#notjustsad: wenn es im Kopf immer Herbst ist

Seit langem will ich etwas schreiben. Seit ebenso langem weiß ich nicht genau was und schon gar nicht wie. Es betrifft ein Thema, das immer wieder hochkommt, über das ich immer wieder nachdenke, über das ich reden will und ich es doch noch nicht geschafft habe:

Ich nehme Antidepressiva.

Manche von euch wissen es, manche von euch haben es vielleicht da und dort rausgelesen und als ich den Text zum letzten Post geschrieben habe wusste ich, dass es an der Zeit ist, noch einmal zu versuchen, etwas dazu zu schreiben. Es ist ein viel größeres Thema als man eigentlich glaubt, denn wenn man es in Gesprächen anschneidet, hat das Gegenüber meist schon entweder selbst Erfahrungen damit gemacht oder zumindest Menschen im Freundes-/ Bekannten- oder Familienkreis, die damit bereits konfrontiert waren.

Als ich vor dieser Entscheidung stand, wusste ich das nicht. Ich wusste nur, dass es in meiner Familie Geschichten zu Depressionen und Medikamentenmissbrauch gab. Ich wusste nichts, außer dem fahlen Beigeschmack, den dieser Begriff hinterließ. Antidepressiva – oder: Chemie für die, die ihr Leben nunmal nicht auf die Reihe kriegen.

Tabletten für die, die irgendwie kaputt im Kopf sind, ohne dass sie einen Grund dazu haben.

Es brauchte zwei Ärzte, eine Psycho- und eine Physiotherapeutin, um mir den Schrecken vor dieser Chemie zu nehmen und den Versuch damit zu wagen.

Versteht mich nicht falsch: Tabletten sind niemals eine Lösung, zu der man schnell und leichtfertig greifen soll. Die Meinungen dazu gehen weit auseinander, es gibt viele Menschen, die damit große Probleme haben und hatten und es will lange, gut und ausführlich überlegt sein, ob man zu diesen Mitteln greift. Jedenfalls sollte man es nie tun, ohne mehrere Meinungen eingeholt zu haben und ohne therapeutische Begleitung. Nur um das ganz deutlich klarzustellen.

Aber.

Warum schreibe ich hier darüber? Weil ich denke, dass es vielen Menschen so geht wie mir. Depressionen und psychische Krankheiten sind weit verbreitet, so viele Menschen kämpfen mit den inneren Dämonen, die dem Leben das Licht nehmen. Ich habe mich bisher weit nicht so viel mit dem Krankheitsbild beschäftigt, wie ich es vielleicht sollte. Wie weit die Forschung in den Erkenntnissen ist, wie Physis und Psyche zusammenhängen. Ich weiß nur, wie es ist, mit dem Gefühl zu leben, dass man nicht weiß, wie das Leben weitergeht. Dass die Gründe dafür bei mir in Schmerzen lagen und diese Schmerzen wiederum durch eine belastete Psyche ausgelöst wurden, ist meine Geschichte. Andere Menschen haben andere Geschichten und Situationen, aber am Ende steht dieses Gefühl, dass es dunkel ist und dass man alle anderen Leben sieht und selbst nicht mehr weiß, wie es geht.

Als wäre man ein verdorrter Ast mit toten Blättern, an der Rinde eines lebendigen Baumes.

Als wäre es immerwährender Herbst im Kopf, als stünde immer nur die Düsternis des nebligen Winters bevor.

Man kämpft jeden Tag damit, seinen Alltag zu bewältigen. Man kämpft dagegen an, dass einem das Leben nicht entgleitet. Dass man die Menschen, die man liebt, nicht zu sehr belastet. So sehr, dass sie vielleicht gehen, weil man selbst so düster ist, dass man ihnen das Licht aus den Poren zieht.

Irgendwann kommt der Tag, an dem man denkt: ich kann nicht mehr. Und dann kommt der Tag, an dem man es ausspricht. Nicht: ich will nicht mehr. Sondern: ich kann nicht mehr. Nicht so. Aber ich weiß nicht wie. Ich will wieder leben, aber das da, was ich hier habe, das kann doch nicht das Leben sein, von dem immer alle reden. Ich will dieses Leben, in dem ich Sonne spüre, Wärme, Freude, Glück und Zuversicht. Aber bitte, bitte, keine Schmerzen mehr. Schmerzen und ansonsten: ganz viel nichts. Denn das Nichts, das ist das schlimmste von allem.

Und dann wird es zum ersten Mal in den Raum gestellt. Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Antidepressiva. Nein, sowas brauche ich nicht. Ja, ok, ich habe eine schlechte Phase, aber ich kann mir doch immer noch selber helfen. Ja, das können Sie – aber Sie können auch Hilfe annehmen. Sie können es sich und Ihrem Körper leichter machen.

Hier lag wohl ein großer Knackpunkt. Es sich „leichter machen“. Es fühlte sich an wie „schummeln“. Als würde man die Abkürzung nehmen. Als würde man betrügen. Als würde man nicht das richtige Leben leben. Aber so ist es nicht. Es bedeutet nichts anderes als: Hilfe annehmen, wenn man es alleine nicht mehr schafft.

Ich bin kein Diabetiker, der Insulin spritzen muss. Ich habe keine „anerkannte“ Krankheit, für die es selbstverständlich ist, sich behandeln zu lassen. Ich habe ein Problem in meinem Kopf, das besteht, seit ich denken kann. Ich war ein schwermütiges Kind. Ich war ein trauriger Teenager. Ich war ein pessimistischer Erwachsener. Ich wollte immer wissen warum. Warum bin ich traurig? Warum ist meine Welt so schwer und düster? Die Antwort ist leicht: weil dein Körper dein Glückshormon nicht verarbeitet (verzeiht mir medizinische Ungenauigkeiten in den Begrifflichkeiten). Warum er das tut oder viel mehr nicht tut, kann ich nur vermuten. Vielleicht kam ich so zur Welt. Vielleicht wurde es mir vererbt. Vielleicht habe ich dieses Verhalten gelernt. Wer weiß? Nun jedenfalls muss ich damit leben. Und das kann ich. Vielleicht nicht immer alleine. Aber das muss ich auch nicht.

Ich habe akzeptieren müssen, dass auch ich dem #notjustsad Clan angehöre. Aber es ist nicht meine Schuld. Und seit ich meinen Tag mit 10mg Citalopram beginne, weiß ich, wie sich ein „richtiges“ Leben anfühlen kann. Eines, in dem man nicht ununterbrochen vor allem Angst hat. Also ich bin immer noch ein besorgter Mensch. Aber es bestimmt nicht mehr alle meine Handlungen und Gedanken. Ich fühle mich endlich so, als hätte ich selbst die Macht über mich und nicht irgendein dunkler Nebel, der mir ständig eine Million „aber“ an den Kopf wirft. Ich kann immer noch grantig sein und traurig und wütend und verletzt. Aber ich bin selten gleichgültig. Es ist hell oder dunkel, aber es ist kein grauer Einheitsbrei. Es ist auch nichts, was von heute auf morgen passiert ist. Es dauert, Wochen, bis man irgendwann merkt: es ist nicht mehr so wie damals. Und das ist verdammt gut so, denn so wie damals, so soll es bitte nie, nie wieder werden.

Chemie ist nie eine alleinige Lösung und es ist immer absolut notwendig, den Dingen auf den Grund zu gehen und an sich zu arbeiten, denn auch Antidepressiva sind keine Wundermittel. Aber sie können eine ausgestreckte Hand sein und man sollte sich keine Vorwürfe machen, diese zu ergreifen.


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