Venedig: im Anflug zwischen Idylle und Industrie & [Wort] Unort

Im Zuge meines Wort-Projekts habe ich mittlerweile schon einige wirklich tolle Begriffe „geschenkt“ bekommen und ich denke, es sind daraus schon einige wirklich vielseitige Artikel entstanden. Heute widme ich mich einem Wort, das ich von Manu geschenkt bekommen hab und das ich selbst sehr gern hab, obwohl es gar nicht wirklich zu existieren scheint:

Unort

Was bedeutet, dass es das Wort nicht gibt? Natürlich gibt es das Wort, viele werden es kennen, haben es vielleicht schon benutzt. Nun ja – es steht allerdings nicht im Duden.

Kulturetage.de definiert es folgendermaßen:

Was 
ist 
ein 
Un-Ort?
Oft mit Orten, die hässlich sind, gleichgesetzt, ist ein Unort ungleich mehr. Welcher Ort als Unort bezeichnet wird, [sic] hängt von einem subjektiven Empfinden und einer subjektiven Interpretation ab. Er kann sowohl das Gegengewicht zu einem normüblichen Schönheitsbegriff und Schönheitsempfinden sein, als auch ein Möglichkeitsraum, der Raum gibt für Differenzierung und Hinterfragung und der dazu auffordert, [sic] gewohnte Orte und Plätze neu wahrzunehmen.
Auf muenchenarchitektur.com findet sich in einem Interview folgendes:
„Orte“ wirken wie Anker. An einem Ort „ist man da“. Der französische Ethnologe Marc Augé, […], versteht hingegen „Un-Orte“ als reine Transiträume ohne menschliche Interaktion. Diese Un-Orte entstehen überall in der modernen Gesellschaft. Es sind meist „leere“ städtische Räume, denen ihre Eigenschaften als „Ort“ im anthropologischen Sinne abgesprochen wird. Augé hat sein Buch „Orte und Nicht-Orte“ ja im Untertitel als „Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit“ bezeichnet.

Als ich das Wort „Unort“ gelesen habe, dachte ich zuerst vor allem an die erste Definition. Ein „Unort“ ist für mich definitiv ein hässlicher Ort, aber nicht im wortwörtlichen, sondern im subjektiven Sinne. Ein Ort, an dem ich mich un-wohl fühle, ein Ort, der die Definition „Ort“ nicht verdient hat, weil er nichts bietet, was ich von einem Ort erwarte.


Der erste Unort, der mir in den Sinn kommt, ist – warum auch immer – das Wiener „Flex“. Ein uralter und sehr beliebter Club am Donaukanal, mit dem viele Menschen die ich kenne liebevolle Erinnerungen verbinden. Im Gegensatz dazu ist es für mich ein Unort, weil dort alles, was ich an einem derartigen Lokal schätze, für mich in seiner hässlichsten Art auftritt. Ein Ort, an dem andere Menschen dieselben Dinge erleben, die ich von Herzen liebe (laute Musik, live Musik, tanzen ohne Rücksicht auf die Optik), die ich aber auf diese Art und Weise nur als außenstehender Beobachter wahrnehmen kann.


Auch ein Friedhof ist ein Un-Ort. Die „letzte Ruhestätte“ für Menschen, die keine Menschen mehr sind. Das Zuhause von seelenlosen Körpern (oder körperlosen Seelen?), ein Zwischenort, an dem Hoffnung und Trauer in der Luft liegen, an den viele kommen, manche um zu bleiben, die meisten, um wieder zu gehen.


Spannend fand ich allerdings auch die zweite Definition. „Reine Transiträume“. Dazu kamen mir ganz andere Bilder in den Sinn. Denn Ein Ort, der ein Ort ist und gleichzeitig nicht, ist für mich das Flugzeug. Das Auto. Transportmittel im Allgemeinen. Denn ist ein Fahrzeug ein Ort? Oder ist der Ort der, den das Fahrzeug passiert und an dem man als Passagier nie sein kann, da man im nächsten Moment schon anderswo ist?


Und zum Schluss, die „leere(n) städtische(n) Räume“. Denn wer nach Venedig fliegt, der erwartet sich den morbiden Charme alter Häuser, die auf Stelzen gebaut sind und zwischen denen als Straßen Kanäle fließen. Gondoliere, Spaghetti, bunte Masken und Mengen an Touristen. Was man nicht erwartet sind menschenleere Industrieflächen, wie man sie kurz vor der Landung zu sehen bekommt. Venedig – und doch nicht Venedig. Ein Unort, also.