Ich habe tatsächlich eine Weile überlegt, ob ich diesen Artikel posten soll oder nicht. Da mich die liebe Beate aber explizit danach gefragt hat und es nach all dem anderen, das ich euch hier bereits zugemutet habe, irgendwie dazu gehört, müssen all jene, die es gar nicht interessiert, einfach bitte nochmal drüber wegklicken. Es kommen auch wieder andere Themen, promise 😉

Mittwoch Vormittag, kurz vor unserem Abflug, lese ich von der Eröffnung einer Ausstellung über Kaiserin Elisabeth in Zandvoort. Google Maps verrät mir, dass sich das kleine Museum tatsächlich nicht mehr als 35 Minuten mit dem Zug von Amsterdam entfernt befindet und für uns daher leicht in Reichweite ist. Da ich sowieso so gerne einmal kurz dem Meer „hallo“ sagen wollte und auch der Herzmann gleich dafür zu begeistern ist, steht der Ausflug schon auf der To plan-Liste.

Ein Jahr ist es her, seit diese Bilder entstanden sind. Im Oktober 2018 besuchten drei Generationen meiner Familie die ungarische Hauptstadt, unsere monarchische Schwesternstadt. Budapest, der Ort, an den ich schon im Sommer 2015 ein bisschen mein Herz verloren und an den ich seither schon zum 4. Mal zurückkam. Doch diesmal blicke ich ein wenig anders auf diese Bilder und diese Tage zurück.

Es ist 2008. Ich sitze am Schreibtisch vor dem ebenerdigen Fenster, das den Blick auf den Gehsteig freigibt. Es ist Herbst, irgendwo zwischen September und Oktober, es wird früh dunkel und es ist kühl in diesem Jahr. Vor allem in der Vorstadt sind die Abende feucht und klamm, vielleicht liegt es auch an der Wohnung, die Wohnung ist klein, sie ist nordseitig, hat hohe Räume, sie ist alt, sehr alt und in den Ecken ein klein wenig modrig. Sie ist schön, mit ihren Parkettböden und hohen Türstöcken und sie ist gemütlich, meine kleine Höhle, auch wenn ich sie mit Spinnen teile, immerhin ist es für ein paar Monate mein erstes eigenes Türschloss, hinter dem ich die Welt aussperren kann.

(Wien sehen und sterben wäre jetzt als Titel irgendwie zu plump gewesen, oder?)

Wien. Wien ist mein Zuhause und mein ewiger Reibungspunkt. Ich bin hier geboren und an der Stadtgrenze aufgewachsen und doch kommt es mir so schwer über die Lippen zu sagen, ja, ich bin Wienerin und das, obwohl ich so vieles an der Stadt liebe – ich vergesse es nur so häufig und versinke im Klischee des Schwarzmalens und Schwarzsehens.

Wenn es hier draußen leise ist, ist es in mir drinnen oft laut. Sehr laut. Wenn es hier draußen zu lange leise bleibt, dann wird es in mir drinnen irgendwann so laut, dass es an einer anderen Stelle einen Knall gibt. Dieser Knall passierte am Abend des 5. Juli bei der konzertanten Aufführung des Musicals „Elisabeth“, vor dem Schloss Schönbrunn. Seit mittlerweile 20 Jahren liebe ich diese Musik (und den Ort noch länger), auch wenn sie lange von meinem Radar verschwunden war. Zu den Konzertkarten kam ich mehr durch Zufall als durch Absicht, dass es stattfand hatte ich bis wenige Tage vorher fast vergessen und dann, am Abend zuvor, meldete sich ins Bewusstsein: du wirst dieses Stück sehen, das dir schon so lange so viel bedeutet, mit der Künstlerin, deren Stimme du schon so lange so sehr liebst – und ich wurde aufgekratzt, nervös, vorfreudig – in einem Ausmaß, das ich schon ewig nicht mehr erlebt hatte. Zur Einstimmung suchte ich auf Youtube das Hauptlied, aus der Uraufführung, 1992, Theater an der Wien. Zum ersten Mal hörte ich sie nicht nur singen, ich sah sie als Elisabeth und in mir passierte etwas. Zum ersten Mal begriff ich wirklich, was dieses Lied bedeutete.