„Klirr“

Der Moment, in dem es ‚klirr‘ macht und nichts mehr ist, wie es vorher einmal war.

Inspiriert zu diesem Text hat mich der Beitrag von Christine. Denn auch ich habe so einen Tag danach erlebt und dachte mir, es wäre interessant, meine Erinnerung an die Gefühle aus heutiger Sicht anzuschauen.

Ich weiß nicht, ob ihr sie kennt, diese Augenblicke des Begreifens, in denen euch bewusst wird, dass eure Welt aus den Angeln gehoben, dass nichts mehr so sein wird wie davor. Ich habe bisher zwei Mal so einen Moment erleben müssen und von einem will ich hier schreiben. Obwohl der nun schon viele Jahre zurückliegt und der Schmerz zum Glück schon lange überwunden ist, ist die Erinnerung daran wie eingefroren.

Die Beziehung kriselte schon lange, zumindest ein dreiviertel Jahr war beiderseitige Unzufriedenheit spürbar. Ich will hier gar nicht auf Verantwortung, Gründe oder anderes eingehen, denn darum soll es hier nicht gehen. In mir war über den Zeitraum von einigen Monaten immer wieder die Frage aufgetaucht, ob diese Beziehung eine Zukunft haben kann oder ob es ohnehin keinen Sinn mehr machte, sie weiterzuführen.

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1 Woche davor:

Und so liegt mein Herz, seit etwa sieben Monaten in einer Ecke. Angeknackst und staubig, mit Fußabdrücken. Aber eben doch noch – bei dir.

Mein Praktikum startete, ich übersiedelte temporär in die Stadt und fing mir eine Nebenhöhlenentzündung ein. Während der verschwommenen Tage daheim mit Fieber und Kopfschmerzen besann ich mich auf meine Gefühle. Ich erinnerte mich daran, was die Beziehung für mich bedeutete und was ich mit ihr und dem Menschen an meiner Seite verband, der zum damaligen Zeitpunkt bereits 5 Jahre lang mein engster Vertrauter, mein Lebensmittelpunkt und mein wichtigstes Familienmitglied war. Ich war glücklich und erleichtert, eine Entscheidung getroffen zu haben und wieder eine Zukunft zu sehen, zu wissen, in welche Richtung ich wollte. Als ich nach dem Krankenstand leichten und frohen Herzens zu ihm fuhr, genoss ich ahnungslos einen gemütlichen und vertrauten gemeinsamen Abend auf der Couch vor dem Fernseher, es war alles wie immer, nur, dass ich endlich wieder wusste, was ich wollte.

Er beendete den Abend früher, nach dem Hauptabendprogramm mit Grey’s Anatomy. Ich dachte, er wollte einfach noch ein bisschen plaudern vor dem Einschlafen, wie wir das früher so oft getan hatten. Wir redeten eine Weile und irgendwann nahm das Gespräch eine Wendung, die ich anfangs noch nicht ernst nahm oder begriff. Er redete von Problemen zwischen uns und dass er nicht wisse wie es weitergehen sollte und davon, dass er sich ein Leben ohne mich ja gar nicht vorstellen könne. Ich dachte, endlich reden wir! Alles wird gut! Bis es auf einmal klirr machte, sich alles in mir zusammenkrampfte und ich begriff: er suchte nicht nach einer Lösung, sondern nach Worten für ein Ende.

Ich schrieb damals schon einen Text über genau diesen einen Moment:

Dieser eine Moment

Text: paleika

Bei diesen Gesprächen, da gibt es diesen Moment.
Diesen Moment, in dem man plötzlich begreift, dass es nicht mehr zu ändern ist. Man redet noch über Probleme und über Krisen, aber es ist anders. Es ist endgültig.
Und genau in diesem Moment, wenn man still ist und genau aufpasst, dann kann man es hören.
Es ist ein kleines Geräusch. Ein ganz zartes. Ganz leise. Aber es ist da. Wenn sich der Brustkorb hebt und neuerdings senkt. Und man diesen Moment erkennt. Dann klirrt etwas. Wie dünnes Glas klirrt es.
Es springt in tausend Scherben und zerschneidet den letzten Rest Watte, in den die sensiblen Organe gepackt waren, als du sie noch beschützt hast.

Ich hatte nicht geschlafen. Eine halbe Stunde vielleicht. Die restliche Nacht hatte ich geweint, wir hatten gemeinsam geweint. Ich konnte nicht glauben, was er sagte und vor allem glaubte ich nicht, dass er es wirklich wollte, wenn er es nicht einmal aussprechen konnte. Ich hatte in dieser Nacht einen Entschluss gefasst: dass ich nicht aufgeben würde, solang ich noch irgendwo einen Funken Hoffnung in seinen Augen sah.

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Am Tag danach:

Als sie schlussendlich eine Entscheidung getroffen und ihr Herz den Kampf gewonnen hatte kam er ihr zuvor. Er hob es auf, wischte sanft den Staub ab und gab es ihr zurück.

Er fuhr mich zur Arbeit, mit meinem Auto. Ich trug den ganzen Tag meine dunklen Sonnenbrillen im Büro. Da ich krank gewesen war, dachten alle, die geschwollenen Augen und die dunklen Ringe kamen da her. Ich konnte nicht essen. Ich konnte nicht denken. Ich erinnere mich nur daran, wie ferngesteuert der Zeit beim Vergehen zugesehen zu haben und möglichst unauffällig an meinem Schreibtisch gegen die Tränen zu kämpfen. Abends holte er mich ab. Er brachte mich in meine Wohnung. Er blieb. Und ich war entschlossen zu kämpfen, obwohl etwas in mir wohl schon wusste, wie es eines Tages enden würde.

Eine Woche danach:

Und dann kommt er wieder. Dieser Moment, an dem ich dankbar bin, dass ich nur ein gewisses Maß an Schmerz fühlen kann. Dass das ganze Ausmaß weder in meinem Kopf noch in meinem Herz Platz findet.

Dieser Moment, in dem mein ganzer Körper all seine Kraft verliert, an dem ich das hier kaum schreiben kann weil mir die Tränen in Sturzbächen über die Wangen rinnen. Während eine Stimme aus den Boxen schallt, die mich an etwas erinnert. An dich. An mein Leben.

Und:

Wo ich hinschaue sehe ich uns. Doch wo bin eigentlich ICH?

2 Monate und 3 Wochen danach:

Vielleicht ist es Zeit, die alten Pfade hinter sich zu lassen und einen neuen Weg einzuschlagen.
Wieviel Wehmut auch in jedem Blatt stecken mag, das sanft zu Boden fällt und im leichten Windhauch das Lied der Vergangenheit singt, das einem verlockend ins Ohr säuselt und in einen Strom des Vergessens ziehen will. Alles hat seine Zeit.

Doch ein kleiner Trost, ein winziger Hoffnungsschimmer bleibt: einmal Bewährtes kommt auch abseits der Mode manches Mal zurück…

3 Monate und 1 Woche danach:

Doch ich muss dich nicht anschauen um dich zu sehen.
Ich muss dich nicht angreifen um dich zu spüren.
Ich schließe nur die Augen, sehe in mein Herz, und sehe dich. Immer noch.

9 Monate danach:

Wir hatten miteinander dieses unumstößliche, unzweifelhafte ‚für immer‘. Für immer, du und ich. Für immer, wir. Mit tausend Phrasen und Liedern besiegelt. Eine Illusion.
Wir werden uns wieder verlieben, irgendwann. Wir werden wieder Zukunftspläne machen. Aber was bleiben wird, ist das Wissen um die Illusion. das Wissen, dass es das alles schon einmal gab. Denn vor Allem werden wir immer eines wissen: dass das Problem darin liegt, dass wir zusammen gehörten.

1 Jahr und 5 1/2 Monate danach:

Ich dachte immer, wie seien uns so ähnlich.
Doch nun habe ich bemerkt, wir sind grundverschieden…

„…uns trennt das Leben…“

2 Jahre und 2 Monate danach:

Wenn du mich nicht lieben kannst, dann muss ich es tun. Und das heißt, meinen Weg ohne dich weiterzugehen.

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Es dauerte noch eine sehr, sehr lange Weile, bis diese Geschichte tatsächlich überstanden war und der Vergangenheit angehörte. Tatsache ist jedoch – und das auch rückblickend – dass sich an diesem Tag mein gesamtes bisheriges Leben auf den Kopf gestellt hatte (ironischerweise kann ich mich allerdings nicht einmal mehr an das Datum erinnern). Es wurde nichts mehr so wie zuvor und es bekam alles eine andere Bedeutung. Die ersten 21 Jahre meines Lebens waren untrennbar mit diesem Menschen verbunden gewesen, denn ich hatte es geschafft, ihn in den 5 Jahren unserer Beziehung mit allem zu verknüpfen, das je in meinem Leben Bedeutung gehabt hatte. Ich musste daraufhin in einem langen Trennungsprozess, der im Endeffekt mehrere Jahre gedauert hatte, mich von Grund auf neu aufstellen, mich bis zu einem gewissen Grad neu (er)finden.

2 Jahre und 3 Monate danach:

Wie lange wird es noch dauern, bis mein Kopf endlich mein Herz überzeugt hat, bis ich endlich fühle was ich denke und bis die Vergangenheit, die sich nicht wiederbeleben lässt, ruhen kann und bis ich wieder als ganze Person denken und fühlen kann?

Es hat einen anderen Menschen aus mir gemacht.

Ich bin überzeugt davon, dass man in bestimmten Lebenssituationen Menschen anzieht, in denen man etwas sucht, die man braucht. Er war definitiv so jemand. Umgekehrt dachte er auch, etwas in mir zu finden. Doch wir veränderten uns und das, was wir suchten, lag nun nicht mehr im jeweils anderen. Es war schwer, einander gehen zu lassen, denn es bedeutete, alles aufzugeben, an das wir geglaubt hatten. Und doch war es notwendig.

Diese Nacht Anfang September 2008 und die Wochen danach waren mitunter die schmerzhaftesten und traurigsten in meinem Leben, denn es war ein Abschniednehmen von so viel mehr als nur einer Beziehung. Und natürlich kann auch ich jetzt all das dazu sagen, was alle Menschen sagen, die emotionale Trennungen hinter sich gebracht haben. Ja, das Leben geht weiter. Ja, man wird sich wieder verlieben. Ja, man wird erst dann wissen, was in der Beziehung alles schief gelaufen ist. Und JA, eines Tages wird man sich wirklich nicht mehr vorstellen können, mit dieser Person noch zusammen zu sein. Aber dennoch: der Weg dahin ist weit und hinterlässt Spuren. Und die Erinnerung an den Moment, in dem es zerbrach, die bleibt.

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