#metoo: was ich nicht mit Klarnamen schreiben und dennoch loswerden möchte

#metoo – der Hashtag, der in der letzten Woche mehr oder weniger um die Welt ging. Zumindest um die westliche. Ich las zum ersten Mal davon auf Facebook, als ihn eine Freundin von mir postete. Eine dieser selbständigen Frauen, die ich so sehr dafür bewundere, mit beiden Beinen in ihrem Leben zu stehen, ihr Ding durchzuziehen, sich nicht von ihrer Familie beeinflussen zu lassen. Eine, die nie den Weg des geringsten Widerstandes ging. Eine Frau, die die verschiedensten Phasen in ihrem Leben durchmachte, bis sie sich fand und das, was sie wollte. Jemand, der immer selbst auf sich achten konnte.

Das Thema, das dem zugrunde liegt ist eines, das in meinem Freundeskreis, der aufgrund meines Lebenslaufs zu einem großen Teil aus weiblichen Personen besteht, in den letzten Jahren sehr präsent war. Weiblich zu sein in unserem Teil der Welt, in dem es uns als Frauen unvergleichlich gut geht und dennoch kämpfen viele von uns mit den „Konsequenzen“ ihres Geschlechts. Kluge, ehrgeizige und fleißige Frauen, die in ihrem Arbeitsumfeld milde von alten (oder weniger alten) Männern angelächelt werden, die trotz ihrer Position von Kollegen nicht als Entscheidungsträger akzeptiert werden – nicht, weil ihnen die Kompetenz fehlt, sondern Bart und Penis.

Als ich die ersten Male mit Freundinnen darüber sprach, war meine Reaktion wohl per Definition maskulin: das liegt bestimmt daran, wie sie sich geben. Doch 1. ist das ein vorschnelles Urteil, da ich keine Ahnung habe, wie diese Frauen am Arbeitsplatz mit ihren Kollegen umgehen und 2. ist das noch lange keine Berechtigung, so mit einem erwachsenen Menschen, der sich durch Ausbildung, Bewerbung und tägliche Arbeit für einen Job qualifiziert hat, umzugehen.

Was mir nach all den vielen Gesprächen um unsere Situationen in unseren Arbeitsverhältnissen in jedem Fall aufgefallen ist, ist, dass es tatsächlich kaum einen Unterschied macht, ob wir groß oder klein, dick oder dünn, arm oder reich, alt oder jung sind. Jede von uns hat ihre Geschichten. Jede von uns hatte Hände am Arsch oder zwischen den Beinen oder am Busen von Männern, die dazu nicht nur nicht eingeladen waren, sondern die wir nicht einmal kannten. Jede von uns wurde mit verächtlichen Kommentaren bedacht, dass Frauen ja dies und jenes nicht können oder hier und dort ohnehin nicht hingehören. Manche von uns stecken das besser weg, andere weniger.

Ich will nicht sagen, dass Männern so etwas nicht passieren kann. Ich will nicht sagen, dass es Männer leichter haben im Leben. Ich will hier nicht vergleichen oder abwägen. Aber ich will sagen, dass nichts davon in Ordnung ist. Und, dass es ganz, ganz große Unterschiede gibt.

Es gibt alte Männer, die Frauen um die 40 mit „Mäderl“ anreden und denen man das wirklich von Herzen verzeihen darf, weil es zwar vielleicht nicht politisch korrekt ist, aber keinerlei bösen Hintergedanken enthält. Es gibt junge Männer, denen in der Nervosität ein Kompliment missglückt, das nie abfällig gemeint sein sollte. Letztlich geht es darum, was dahinter steht und wo für jede/n die Grenze ist, ist objektiv möglicherweise schwer zu beurteilen.

Ich war übrigens immer felsenfest davon überzeugt, dass ich von so etwas nicht betroffen bin. Ich bin nicht eines von diesen hübschen, mädchenhaften Mädchen, bei denen Männer ihre machohaften Bedürfnisse ausleben. Und es stimmt insofern, dass mir heute sehr, sehr selten etwas in diese Richtung passiert und wenn nur bei anonymen, betrunkenen Männergruppen, die mir auf meinen sehr ungeliebten Messen begegnen. Dieselben Gruppen, die auch alles andere beleidigen, das nicht gerade Teil ihrer Gruppe ist. Ich verbuche das unter unerfreulich, aber hoffnungslos. Doch es gibt sehr wohl Erlebnisse, die auch ich nicht so einfach weggesteckt habe. Erlebnisse mit Männern, zu denen ich emotionale Beziehungen hatte.

Da war „der Erste“, der mir nach 3 Wochen „Beziehung“ (es waren wohl in etwa 4 oder 5 Treffen) erklärte, dass ein Mann nunmal körperliche Bedürfnisse hätte und auch wenn er mich mag, müsste ich verstehen, dass er sich anderswo holt, was er von mir nicht bekommt. Ich war jung und dumm und gab ihm wider besseren Wissens was er wollte und er nahm es in dem Wissen, dass ich es nur um seinetwillen machte. Danach versuchte er mich zu ghosten (nur dass es damals noch keinen Begriff dafür gab), was ihm in der Kleinstadt nicht gelang und servierte mich ab mit der Erklärung, dass Frauen für Männer nunmal Spielzeug seien und wenn man sie mal hatte, werden sie eben uninteressant. Natürlich ist das eine typische Teenagergeschichte, wie sie Millionen andere vor und nach mir erlebt haben und dennoch habe ich nie verstanden und werde ich auch nie verstehen, dass jemand so etwas nimmt, das ihm nicht gerne und freiwillig, sondern aus (Verlust)Angst gegeben wird.

Und dann gab es „den Ex“, mit dem sich die zwischenmenschlichen Probleme die wir hatten bereits auf das Körperliche auswirkten, ich war müde, ich wollte schlafen, ich sagte nein, ich drehte mich weg und er tat es trotzdem obwohl ich so tat als würde ich schlafen. Ich wehrte mich nicht, weil ich innerlich kaputt war, weil ich nicht wusste, wie ich uns retten sollte und weil mir damit alles gleichgültig geworden war. Ich war nicht mal ganz sicher, ob ich im Recht war oder nicht. Ich weiß es noch als wäre es gestern gewesen, als ich fassungslos da lag und mir dachte, das passiert gerade wirklich und er hat keine Ahnung, was er da eigentlich gerade macht.

Ich habe im Nachdenken der letzten Wochen festgestellt, dass vieles an mir abprallt, das anderen wehtut und das ist ein Glück. Das macht es nicht in Ordnung, aber es ist gut für mich. Tatsächlich ist es auch so, dass diese beiden Erlebnisse, von denen ich hier erzählt habe, mich nicht jahrelang verfolgt oder mir Alpträume beschert hatten, für mich waren es andere Dinge, die schwieriger zu überwinden waren. Aber dennoch ist es passiert, dennoch wagte ich nicht, für mich einzustehen, weil das Machtverhältnis nicht ausgeglichen war, ich mich ausnutzen oder viel mehr benutzen ließ aus Angst, einen Verlust zu erleiden – was letzten Endes sowieso passierte.

Und nun stellt sich die große Frage: warum schreibe ich das hier? Es geht nicht um Reichweite, oder darum, auf einen Zug aufzuspringen, mich als hilfloses Opfer darzustellen oder Mitleid zu erheischen – oder gar die Männer im Allgemeinen zu verteufeln (bloß nicht, ohne euch wäre es doch total doof!). Aber worum geht es? Ich stelle diese Frage im Moment vorrangig mir selbst, da ich auf einmal das Gefühl hatte, diesen Text schreiben zu müssen, aber nicht genau sagen kann, welche Triebfeder mich dazu veranlasst hat. Klar, ich fand diese Situationen beide total scheiße, aber sie haben mich nicht verändert oder meinen künftigen Umgang mit Männern verändert. Die Frage ist vielleicht viel mehr: wieso finden Männer (oder Menschen) nichts dabei, Sex einzufordern, obwohl der andere ihn nicht will? Und warum wagen Frauen es nicht – in Situationen wie meiner – sich dem zu entziehen? Warum wollen die einen etwas so Intimes, das einem nicht freiwillig gegeben wird – und warum geben es die anderen trotzdem?

Ich wurde niemals als „braves Mädchen“ erzogen, das die Klappe halten und sich fügen sollte. Es wurde von mir immer Leistung erwartet, aber auch Persönlichkeit, Präsenz und ich wurde immer dazu ermutigt, mir nichts gefallen zu lassen, egal wie wichtig die Person auch sein möge. Ich hatte mehr Lego Bausätze als Barbiepuppen, ich habe niemals rosa getragen und lief fast immer mit kurzen Haaren (die ich hasste) und in Jeans durch die Gegend. Ich wurde nicht dazu erzogen, so etwas zuzulassen. Und doch war etwas in mir, das mich in der jeweiligen Situation zutiefst verunsicherte und mir Glauben machte, dass diese Männer (die beide verdammt jung und vielleicht Idioten, aber keine grundsätzlich schlechten Menschen waren) ein Recht darauf hätten, zu bekommen was sie wollten, auch wenn das meinen Bedürfnissen widersprach. Auf der anderen Seite – und das ist wiederum ironisch as fuck – weiß ich, dass beide Männer zumindest zum damaligen Zeitpunkt das Gefühl hatten, dass Sex nötig sei, um vor sich und ihren Freunden nicht in ihrer Männlichkeit angezweifelt zu werden und dass mich zu verweigern offenbar ihren Selbstwert bedrohte.

Es liegt also vielleicht nicht nur am Bild der Frauen, das in der Gesellschaft geändert werden muss, sondern auch am Bild der Männer. Wir diskutieren mittlerweile hitzig über objektivierende Werbung und geschlechtsneutrale Sprache und und und und da ihr das sicher alle kennt, werde ich an dieser Stelle an andere verweisen, die davon mehr verstehen. Aber was ist mit der Sprache der Männer? Frauen aufreißen, klarmachen, abschleppen – die ersten drei Begriffe, die mir einfallen, die den Mann zum aktiven und die Frau zum passiven Part machen und in dem überreden und überzeugen durchaus zur Erwartungshaltung gehören. Selbst wenn Männer in ihren Familien nicht dazu erzogen werden, ist das gesellschaftliche Bild immer noch von dieser Rollenverteilung geprägt. Die Prahlerei über erfolgreich verbuchte Aufrisse zwischen jungen und nicht mehr ganz so jungen Angehörigen des maskulinen Gesellschaftsteil ist meines Wissens immer noch en vogue. Ich weiß, dass es Männer gibt, die sich schämen, die Anzahl ihrer Bettgenossinnen auszusprechen, weil sie denken, dass von ihnen erwartet wird, dass die Zahl größer ist. Dass ihnen auf die Schulter geklopft wird, wenn sie Frauen im Vorbeigehen anmachen. Denn „Weicheier“ und „Luschen“ haben es schwer im Leben.

Daher, liebe Mütter, Schwestern und Töchter (und auch Enkelinnen): sagt euren männlichen Verwandten, dass es total in Ordnung ist, ein Clay Jensen zu sein. Vielleicht leben wir dann irgendwann tatsächlich in einer ehrlich gleichberechtigten Welt.


Heute ohne Fotos.