5 Anti Reisetipps oder mehr Menschsein in der Blogosphäre.

Während ich letztens meine persönlichen 7 Reiseweltwunder vorbereitet habe (die ihr auch beizeiten zu lesen bekommt), habe ich kürzlich bei Janine etwas ganz anderes gefunden. Ihre 5 persönlichen Anti-Reisetipps. Ich fand diesen Zugang interessant, denn manchmal kommt es mir so vor, als dürfe man heutzutage ja nur noch über die schönen Dinge sprechen während das, was einem nicht gefallen hat, besser gänzlich unter den Tisch gekehrt wird. Eigentlich finde ich es aber gleichermaßen spannend, wo es jemandem und aus welchen Gründen nicht gefallen hat, wie ich leidenschaftliche Begeisterungsstürme verfolge.

Außerdem trage ich den Beitrag noch in Janines Blogparade nach, von der ich soeben gelesen habe 🙂

Das Thema, etwas zu posten, das einem NICHT gefallen hat, etwas, das nicht perfekt, retro, vintage, DIY oder veggie ist, hat in verschiedenen Formen die letzte Zeit ein bisschen Kreise gezogen. Anne fragt sich auf ihrem Blog, wie sehr Blogger Wirklichkeit inszenieren. Dieser Artikel hat Bee dazu veranlasst, sich über die Statistiken des eigenen privaten Blogs Gedanken zu machen. Und mich darüber, wie sehr auf Blogs nur die Sonnenseiten des Selbst gezeigt werden.

Allgemein ist dieser rosarote Perfektionswahn etwas, das auch mir schon manchmal sauer aufstößt. Klar, niemand liest gern Blogs, auf denen nur herumgejammert wird, wie schrecklich das eigene Leben nicht ist, weil die Lieblingsserie nun einen Sendeplatz hat, der sich blöderweise mit der wöchentlichen Maniküre überschneidet. Überspitzt gesagt, aber ihr wisst was ich meine. Ich habe auch absolut nichts gegen all diese „Blogs der schönen Dinge“ einzuwenden. Viele davon sind unglaublich liebevoll und aufwändig gemacht und haben ihre Leserschaft auch eindeutig verdient (außerdem: wer bin ich, das zu entscheiden). Und auch ich habe den Episodenfilm vor vielen Jahren dazu auserkoren, ein „Ort der schönen Dinge“ zu sein. Ich wollte nur darüber schreiben, was mich glücklich macht, an welchen Kleinigkeiten es sich erfreuen lässt. Vor dem Hintergrund, dass das etwas war, das mir immer sehr schwer gefallen ist. Ich neige dazu, ein kleiner selbstmitleidiger Jammerlappen zu sein, wozu ich mal mehr, mal weniger das Recht habe, mir aber jedenfalls den Alltag damit versaue. Irgendwann kippt dieser Vorsatz dann aber, wenn es im Umfeld nur noch Glück und Zufriedenheit gibt. Es gab Posts, die ich nie geschrieben habe, weil sie Gedanken beinhalteten, die traurig, melancholisch, schwermütig waren. Das wollte ich nicht zeigen. Aber wo, wenn nicht hier? Frage ich mich. Es gibt sie nunmal, die düsteren, blöden, doofen und ätzenden Tage. Auch diese Momente finden Platz in Bildern. Manchmal ist es ein oberflächliches Frustabladen, manchmal geht der Schwermut tiefer. Aber wozu führt man einen persönlichen Blog, wenn man darüber in der rosaroten Blogosphäre nicht mehr schreiben will?

Darum ist hier jetzt offiziell Schluss damit. Der Anfang wurde schon vor längerem gemacht, spätestens mit den Metaphern in Graustufen. Als Ilona wissen wollte, was ich noch mit meinem Blog vorhabe, schrieb ich, dass ich das nicht sagen kann, da mein Blog mein schriftlicher Lebensbegleiter ist. Und in meinem Leben gibt es Höhen und Tiefen. Ich habe das Glück, einen wundervollen Menschen an meiner Seite zu haben. Ich habe das Pech, seit Monaten mit massiven Rückenproblemen geplagt zu sein. Ich habe das Glück, einen Job zu haben, den ich im Grunde mag. Ich habe das Pech, eine beste Freundin gehabt zu haben, die aufgrund von Depressionen den Kontakt zu mir abgebrochen hat. In meinem Leben gibt es wundervolle Momente und beschissene Momente. Um die Freude zu zelebrieren und die Erinnerung zu konservieren und um die traurigen, schmerzhaften, frustrierenden Dinge zu verarbeiten, gibt es diesen Blog. Mit Bildern und meinen Sichtweisen von jemandem der sich jeden Tag aufs Neue ehrlich Mühe gibt, die wundervollen kleinen Momente des Lebens zu erkennen, festzuhalten und am Ende eines Tages, einer Woche, eines Monats, eines Jahres zu sagen: es war lebenswert. Das ist es, was ich auch mit euch teilen will: meine Lebenswertmomente, meine Krisenerkenntnisse, meine Gedankenexperimente.

Und weil eben nicht alles rosarot ist, erzähle ich euch heute von meinen 5 Antireisezielen. Den Orten, die einfach doof waren und von denen ich denke, dass man sie echt nicht unbedingt gesehen und erlebt haben muss.

Toulon

Den 5. Platz in der Liste der Orte, die man echt nicht gesehen haben muss, belegt Toulon. Warum AIDA diese Stadt anfährt, war mir ohnehin nie ganz klar. Das, was ich aus Toulon mitgenommen habe, war, dass ich offensichtlich doch seekrank werde, wenn die Wellen in die „falsche“ Richtung brechen, da wir vor der Küste ein ziemliches Unwetter hatten. Abgesehen davon sieht man an der Stadt, dass die Wirtschaftskrise an Frankreich seine Spuren hinterlassen hat. Neben einer süßen Hauptstraße war der Rest des Ortes einfach tot. Geschäfte hinter Gittern, zugesperrt, pleite. Abseits des Hauptplatzes war Toulon vor allem eins: frustrierend.

Funchal

Funchal verurteile ich vielleicht zu Unrecht. Aber ich habe nun einmal etwas ganz anderes von der Hauptstadt der strahlenden Blumeninsel erwartet. Auf dieser Reise habe ich mehrere Fehler gemacht – einer davon war, ein wenig geizig zu sein. Auf Madeira hätte es viel zu sehen gegeben, ein Spaziergang durch die Stadt gehörte für mich nicht dazu. Überall seltsame, unangenehme Gerüche, heruntergekommene Häuser und wirklich viel Dreck und Müll auf den Straßen.

Le Havre

Le Havre steht schon auf dem „Stockerl“ der drei wirklich unnötigsten Orte, die ich besucht habe. Interessant ist, dass es einen Film darüber gibt, dass ich schon eine Doku darüber gesehen hab und die Stadt auch auf der AIDA nahezu angepriesen wurde. Vielleicht verstehe ich auch zu wenig von Architektur und ihr Schicksal ist tragisch. Die „neue“ Kulisse“ macht es jedoch in meinen Augen noch viel tragischer. Denn eine Stadt aus Beton, ohne Individualität, ohne liebevolle Fassaden, erinnert mit jeder Mauer daran, dass nichts mehr da ist von dem, was einst war, weil es die Bomben zerstörten. Nur die Kirche ist noch erhalten und lässt das Flair spüren, das Le Havre einst gehabt haben muss. Schwermütig bin ich durch die Straßen gegangen, es war, als würde einem das Ausmaß der Zerstörung des 2. Weltkriegs erstmals so richtig plakativ offenbar.

Ridgecrest

Die beiden für mich wirklich fürchterlichsten Orte habe ich allerdings auf meiner Traumreise durch die USA im letzten Frühsommer gesehen. Schön und hässlich, wundervoll und widerlich liegen oft nur ein paar hundert Meilen voneinander entfernt. Ridgecrest war ohnehin nur ein Verlegenheitsstopp, da wir keine 900 Meilen auf einmal bewältigen wollten. Das war auch gut so. Aber ein zweites Mal möchte ich dort nicht sein. Es war der heißeste Ort, den wir erlebt haben (112°F = 47°C), brütend, drückend, schrecklich. Gleichzeitig habe ich es aber geschafft, mir eine richtig böse Verkühlung zu holen mit nassen Haaren vor der Klimaanlage, die unser Zimmer, das bis um 21 Uhr von der Sonne aufgeheizt wurde, kaum kühlen konnte. Einziges nice-to-have in Ridgecrest: unsere erste BBQ Chicken Pizza. Yummy. Ansonsten: schnell weiter!

Aus diesem Grund: nicht ein einziges Foto von Ridgecrest.

Las Vegas

Mein Sieger der unnötigen Orte ist eine Stadt, bei der wohl viele von euch jetzt den Kopf schütteln. Las Vegas? Ja ist sie denn wahnsinnig? Ich will ja nicht sagen, dass Las Vegas für niemanden ein toller Ort sein kann, überhaupt nicht. Aber eines weiß ich sicher: für MICH ist es kein toller Ort. Sengende Wüstenhitze, die sich auch in der Nacht nicht abkühlt. Eisig kalte Klimaanlagen, weswegen man dennoch nicht mit offenen Schuhen und ohne Jacke aus dem Haus gehen kann. Unendliche Menschenmassen, alle in (aufgesetzter) Partylaune. Casinos – und spielen ist ja sowieso nichts für mich. Las Vegas ist als wäre an 365 Tagen im Jahr Silvester. Und ich mag es bei uns ja schon nichtmal an einem. Hätten wir nicht eine Ridgedrest-analoge Übernachtungsstation gebraucht, wären wir dort ohnehin nicht hängen geblieben. Und gesehen haben kann man es ja, um mitreden zu können. Ich kann dazu jedenfalls nur sagen: I’m not the Vegas kind of person. Einzig in unserem Zimmer war es schön.

blog_antireiseziele-lasvegas

Wie ging es euch auf Reisen? Welche Orte haben euch enttäuscht, welche wollt ihr nicht mehr besuchen?

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Und zum Schluss… Warum der ganze Vorspann, nur um euch von meinen 5 Antireisezielen zu erzählen? Warum überhaupt darüber reden und nicht einfach machen? Warum riskieren, jemanden auf den Schlips zu treten (was übrigens absolut nicht meine Absicht ist – es soll ja nur darum gehen, wie ICH MEINEN Blog führen will. Jeder andere kann/darf/soll sich dieselbe Frage stellen und es für sich selbst entscheiden).

WEIL auch das etwas ist, das ich mir gern von der Seele schreiben wollte. Weil es etwas ist, das sich in meinem Kopf ein wenig dreht, dem ich selbst anheim gefallen bin (sinnlose Kommentare schreiben um Gegenbesuche zu generieren, mehr zu posten als ich eigentlich wollte um die Besucherzahlen zu pushen, etc.). Weil ich will, dass das aufhört und dieser Ort wieder ganz mir gehört, nur mir und all den Lesern, die genau das schätzen.