Blätterleuchten & die Unmittelbarkeit der Liebe in „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“

Unlängst sah ich einen Film. Einen, der schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf meiner Watchlist stand. Ich wollte einen gemütlichen Abend zuhause verbringen und mir ein bisschen Pause von Superhelden und Geistercops gönnen, die sonst das gemeinsame Abendprogramm definierten, da mich die erdachten Mörder bereits nächtelang verfolgten. Ich wollte ein bisschen Abstand und ein bisschen was fürs Herz. Und bekam einen Tsunami an Emotionen, der mich stundenlang nicht losließ.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Amazon Prime sagt: „Hazel und Gus sind zwei außergewöhnliche junge Menschen, die den gleichen Humor und die Abneigung gegen Konventionelles teilen und sich ‚unsterblich‘ ineinander verlieben.“

Mehr wusste ich nicht über den Film, der es schaffte, mich genau in der allerersten Sequenz zu packen.

„Depressionen sind keine Nebenwirkung von Krebs. Depressionen sind eine Nebenwirkung vom Sterben“

…sagt Hazel in der allerersten Szene. Und das beschreibt diesen Film eigentlich schon gut. Die Nüchternheit, der Pragmatismus, mit dem die Protagonistin ihr Schicksal beschreibt. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass sie sich damit arrangiert hat. Doch dieses Verständnis über das Ende des Lebens, mit dem die meisten (mich eingeschlossen), die grade mittendrin stehen, kämpfen, das hat sie erlangt. Der Film beinhaltet so unendlich viele kleine kluge Weisheiten über das Leben und die Liebe und ist dennoch nicht überheblich oder unecht. Es ist eine Liebesgeschichte, wie sie sich nur zwischen Teenagern abspielen kann, eine dieser absoluten Geschichten, die die Literatur über die Liebe schon immer beherrschten. Das Romeo und Julia des Krebszeitalters. Ich möchte nicht spoilern und werde daher nicht weiter auf den Inhalt eingehen. Wer sich einer solchen Geschichte stellen möchte (und ich wähle bewusst diese Wortwahl), dem sei sie ans Herz gelegt. Wer sich auf so etwas einlassen kann, den wird sie berühren. Es ist schwere Kost und kann tief gehen – ich habe noch nie mehr Tränen geweint als bei diesem Film und ich habe lange darüber nachgedacht, wieso. Und auch, wieso ich das hier mit euch teilen möchte.

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Das Schicksal ist ein mieser Verräter zeigt für mich die Unmittelbarkeit der Liebe. Dieser Begriff kam mir in den Sinn und ich wusste erst selbst nicht, was ich mir damit sagen, wie ich ihn interpretieren sollte. Langsam formt sich ein Bild davon. Die Liebe in diesem Alter, unter dem Damoklesschwert des Sterbens ist wahrscheinlich die reinste Form der Liebe, die ein Mensch empfinden kann. Es geht um keine vernünftigen Kriterien, die bei Menschen, die eine Zukunft haben, eine Rolle spielen. Es ist egal, welche Ausbildung jemand hat, welches Familienverhältnis, wieviel Geld. Es gibt keine Perspektive außer dem Hier und Jetzt. Dennoch stimmt es nicht, dass sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Liebe nicht stellt. Der Film erinnert daran, warum es wert ist, jemanden zu lieben. Warum es wert ist, den Schmerz zu riskieren. Und warum Verlust der allergrößte Schmerz ist, den ein Mensch empfinden kann.

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Hazel und Gus erinnerten mich daran, worum es geht und zu welchen Gefühlen ein Mensch fähig ist, wenn er die Zukunft und die Vergangenheit außen vor lässt und das Hier und Jetzt wahrnimmt. Wie man sich einsaugen lassen kann von diesem Gefühl, das größer wird als man selbst.

„Ich verliebte mich, wie man in den Schlaf gleitet. Langsam zuerst und dann rettungslos.“

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Der Film traf mich – wie das immer wieder passiert – zum passendsten aller Zeitpunkte. An dem Tag, an dem ich mir die Frage stellte, warum ich in meinem Leben immer eine Prise Drama brauche. An dem ich die Frage mit der Erklärung beantwortete, dass man erst unter dem Schatten des Verlustes die wahre Intensität seiner Gefühle spürt. An diesem Punkt stehe ich, sehe diesen Film und frage mich: geht es auch anders? Und ich weiß es nicht. Es wäre anmaßend zu sagen, dass ich nachvollziehen kann, was Menschen in so einer Situation durchmachen, das kann ich zum Glück nicht. Aber ich kenne die Wahrhaftigkeit und die Bedingungslosigkeit, mit der man jemanden lieben kann. Gleichzeitig merke ich immer wieder, wie die Dinge, die wirklich Bedeutung haben, im Alltag oft zu kurz kommen, untergehen. Wie wenig man manchmal spürt, zwischen frühem Aufstehen, einem ermüdenden Arbeitstag und einem Abend mit Freunden unterwegs und wie sehr man sich gelegentlich auf belanglose und irrelevante Dinge fokussiert.

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Ich weiß, wie es ist, wenn einem ein Verlust den Atem nimmt und die Motivation, morgens das Bett zu verlassen. Ich weiß, wie sehr psychischer Schmerz sich in physischen Symptomen bemerkbar machen kann. Wie sehr Verlust prägen und verändern kann.

“Die Sache mit dem Schmerz ist, dass er verlangt, gespürt zu werden.”

Und das ist wahr! Schmerz gehört zum Leben dazu. Wenn wir Angst vor dem Schmerz haben, leben wir nicht mehr.

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„Ich kann nicht von unserer Liebe sprechen, also spreche ich von Mathematik. Ich bin kein Mathematiker, aber ich weiß so viel: Es gibt unendlich viele Zahlen zwischen null und eins: 0,1 und 0,12 und 0,112 und eine unendliche Zahl anderer. Zwischen 0 und 2 gibt es natürlich noch viel mehr unendlich viele Zahlen und zwischen 0 und einer Million erst recht. Manche Unendlichkeiten sind größer als andere Unendlichkeiten.“

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