Fotowalk im Oktober: Wien wie damals & ein polemischer Text über das Heute

ACHTUNG: mit“polemisch“ möchte ich auf überspitzte Formulierungen hinweisen, die bitte niemanden persönlich angreifen , aber dennoch zum Nachdenken anregen sollen, mit offenen Augen Entwicklungen um sich herum zu betrachten, denn Geschichte kann sich wiederholen – auch dort, wo man es am wenigsten erwartet.

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Lange, sehr lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich überhaupt einen derartigen Beitrag schreiben soll oder will oder nicht. Ich fange nun an damit, unsicher, ob ihr ihn jemals lesen werdet. In die Veröffentlichung hat er es dennoch geschafft, denn der aktuelle Wahlkampf und die Situation drumherum haben mir dieses ganze Szenario noch einmal deutlicher werden lassen.

Der Episodenfilm ist ein harmonischer Ort, ein stimmiger, ein Ort des Schönen und Guten, der Freude, des Genusses, der Ruhe und Nachdenklichkeit. Das sind die Eigenschaften, die das Leben so lebenswert machen. Darum (und nicht, weil ich keine Meinung habe oder mir nicht den Kopf darüber zerbreche) ist hier kein Ort für Politik, Religion oder anderes, das Zerwürfnisse fördert. Ich will, dass meine Leser hierherkommen und sicher sein können, dass sie hier nicht bombardiert werden mit tragischen Bildern und Zahlen und fürchterlichen Schlagzeilen und wettern gegen diese oder jene, auch wenn es mir gelegentlich noch so sehr auf der Zunge läge. Diese Themen sind heikel und es gibt selten schwarz oder weiß. Es würde also weder Sinn machen noch passen, mich hier großartig zu äußern. Ein Thema gibt es aber doch, über das ich nicht länger schweigen mag und es ist eines, das nicht ganz so weit weg ist vom Inhalt dieser Seite, denn es betrifft alles das, worauf es mir ankommt.

Es gibt nämlich eine Sache, die ich schon länger, verstärkt aber in den letzten Monaten beobachte. Das Internet hat sich verändert. Während es lange Zeit gepriesen wurde als Medium, das die Öffnung der Informationen ermöglicht, das jedem eine Stimme gibt, das die Vielfalt unterstützt, ist sichtlich die Flut an Informationen und relevantem Content so groß geworden, dass genau das Gegenteil passiert ist. Während die Hoffnung die war, dass nicht mehr nur die politisch bestimmte Blattlinie eines Mediums eine Rolle spielt, dass man der Vorgabe des öffentlich rechtlichen auskommt, dass man sich eine umfassendere Meinung bilden kann, bilden sich durch die nicht bewältigbare Flut an Informationen stattdessen Inseln, zwischen denen kein Dialog stattfindet. Viele User versammeln „ihre“ Medien um sich, Blogs, Twitteraccounts, Zeitungen, Magazine, Youtube-Channels, die Meinungen wiedergeben, die sie ohnehin kennen. Die der eigenen entspricht. Exkurse in andere Bereiche werden nur gemacht, um sich selbst zu bestärken und sich über das Gegenüber zu stellen, anstatt im persönlichen Gespräch zu argumentieren. Dies schwappt oft auch auf das reale Leben über. Anstatt zu hinterfragen weicht man der Konfrontation aus, redet lieber von vornherein nur mit Gleichgesinnten – und driftet so weit auseinander. Gegeneinander statt miteinander.

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Durch die Unzahl an anderen Usern, die eine gleiche Meinung haben und mit denen man sich immer austauscht, erlangt man das Gefühl, in einer überwältigenden Mehrheit zu sein und recht zu haben – denn man sieht überall nur Informationen, die das bestärken. Dies ist jedoch nicht die Realität – es ist das personalisierte Internet, das vorzugsweise die Informationen ausspielt, die einem gefallen und „zu Gesicht stehen“.

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Dieses Internet führt mittlerweile – seit es ein Massenmedium geworden ist – dazu, reale Bekanntschaften, sogar Freundschaften zu entzweien, weil auf Facebook jemand etwas geliked hat, das man selbst ablehnt. Obwohl man den Menschen vielleicht schon lange kennt und es besser wissen müsste.

Es wird face to face nicht mehr darüber gesprochen. Warum demjenigen das gefällt, was er mit diesem daumenhoch bezwecken wollte, was für ihn dahinter steht. Das Urteil ist gefällt, der Person haftet ein Stigma an.

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Außerdem wird das Gefühl in mir immer stärker, dass Gewaltbereitschaft wächst. Auf allen Seiten. Es wird verallgemeinert (überall) und Menschen Tod und Verderben gewünscht. Öffentlich. Schriftlich. Vermeintlich anonym. Fast persönlich.

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Ich bemerke all dies und mache mir mehr und mehr Sorgen, was mit unserem höchsten Gut, der Demokratie, passiert. Ich beobachte das schon seit langem. Immer, wenn in unserem Land gewählt wird, wird schnell vergessen, dass Demokratie nunmal bedeutet: ich darf wählen, was ich will. Ich kann privat zu jemandem sagen: „Wie kannst du auf so etwas hereinfallen?“ aber viel Geld und Medienpower zu investieren, um die anonyme Masse zu ent-anonymisieren, finde ich persönlich sehr fragwürdig. Was bedeutet es für die Demokratie, wenn das Wahlgeheimnis zu lüften versucht wird?

Ich sehe unsere Werte in Gefahr. Meine Werte. Alles das, was das Leben in diesem Land, in dieser Region so lebenswert macht. Meinungsfreiheit. Gleichberechtigung. Frieden.

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Manchmal habe ich Angst. Wenn die Generation „Zweiter Weltkrieg“ ausgestorben ist, ist mit ihr die Angst vor dem Krieg gestorben? Das Wissen um den Horror, um den Alptraum und um das eine Bemühen, das alle eint: das Bemühen nach Frieden, vor allem anderen. Und das Wissen, dass Frieden niemals selbstverständlich ist, sondern Arbeit, harte Arbeit und viel Kompromissbereitschaft.

Manchmal habe ich Angst. Wenn jede Gruppe ihre Meinung als die einzig richtige erachtet. Als richtiger und besser als die der anderen. Argumente dagegen werden lauthals nichtig geschrien, geschrieben, geshitstormed. Manchmal, da habe ich Angst – dass jede Insel nur darauf wartet, dass endlich jemand kommt, der diese vermaledeiten anderen Meinungen endlich verbietet. Manchmal fürchte ich mich – dass jede Insel nur wartet: auf ihren Führer.