaßen nah genug ran kommst und einen manuellen modus hast sollte das möglich sein! wichtig ist vor allem, dass man die belichtung stark runterregeln kann.

  2. Liebe Christina,
    Deinen Worten ist nichts mehr hinzuzufügen. Du hast dieses seltsame erste Halbjahr genau richtig zusammengefasst. Mich hat vor allem stets erstaunt, wie unberührt von allem, was uns so wichtig erschien, die Natur ihrem ganz persönlichen, eigenen Lauf gefolgt ist.
    Liebe Grüße und ein feines Wochenende
    herzlichst moni


    1. ja das ist schon schräg, oder? eher wie die natur stärker geworden ist, als wäre das eine art trotz oder so, um uns zu zeigen, wieviel besser es für den planeten ohne menschen laufen würde.

  3. Ein unglaublicher Schreibstil und ein toller Blogartikel! Ich freue mich jedes Mal, wenn ein neuer Artikel von dir online ist. Mach weiter so. Das ist großartig!

  4. Wien, Wien ist nicht allein, habe ich ähnliche Eindrücke nicht von München gelesen? Das Ende zeigt auf: die Atemfrequenz hat sich verändert, aber Stadt und Mensch atmen weiter, es ist gut, es ist sicher auch gut, dass einmal alles gebremst wurde, wer sehen wollte sah die Schönheit der Stille, der Geruhsamkeit – und manch einer, ernsthaft erkrankt, sah die Sache nochmal ganz anders. Jetzt ist zu hoffen, dass nicht nur die Hektik zurückkehrt, sondern ein Stückchen dieser Ruhe erhalten bleiben könnte, was ich freilich schon bezweifeln muß.

    1. oh ja, wien und münchen, die städte ähneln sich glaube ich in vielen belangen, wenn die münchner auch EIGENTLICH ganz anders sind als die wiener.
      ja wir dürfen gespannt abwarten, was bleibt von dieser situation und wie wir sie rückwirkend wahrnehmen werden. von der stille ist im außen ja nicht mehr viel zu bemerken, aber in mir drin ist schon was hängen geblieben.

  5. Dein letzter Satz geht mir besonders ein, weil ich mich darin wiederfinden kann.
    Ein ganzes fast halbes Jahr das geprägt ist von einer Krise, die ihre Spuren auf Allem und Alken hinterlässt. Ja sie tut es noch. Ich kann auch deine Beschreibung vom „Sammelsurium seltsamer Gefühle“ sehr gut nachvollziehen, mir geht es wahrscheinlich ziemlich ähnlich wie dir.
    Ich springe noch einmal zu deinem vorletzten Satz, der von dem erzählt was verpasst und für immer vorbei ist. Da kommt mir spontan die letzte Gedichtzeile aus „Stufen“ von Hermann Hesse in den Sinn: „Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde.“
    Diese Worte drücken meine Wünsche und Hoffnungen und Sehnsüchte aus, dass wir alle uns diese Erfahrungen zum Besten dienen lassen mögen.
    Herzlichst:
    Beate

    1. liebe beate, es tut sehr gut das zu hören.
      oh das gedicht. das sollte ich denk ich wirklich mal wieder lesen. das passt möglicherweise grade wirklich sehr gut…
      alles liebe für dich und ein schönes wochenende!

  6. Ich war noch nie in Wien – und wenn man das Geschriebene womöglich auch auf andere Städte übertragen könnte, so kommt es mir vor, als hätte ich durch Deine Zeilen einen Blick auf Wien werfen können, wenn auch nur einen kleinen, irgendwo in einer Gasse, wo aus offenen Fenstern Geschirr klappert… Es war ein schönes Gefühl, von Wien.

    1. liebe kaya, wenn mir mit meinem post das gelungen ist, dann hat er definitiv seinen sinn und zweck erfüllt. es freut mich sehr, wenn du dieses gefühl beim lesen hattest!

  7. Ich weiß gar nicht was ich sagen soll, denn ich bin total sprachlos! Du hast sooo ein wundervolles Talent! Einfach nur der absolute Hammer!
    Danke für diesen traumhaft tollen Text!

    Mach weiter so!

    Liebe Grüße und eine dicke Umarmung aus dem Schwabenland
    Anna

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