Mein Wort für 2021 oder Zentralfriedhof im Herbst: Details

In einer Retrospektive über die 10er Jahre, die ich letztlich nie veröffentlicht habe, schrieb ich als Abschluss:

Meine 10er Jahre waren eine sprichwörtliche Odyssee, weg von meinem Exbeziehungsschlachtfeld, durch stürmische Gewitter, bis ich endlich wieder in mir zuhause ankommen durfte. Und mit „in mir ankommen“ meine ich keineswegs ankommen, denn indem ich all meine Personas endlich einmal zu fassen bekommen und dank schwarzer Tinte unter der Haut endlich zumindest in einer Schnittmenge dingfest machen konnte, bin ich bereit, aufzubrechen, auf meinen eigenen Weg. Mögen die Twenties roaring werden, mögen wir lachen, aber auch weinen, uns streiten, miteinander lachen, lieben, leben und vor allem: immer bei uns bleiben.

Für das erste Jahr mit einer „2“ voran hat vieles davon schon gestimmt, wenn es auch ganz anders kam als ich es zu dem Zeitpunkt im Sinn hatte, zu dem ich diese Zeilen verfasst habe.

Ich habe gelacht, gestritten, geweint (viel, sehr viel), Fehler gemacht, nachgedacht, geredet, geliebt, gelebt und ich kann sagen: ich bin seit langem in meinen Entscheidungen endlich wirklich bei mir gewesen, so schwer das auch manchmal war, dem Gegenwind standzuhalten und die notwendigen Kompromisse erstmal einzugehen.

Und weil ich hoffe, dass 2021 für mich einige Fragezeichen gegen Punkte austauschen wird, ist es so dringend an der Zeit für dieses Wort, das die Basis ist, mich selbst ernst und wichtig zu nehmen. Es ist ein ganz einfaches Wort. Eines, das wir schon früh lernen auszusprechen, aber manche von uns nicht, es auch durchzusetzen:

Nein.

Zugegeben, das war nicht der erste Impuls. Zuerst sollte es ein Anglizismus werden, auch wenn ich die normalerweise als Jahreswort nicht mag. Selfcare. Der Begriff hat sich schon so in unseren Sprachgebrauch eingegraben, dass man ihn schon beinah‘ als Lehnwort betrachten kann. Jaja. Selbstfürsorge, das gibt’s auch, aber care hat viele Konnotationen, die gut passen und schickt Bilder und Assoziationen in mein semantisches Netz, die sich „richtig“ anfühlen. Doch Selfcare ist mehr oder weniger die Konsequenz, der Grund – das „nein“ ist es, das dahinter und darunter liegt.

Während ich in den letzten Jahren Worte gewählt habe, hinter denen oft ein „Ja“ stand (vor allem hinter dem Mut), ist es dieses Mal die andere Seite des Spektrums, die endlich Aufmerksamkeit verdient.

Nach dem mir selbst (wieder) Vertrauen zu lernen (nicht, dass dieser Prozess je abgeschlossen wäre, aber wie mit der Gelassenheit geht es auch darum, Grundsteine zu legen) ist es an der Zeit, mich um mich selbst zu kümmern. Mir Zeit zu nehmen für mich, mir Gutes zu tun und nach dem Feldwebelton, der nötig war, um durch 2020 zu kommen, wieder einen liebevolleren Ton anzuschlagen. Und das bedeutet: mir auch mal Vorrang zu geben und anderen abzusagen.

Es geht nicht um große Dinge. Ganz im Gegenteil. Grade in diesem Kontext sind es die kleinen Dinge, die den Unterschied machen. Mir Zeit nehmen, mir Zeit schenken und sie bewusst nutzen. Lesen, Fotos machen, kochen, laufen.

Spüren und wahrnehmen was ich grade möchte. Ich möchte oft Nein sagen und tu es doch so selten. Gehe über meine Grenzen, ignoriere meine Gefühle, weil ich gelernt habe, die von anderen wichtiger zu nehmen als mich selbst, gelernt, dass es immer zuerst den anderen gut gehen muss und wenn dann noch Platz für mich ist, habe ich Glück gehabt. Nein.

Ich will lernen meine Bedürfnisse als genauso wichtig anzusehen wie die der anderen. Ich will lernen, dazu zu stehen, dass ich vielleicht grade etwas möchte, das jemand anderes nicht will, auch wenn es zu einem Konflikt führen kann. Nein, ich habe keine Zeit. Nein, ich habe keine Lust. Beides sind legitime Gründe etwas nicht zu tun und welches Gegenüber auch immer das nicht akzeptieren will, wird es lernen müssen.

Ich darf im Mittelpunkt meines Interesses stehen. Ich darf auch mal etwas sagen, das ich nicht fünfmal vorher in alle Richtungen durchgekaut habe. Ich muss nicht jede Wut und jeden Schmerz schlucken, damit sich mein Gegenüber nicht schlecht fühlen muss. Ich will lernen, das  auszuhalten. Ich muss nicht immer lieb und angepasst sein und innerlich zerbrechen. Nein.

Verfasst von

Internetmethusalem. Schütze Aszendent Jungfrau, zwanghaft neurotisch, begeisterungsfähig, Kommunikationsjunkie, Psychotante. Ein Kopf voll Gefühl, ein Herz voll Gedanken.

27 Kommentare zu „Mein Wort für 2021 oder Zentralfriedhof im Herbst: Details

    1. lieber andreas, mut begleitet mich ja ganz bewusst seit dem jahr 2018 und wird immer ein teil dessen bleiben, das mir nah ist. mut hat mich auch 2020 gekostet, aber mut bringt meist die entscheidungen, hinter denen ich am ende auch stehen kann, selbst wenn sie vielleicht auch angepasst werden müssen.
      auch dir gute wünsche fürs neue jahr!

  1. Ein schöner Text mit wunderbaren Fotos 😍
    ‚bei sich‘ bleiben mit allem was man tut – nicht ‚gegen‘ andere sondern ‚für sich selbst‘

    In diesem Sinne
    ein gutes Neues Jahr 💫

    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

    1. liebe sabine, das hast du wunderschön zusammengefasst. genau so ist es. positive formulierungen sind generell wichtig in all diesen belangen.
      alles liebe für dich im neuen jahr!

  2. Ein ganz besonderer Text, der mich sehr berührt. Nein, kann ein gutes, ein helfendes und befreiendes Wort sein. Und ein wichtiges. Ich wünsche dir von Herzen, dass du es 2021 oft sage und denken kannst und dir damit wichtige und gute Momente erhältst.
    All deine Worte in den Jahren sind oder waren wichtig und ich war gespannt, welches dich durch 2021 tragen wird. Das nein, trägt bestimmt auch zu selfcare bei.
    Lassen wir uns überraschen was dieses Jahr bringt. Ich will fest an ganz viel schönes glauben. 😘

    1. ❤ vielen dank liebe mitzi!
      es ist immer spannend am ende des jahres zu reflektieren, was das wort mit einem gemacht hat und wie es manchmal auch entscheidungen beeinflusst hat. bisher war das ja für mich immer sehr stark spürbar. drum hat es mich einiges an überwindung gekostet, wirklich das "nein" zu nehmen, da ich zuerst ja quasi mit "selfcare" die softere version davon gewählt hatte. aber manchmal ist es zeit einfach die schwierigere variante zu wählen und sich damit vielleicht auch etwas mehr herauszufordern.

  3. Nein sagen lernen … eines der wichtigsten Dinge im Leben und alles andere als einfach…
    Feiner Text, lebenswichtig gar.
    Feine Bilder, soooo zart.
    Dir ein schönes neues Jahr wünsche …
    Herzliche Grüße vom Lu

    1. oh ja, wem sagst du das. vor allem bei meiner geschichte… da gibt es einiges, das dazu beigetragen hat, dass sich mein „nein“ oft falsch anfühlt, obwohl ich weiß, dass es richtig ist. doch das „nein“, das ist die basis für das „ja“ zu mir.
      es freut mich sehr, dass dir die bilder dazu auch gefallen. das zart war mir wichtig, als kontrast zum harten wort, um zu zeigen, wieviel zerbrechlichkeit da auch dahinter steckt.

  4. Oh Christiane…was war ich schon lange nicht mehr hier….
    Deine Worte und Bilder unvergleichlich, wunderbar,
    das kleine Wort ’nein‘ es ist so wichtig und für sich selbst zu erkennen, dass eigentlich gar nichts Schlimmes passiert, wenn man seinem Herzen folgt und auch Mal ganz bewusst ’nein‘ sagt.
    Fühl dich lieb umärmelt und ein feines neues Jahr
    Liebe Grüße
    Gabi

    1. liebe gabi, das stimmt! umso schöner, dich jetzt wieder zu lesen!
      herzlichen dank für deine lieben worte ❤ manchmal hat man in seinem leben die erfahrung gemacht, dass "nein" viele probleme und schmerzen verursacht. wenn es menschen nicht akzeptieren, die es einem eigentlich beibringen sollten. das zieht sich dann sehr durchs leben und man sagt ja zu vielen dingen, die einem schaden. es wird eine große aufgabe für mich sein, aber ich glaube, sie ist ganz wichtig für alles weitere.
      ganz liebe neujahrsgrüße auch für dich!

  5. Meine Liebe,

    ganz viele deiner Worte haben mich angesprochen und wach gerüttelt. Auch ich lerne immer noch „nein“ zu sagen – manchmal fällt es leichter, manchmal schwerer. Manchmal gehen dem „nein“ viel zu viele Gedanken voraus – und manchmal sind diese Gedanken der Grund, dass ich doch nicht „nein“ sage. Ich verstehe dich daher sehr gut und wünsche dir eine gute Wahrnehmung in den entsprechenden Situationen sowie gutes Gelingen deines Wortes 2021. ❤

    Während meiner Reha hat ein Dozent uns einen Spruch gesagt, der mich immer wieder von Zeit zu Zeit streift, sich aber noch nicht ganz verankert hat – vielleicht kann er dir auf deinem Weg helfen: "Ein 'nein' zu Dir ist ein 'ja' zu mir."

    Alles Liebe für dich und herzliche Grüße aus Deutschland,
    Karina

    PS: Wunderschöne und stimmige Fotos! ❤

    1. liebe karina,
      manchmal glaube ich, die welt ist eingeteilt in menschen, die sich schwer tun nein zu sagen und menschen, die das ausnützen. das macht es besonders schwer, weil man sehr oft nicht auf unterstützung hoffen kann und diesen weg irgendwie manchmal sehr „alleine“ gehen muss. dennoch glaube ich, dass es einer der wichtigsten ist für eine gute psychohygiene und eine gesunde psyche.
      danke auf jeden fall für die metaphorisch gedrückten daumen, ich schicke dir welche zurück, dass auch du da gut bei dir bleiben kannst.
      das zitat von deinem dozenten ist mir sehr im ohr geblieben, das kann ich definitiv so unterschreiben.

      und es freut mich, dass dir die fotos gefallen! ❤

  6. Nein sagen, oft eine Herausforderung aber so wichtig! Vieles was du schreibst kenne ich aus meinem eigenen Leben. Und ja, es sind so oft die kleinen Dinge die einen großen Unterschied machen!
    Alles Gute für dein neues Jahr.

    1. ja liebe bea, das ist es wirklich. ich glaube, es ist eins der wichtigsten dinge, um bei uns selbst und psychisch gesund zu bleiben.
      auch dir alles liebe fürs neue jahr!

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