Cádiz – durch die Stadt ans Meer

Unlängst habe ich in einem Beitrag über das Wort tugendhaft geschrieben, das mir Moni im Zuge der „Nur ein Wort“-Aktion geschenkt hat. Der Beitrag lag lang in den Entwürfen, bis er mir reingepasst hat. Und wie das manchmal ironischerweise so ist, kam mir am Nachmittag der Veröffentlichung noch ein weiterer Aspekt in den Sinn, den ich im Text zu beleuchten vergessen hatte.

Ich fokussierte mich auf die Bedeutung des Begriffs aus dem Duden, die ja vorrangig Keuschheit betrifft. Dass Keuschheit heutzutage (aus gutem Grund) keine Tugend mehr ist, nicht mehr als tugendhaft gilt, ist offenkundig. Denn das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, das auch den Umgang mit Sexualität unverurteilt lässt, sollte (ich sage bewusst: sollte!) in einer aufgeklärten Welt selbstverständlich sein.

Was ist also nun heute eine Tugend?

Der Duden hilft mir nicht wirklich weiter, er bezieht sich vorrangig auf die „alte“ Bedeutung. Wikipedia hat dafür etwas Umfassenderes zu bieten:

Das Wort Tugend (lateinisch virtus, altgriechisch ἀρετή aretḗ) ist abgeleitet von taugen; die ursprüngliche Grundbedeutung ist die Tauglichkeit (Tüchtigkeit, Vorzüglichkeit) einer Person. Allgemein versteht man unter Tugend eine hervorragende Eigenschaft oder vorbildliche Haltung. Im weitesten Sinne kann jede Fähigkeit, als wertvoll betrachtetes Handeln zu vollbringen, als Tugend bezeichnet werden. In der Ethik bezeichnet der Begriff eine als wichtig und erstrebenswert geltende Charaktereigenschaft, die eine Person befähigt, das sittlich Gute zu verwirklichen. Damit verbindet sich gewöhnlich die Auffassung, dass dieser Eigenschaft und der Person, die über sie verfügt, Lob und Bewunderung gebührt.

Besonders interessant finde ich den ersten Teil des vorletzten Satzes, eine „als wichtig und erstrebenswert geltende Charaktereigenschaft“. Genau dies ist es nämlich, das sich wandelt.

Tugend setzt im Grunde immer einen Rahmen voraus, ein Konstrukt an Moralvorstellungen, die einem Menschen entweder von innen oder von außen entgegen gebracht werden. Diese Vorstellungen der Gesellschaft ändern sich mit der Zeit – deswegen verändern sich auf die Eigenschaften, die als tugendhaft gelten.

Auch heute noch würde ich sagen, dass Tugenden Eigenschaften sind, die im Rahmen der Gegenwart schwierig umzusetzen sind. Wir leben in einer Zeit des Überflusses, an Essen, an Informationen, an Licht und Lärm. Die Tugend des 21. Jahrhunderts ist glaube ich der bewusste Verzicht – und damit ist sie im Grunde gar nicht so weit entfernt vom ursprünglichen Verständnis der Tugendhaftigkeit. Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr Parallelen kann ich entdecken. Heute gibt es im Unterschied zu damals allerdings keine zentrale Organisation, die mit Strafen droht, wenn man sich gegen ein tugendhaftes Leben entscheidet – denn der große Unterschied ist die Wahlfreiheit. Aber zurück zu den Tugenden.

ZUHÖREN ist eine Tugend, denn ich verzichte darauf, selbst zu sprechen, selbst Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein und ich stelle mich zurück um jemand anderen in den Vordergrund treten zu lassen.

ZEIT GEBEN und SICH ZEIT NEHMEN sind Tugenden, denn es bedeutet, ich muss Prioritäten setzen, ich muss zugunsten einer Sache oder einer Person auf etwas oder jemand anderen verzichten.

HILFSBEREITSCHAFT ist eine Tugend, denn manchmal ist es dafür notwendig, etwas zu geben, auf etwas zu verzichten, das ich selbst gern gehabt hätte, um jemand anderem etwas zukommen zu lassen, dass er vielleicht dringender braucht als ich. Das kann Zeit sein, Aufmerksamkeit oder ein Stück Brot.

AUF DIE UMWELT ACHTEN ist eine Tugend. Und mit Umwelt meine ich zweierlei: die Umwelt im landläufigen Sinne, die Natur, die Ressourcen, aber auch die Umwelt im Sinne vom Umfeld, die Menschen und Tiere, die einem begegnen. Es bedeutet, manchmal langsamer gehen zu müssen oder sich manchmal mehr beeilen zu müssen. Es heißt, manchmal mehr Geld auszugeben oder manchmal etwas nicht zu bekommen. Sich zu fragen, wieviel es anderswo schadet, wenn man sich selbst nützt.

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Orte wie Cádiz helfen dabei, diese Tugenden erst einmal wieder zu hören. Die Uhren gehen dort langsamer, das WLAN ist weniger flächendeckend und das Meer, das den Großteil der Stadt umgibt, ist lauter als der Straßenverkehr.

Durch die Stadt


 

Ans Meer

Cádiz [ˈkaðiθ oder ˈkaðis ] ist die Hauptstadt der Provinz Cádiz in der Autonomen Region Andalusien in Süd-Spanien und die größte Hafenstadt Andalusiens.

Cádiz gehört zu den ältesten Städten Westeuropas. Der Legende nach wurde die Stadt durch Herakles gegründet; darauf beruft sich noch heute das Stadtwappen mit der Inschrift „Hercules Fundator Gadium Dominatorque“ (Herkules, Gründer und Herrscher von Cádiz). Geschichtlich gesehen wurde Cádiz (phöniz.: 'gdr (Gadir), d. h. „Festung“; griech.: Gadeira) von phönizischen Kauffahrern aus Tyros als Militärstützpunkt und Warenumschlagplatz gegründet. Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. gab es westphönizische Werkstätten, aus denen Gegenstände orientalischer Tradition stammen. 

(Wikipedia)