Blaue Stunde am See oder der Mensch stirbt, wie die Sonne untergeht.

Wenn ich einen Text über den Tod oder das Sterben schreiben will, dann lande ich üblicherweise bei Naturbildern, um die Worte zu untermalen. Ganz besonders zieht es mich allerdings immer wieder zu den Fotos vom Wolfgangsee. Wie auch bei diesem Text Über das Leben und dessen Ende. Ich vermute, dass es daran liegt, dass die Bilder in den Weihnachtsfeiertagen entstehen und ich dort, fernab des Großstadttrubels, jede Menge Zeit und Stille nachzudenken finden kann. Interessanterweise scheint es so, dass Ruhe, Stille und Natur für mich nicht nur unmittelbar mit dem Leben, sondern auch mit dem Tod zusammenhängen. Aber welche Hintergründe auch immer genau in meiner Assoziationskette ablaufen – heute möchte ich wieder einmal versuchen, einen Text über eines der letzten Tabuthemen unserer Gesellschaft zu schreiben. Ein Thema, das so gerne ausgeklammert wird, weil es nicht zu Glück und Selbstverwirklichung und allen unseren anderen gehypten Werten passt. Ein Thema, das zu wenig Raum bekommt, von dem wir entfremdet sind und das uns vielleicht deswegen oft so große Angst macht und so schwer fällt, weil es nicht mehr vor unseren Augen stattfindet und doch niemand davon verschont bleibt.

Als meine Großmutter starb, war ich 19 Jahre alt. Es klingt vielleicht seltsam, wenn man das über einen 82jährigen, chronisch kranken Menschen sagt, aber ihr Tod kam relativ plötzlich und obwohl ich mich seit ich denken konnte davor gefürchtet hatte, überraschten und überrollten mich Schmerz und Trauer auf eine Art, die ich mir nicht hatte vorstellen können. Ich war einfach noch nicht bereit, sie gehen zu lassen. Aber ich hatte Glück, dass die letzten Worte, die ich zu ihr sagte, als ich sie das letzte mal sah, „ich hab dich lieb“ waren. Ich wusste nicht, dass ich sie nie wiedersehen würde. Es ging verhältnismäßig schnell. Etwas über eine Woche davor war sie noch zuhause, nur die letzten Tage im Krankenhaus, die meiste Zeit davon war sie klar und da. Sie hatte sich lange auf den Abschied vorbereitet und hatte wohl selbst entschieden, dass sie nun beruhigt gehen konnte.

blog_wolfgangsee2016-05Nun, mehr als 10 Jahre später, erlebe ich eine etwas andere und doch ähnliche Situation. Einen sehr alten Menschen, der den Entschluss gefasst hat, dass seine Zeit auf diesem Planeten nun zu Ende sein soll. Wir erlebten sogar den Tag, an dem das passierte. Es war ein Sonntag im Jänner, es war kalt und der Geburtstag ihrer Tochter. Wir wollten Essen gehen, alles sah gut aus. Keine 20 Minuten, bevor wir aufbrechen wollten, kam der Anruf, dass wir doch im Heim bleiben müssten, weil es ihr nicht gut ginge. Als wir kamen, war sie immer noch sie. Schwach, abgemagert, aber der Mensch, den wir kannten.

Wir hievten sie in den Rollstuhl, fuhren mit ihr in die Caféteria, setzten sie auf die Bank. Von Minute zu Minute wurde sie in sich gekehrter. Wir vermuteten, dass sie müde und angestrengt sei. Eine knappe Stunde später schafften wir es kaum noch, sie wieder in den Rollstuhl und danach ins Bett zu verfrachten. Als wir an dem Tag gingen, verschwand auch sie.

blog_wolfgangsee2016-01Montag kam die Nachricht, ihr ginge es sehr schlecht, möglicherweise war es Zeit für den Abschied. Wir kamen alle. Sie war nicht mehr da. Nur mehr ein Körper, eine Hülle. Wir wussten nicht, ob sie uns wahrnahm, als wir kamen schlief sie schon und reagierte nicht mehr. Ihr Gesicht war fahl, ihre Atmung tief und ruhig.

blog_wolfgangsee2016-14Wir verabschiedeten uns und rechneten damit, dass es in der Nacht passierte. Doch die Sonne ging auf und sie atmete noch.

Und so ging die Woche ins Land. Er besuchte sie jeden Tag. Meistens schlief sie, manchmal war sie wach, wenn sie sprach, wenn sie sprechen konnte, war sie verwirrt, sichtlich entrückt, anderswo. Wenn sie klar war, konnte sie nicht sprechen. Aber sie schien zu verstehen, sie nickte und schüttelte den Kopf, ganz klein und leise. Er streichelte ihren Arm. Irgendwann in dieser Woche wachte sie auf, kam zu sich und begriff ihre Situation. Der Schmerz überrollte sie. Dann verschwand sie wieder in einen Zustand zwischen den Welten.

„Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist.“, flüsterte sie irgendwann dazwischen.

Jemanden beim Sterben zu begleiten, ist schwer. Es braucht Kraft, es tut weh, auch wenn man selbst nur ein Angehöriger der Angehörigen. Es berührt tief und beschränkt das Leben für den Moment auf das Wesentliche. Man möchte dem Menschen helfen, es leichter machen und doch kann man nichts tun als da zu sein, beruhigende Worte zu sprechen, und zu warten, bis der Mensch bereit ist, loszulassen. Wie und wann er geht, ist immer noch seine ureigenste Entscheidung.

Wie man als Begleitender damit umgehen kann, wie man am besten unterstützen kann, kann man immer nur individuell für sich selbst herausfinden. Manchmal hilft es, sich darauf vorzubereiten, welche Phasen und Stadien auf einen zukommen, denn der Sterbeprozess zeichnet sich körperlich durch relativ eindeutige Symptome ab. Es kann helfen, sich zu informieren, wie man auf wache Verwirrtheitsphasen reagieren kann und was wichtig im Gespräch mit dem Sterbenden ist. Vor allem aber sollte man keine Angst haben, auf seinen Instinkt hören und einfach da sein.