Fotostopps durch Portugal: Luz – Ausblicke & Beobachtungen zur Bloggerei

„Ist bloggen noch zeitgemäß?“ fragt die Autorin von indeedsunshine.de. „Ein Blog ist das Arschgeweih eines Portfolios“ konstatiert der Stilpirat. „Schreibt bitte wieder mehr Kommentare in Blogs“ raten socialmedia-betreuung.de. „Von Fake Accounts, müden Lesern und verloren gegangener Blog Motivation“ schreibt die Supermom-berlin.de. Öha. Ich erkenne hier Müdigkeit und Verdrossenheit und Frust über die Entwicklung, die die Bloggerwelt genommen hat und es überrascht mich überhaupt nicht.

Erinnerungen an „damals“

Als ich anfing zu bloggen, gab es kein SEO oder Clickbait, da wäre noch niemand auf die Idee gekommen, auf Facebook Werbebotschaften zu vermarkten und Instagram und Snapchat waren lange noch nicht geboren. Als ich zu bloggen begann, tat ich das, weil ich gerne schreiben wollte und meine Fotos zeigen wollte, weil ich mich austauschen wollte und weil ich lernen wollte. Nie im Leben wäre ich auf die Idee gekommen, dass irgendjemand mit diesem Hobby eines Tages Geld verdienen würde können. Ich verfasste Posts, freute mich über Kommentare und beantwortete diese damals noch direkt auf dem Blog meines Gegenübers, da es keine Antwort-Funktion gab. Ich musste auch jedes Mal schreiben „das gefällt mir“, wenn ich zum Ausdruck bringen wollte, dass mir etwas gefällt, denn Like-Buttons und Herzchen gehörten noch der Zukunft an. Es war eine schöne Zeit im Blogoversum, eine Zeit der Nicknames und Avatare, ohne Fotos und responsive Layouts oder mobil optimierten Seiten – denn auch Smartphones gab es noch nicht in großer Verbreitung und wenn, wurden sie noch nicht allzu intensiv genutzt, da Touchscreens noch in den Kinderschuhen steckten und die Tippserei und Klickerei einfach nicht bequem genug war. Was ich hier schreibe klingt, als wäre es einem anderen Jahrtausend entsprungen. Selbst das habe ich noch erlebt, aber so lange muss man dafür gar nicht zurückgehen – es reicht ein Jahrzehnt, in dem sich unser mediales Verhalten völlig gewandelt hat.

Bunte Schätze der Blogosphäre

Ich lernte so viele virtuelle Identitäten kennen, an einen Großteil von ihnen erinnere ich mich noch, selbst wenn sie ihren Nickname seit Jahren hinter sich gelassen haben. Ich kenne noch die Höhlenbärin, Lunaticsol, fr34k3d, 69nightmares (später howlatthemoon), himbeermarmelade, wortman, chary-smile, hombertho, mondgras, cajolerie, chibily, riesie, abraxandria, alfiriel, flügelchen, darkbook, twixie, bee, Frau*Seltsam, und viele, viele mehr. Sie alle waren Gäste auf meinen Websites oder während der Anfänge des Episodenfilms, als er noch Drahtseilakt hieß, irgendwo auf den knapp 2.850 Kommentarseiten. Manche wenige sind auch mit Klarnamen geblieben, manche sind verstorben, manche sind verschwunden. Ich bin bei dem geblieben was ich tue, ich mache das gleiche nun schon fast 10 Jahre. Warum? Weil ich es mag. Und: oh ja, ich kann selbst kaum glauben, dass der Episodenfilm hier auf WordPress im Jahr 2018 seinen 10. Geburtstag feiert. Das ist fast ein wenig gruselig, oder?

10 Jahre WordPress, dafür gibt’s ein Eis und einen Ausblick!

Ich habe die Entwicklungen mitgemacht, von den Augenkrebs-Layouts in schwarz mit Schriftgröße 7 in dunkelgrau und 300x500px Bildern bis hin zu weißen, weiten Responsive-Designs, Like-, Reblog- und Sharing-Buttons. Aber eine Grenze habe ich gezogen: den Blog zu vermarkten. Ich tue das, was ich immer getan habe, weil es das ist, was ich gerne tue. Ich poste, ich beantworte meine Kommentare und ich besuche meine Kommentatoren und die Blogs aus meinem Feedreader (ein Tool, das ich erst seit etwa zwei Jahren nutze, ich Spätzünder). Ich lese mich durch die Weltgeschichte und nehme manchmal an Blogparaden teil. Wenn mir etwas gefällt, dann hinterlasse ich eine Spur. Instagram gibt es, weil ich eine Übersichtsgalerie mit Best of-Fotos einfach schön finde, ich tue aber nichts dafür, dass er wächst und das ist total in Ordnung. Ich investiere monatlich ein bisschen Geld, damit es hier so aussieht, dass man sich wohlfühlen kann. Es ist ein Hobby. Das ist die Natur eines Hobbies. Ich zahle auch Eintritt für die Kletterhalle und gebe Geld für mein Laufoutfit aus. Das einzige, was ich im Gegenzug dafür erwarte, ist Freude an der Sache. Die habe ich hier, mit euch, weil ihr lest, was ich schreibe und anschaut, was ich zeige und weil ihr so großartig seid und mich an euren Gedanken dazu teilhaben lässt.

Ich bin hier – und bleibe es.

In mir wächst langsam die Hoffnung, dass die Welt der Blogs wieder ausdünnt, dass der Hype der „Influencer“ sich auf andere Medien verlagert und wir hier wieder in Ruhe dem nachgehen können, was wir gerne tun. Ich empfinde es als völlig absurd, Kommentare in Kommentarrunden zu „erkaufen“, die über Social Media vereinbart werden. Manchmal fühlt es sich so an, als würden einige Blogger aus Prinzip nicht auf Gegenbesuch kommen, weil sie sich dafür zu gut sind. Andere interessiert es einfach nicht – doch eine Welt, in der nur genommen aber nichts gegeben wird, funktioniert nicht. Für mich war das Besondere an dieser Tätigkeit immer, dass es Menschen gegeben hat, die mich nicht kannten und die sich dennoch die Zeit genommen haben, sich mit meinen Gedanken auseinanderzusetzen und mit mir in Interaktion zu treten. Blogger sind Contentproducer – Googlesuchende sind Contentconsumer, die früher vielleicht Zeitung gelesen haben und auch dort keine Leserbriefe schreiben wollten. Darum ist mir hier zwar jeder Googlesuchenende willkommen, aber ein Unique Client in der Statistik ist mir nicht einen Bruchteil dessen wert, was mir ein wiederkehrender Kommentator wert ist, denn erst durch die Kommentare wird die Seite hier lebendig.

Langer Rede, kurzer Sinn: ich nehme mit Freude die Blogmüdigkeit derer wahr, die nur hier sind, um Geld zu verdienen und Produkte abzustauben (versteht mich nicht falsch: ich habe nichts dagegen, auch mal Kooperationen machen, die wunderbare Fee zum Beispiel integriert ihre Kooperationen ganz toll in einen unfassbar schönen Blog). Aber ihr, die es nur für das Geld und ganz ohne Spaß macht: gebt ruhig auf, für euch gibt es passendere Orte. Dann bleibt nämlich mehr Platz für all jene, die das hier wirklich mit Herzblut betreiben und man findet wieder leichter heraus, wo ein Kommentar gewertschätzt wird und nicht unbeachtet im Nirwana des Kommerziellen verschwindet.

Das soll jetzt hier kein „früher war alles besser-mimimi“ sein. Ich kann das Potenzial dieser Medien für Unternehmen verstehen und ich respektiere es auch. Was ich nicht respektiere, sind verschleierte Dauerwerbesendungen, die mir als persönliche Meinung verkauft werden. Ich muss nicht euer Impressum lesen und wissen, wohin ich euch Hate Letters schicken kann. Ich brauche nicht mal euer Gesicht zu sehen. Aber wenn ich euch lese, möchte ich ein Stückchen eurer Seele kennenlernen, genauso wie ich in jeden Post ein Stück von meiner verpacke (und nein, ich spreche nicht von Horcruxen). Das ist es, worum es für mich geht.


*REISETIPP*: die Bilder stammen alle aus Luz, einem kleinen Ort in der Nähe von Lagos an der Algarve in Portugal, der unsere Homebase für die letzten Chillout-Tage nach unserem Portugal-Roadtrip war. Eine klare Empfehlung für dieses Fleckchen Erde mit einer fast privaten Lava-Strandbucht, die so geschützt gelegen ist, dass man auch schon im Juni im Atlantik baden kann, zwei Hand voll schnuckeliger Restaurants und ganz viel Ruhe.
Unterkünfte sind eine Ecke günstiger als im populären Partyort Lagos, dafür viel persönlicher und vor allem: fußläufig zum Meer <3