1993: das Jahr in dem die Schatten der Vergänglichkeit in mein Leben kamen

1993 war ich 6 Jahre alt. Ich erinnere mich nicht als wäre es gestern gewesen, aber ich erinnere mich doch noch relativ klar an diesen Moment. Ich stand im Vorzimmer der Wohnung meiner Großeltern und hatte das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Ich sehe mich dort stehen, zwischen Kommode und Türrahmen des Kinderzimmers, meine Oma vor mir, hinter ihr der Spiegel mit dem blinden Fleck in der rechten oberen Hälfte.

Der Zeitpunkt meines Besuchs war ungewöhnlich. Ich fragte sie, warum ich denn mitten im Schuljahr mitten unter der Woche bei ihnen war. Meine Großmutter versuchte mir zu erklären, dass die Mutter meines Vaters gestorben und meine Eltern auf der Beerdigung meiner anderen Großmutter waren. Sie war ein wunderbarer Mensch gewesen aber aufgrund der Entfernung kannte ich sie kaum. Zuerst verstand ich nicht. Doch auf einmal begann ich etwas zu begreifen. Ich hatte verstanden, dass wir nicht alle für immer auf diesen Planeten verweilen würden. Und mein Blick fiel auf meine Großmutter. Mein Blick, der im Moment zuvor noch der eines vertrauensvollen Kindes gewesen war, das an die Stabilität des Umfelds glaubte. Ich war 6 Jahre alt und ich begriff, dass meine über alles geliebte Großmutter, schon länger krank als ich auf der Welt war, ebenfalls jeden Moment gehen und mich verlassen könnte. Sie versuchte mich zu beruhigen, wollte mich aber nicht anlügen. Und von da an begleitete mich die Angst, mit jedem Schritt, jeden Tag, bis zu dem Tag als es passierte.

img_7358

Ich habe niemals mit jemandem darüber gesprochen, nicht mit meinen Eltern oder Freunden, aus Angst davor, die Worte könnten ein „vielleicht“ Realität werden lassen und auch, weil ich Angst vor der Reaktion hatte und Angst, jemand anderen zu verletzen. Jeden Tag schlief ich ein mit der Angst, am nächsten Tag aufzuwachen – und die Nachricht zu erhalten, dass sie es nicht getan hatte.

img_7360

Immer wenn nach einem Besuch der Heimweg angetreten werden musste, steigerte sich meine Angst, sie nie wiederzusehen, soweit, dass ich die Nacht meistens kotzend auf dem Klo verbrachte. Ich fühlte mich einsam mit meiner Angst, ich wünschte mir jemanden, mit dem ich sie teilen konnte, eine Schwester, einen Bruder, eine Katze einen Hund oder etwas anderes mit vier Beinen und Fell, nur um zu wissen, dass ich nicht alleine war. Aber da war nichts und da war niemand, nur meine Eltern, in anderen Sphären, die nicht begreifen konnten was in mir vorging und mit denen ich diese Angst nicht teilen konnte und wollte.

img_7359

Ein Satz, der ganz tief in meinem Gehirn vergraben war. Ein Satz, den ich als Kind immer gehört habe wenn ich mal wieder geheult und gekotzt hab weil sie weggefahren sind. Ein Satz, der meine latente Angst damals immer ein wenig ruhig gestellt hat. Die Angst, die ich habe seit ich denken kann. Die Angst, dass die Krankheit stärker ist. Die Angst, dass ich eines Tages aufwache- aber sie nicht.
‚Schätzchen, mach mir nicht da Herz so schwer’
Nur damals, damals hatte dieser Satz noch einen zweiten Teil…
‚Wir kommen ja wieder’

Dieser Satz kreist nun. Seit heute in der Früh kreist er durch meinen Kopf, nach vorne, nach hinten, nach oben, nach unten, vorwärts, rückwärts, diagonal und wieder zurück.
Sie hat nur noch dafür gelebt uns zu sehen, uns zuzuhören, da zu sein weil wir sie lieb haben. Sie hat alles was irgendwie in ihrer Macht gestanden ist getan damit es uns gut geht. Sie wollte nie, dass wir uns Sorgen machen, hat alles was sie betraf heruntergespielt, immer nur an uns gedacht.
Sie hat wohl alle verdammt die jemals etwas getan haben das uns verärgert oder gar verletzt hat.
Sie hätte nie gewollt dass es uns wegen ihr schlecht geht.

‚Schätzchen, mach mir nicht das Herz so schwer.‘
Auch dieses Mal hat der Satz einen zweiten Teil
‚Lass mich gehen. Ich hab mein Leben gelebt.’

Als es passierte, damals, als ich 19 Jahre alt war, traf es mich zwar nicht unvorbereitet, aber nicht mit weniger Wucht und der Schmerz des Verlustes fühlte sich noch viel heißer, viel stechender und viel verzweifelter an als in meiner Vorstellung. Es ist das Leben, es ist der Gang der Zeit, es ist nichts Außergewöhnliches, aber dennoch grausam, unvorstellbar, nicht verstehbar und unabwendbar. Es hat lange gedauert, bis mein Leben für mich weiterging und obwohl der Gedanke an den Verlust schon mehr als die Hälfte meines Lebens so präsent war, hat mich das tatsächliche Ereignis verändert.

Man kann sich nicht vorstellen, was für ein monströses Loch ein Viertel Familienverlust bedeutet. Wie viel Leere es hinterlässt, wenn einer von vier Menschen, aus denen meine Familie bestand, einfach geht. Dafür steht da jetzt ein Foto. Ein unscheinbares Foto mit schlichtem, dunkelgrauem Rand in einem holz- goldenen Bilderrahmen.

img_7356

Ich weiß nicht, wie andere Leute eine Akzeptanz für den Tod in ihrem Leben erschaffen können. Ich weiß nicht, wie sie es schaffen, die Lücke zu schließen oder den Schmerz abklingen zu lassen, denn ich vermisse sie heute nicht weniger als damals. Es traf mich mit 19 und ich fühlte mich als wäre ich das kleine 6jährige Mädchen, hilflos und vor allem: allein mit meinem Schmerz.

Als du gegangen bist, war ich ruhig.
Kaum jemand hat mir etwas angemerkt.
Innerlich sah es anders aus.
Eine Implosion.
Jetzt liegt alles in Scherben
und ich kann niemanden bitten mir zu helfen sie wieder zusammenzukleben

img_7357

Wohin geht die Liebe für einen Menschen, wenn dieser Mensch für immer fort ist von dieser Welt?

Heute sind es 10 Jahre.