Das Mädchen mit gefleckten Haaren

Ich startete heute in den dritten Seminartag und war schon recht ermüdend, da es sich um ein eher zermürbendes Seminar handelte. Zudem hatte ich die Aussicht darauf, etwa zwölf Stunden im Rad der Institution gefangen zu sein und war daher dementsprechend motiviert. Allerdings etwas wacher als die Tage zuvor, da ich immerhin den Wecker abgedreht und beschlossen hatte, einfach ein wenig zu spät zu kommen wenn mein Körper den Schlaf braucht.
Ich enterte somit in aller Gemütlichkeit (im Wissen, Stress würde es heute noch genug geben) den ersten Ubahnwaggon und hatte sogar (fast) die freie Sitzplatzwahl. Ich kam dazu, schräg gegenüber von einem Mädchen zu sitzen, dessen Alter einzuschätzen mir schwer fiel. Es musste sich irgendwo zwischen dreizehn und sechzehn bewegen. Der Leser wundert sich vielleicht, warum gerade in DEM Alter ich nicht in der Lage war, dies einzuschätzen. Nun, dies mag daran gelegen sein, dass das Mädchen derart schwarz umrandete Augen hatte, dass ich sie ungeschminkt bestimmt nicht wieder erkannt hätte. Aus ihren Kopfhörern dröhnte laute Musik (sogar bis zu mir her). So alles in allem, mit Ihren Leinenballerinas und dem Vans-Rucksack sowie dem zarten Gesicht hätte sie Avril Lavignes kleine Schwester sein können.
Was mich aber wirklich faszinierte waren ihre Haare. SIhre Naturhaarfarbe schien mittelbraun zu sein, sie trug sie offen mit Strähnen ins Gesicht und sie reichten ihr bis unter die Schulterblätter. Auffällig waren ihre blonden…Flecken. Ich bin es ja gewöhnt, dass Mädchen und Frauen blonde Haarpartien tragen, normalerweise aber längs gestreift. Diese waren nun quer gestreift. Es hatte etwas individuelles an sich, das aber entfernt an Raubkatzenfell erinnerte. Es wirkte unruhig und ich musste immer wieder hinschauen. Je öfter mein Blick sich in ihren Haaren verfing, desto mehr fing ich an nachzudenken, welche Musik wohl in ihren Ohren dröhnte und welche Gedanken ihr durch den Kopf gehen mochten. Was sie um diese Zeit (die Schule müsste längst schon begonnen haben – hatte sie vielleicht Freistunden gehabt?) in der Ubahn trieb und ob sie ihre Eltern belügte.
Sie war sehr hübsch. Ich fragte mich, ob sie das wusste.

Endjahresstimmung zu Neujahr

Es ist der erste Montag im Jahr nach den Weihnachts- und Silvesterfeierlichkeiten. Die Uhr zeigt grausame 7:43. Es ist sehr still in der UBahn und – für diese Uhrzeit – ungewöhnlich wenig los.
Tja, die Leute werden noch frei haben, denke ich mir und schau frustriert aus dem Fenster, in Gedanken an die kommenden drei Wochen, die alles andere als rosig sein werden. Nichts lenkt mich ab – kein Getratsche oder Handygeläute wie normalerweise an Wochentagen.

Doch nach einigen Sekunden fällt mir doch jemand auf.
Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, nach welchen ‚Kriterien‘ sich mein Unterbewusstsein die Leute aussucht, die ich beobachte und über die ich mir Gedanken mache.
Heute jedenfalls handelt es sich erstmal um einen perfekt gezogenen Seitenscheitel mit brünetten, fülligen, fernsehwerbungsglänzenden Haaren, die bis zu den Schulterblättern reichen.
Das dazugehörige Mädchen ist wohl ein wenig jünger als ich, wird so zwischen 17 und 19 Jahren alt sein. Es trägt eine schmale, rechteckige, rahmenlose Brille mit orange-roten Bügeln. Vom Styling her – denke ich mir – fällt sie interessanterweise für mich in die Kategorie Stadtbahnbögen/Uni-Fest-Type. Die Brille, die Diesel Jeans und Fila Sneakers weisen darauf hin. Was mich allerdings stutzig macht ist ihre Handtasche. Es ist ein typisches, im Weltladen erstandenes, Täschchen mit einem OM-Symbol vorne drauf.
Station Alser Straße. Das Mädchen steigt aus.

Kurz darauf entdecke ich eine Frau, die mir gegenüber sitzt. Wie sie wohl ihren Alltag bestreitet? Fährt sie zur Arbeit? Hat sie frei? Ihr Gewand wirkt eher nicht nach einem Arbeitstag. Die Frau ist wohl etwa Anfang 50, trägt ein Fleece-Stirnband, einen Jack Wolfskin Jungle Bag (irritierend, mitten in der Großstadt. Großstadtjungel?), sie hat eine gelb-türkise Plastiktasche dabei, trägt eine schwarze Hose und die ominösen Wackelschuhe.

Dies waren zwei völlig unterschiedliche Menschen, die heute meine Aufmerksamkeit erregt haben. Zwei Menschen, die mein Leben für einen kurzen Moment bewusst gekreuzt habe. Zwei Menschen, die sich gegenseitig wahrscheinlich nicht bemerkt haben – und nie wieder treffen werden.
Oder doch?