Der Montagabend vor dem Lockdown oder: Schüsse in Wien

Es war ein Tag, an dem der Stress in Wellen kam. Der Montag vor dem Lockdown. Ambulanzdienst. Alles für den unerwarteten Notbetrieb vorbereiten. Mails schreiben. Den ganzen Tag läuten alle Telefone. Ein bunt zusammengewürfeltes Team am Vormittag, ein etwas eingespielteres Team am Abend. Ein bisschen Zeit zum Durchatmen im 5. Stock. Ein bisschen recherchieren wohin es in der Zukunft gehen sollte. Hm, noch etwas zu Abend essen? Oben ist jetzt alles zu, eigentlich könnte ich gehen, als ich durchs Stiegenhaus runter laufe höre ich Stimmen, oh, sie sind dann wohl schon weg. Soll ich gleich gehen? Nein, ich schaue ob V. doch auf mich gewartet hat. Anscheinend waren andere Stimmen. Es findet noch der letzte Trubel statt, ein paar Akten verräumen, Licht aus. Fünf Minuten später. Raus raus, schnell, alle wollen nachhause, ein flüchtiges Ciao, bis bald, wir sehen uns, auch wenn keiner weiß wann, weil wir nur in sehr reduzierter Zahl Dienst haben werden die nächsten Wochen, keiner weiß wie lange, ein seltsames Gefühl. Es ist 20:05.

Wir gehen los, alle zehn von uns in unterschiedliche Richtungen. Ich zuerst geradeaus, bis mir einfällt, dass ich ja links abbiegen muss. Im Hintergrund hatte ich schon ein Knallen gehört, aber nicht bewusst wahrgenommen. Wir leben in einer Großstadt, da gibt es öfter solche Geräuscht. Die Bim steht da, Mist, schon wieder verpasse ich sie, egal, es ist schon spät, ich will nicht laufen, es ist ungewöhnlich schwül an diesem Montagabend im November. Oh, die Ampel ist rot, na dann hopp hopp, ah, da vorne ist noch eine Kollegin, da kann ich auch noch schnell in den Waggon springen.

Die Türe ist offen. Am Boden liegt ein Mann. Menschen sitzen herum. Es wirkt alles normal. Wieso liegt er am Boden? Er hat eine gelbe Jacke an. Glaube ich. Eine gelbe Jacke und ein großes Instrument, ein Cello, einen Kontrabass, in einer beigen Hülle. Er liegt am Boden und ist wach, wieso steht er nicht auf? Seine Augen sind offen, er bewegt sich, glaube ich, oder? Ich steige nicht ein, ich denke, die Bim wird nicht weg fahren und auf die Rettung warten wenn ein medizinischer Zwischenfall passiert ist, hm, blöd. Es sind genug Menschen da, ich denke dass alles wohl schon soweit geregelt ist. Das Blut sehe ich nicht.

Das alles spielt sich vermutlich in Bruchteilen von Sekunden ab. Auf einmal packt mich meine Kollegin am Ärmel. Hier wurde geschossen. Im nächsten Moment höre ich es. Es knallt zwei mal, glaube ich. Der Mann wurde erschossen! Was? Der liegt doch nur da und ist wach? Neben uns eine alte Frau, wo kam sie her? Ich weiß es nicht. Sie sagt etwas von Männer (ich glaube im Plural) haben geschossen. In die Bim geschossen? Ich kann mich nicht erinnern. Sie sind Richtung Schwedenplatz gelaufen. Mein Hirn selektiert Informationen. Ich schaue Isabella an. Meine Augen sagen „weg hier!“ und ich sage nur: „Rennen?“ Und wir rennen los. „Wohin?“ „Ich weiß nicht, weg hier! Durch die Gassen? Wo nicht viel los ist, zum Volkstheater?“ In dem Moment will ich nur weg von überall dort, wo Menschenansammlungen sein können. Ein paar Sekunden später knallt es wieder. Jetzt wissen wir es, es sind Schüsse. Zwei mal? Vier mal? Keine Ahnung. Die Schüsse kommen auf jeden Fall aus unterschiedlichen Richtungen. Weiterlaufen ist keine Option, wir wissen nicht, wo die Täter sind, wie viele es sind. Aber sie sind heroben. Sie schaut mich an. „Ubahn?“ Ich überlege schnell, Ubahn erscheint mir riskant, aber schnell. Und ich will weg. Mir ist klar, wenn wir jetzt hier nicht wegkommen, werden wir festsitzen, die Stadt wird abgeriegelt werden und das ertrage ich nicht, soviel ist mir klar in diesem Moment. Auch wenn ich weiß, dass es gefährlich ist, auch wenn ich weiß, dass die Entscheidung, die ich gerade so oder so treffe, schiefgehen kann, entscheide ich mich dafür, zu laufen.

Wir haben Glück, endlich, einmal. Ich danke jeder verpassten Ubahn, über die ich mich geärgert habe dafür, dass diese jetzt da war und wir gerade noch hinein springen konnten bevor sie losfuhr.

*

Am Montag Abend gab es in Wien einen Terroranschlag, bei dem um 20:04 die ersten Schüsse fielen, ca. 50 m von dem Ort, an dem ich um 20:05 auf die Straße kam. Wie knapp ich dem entkommen war, vielleicht selbst dem Täter gegenüberzustehen, wurde mir erst Stunden später bewusst. An diesem Tag hatte ich Glück im Unglück. Jede einzelne Entscheidung, die ich getroffen hatte, hat mich letztendlich in Sicherheit geführt. Andere Menschen mussten stundenlang festsitzen, warten, in der Ungewissheit, wie es für sie ausgehen würde. Die Meldungen waren chaotisch. Es war zwischenzeitlich von mehreren Tatorten die Rede. Geiselnahmen. Sprengstoffgürtel. Vieles davon stellte sich am Ende als falsch heraus. Doch das hilft den Menschen nicht, die diese Angst erlebt haben.

Wir haben Staatstrauer in Wien. Während sich die einen nicht mehr wirklich vor die Türe trauen, geht für die anderen das Leben ganz normal weiter. „Normal“ – so normal es während einem Lockdown light und einer Pandemie eben möglich ist.

Gute Nacht, 2020.

Autor: Paleica

Internetmethusalem. Schütze Aszendent Jungfrau, zwanghaft neurotisch, begeisterungsfähig, Kommunikationsjunkie, Psychotante. Ein Kopf voll Gefühl, ein Herz voll Gedanken.

23 thoughts

  1. Furchtbar… Wie gut, dass Du Dich in Sicherheit bringen konntest. Obwohl dieses Erlebnis Dich sicher noch sehr lange verfolgen wird. Alles, alles Gute für Dich!

  2. Hallo Christina,

    wir haben lange nichts voneinander gehört, aber als ich Deinen Text gelesen habe, musste ich Dir unbedingt schreiben. Ich hatte Gänsehaut und Tränen in den Augen beim Lesen. Ich kann wahrscheinlich nicht mal ansatzweise erahnen, was Du in diesen Minuten gefühlt haben musst… Und ich hoffe sehr, dass Du das Erlebte irgendwie verarbeiten kannst. Alle Liebe, Claudia

    >

  3. Wow da warst du ja sehr nahe dran! Gut das du noch rechtzeitig rausgekommen bist. Ich war zum Glück schon zu Hause zu dem Zeitpunkt. Wohne ja auch nur einige Gehminuten vom Schwedenplatz entfernt. Ein schrecklicher Abend war das. Alles Liebe und Gute, Sabine

  4. liebe paleica, ein „gefällt mir“, auch wenn mir nicht gefällt, was geschehen ist. du hast glück gehabt. zum glück. ich bin auch noch sprachlos fast angesichts dieses anschlags und weiß nicht, was ich noch schreiben könnte, außer: fühl dich umarmt. ich weine mit dir. um die anderen. und dafür, dass sowas in dieser welt geschieht. unfassbar. alles liebe und viel kraft dir. liebe grüße aus berlin.

  5. Ich habe keine Worte, um zu beschreiben, was ich denke und fühle.
    Es ist so schrecklich, schon aus der Entfernung. Wie furchtbar muss es da für dich gewesen sein!
    Gut, dass du dich in Sicherheit bringen konntest.

  6. Schlimm ist es, dass der Schwedenplatz – pathetisch gesprochen – mit Blut getränkt wurde. Andererseits liegen die Folterkeller der Gestapo unter dem Morzinplatz ohne dass man daran denkt, wenn man drübergeht… Gut, dass du es unverletzt geschafft hast !! Ich war zum Glück zuhause

  7. Die letzten Tage war ich krank und hab vieles nur mit Verspätung mitbekommen. Auch die schrecklichen Ereignisse in Wien und ich war froh auf Facebook diese automatische Katastrophen Warnung zu sehen, die sagte dass du in Sicherheit bist. jetzt wo ich das gelesen habe, bin ich noch um einiges mehr erleichtert. Wobei ich dir so sehr wünschen würde, dass du das alles nicht erlebt hättest. Aber natürlich bin ich sehr sehr froh von dir zu lesen und zu wissen dass du zumindest äußerlich unversehrt bist. eine ganz ganz feste Umarmung aus München, ich denk an dich!!!

  8. Du kennst so ziemlich alle meine Gedanken und Gefühle zu dem Ganzen.
    Du weißt welche Bedeutung du in meinem Leben hast.
    Ich bin jede Sekunde des Tages -unmöglich in Worte zu fassen wie- froh, das es so gelaufen ist wie es ist. Alternativen, nicht Mal daran denken.

    Aber lass mich dich daran erinnern..
    Wie schön es ist, das es dich gibt.

  9. Zutiefst berührt von deiner Dokumentation über deine Stadt Wien im Kreuzfeuer des unfassbaren Terroraktes gepaart mit den Entwicklungen der Pandemie in deiner instagram story hat sich meine Sprachlosigkeit aufgelöst in ein Gedicht.
    Du schreibst:
    „Doch zwischen all den furchtbaren Ereignissen, zwischen Infektionszahlen, Quarantäne, verschlossenen Lokalen, Kapazitätsgrenzen, Einschusslöchern und Kerzenmeeren, ist es immer noch da, mein Wien.“

    Deine Worte haben mich zu diesen Zeilen inspiriert:

    so wie sich unter den trümmern der zerstörung die hoffnung auf neubeginn verbirgt
    so bringt auch die kleinste flamme licht in den dunkelsten raum
    sowie im kahlen baum die grünkraft des frühlings ruht
    so wächst aus dem tal der trauer die freude neu empor
    So wie hinter allen Tönen die Stille wohnt
    so lebt auch zwischen allem unfrieden die Kraft der liebe

  10. Liebe Paleica, es ist nicht in Worte zu fassen, was passiert ist. Doch Wien ist stark, Wien hält zusammen. Versuche, nicht an ein „Was wäre, wenn…“ zu denken, sondern an ein „Mir und meinen Lieben ist nichts passiert“. Ich denke an die Opfer und deren Angehörige, hoffe, dass Wien wieder zur Ruhe kommen und aufatmen kann. Alles Liebe. ❤

  11. Meine Liebe,
    ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll. Hierfür gibt es keine richtigen Worte. Weder, um mein Entsetzen auszudrücken, noch meine Gefühle als ich diesen Text las. Ich weiß nur, dass ich unglaublich dankbar dafür bin, dass dir nichts passiert ist und du (körperlich) unbeschadet da raus gekommen bist. ❤ Es tut mir im Herzen weh, dass du diese Erfahrung machen musstest und bin ich Gedanken bei den zahlreichen Zivilisten, den Opfern und deren Angehörigen.
    Alles erdenklich Liebe und Gute für dich! Ganz dicke Umarmung aus Bayern, Karina

  12. Was? Ich habe, als ich davon hörte, natürlich sofort an dich gedacht, aber dass du tatsächlich so in Gefahr warst, hätte ich nicht gedacht. Gänsehaut. Es tut mir so leid, das ist eine furchtbare Erfahrung. Bin froh, dass es zumindest für dich gut ausgegangen ist.
    Liebe Grüße, Conny

  13. Fassungslos stehe ich vor diesen Gewaltexzessen und glaube „love is the answer“

    Wie furchtbar muss diese Erfahrung sein? Wie sehr leidet man darunter? Was macht diese Erfahrung mit einem? –
    Wie gut, dass es für dich gut ausgegangen ist. Meine Gedanken sind sehr oft bei den Opfern und allen Angehörigen, bei den Menschen der so wunderbaren Metropole Wien.
    Alles Gute für dich.
    Werner

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