Über Lachen und Weinen oder Südfrankreich: Mohn > Lavendel

Von meinem letzten Roadtrip durch Südfrankreich hab ich ja hier noch praktisch gar nichts erzählt. Vielleicht werde ich das noch, mal sehen. Insgesamt war es ja eine ambivalente Reise, wie so Vieles im letzten Jahr. Was aber einfach nur schön war, ganz ohne wenn und aber, waren die Unmengen an Mohnfeldern, an denen wir vorbei gekommen sind. Warum fotografiert niemand die Provence im Mohnrausch? Wer braucht Lavendel, wenn man Mohnblumen haben kann?

Für mich ist diese Blume für immer mit der Erinnerung an sie verbunden, die seit mittlerweile 14 Jahren nicht mehr da ist. Es waren die Mohnblumen zwischen den Gleisen, die mir das Konzept des Lebens am Bahnsteig meines täglichen Uni-Weges so verdeutlicht haben. Ihre zarten Blüten, die doch so auffällig strahlen. Dieses spezielle rot, das zwischen all den anderen Wildblumen immer hervorleuchtet, wird mir immer ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Jedoch wollte ich gar nicht vom Lächeln schreiben, eher vom Gegenteil. Obwohl, sind Tränen das Gegenteil vom Lachen? Ich bin nicht sicher. Immerhin kann man auch Tränen lachen oder unter Tränen lachen oder man weint und am Ende lächelt man doch. Es verschwimmt manchmal. Und manchmal auch nicht. Manchmal sind da nur Tränen, heiß und bitter und salzig, manche tropfen schüchtern auf die Wange, andere rinnen in Sturzbächen über das Gesicht.

Ich hatte sie lang verloren, diese Art meine Gefühle auszudrücken. Vielleicht weil ich innerhalb von ein paar Jahren einfach zuviele geweint habe. Über den Verlust von der, die sich für mich immer wieder in den Mohnblumen manifestiert und über den der beiden anderen, die zwar noch auf diesem Planeten, aber nicht mehr in meinem Leben weilen und die gefühlt über Nacht daraus verschwunden sind. Diese Kopfschmerzen waren lange fast mein täglicher Begleiter und irgendwann beschloss ich wohl, sie versiegen zu lassen. Schluss aus Ende, Schachtel zukleben, Siegel drauf und in eine Ecke weit weit weg packen. Bloß nicht hin schauen, bloß nicht rein schauen, wer weiß ob die Büchse der Pandora sich nochmal schließen lässt.

Doch ich wäre vermutlich nicht ich (oder zumindest: nicht mehr, nicht wieder), wenn ich nicht irgendwann an den Punkt gekommen wäre, an dem mir klar geworden war (Momente, über die ich hier schon einiges geschrieben habe), dass ich die Kiste wieder hervorholen werde müssen. Dass ich sie öffnen werde müssen, um meine Grundsätze nicht zu verraten. Und so tastete ich mich vorsichtig heran, Schritt für Schritt, schlich eine Weile um sie herum, warf mal einen Blick durch das Schlüsselloch, schob sie schnell wieder ganz weit nach hinten und wusste doch, dass sie dort nicht bleiben würde. Dieses Spiel spielten wir dann bis zum Sonntag vor dem Lockdown, als ich zum ersten Mal bereit war, einen kleinen Blick hineinzuwerfen, weil es einen Arm gab, der mich halten konnte und eine Schulter, an die ich mich lehnen durfte.

Seitdem ist sie unversperrt und fordert häufig das Bemerken ihrer Anwesenheit. Manchmal fühlt es sich an, als wäre der Preis hoch den ich zahle um mir die Kraft zu ersparen sie wegzudenken. Aber es ist wie es ist, sagt das Leben. Und „echt“ ist selten „leicht“, doch – wie so oft zitiert: „Wenn ich nicht offen bin, wer bin ich dann?“ und, ebenso wichtig: „Hab Vertrauen und bleib‘ dran.“

Autor: Paleica

Internetmethusalem. Schütze Aszendent Jungfrau, zwanghaft neurotisch, begeisterungsfähig, Kommunikationsjunkie, Psychotante. Ein Kopf voll Gefühl, ein Herz voll Gedanken.

27 thoughts

  1. Das Leben ist so bunt und so schillernd, auch wenn diese Begriffe zusammen abgedroschen klingen mögen, so finde ich sie doch wahr.
    Auf der einen Seite beschert uns das Leben diese Leuchtkraft und auf der anderen Seite ist es auch wieder düster, als würde man irgendwo sein (*), wo man sich halt nicht wohlfühlt und eben lieber weglaufen würde oder halt die Truhe wieder schließen und den Schlüssel weit wegwerfen.
    (*) Sein in jeder Hinsicht, nicht nur körperlich. Die Gedanken und die Gefühle, unsere Seele und einiges mehr können schließlich auch irgendwo sein … 😉

  2. Moin Moin Paleica,
    was für ein Farbenspiel in rot! Mohnblüten soweit das Auge reicht… Einfach nur schön!
    Und an Tränen sollte man dabei wirklich nicht denken… ❤

    Dich umärmel und liebe Grüsse sende,
    Britta

      1. wo genau es war weiß ich leider nicht mehr, aber es war auf jeden fall in den letzten beiden mai-wochen. die mohnfelder gab es aber wirklich überall dort, deswegen war ich eigentlich sehr überrascht, dass ich bisher so wenige bilder aus der provence mit mohn gesehen hab. unsere unterkünfte waren in le rouret, lambesc und avignon und auf den strecken dazwischen haben wir sie gefunden. auch am weg nach rossillon. also sollte es dich in die gegend ziehen und du bist dort ein bisschen mit dem auto überland unterwegs, dann wirst du bestimmt fündig werden 🙂

      2. das stimmt. ich dachte nur… dass der mohn mindestens so schön ist wie der lavendel und in der ecke irgendwie gänzlich unbekannt

  3. Liebe Paleica,
    „Sind Tränen das Gegenteil von Lachen?“
    Ich würde diese Frage verneinen. Ich erinnere mich, dass es in meinem Leben auch mindestens eine längere Phase gab, in der mir die Tränen „abhanden gekommen“ schienen. Je länger der Zustand dauerte, desto mehr sehnte ich mich danach, endlich wieder einmal weinen zu können. Ein wesentlicher Teil von mir fühlte sich wie vom Leben abgeschnitten an. Ich konnte mir nicht erklären, warum die Tränen nicht kommen wollten. Ich meine mich zu erinnern, dass mit der Trauer um Priska sich „die Schleusen“ öffneten. Trauer zuzulassen ist schmerzhaft, heilsam und befreiend zugleich. Oder vielleicht gar nicht zugleich, erst gilt es, den Schmerz willkommen zu heißen, bereit sein, sich auf und mit ihm einzulassen, ihn zu umarmen, und mit ihm zu verschmelzen. Das kostet Mut aber im Rückblick weniger Kraft als ständig dagegen anzukämpfen. Und dann kann sich der Schmerz verwandeln in eine tiefe Ruhe und Befreiung. Aber das kann er nur, wenn er darauf vertrauen kann, dass wir bereit sind, ihn erneut zu empfangen, ihn nicht wieder der Tür zu verweisen. Er verliert nach und nach seinen Schrecken, wenn wir anerkennen, dass er ein Teil unseres Lebens ist, untrennbar mit uns verbunden. Ich habe erfahren, dass ich seit ich ihn sein lasse, auch wieder viel intensivere Freude erleben darf.
    Liebe Paleica, deine Mohnblumen-Fotos sind traumhaft schön. Ich mag diese zarten Wesen mit ihrer besonderen Strahlkraft sehr gerne.
    Sei mir herzlich gegrüßt.

    1. ich versteh dich so gut, ich kenne das ja auch. die tränen wiederzufinden ist irgendwie erleichternd. sie gehören nun einmal dazu und es ist nicht „natürlich“ dass wir nicht weinen können. letztlich passiert es, weil wir etwas in uns abspalten und ich denke dass wir tief in unserem inneren spüren, dass das nicht gesund ist. es braucht dann wohl ein erlebnis und auch die bereitschaft, dass man das wieder zulassen kann. schmerz gehört nunmal zum leben. und wir können ihn nur verarbeiten wenn wir ihn wirklich spüren, glaube ich. ich habe ähnliche erfahrungen gemacht, was im gegensatz dazu die freude betrifft. ich glaube, da sind wir uns ähnlich 🙂

      danke auch für deine lieben worte zu den fotos ❤

  4. Nur zu gut kann ich dich verstehen. Ich wollte hier etwas schreiben, aber der Kommentar von Beaneu hat mich gerade voll erwischt. Sie hat es sehr gut ausgedrückt und ist da weiter als ich. Deshalb lasse ich es.

    Deine Fotos sind einfach toll, gerade die letzen, denn eine Mohnblumenwiese habe ich noch nie gesehen. Wunderschön!

    Liebe Grüße, Conny

    1. liebe conny, danke für deine worte ❤ ja ich sehe das auch genauso wie beate und habe sehr ähnliche erfahrungen gemacht.
      es freut mich auch sehr, dass dir die bilder gefallen. das war wirklich ein glück. ich habe so lang nach solchen wiesen gesucht aber sie bei uns irgendwie immer verpasst und in frankreich bin ich dann ganz unverhofft drüber gestolpert.

  5. Es ist eigenartig, aber ich meine, dass Klatschmohnblüten fast bei jedem eine irgendwie traurige Stimmung oder Erinnerung hervorrufen. Liegt es an ihrer zarten, so gar nicht haltbaren Blüte? Daran, dass sie gerade (wie selbst Ringelnatz‘ armer Sauerampfer) am Bahndamm fast ausgerottet sind, Glyphosat & Konsorten sei Dank? Oder ist es etwas im Mohn, denn auch der Schlafmohn, der begnadete Schmerzbetäuber mit all seinen Nebeneigenschaften, macht uns doch nicht fröhlich und auch nicht die morgendliche Drogendosis in Form der Mohnsemmel, deren Körnchen einen dann den Rest des Tages treu und brav zwischen den Zähnen begleiten? – Aber sei es, wie es will, auch ich erinnere mich an die Schönheit der Blüte und damit verbunden ein Gefühl der Endlichkeit, etwas, das z.B. die Rosenblüte erst vermittelt, wenn sie zeigt, dass es hinüber geht, wenn sie also voll aufgeblüht ist oder bereits verwelkt. Während die tapfere Tulpe durchhält, bis die Blätter fallen.

    1. ja das kann gut stimmen. auf jeden fall gibt es – seit ich darauf aufmerksam geworden bin – sehr viele menschen, die mit mohnblumen etwas emotionales verbinden. schon interessant sowas, oder? ich denke, dass die zerbrechlichkeit mit eine rolle spielt und auch, dass sie immer nur einen tag blüht. vermutlich aber alles zusammen.

  6. Mohnblumen sind einfach wunderschön! Ich liebe diese Farbe… 🙂
    Aber es ist schon seltsam, was diese Zeit alles für Gefühle hochgeholt hat… ging mir in vieler Hinsicht genauso. Wobei ich mittlerweile fast dankbar dafür bin.

    1. ja, die farbe ist wirklich ganz speziell. mohnblumenrot. ich glaube, das löst bei vielen menschen irgendein gefühl aus. wäre auch ein schöner blogname, hehe.
      ja dankbar… ich weiß nicht. das ist schwer zu sagen. es ist vielleicht ein notwendiger bruch irgendwie, der dinge ausgelöst hat, die lange schon unter der oberfläche gebrodelt haben. dennoch macht es mir sorgen, weil ein ende sowas von überhaupt nicht absehbar ist und ich langsam fürchte, dass wir uns an eine art „neue normalität“ gewöhnen werden müssen.

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