Traktat über die Fotografie

[…]dass so ein Stift ja überall herumsteht[…]

Und während Miss Paleica so ihre Kommentare liest, kommt ihr ein gewisser Gedanke…

Fotografie kann man von zwei Seiten aus angehen. Die eine Seite ist die, die man auf folgendem Bild sehen kann:

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Das Foto zeigt deutlich Schnittblumen, rot, saftig und voll. Man nennt sie Gerbera. Sie sind leicht zu erkennen, da sie in ihrer typischen Form fotografiert wurden. Zentral in der Mitte die schmalen, unzähligen kleinen Blütenblätter in knallbunten Farben und nach unten hin sieht man den blattlosen Stängel ein wenig durchscheinen. Dieses Bild hält fest, was die Autorin bzw. die Fotografin gesehen hat: ein Strauß wunderschöner Gerbera. Es ging beim Abdrücken darum, einen realen, erinnernswerten Moment festzuhalten, abzubilden, zu konservieren.

***

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Und dann gibt es noch eine zweite Art und Weise, Bilder zu sehen und entstehen zu lassen. Ich nenne es einmal provokant: inszenieren. Denn auf diesem Foto sieht man etwas, dem man im Alltag normalerweise keine Beachtung schenken würde. Die grünen, blattlosen, leicht haarigen und gänzlich unspektakulären Stängel dieser wunderschönen Blume namens Gerbera, die in ihrer Pracht hier nicht zur Geltung kommen darf. Es geht nämlich nicht per se um den Gegenstand, sondern um die Darstellung des Gegenstands. Auf diesem Bild könnte auch jede andere Blume, jedes andere Ding sein. Es geht darum, dass etwas in Szene gesetzt wird und auf dem Lichtbild eben genau anders ist als in der Realität. Es ist ein gewisser Ehrgeiz, Dingen einen anderen Touch zu geben. Sie so zu zeigen, wie sie der Rezipient davor noch nicht gesehen hat. Das ist das, was ich mit meiner Fotografie versuche. Die Welt sehen wie sie ist, das können alle, das kann jeder einzelne von uns. Aber ich versuche, Relationen zu verschieben, andere Ebenen ins Bewusstsein zu rücken, ich versuche, ein klein wenig Kunst zu schaffen.

[…]dass so ein Stift ja überall herumsteht[…]

Das bedeutet aber nicht, dass man ihn nicht Gegenstand eines spannenden Bilds machen, und dass er nicht einmal, an einem einzigen Tag, für sich auch etwas Besonderes sein kann.

Verfasst von

Internetmethusalem. Schütze Aszendent Jungfrau, zwanghaft neurotisch, begeisterungsfähig, Kommunikationsjunkie, Psychotante. Ein Kopf voll Gefühl, ein Herz voll Gedanken.

29 Kommentare zu „Traktat über die Fotografie

  1. Wundervoll hast du das dargestellt. Es ist nicht immer einfach, Dinge zu zeigen (zu fotografieren) so wie man sie eben nicht täglich sieht und genau das macht den Reiz einer Fotografie aus.

    Zum aktuellen Wochenthema hab ich auch noch keine Idee. Aber vielleicht find ich ja im Urlaub was. Bin dann also erstmal weg. 😉

    Wünsch dir ne schöne Woche. Bis bald.

    Liebe Grüße,
    Enrico

    1. ja, so seh ich das auch. es ist sogar ziemlich schwierig. und manchmal will ich das auch gar nicht. wenn ich zB in paris bin, dann möchte ich einfach manche momente festhalten, genauso wie sie sind. nur im alltag, da soll es eben ‚anders‘ sein um spannend zu bleiben.

  2. Oh ja, warum nicht die Stängel einer Gerbera betrachten … fein pelzig sind sie – man mag mit den Fingern drüberstreichen 🙂
    aber vorsichtig, denn sie sind empfindlich …

    Ganz im Gegensatz zu … hmm … einer Rose – abgesehen von den Dornen ist die Oberfläche hart und glatt 🙄

    Außerdem – ist es nicht perfekt, wie die Blütenblätter in diese grünen „Körbchen“ eingebettet sind ….

    Einen schönen Abend
    wünscht
    Sabine

  3. Sehr schön dargestellt…. mit der Kamera versuchen den Blick auf die Dinge zu werfen, die man beim ersten Blick meist übersieht.
    Banales aus diversen Blickwinkeln zu neuen Ehren verhelfen…

  4. Guten Morgen Süße.

    ich finde beide Aufnahmen sehr gelungen.. derzeit versuche ich ebenso andere Perspektiven zu finden, um die Dinge ins rechte Licht zu rücken.. :]

    Das Bild ist eine kleine andere Perspektive von meiner Britta.. :]

    Ich hab noch immer kein Bild für heute.. hoffe ja, dass mir was dunkelrotes übern Weg läuft, während ich auf Arbeit sitze.. :] wie hoch ist da die Wahrscheinlichkeit?!? :]

    So wünsche dir ersteinmal nen schicken Dienstag, werde später noch vorbeischauen und mir dein neues Thema anschauen.. :]

  5. Stimme dir absolut zu! Und das ist es auch, was deine Fotos für mich besonders macht. Dass du eben nicht das Offensichtliche fotografierst.

    Mach unbedingt weiter so, ja!?

  6. Ohja *zustimm*

    Viele sehen nur das Obere…
    dabei gehört da noch viel mehr zu…

    Dabei finde ich die zweite noch viel besser
    wie das Licht da verläuft..und einfach die Perspektive
    klasse.

  7. Das ist ein sehr schöner Beitrag. Danke dir 🙂 Ich hoffe, dass er viele nicht nur inspiriert (denn er ist meiner Meinung nach inspirierend), etwas anderes/neues auszuprobieren, sondern auch reflektieren lässt.

    Ich finde es sehr schön, dass du von dir sagen kannst, dass du ein bestimmtes Ziel mit deinen Fotos verfolgst. Es macht sie besonders 🙂

    Ich persönlich habe eher einen ästhetischen Anspruch. So könnte man es ausdrücken, irgendwie (?). Oh man – jetzt bin ich verwirrt *gg*

    Blumen zu fotografieren halte ich allgemein für eine besonders anspruchsvolle Disziplin. Normalerweise sind sie langweilig (die Fotos). Ohne Leben und Blickfang. Ich finde auch das erste Foto auch eher langweilig, während das zweite Foto wesentlich mehr Kraft hat. =)

    LG,
    Flügel

    1. der ästhetische anspruch = die dramaturgie des bildes ^^
      was die blumen anbelangt liegt das glaub ich daran, dass sie sich so wunderbar als fotoobjekte eignen, dass sie jeder gerne fotografiert weil sie einfach schon von sich aus wunderschön sind. um den bildern da noch eine besondere note zu verleihen und aus der menge herauszustechen, in erinnerung zu bleiben, muss man schon all seine kreativität spielen lassen.

  8. Hallo Paleica,
    Du hast absolut Recht – und toll geschrieben!

    Deine roten Fotos sind wieder klasse. Btw: Aus London hab ich gestern und heute je ein Bild, es gibt so viele rote Dinge dort :-).

    Ich war übrigens im Sabo Shop und hab auch zugeschlagen :-)))

    Viele liebe Grüße an Dich
    Katinka

  9. Auch das macht deine Bilder oft so einzigartig schön: dass sie einzigartig sind und nicht so, wie man die „Models“ sonst immer sieht.

    Trifft auch immer wieder auf Menschen zu – wenn man sie von einer anderen Seite betrachtet/kennenlernt zeigen sie oft eine ganz andere, nicht gleich offensichtliche, Seite….

    Liebe Grüße an dich!
    Eveline

    1. wie jeder mensch einzigartig ist, ist es auch (beinahe) jeder gegenstand. und deswegen gibt es genauso unzählige darstellungsweisen und möglichkeiten. wenn es sich also zb um gebrauchsgüter handelt, die uns den alltag erleichtern, haben die ja quasi das gleiche recht einmal im rampenlicht zu stehen wie ein freund, der uns unter die arme gegriffen hat (=

  10. Einfach nur cool! Das kann ich bisher nicht. Aber – es stimmt: Dein Beitrag wirkt inspirierend! Danke.

    Liebe Grüße von Ruthie

  11. Oh, ich schätze an Gerberas auch ihren Stiel. Durch diese Geradlinigkeit ohne Dornen & Co. kommen sie ohne weiteres Blattwerk, ohne weitere Blümchen in einer schmalen Vase einfach wunderbar zur Geltung. Meiner Meinung nach die schönste Art Gerberas zu präsendtieren: allein, dem Betrachter vollkommen von allen Seiten ausgeliefert.

    Schön, dass du dem Stengel auf diese Weise in der Welt etwas Aufmerksakeit schenkst 🙂

  12. Ich beachte bei einer Gerbera auch die Stiele. Ich finde, Gerberas sind einfach fantastische Blumen, meine Lieblingsblumen. Muss ich mal anmerken, auch wenn du geschrieben hast, dass auch was völlig anderes auf den Bildern zu sehen sein könnte. Aber auch ein schöner Text. 🙂

  13. Da freut sich mein Gärtnerherz. Diese kleinen Härchen an der Sprossachse sind die Dinge, die mir am ehesten auffallen.

    Das Schöne an der Fotografie ist ja, dass man Details viel mehr beachtet.

    1. ja, genau das ist es was ich meine. man sucht viel mehr nach dingen, die man hervorheben kann, die ansonsten übersehen werden. das finde ich eben ganz wundervoll. man schaut genauer. man entdeckt die welt mit anderen augen. man muss nur aufpassen, dass man vor lauter detail das ganze nicht übersieht.

    1. ja, ziemlich oft und ziemlich viel. manchmal sogar veröffentlicht, haha. meistens wandern die aber entweder in den müll oder bleiben ungesehen in den ordnern (;

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