Eins, zwei, drei Entscheidungen

Wie oft habe ich mich schon gefragt “Was wäre gewesen, wenn?” Wie viel Zeit habe ich verbracht mit dem Phantasieren über meine virtuellen Biografien? Normalerweise erhält man auf derlei Hirngespinste keine Antwort. Wie oft hat uns eine Entscheidung das Leben gerettet? Wie viele Wendungen hat das Leben genommen, weil wir anderswo abgebogen, nicht mehr über die blinkende Ampel gefahren oder dem Bus hinterhergelaufen sind oder zwei Minuten später das Haus verlassen haben?

Wien am Montag, 2. November 2020, es ist 19:57. Eigentlich bin ich fertig. Ich habe den 5. Stock zugesperrt und meine Sachen dabei. Es ist dunkel, mein Magen knurrt, ich will noch etwas Essen und auf dem schnellsten Weg nachhause. Ich beeile mich, durch das Stiegenhaus hinunter, höre mehrere Menschen, die Geräusche entfernen sich, sie verlassen das Haus. Ich vermute, dass es meine KollegInnen sind, die bereits alles dicht gemacht und doch beschlossen haben, direkt heimwärts zu kommen. Ich bin dabei, den ersten Stock hinunterzulaufen, drehe aber doch noch einmal um und denke, sicherheitshalber schaue ich nach, nicht, dass jemand vergeblich auf mich wartet. Dass ich abzischen und eine WhatsApp-Nachricht in der Gruppe hätte hinterlassen können, daran denke ich nicht. Tatsächlich sind noch alle da, der Trubel vom Tag vor dem Lockdown ist noch spürbar, es werden die letzten Akten verräumt und Terminzettel gedruckt. Wir verlassen das Gebäude um 20:04.

Wir verabschieden uns mit seltsamem Gefühl. Lockdown #2. Wir alle wissen nicht, wie bald wir uns wiedersehen und wieder so etwas wie Normalität in unseren Praktikumsalltag einkehren wird. Unsere Gruppe zerstreut sich in alle Richtungen. Ich bin schnurstracks auf dem Weg geradeaus, wie jeden Montag um diese Zeit, Richtung Ubahn. An der Ecke ein Blick aufs Handy, es ist 20:05. Plötzlich fällt mir ein, dass ich ja oberirdisch fahren wollte, ich schlage einen kleinen Haken und mache kehrt. Im Hintergrund höre ich knallende Geräusche, die ich zu dem Zeitpunkt noch nicht als Schüsse identifiziere. Stattdessen biege ich um 90 Grad ab und nehme nicht den Weg über den Morzinplatz zum Schwedenplatz, sondern gehe Richtung Kai zur Straßenbahn zur Station Salztorgasse.

In der Bim sehe ich einen Mann am Boden liegen. “Hier wurde geschossen!“ “Rennen?” “Wohin?” “Keine Ahnung, weg, durch die Gassen, weg von den Menschen!“ Es ist jetzt wahrscheinlich 20:07. Ein Nicken. Leise, atemlos: “Okay.” Wir rennen. Wir hören Schüsse von links. Wir rennen weiter nach rechts oben, wir hören Schüsse von oben. Es ist mittlerweile klar, was hier los ist, wir wissen nur nicht, wie viele es sind und wohin sie wollen, wir hören Folgetonhorn und sehen Polizeiautos im Sekundentakt. “Ubahn?” Kurze Stille. “Ja, riskieren wir’s, Ubahn.” Um 20:08 springen wir in die Ubahn, die nicht mehr am Schwedenplatz hält und sind in Sicherheit.

Eins, zwei, drei Entscheidungen. 1.28 Minuten. 88 Sekunden zwischen leben oder vielleicht auch nicht.

Autor: Paleica

Internetmethusalem. Schütze Aszendent Jungfrau, zwanghaft neurotisch, begeisterungsfähig, Kommunikationsjunkie, Psychotante. Ein Kopf voll Gefühl, ein Herz voll Gedanken.

14 thoughts

    1. Heftig! Gott sei Dank ist dir nichts passiert. Ich fühle mit dir. Ich denke, du bist noch traumatisiert, irgendwie geschockt, auf wackligen Beinen. Ich war beim Breitscheidplatzattentat vor ein paar Jahren in Berlin in nächster Nähe in einer Kneipe, wollte mich eigentlich mit Freunden zu dieser Zeit auf dem Breitscheidplatz treffen. Wir sind dann doch nicht hin, sondern 200m weiter. Die Tage und Wochen noch dem Attentat war ich völlig durch den Wind. Froh und dankbar leben zu dürfen, aber zwischendurch Leere und auch Angst. Ich hoffe dir geht’s gut. Wir müssen dürfen können weiterleben. Das ist gut so. LG Daniel

  1. Was für eine furchtbare Tat in dieser lebensfrohen Stadt – und sonderbar, wenn man es im Nachhinein wie Du minutiös erinnerst und betrachtest, welche Zufälle über das Leben entscheiden – Du hattest wirklich großes Glück

  2. Ach du liebe Güte !

    In DE haben wir natürlich auch davon gehört und Bilder im Fernsehn gesehen. Aber dann ist das tatsächlich immer noch „weit weg!“ Und plötzlich steht man Mitten im Alptraum.

    Ich möchte dich virtuell umarmen und ganz fest drücken. Denn wie Radelnder Uhu schon geschrieben hat: Du hattes wirklich grosses Glück!

    Hinsichtlich Corona bleib bitte negativ,
    eisige Grüße aus dem Dschungel!
    Andreas

  3. Noch einmal hat die Gänsehaut meinen ganzen Körper erreicht. Gefolgt von dem warmen, wohligen Gefühl der grenzenlosen Dankbarkeit, dass dir nichts passiert ist. Äußerlich. Wie deine Innenwelt aussieht weißt und spürst nur du. Ich schließe mich Conny‘s Worten an: jeder Tag ist ein Geschenk. Und jeder Tag den du unter uns und mit uns weilst umso mehr. ❤️ Ein fester Hug und ein Bussi vom Berg 🤗😘

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