1993: das Jahr in dem die Schatten der Vergänglichkeit in mein Leben kamen

1993 war ich 6 Jahre alt. Ich erinnere mich nicht als wäre es gestern gewesen, aber ich erinnere mich doch noch relativ klar an diesen Moment. Ich stand im Vorzimmer der Wohnung meiner Großeltern und hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ich sehe mich dort stehen, zwischen Kommode und Türrahmen des Kinderzimmers, meine Oma vor mir, hinter ihr der Spiegel mit dem blinden Fleck in der rechten oberen Hälfte.

Der Zeitpunkt meines Besuchs war ungewöhnlich. Ich fragte sie, warum ich denn mitten im Schuljahr mitten unter der Woche bei ihnen war. Meine Großmutter versuchte mir zu erklären, dass die Mutter meines Vaters gestorben und meine Eltern auf der Beerdigung meiner anderen Großmutter waren. Sie war ein wunderbarer Mensch gewesen aber aufgrund der Entfernung kannte ich sie kaum. Zuerst verstand ich nicht. Doch auf einmal begann ich etwas zu begreifen. Ich hatte verstanden, dass wir nicht alle für immer auf diesen Planeten verweilen würden. Und mein Blick fiel auf meine Großmutter. Mein Blick, der im Moment zuvor noch der eines vertrauensvollen Kindes gewesen war, das an die Stabilität des Umfelds glaubte. Ich war 6 Jahre alt und ich begriff, dass meine über alles geliebte Großmutter, schon länger krank als ich auf der Welt war, ebenfalls jeden Moment gehen und mich verlassen könnte. Sie versuchte mich zu beruhigen, wollte mich aber nicht anlügen. Und von da an begleitete mich die Angst, mit jedem Schritt, jeden Tag, bis zu dem Tag als es passierte.

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Ich habe niemals mit jemandem darüber gesprochen, nicht mit meinen Eltern oder Freunden, aus Angst davor, die Worte könnten ein „vielleicht“ Realität werden lassen und auch, weil ich Angst vor der Reaktion hatte und Angst, jemand anderen zu verletzen. Jeden Tag schlief ich ein mit der Angst, am nächsten Tag aufzuwachen – und die Nachricht zu erhalten, dass sie es nicht getan hatte.

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Immer wenn nach einem Besuch der Heimweg angetreten werden musste, steigerte sich meine Angst, sie nie wiederzusehen, soweit, dass ich die Nacht meistens kotzend auf dem Klo verbrachte. Ich fühlte mich einsam mit meiner Angst, ich wünschte mir jemanden, mit dem ich sie teilen konnte, eine Schwester, einen Bruder, eine Katze einen Hund oder etwas anderes mit vier Beinen und Fell, nur um zu wissen, dass ich nicht alleine war. Aber da war nichts und da war niemand, nur meine Eltern, in anderen Sphären, die nicht begreifen konnten was in mir vorging und mit denen ich diese Angst nicht teilen konnte und wollte.

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Ein Satz, der ganz tief in meinem Gehirn vergraben war. Ein Satz, den ich als Kind immer gehört habe wenn ich mal wieder geheult und gekotzt hab weil sie weggefahren sind. Ein Satz, der meine latente Angst damals immer ein wenig ruhig gestellt hat. Die Angst, die ich habe seit ich denken kann. Die Angst, dass die Krankheit stärker ist. Die Angst, dass ich eines Tages aufwache- aber sie nicht.
‚Schätzchen, mach mir nicht da Herz so schwer’
Nur damals, damals hatte dieser Satz noch einen zweiten Teil…
‚Wir kommen ja wieder’

Dieser Satz kreist nun. Seit heute in der Früh kreist er durch meinen Kopf, nach vorne, nach hinten, nach oben, nach unten, vorwärts, rückwärts, diagonal und wieder zurück.
Sie hat nur noch dafür gelebt uns zu sehen, uns zuzuhören, da zu sein weil wir sie lieb haben. Sie hat alles was irgendwie in ihrer Macht gestanden ist getan damit es uns gut geht. Sie wollte nie, dass wir uns Sorgen machen, hat alles was sie betraf heruntergespielt, immer nur an uns gedacht.
Sie hat wohl alle verdammt die jemals etwas getan haben das uns verärgert oder gar verletzt hat.
Sie hätte nie gewollt dass es uns wegen ihr schlecht geht.

‚Schätzchen, mach mir nicht das Herz so schwer.‘
Auch dieses Mal hat der Satz einen zweiten Teil
‚Lass mich gehen. Ich hab mein Leben gelebt.’

Als es passierte, damals, als ich 19 Jahre alt war, traf es mich zwar nicht unvorbereitet, aber nicht mit weniger Wucht und der Schmerz des Verlustes fühlte sich noch viel heißer, viel stechender und viel verzweifelter an als in meiner Vorstellung. Es ist das Leben, es ist der Gang der Zeit, es ist nichts Außergewöhnliches, aber dennoch grausam, unvorstellbar, nicht verstehbar und unabwendbar. Es hat lange gedauert, bis mein Leben für mich weiterging und obwohl der Gedanke an den Verlust schon mehr als die Hälfte meines Lebens so präsent war, hat mich das tatsächliche Ereignis verändert.

Man kann sich nicht vorstellen, was für ein monströses Loch ein Viertel Familienverlust bedeutet. Wie viel Leere es hinterlässt, wenn einer von vier Menschen, aus denen meine Familie bestand, einfach geht. Dafür steht da jetzt ein Foto. Ein unscheinbares Foto mit schlichtem, dunkelgrauem Rand in einem holz- goldenen Bilderrahmen.

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Ich weiß nicht, wie andere Leute eine Akzeptanz für den Tod in ihrem Leben erschaffen können. Ich weiß nicht, wie sie es schaffen, die Lücke zu schließen oder den Schmerz abklingen zu lassen, denn ich vermisse sie heute nicht weniger als damals. Es traf mich mit 19 und ich fühlte mich als wäre ich das kleine 6jährige Mädchen, hilflos und vor allem: allein mit meinem Schmerz.

Als du gegangen bist, war ich ruhig.
Kaum jemand hat mir etwas angemerkt.
Innerlich sah es anders aus.
Eine Implosion.
Jetzt liegt alles in Scherben
und ich kann niemanden bitten mir zu helfen sie wieder zusammenzukleben

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Wohin geht die Liebe für einen Menschen, wenn dieser Mensch für immer fort ist von dieser Welt?

Heute sind es 10 Jahre.

57 Replies to “1993: das Jahr in dem die Schatten der Vergänglichkeit in mein Leben kamen”

  1. schöne und ehrliche betrachtung….ich denke auch, dass lücken in wahrheit nicht gestopft werden können. ich fürchte mich an sich nicht vor dem tod…aber davor meine lieben zu verlassen und zu einer ebensolchen lücke zu werden…

    noch etwas anderes: wir haben ja mal übers punktförmige sterne fotografieren „gesprochen“…hier habe ich eine sehr kostengünstige variante: https://trashholeobservatory.wordpress.com/2016/06/11/barndoor-und-die-magie-die-aus-dem-holzbrett-kam/

    1. danke für deine worte. ich verstehe das gut. ich fürchte mich einerseits davor, eine lücke zu werden aber fast noch mehr vor den lücken, die die anderen noch hinterlassen werden, die vor mir gehen…

      1. ich hab eben 2 kinder und wenn alles gut geht, gehe ich voran…und dann werde ich die lücke…hätte ich keine kinder, wäre ich da viel gelassener…

        1. das schwierige ist, dass es leider überhaupt nicht tröstet, dass es der normale gang der zeit ist…

  2. Danke für diesen wunderbaren Text. Der Tod ist eines der letzten Tabus unserer europäischen Gesellschaft, wir haben nicht gelernt, damit umzugehen. Erst jetzt in meinem Alter kann ich besser damit umgehen, kann es hinnehmen, ohne es anderen Menschen aber tröstend erklären zu können…

    1. du sagst es. irgendwie lässt er sich nicht integrieren in das zeitalter von selfies und weltenbummlern, er hat keinen platz dort, wo immer die sonne scheinen soll und das lässt ihn manchmal übermächtig werden. es beruhigt zu hören, dass es mit dem alter leichter wird.

  3. Die Liebe bleibt! Das Gefühl das man für einen Menschen empfunden hat wird bleiben, nur der Schmerz wird hoffentlich irgendwann etwas leichter.
    Grandiose Bilder, der blühende Apfel?baum haut mich um!

    1. danke für deine lieben worte. und ja, das glaube ich auch, dass sie bleibt. der schmerz wird leichter, weniger zentral, aber irgendwo denke ich, dass er nicht verschwinden wird.

  4. Ich kann Dich sehr gut verstehen und schreibe nun mit tränenverschleiertem Blick. Auch ich hatte Angst vor dem Tag, wo ich diese Nachricht wegen meiner Uroma erhalten würde und als es soweit war, war ich nicht mehr ich selbst. Ich war gar nicht richtig da. Ich hab irgendwie „funktioniert“ und auch gar nicht funktioniert. Wie ferngesteuert und nur irgendwo ganz hinten, ganz tief drin in einer hintersten Ecke meines Kopfes.
    …und das Vermissen wird immer schlimmer, denn sie fehlt immer länger.
    Ich kann es weder ertragen noch schaffen, daran zu denken, wenn es andere meiner Familie werden könnten… Ich weiß noch nicht, wie ich dieses ewige und immer wieder erneute Abschiednehmen, dass mich mein ganzes Leben begleitet und begleiten wird, schaffen soll…
    Ich drück Dich!

    1. ja, so war es bei mir auch. ich werde das denke ich nie vergessen, obwohl die erinnerung irgendwie etwas ist, das sich anfühlt, als würde es gar nicht wirklich zu mir gehören oder so. ich kann sie fast nur durch die texte rekonstruieren. mit dem abschiednehmen geht es mir genauso. das ganz große thema im leben, auf das es keine antwort gibt.

  5. Ich finde den Artikel und das Thema echt stark verarbeitet. Auch wenn dieser Stil von den Fotos sonst nicht meine Art is: zusammen mit der Geschichte drücken sie sehr viel aus und reißen einen einfach mit in diese Stimmung.

  6. Liebe Christina, wieder einmal sehr bewegend. Du fragst, wie andere mit solch einem Schmerz umgehen, Lücken schließen oder Akzeptanz schaffen. Nun, als meine Großmutter starb, war ich 25 und gerade nach Frankfurt gezogen. Sie hatte Krebs und war bereits auf ihren Wunsch hin zu hause, um die Zeit, die ihr blieb, in gewohnter Umgebung zu verbringen. Sie fragte nach mir und ich fuhr am nächsten Tag los. Knapp 700 km trennten uns. Und: ich kam zu spät. Als ich zuhause ankam war sie bereits gestorben. Das war ein unfassbar trauriger Moment und ich war sehr wütend. Auf mich. Ich wusste, dass der Moment kommt, da sie ja schon lange krank war. Aber nicht so. Nicht ohne sie noch einmal zu sehen. Meine Oma hat mir immer viel bedeutet, hat mich groß gezogen. Ihr habe ich alles anvertraut. Und nun konnten wir nicht mal mehr ein paar letzte Worte miteinander reden. Ich konnte nicht bei ihr sein. Man sagte mir, dass sie in dem Wissen, dass ich unterwegs sei, eingeschlafen ist. Ich habe damals viel geweint und meiner Trauer Raum gegeben. Ich habe Brücken gebaut, die mich erinnern lassen. Der Tod meiner Oma und ein paar andere einschneidende Erlebnisse schwingen immer irgendwie mit. Die Lücken sind da, und ich stolpere auch hin und wieder unerwartet hinein. Ich bin zwar zufrieden, aber nicht richtig glücklich. Zu vieles hat sich verändert, um wirklich wahrhaft glücklich zu sein. Das ist zwar traurig, aber ich mache das beste daraus, genieße die guten Zeiten und nehme die nicht so guten an und schaffe mir neue Brücken.

    1. liebe christina, ganz herzlichen dank für deine persönlichen worte. deine geschichte ist so unglaublich traurig und es tut mir so leid, dass dir das nicht vergönnt war. grade deine letzten zeilen lassen mcih mit einem schwermütigen gefühl zurück, weil es mir genauso geht. aber ich habe die hoffnung noch nicht aufgegeben, dass auch diese glücksmomente wieder kommen können.

  7. Liebe Paleica, mir hilft die Vorstellung, dass sie nach ihrem Tod in ein schöneres Haus an einem besseren umziehen, ohne Schmerz, Krankheit oder Kummer. Im Herzen bleiben diese Menschen uns ganz nah. Der Schmerz des Verlustes bleibt – mal stärker, mal schwächer, doch sie bleiben uns nah.

    1. ja liebe annette, da hast du recht. sie bleiben nah. es ist ein gewisser trost, wenn man weiß, dass die menschen bereit waren zu gehen.

  8. 😦
    Ja, die Erkenntnis der Vergänglichkeit ist schmerzhaft, wohl auch deshalb, weil wir erkennen: Auch wir sind vergänglich. ALLES in unserem Leben ist vergänglich. Nichts bleibt wie es ist.

    1. ja – das einzig beständige ist die veränderung, beständigkeit, ankommen ist immer eine illusion.

  9. 😢ach scheiße das berührt mich zutiefst! Ich fühle total mit dir! Und letzteres lässt mich schlucken, eine Frage die auch ich mir immer und immer wieder stelle. Verlust ist das allerschlimmste ever! Fühl dich gedrückt!

  10. Eindrucksvoller Text, eindrucksvolle Bilder. Es gibt dazu nichts anderes zu sagen, als was Ilona schon gesagt hat ….. Traurig ist es …..

    1. danke liebe myriade. ja es ist traurig. es ist so groß. und es hat so wenig platz in unserem leben. ich weiß nicht immer, ob das gut ist.

      1. Das ist wohl auch eine Frage des Alters. In meinem Leben bekommt das Thema Vergänglichkeit immer mehr Bedeutung. Das ist nicht besonders angenehm, aber unvermeidlich und macht das carpe diem immer wichtiger …

        1. ja, das kann ich mir vorstellen. man muss wohl mit der zeit auch seinen weg finden. aber ich weiß nicht, ich glaube ich bin da anders als die meisten anderen, weil bei mir ist das schon immer ein ganz großes thema.

  11. Ohmannomann Christina
    …die Tränen fließen, weil ich mich zurückversetzt fühle mit deiner Geschichte. Finde ich mich doch tatsächlich mittendrin in meiner Geschichte, die deiner fast ähnelt. Bei mir war es die Angst um meine Pflegemutter, zu der ich ja erst kam als ich 6 Jahre alt war. Meine Ängste fingen mit 13 an und dann habe ich Nächte nicht richtig geschlafen, weil ich Angst hatte, sie würde am nächsten Morgen nicht mehr da sein…sie würde sterben. Und Nacht für Nacht habe ich mir Sorgen um meine Geschwister gemacht (niemals um mich selbst)…Nacht für Nacht habe ich mich in den Schlaf geweint….ich hatte Sorge, dass ich es nicht schaffen könnte sie mit meinem Vater gemeinsam zu versorgen. 2006 verstarb dann meine Mutter mit 82 Jahren und auch wenn der Kopf sagt, das muss so sein, der Tod gehört ja schließlich zum Leben, hats mich doch noch umgehauen.

    Ohmannomann Christina
    …fühl dich von mir in den Arm genommen!
    Die Liebe bleibt, wenn auch nur noch im Herzen…
    Peter Maffay singt hier einen wnderbaren Song, der nicht passender sein kann!
    http://www.songtexte.com/songtext/peter-maffay/die-liebe-bleibt-1bcf0d94.html

    Herzliche Grüße
    und alles Liebe für dich

    Anne

    1. liebe anne, ganz herzlichen dank für deine persönlichen worte ❤ ich versteh dich so gut. diese hilflosigkeit ist so ein furchtbares gefühl, besonders als kind 😦
      danke für den song, den werde ich mir auf jeden fall anhören…

  12. Oh Wow, mal wieder sehr bewegend und berührend!! Und wieder mal bewundere ich Deine Offenheit. Aber die gehört zu Dir und Deiner Geschichte. Und das ist auch gut so. Ich hatte bisher sehr viel Glück was Todesfälle in der Familie angeht. So wirklich realisiert hab ich nur den von meiner Oma. Wobei „nur“ natürlich das falsche Wort ist. Aber es war damals sehr friedlich und so konnte ich mich gut darauf einstellen… Danke für diesen Text, sehr intensiv!

    1. danke markus. ja, das tut sie. es ist einfach wichtig für mich, die dinge zu schreiben, sie werden dadurch irgendwie leichter. ich denke, es geht auch jeder anders damit um und es gibt vermutlich bessere wege als den meinen, leider kann man sich das nur bedingt aussuchen…

      1. Dein Weg scheint aber für Dich der richtige zu sein. Somit gibts vllt gar keinen besseren Weg für Dich… Wie Du verarbeitest ist sehr spannend zu beobachten…

        1. ich denke, es ist der einzige, den ich mit meiner persönlichkeit gehen kann und den ich entsprechend gehen muss…

  13. Für einen kleinen Moment hab ich doch echt vergessen wo ich gerade bin – so sehr hab ich deine traurigen Zeilen verschlungen. Unglaublich, wie sehr diese Situation sich eingebrannt hat obwohl du noch soooo jung warst. Ich glaube mit 6 war ich noch sehr weit entfernt davon, mir über den Tod bewusst zu sein… Jedenfalls finde ich deine Art ihr zu gedenken wundervoll!

    1. danke meine liebe, fürs lesen und kommentieren ❤ ich muss ehrlich sagen, ich würde mir auch wünschen, dass dieses verstehen nicht damals schon in mein leben gekommen wäre, aber jeder hat halt sein päckchen auf irgendeine art zu tragen…

  14. *Puh* Es fiel mir schwer, deinen Text ganz zu lesen. Vor 8 Monaten ist meine Mutter völlig überraschend gestorben und der Schmerz ist noch genauso stark wie am Anfang, nur werden die Momente, in denen er nicht im Vordergrund steht, länger. Eine Akzeptanz zu schaffen ergibt sich aus dem Fakt, der nicht zu ändern ist. Leugnen oder Abwehr hilft bzw. nützt nichts. Es gibt keine Wahl, der Tod gehört zum Leben und der (drohende) Verlust geliebter Menschen ebenso. Je älter man wird, je näher rückt auch der Eigene, wenn der vermutete Rest des Lebens kürzer wird, als der gelebte. Tod ist auch für mich ein ganz schwieriges Thema.
    Ich zelebriere Todestage nicht, aber die Geburtstage und bin so dankbar für die gemeinsame Zeit, die aber immer zu kurz war für all das, was man so gerne noch gesagt hätte.
    Ich fühle mit dir.

    1. oh, das tut mir sehr leid 😦 8 monate ist beim verlust einer so nahestehenden person ja noch überhaupt keine zeit. ich wünsche dir das beste.
      ich feiere sehr gern geburtstage, todestage sind nicht mein fall. ich bin auch kein friedhofsmensch. zumindest nicht, wenn dort menschen begraben sind, die ich kenne. meine art zu gedenken ist eine andere.
      und ja, die zeit ist immer zu kurz, egal wie lang sie tatsächlich war.

  15. Danke für deinen einfühlsamen Beitrag.
    Die sehr schönen Bilder unterstützen ein Gefühl der Traurigkeit, was mit den Zeilen aufkommt. Eigentlich ist das ein Beitrag zum Leben. Denn der Tod gehört dazu.
    Wie schön, dass du deiner Oma so nah warst. So lebt sie in deinen Gedanken weiter.
    Die Trauer des Verlustes ist ein schwerer, es gibt unendlich viele Wege, damit für sich selbst zurecht zu kommen.
    Irgendeinen müssen wir in unterschiedlichen Formen letztlich alle gehen, deshalb ist es sinnvoll, darüber nach zu denken und auch darüber zu kommunizieren.
    Das ist kein leichtes Thema, danke für deinen Anstoß.
    Mein Mitgefühl für dich.

    1. danke für deinen kommentar und deine worte.
      ich finde, dass tod sehr wenig platz in unserer gesellschaft hat. wir leben alle gern so, als würde es nie enden. ich nehme an, das ist gewissermaßen ein natürlicher abwehrmechanismus. außerdem hat der tod keinen platz in hochglanzmagazinen oder auf instagram, wo strahlend lächelnde menschen und sonnige strände die klicks generieren. trauer ist – so kommt es mir manchmal vor – in unserer gesellschaft gar nicht erwünscht, in wahrheit kommen wir aber alle irgendwann in unserem leben nicht drumherum.

      1. Gerne.
        Und ja, da hast du vollkommen Recht. Ich glaube, es fällt uns allen schwer, uns diesem Thema anzunähern und allzu gern wird es glatt gebügelt, vergessen, verdrängt und mit bunt und glatt und schön überkleistert. Es betrifft uns alle und wird uns alle betreffen, da können wir wegrennen, soviel wir wollen. Es wird irgendwann kommen.
        Ich habe momentan ohnehin den Eindruck, dass ohnehin all negativen Emotionen: Trauer, Wut, Ohnmacht, Eifersucht, Scham, Angst … sehr wenig Beachtung bekommen, eigentlich nicht erlaubt sind. Man schluckt am besten alles runter und macht weiter. Oder projiziert es gleich nach außen auf irgendein ominöses Feindbild. Das ist überhaupt nicht gut.
        Schätze, es ist wichtig zu lernen, dass all diese Gefühle Zeichen unserer Seele sind. Sie sind da, sie gehören dazu. So einfach ist das. Das ist nicht schön, aber real. Lässt man sie gewähren, im Sinne von ‚ich nehme mich und all Gefühle wahr, lasse sie zu, gehe durch sie hindurch und lasse gleichzeitig los, dann können sie auch irgendwann wieder gehen. Sie sind dann in gewisser Weise integriert, nicht vergessen, aber durchlebt. Das sind langwierige Prozesse. Nicht einfach. Und nicht immer allein zu bewältigen. Aber wichtig.
        Langes Thema. Schwer, in wenigen Worten zu fassen zu bekommen.
        Danke für deine Impulse.
        Liebe Grüße aus dem Norden.

        1. das ist ein spannender aspekt. ich habe das selber noch nicht wirklich so betrachtet, aber das könnte schon ein symptom unserer zeit sein. projektion ist ja nicht unbedingt was neues und dass derzeit so extrem nach außen projiziert wird muss einen ursprung haben – vielleicht ist es genau der?

          1. Hm. Ich denke da manchmal drüber nach, ob da vielleicht auch solche Dinge wirken. Ich weiß es nicht. Aber ich frage mich das.
            Interessantes Thema.

  16. Ich kann mich den Vorpostern nur anschließen, bewegenden Text und passende Bilder dazu. Ich kanns nach empfinden, obwohl vielleicht doch nicht so ganz denn ich habe eine Schwester mit der mich sehr viel verbindet.
    Als meine Oma heuer fast exakt 2 Jahre nach unserem Opa gestorben ist wars irgendwie eine Erlösung, den wenn ich so darüber nach denke ist sie an gebrochenen Herzen gestorben. Mit unserem Großvater hat sie damals auch ihren Lebensmut beerdigt.
    Über was ich mich immer noch ärgere ist das ich nicht energischer nachgefragt habe bei den alten Geschichten. Meine Großmutter geboren 1921 hat zwar nie viel über die Vergangenheit gesprochen aber beim Anblick einer alten Fotografie oder wenns gerade zum Thema passte kam ihr dann doch die eine oder andere Geschichte über die Lippen.
    Ich werde nie vergessen als wir nach dem Begräbiss meines Opas mit ihr ein sehr altes Fotoalbum durch geblättert haben, viele der Fotografien waren so kurz vor oder während des II.WK aufgenommen worden, und meine Oma jeden der ca. 200 Leute in dem Album beim Namen nennen konnte. Als ich sie dann fragte wer denn von ihren Freunden und Bekannten in dem Album noch am Leben ist blätterte sie kurz zeigte auf eine Frau und meinte die als einzige, aber die lebe schon lange im Alterheim.
    Da begriff ich das meine Großmutter eine der allerletzten war die aus ihrer längst vergangenen Zeit noch über war. Und der letzte zu sein ist irgendwie auch nicht gerade schön.

    Huch jetzt ist doch ein recht langes Comment geworden 😉
    LG Peter

    1. danke lieber peter, fürs lesen und das teilen deiner worte. ich beneide dich um deine schwester. ich kann mir vorstellen, dass das helfen kann. die geschichte deiner oma ist wirklich traurig 😦 so etwas gibt es glaube ich gar nicht so selten… mit den geschichten geht es mir ebenso. meine oma hat viel erzählt, aber immer nur bruchstücke und drum weiß ich nun in wahrheit kaum etwas. die ganzen alten fotos – menschen, die irgendwie vergessen wurden. das macht es besonders traurig.

  17. Ich sitz grad da und kämpfe mit den Tränen… Du hast genau das wiedergegeben, über den Verlust deiner Oma, den ich soooo nachvollziehen kann weil es mir genauso geht. Immer noch. Jeden Tag. Nach ebenfalls 10 Jahren. Sie ist damals am Valentinstag, ein paar Monate vor meiner Matura gestorben. Ich habe ihren Verlust bis heute nicht überwundenen. Auch nicht den von ihrem Mann, der bereits gestorben ist als ich fast 4 war. Auch ihn hab ich heute noch lebendig vor mir. Wie er ausgemergelt von der schweren Krankheit im Wohnzimmer steht und mir Schallplatten mit guter Musik auflegt. Um mir noch ein bisschen was von dem mitgeben zu können, was ihm so viel bedeutet. Obwohl ich noch so winzig war. Er hat gemerkt was er mir damit für eine Freude macht und wie sehr uns die Musik erfüllt und verbindet…
    Zwei Menschen, von denen ich hoffe, dass ich sie irgendwann, irgendwo wiedersehe. Zwei Menschen, denen ich so wahnsinnig gerne die Fragen stellen würde: „seid ihr stolz auf mich? Auf das was ich tu. Auf den Lebensweg den ich eingeschlagen habe. Gefällt euch das was ich tu? Meine Fotografie? Hättet ihr mich in der Vergangenheit vor Enttäuschungen, vor Entscheidungen bewahren können wenn ich euch um Rat gefragt hätte?“ … Gedanken die in mehr oder weniger großen Intervallen immer wieder und wieder auftauchen… Fragen, auf die ich so gerne eine Antwort hätte, die ich vermutlich aber nie bekommen werde…
    Und einmal mehr frag ich mich: warum haben wir uns nicht schon viel früher kennengelernt wo wir doch ums Eck aufgewachsen sind… 😉
    Drück dich!

    1. ich glaub, meine oma konnte erst gehen, als sie mein leben gewissermaßen in „sicheren bahnen“ gesehen hat. das war auch mit ein grund, warum mir die trennung vom chris so schwer gefallen ist, einerseits weil sie ihn kannte, aber auch weil sie ihn mochte. weil ich wusste, dass jemand neues sie nie kennenlernen wird und ich nie ihren „segen“ für denjenigen bekommen werde.
      ich find es grade ur schräg, dass das bei uns beiden zur selben zeit passiert ist – im jahr nach der matura. eigentlich echt sch***, dass wir uns damals noch nicht kannten, ich glaube, das hätte mir sehr geholfen.
      toll übrigens, dass du dich an deinen opa noch erinnerst – ich hab an meine anderen großeltern so gut wie keine erinnerung 😦

      1. Und wie du mir mal wieder aus der Seele sprichst… das mit dem „Segen“ hab ich mir so oft gedacht… ob’s irgendwen gegeben hätte wo sie gesagt hätte „gib’s nicht auf. Kämpf weiter.“… oder irgendwas in der Art… Meinen damaligen Freund hat sie glaub‘ ich schon gemocht. Sie hat meine Freunde leider zu selten gesehen um das tatsächlich beantworten zu können. Ich glaub sie dachte oft „sie ist noch so jung. Da kommen noch ein paar…“ womit sie ja auch Recht behalten sollte…
        Ich find sooooo viele Parallelen bei uns soooo schräg und frag mich immer wieder, wieso wir uns erst so spät kennengelernt haben 😀 Und ja, ich glaub wir hätten einander damals echt beistehen können… das hätte uns echt geholfen…

        1. das war bei mir anders… sie dachte schon, dass das „für immer“ ist. aber gut, das dachte ich damals auch.
          ja das frag ich mich auch. aber wer weiß, ob wir damals damit hätten umgehen können 😉 wird schon seinen sinn gehabt haben, dass es so gekommen ist!

  18. Was für ein trauriger Text… Ich habe das große Glück, dass ich noch recht junge und fitte Großeltern habe, zumindest mütterlicherseits. Die väterlicherseits habe ich aber auch nie kennen gelernt. Von daher habe ich bisher zum Glück noch überhaupt keine Erfahrungen mit dem Tod von geliebten Menschen gemacht und ehrlich gesagt graut es mir auch ein wenig davor über so etwas nachzudenken. Wenn es dann so weit ist, wird mir das sicherlich mit ausreichend Wucht treffen. Bis dahin halte ich es eher mit Verdrängung…
    Ich kann mir auch überhaupt nicht vorstellen, wie man jemals über so eine Lücke hinweg kommt….

    Na ja, in dem Onlineshop waren zig solche Beispiele, bei einem Foto hat man sich sogar gefragt, wo denn bitte der Po ist? Also das wäre dir sicher auch aufgefallen, das war schon sehr seltsam und sah einfach komisch aus.

    Wie ich auf Instagram gesehen habe, hat es ja mit Portugal geklappt. 😉

  19. Wenn wir gehen, sind wir nie wirklich weg.
    Wir werden ein Teil des großen ganzen und somit finden wir unsere Liebsten in jedem Schmetterling, jeder Blumenwiese oder am Himmel daherziehenden Wolke.

    Solange wir die Erinnerungen an unsere Liebsten im Herzen wach halten, sind sie bei uns.

    1. ich musste grade an „the circle of life“ von könig der löwen denken. und ich meine das nicht doof, ich mag könig der löwen.
      ich denke, sie sind ein teil von uns, weil sie uns mit geprägt haben, weil wir ihre geschichten und ihre stimmen verinnerlicht haben.

  20. Ein Hammer starker Text, der einem sehr unter die Haut geht.
    Es gibt Dinge, Ereignisse, die uns vollkommen aus der Bahn werfen, uns treffen, und sehr weh tun.
    Aber wenn jemand stirbt so wie deine Oma. oder ein Teil der Familie, dann schmerzt es direkt im Herzen.
    Und dort werden sie auch für immer ihren Platz haben. Damit leben sie mit und in uns weiter.
    In den Erinnerungen. In den Gesten, die wir von Kind auf von ihnen angenommen haben.
    Und irgendwann -> werden auch wir wissen, was danach kommt……..
    Alles-Alles Liebe
    Nila

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