Bayern Kurztrip: Frillensee & wie Schmerzen mich verändert haben

 

Anlässlich meiner Anmeldung zum Frauenlauf und dem ersten Lauftraining, an dem ich teilgenommen habe (resp. die Gruppe, in die ich mich selbst eingetragen habe), habe ich begonnen zu bemerken, wie stark ich mich in gewissen Aspekten verändert habe und fand den Ursprung in meiner Schmerzerfahrung.

Ich war nie dünn. Außer als ich auf die Welt kam, da war ich unterernährt. Aber ich war kein dünnes Kind und ich war kein dünner Teenager und ich bin kein dünner Erwachsener. Aber ich war ein sportlicher Mensch und Sport hat in meinem Leben lange eine wichtige und gleichzeitig zwiespältige Rolle gespielt. Ehrgeiz war mein zweiter Vorname und bevor ich nicht kotzend über der Kloschüssel hing, empfand ich das Training nicht als ausreichend. Als hätte ich mich zu sehr geschont und nicht alles gegeben.

Nach einer 40km Fahrradtour an einem 33 Grad heißen Sommertag ging ich abends noch Tennisspielen. Bei den Handballmatches ließ ich mich als Kapitän in keinem Spiel auswechseln und kämpfte am Ende dagegen, bewusstlos umzukippen. Damals war ich 12 und diese Art der Kontrolle über meinen Körper machte mich stolz. Nicht er bestimmte meine Grenzen, sondern mein Kopf.

 

Dann entwickelte sich ein kompliziertes Verhältnis zu Sport. Ich wurde älter und hatte wenig Lust, meine freie Zeit allein mit meinem Eltern auf dem Fahrrad im Nirgendwo zu verbringen, während sie keine Lust hatten, mich bei Trainings und Matches zu unterstützen. Dies führte dazu, dass Sport nach einem Fahrradunfall meiner Mutter ganz und gar aus meinem Leben verschwand. Ich vermisste nicht viel, da ich mit anderen Dingen beschäftigt war. Unglücklich verliebt sein, Mathe hassen, mich selbst hassen, HTML lernen. Als ich studierte begann ich mir Gedanken darüber zu machen, ob ein Leben ohne Sport denn so gesund und klug sei. Ich hatte allerdings ständig irgendwelche Probleme, die das Auspowern beim Sport für mich ohnehin ausschlossen. Von meinen permanenten schweren Verkühlungen abgesehen hatte ich nach dem Tod meiner Großmutter lange das Gefühl, nicht richtig Luft zu bekommen, nicht tief atmen zu können. Trotzdem zwang ich mich immer wieder dazu, laufen zu gehen. Keine 3km, ohne Pulsuhr, ohne auf die Zeit zu achten. Vermutlich viel zu schnell und über meine damaligen Verhältnisse. So verlor ich immer wieder bald den Spaß daran. Ein gesundes Maß kannte ich nicht und für die ständige Überforderung war ich nicht mehr gut genug in Form. Irgendwann entdeckte ich das Angebot von USI, dem Universitätssportinsitut, die Kurse für so ziemlich alle nur erdenklichen Sportarten organisierten und die mir endlich wieder Ballsport ermöglichten. Die alte Begeisterung flammte wieder auf. Spielen bis zum Umfallen. Mit gebrochenem Finger weiterspielen, je mehr Einsatz, desto besser und Schmerzen gehören halt dazu.

 

Und dann kam der Rücken. Ich hatte endlich wieder zurückgefunden zu etwas, das mir in meinem Leben lange gefehlt hatte. Ein körperliches Ventil, das Energie abbaut. Und dann ging einfach nichts mehr. Ob ich wollte oder nicht. Keine Aktivität, die mich an meine körperlichen Grenzen brachte, da dies darin endete, dass ich mich tagelang nicht mehr bewegen konnte und auch ohne Physiotherapie nicht wieder wirklich in „Normalzustand“ zu bringen war. Auf einmal wurde mir bewusst, wie wichtig die physische Aktivität für mich war. In dem Moment, wo ich wollte und nicht mehr konnte. Ein klassisches Aha-Erlebnis. Was ich in den letzten Jahren so oft als Last und Pflicht empfunden hatte, als „muss“, das ich meinem Körper schuldete, entwickelte ich einen völlig anderen Blick auf Sport und Bewegung.

 

Zu meinem großen Glück ging es irgendwann wieder bergauf. Die Probleme lösten sich nicht in Luft auf, aber Sport war wieder möglich. Doch es hatte sich in mir etwas verändert. Irgendwo im Nacken saß und sitzt immer die Angst, es zu übertreiben. Etwas kaputt zu machen. Der Ehrgeiz war tot - oder zumindest im Koma. Dankbar für das, was geht. Bloß nicht überschätzen, denn wer weiß, was dann ist. Das Vertrauen in meinen Körper ist kaputt gegangen und ich habe bis heute nicht geschafft, es wieder aufzubauen. Das ist einerseits gut, da ich Sport aktuell sehr konsequent mache, aber ohne mich zu drillen. Es ist andererseits schlecht, weil ich mich zu wenig fordere. Der Sport hilft mir, das Vertrauen langsam, langsam wieder zu verbessern. "Zu kitten" wäre noch weit zuviel gesagt. Aber es beginnt etwas in mir zu erwachen. Der Wunsch, Berge von oben zu sehen. Der Wunsch, sie mit zwei Brettern unter den Füßen hinunterzufahren. Der Wunsch, das Leben unter Wasser zu entdecken. Laufen, bis ich nicht mehr kann, weil es kaum ein besseres Gefühl gibt, als alles zu geben, leer zu sein und sich völlig erschöpft die Couch verdient zu haben. Draußen zu sein. Sonne zu spüren oder Regen. JA, ich wünsche mir meinen Ehrgeiz zurück. Aber dennoch möchte ich mir eines behalten: den guten Umgang mit mir selbst. Ich will mich nicht mehr drillen, weil ich mich und die Begrenzungen der Physis hasse. Ich will Gas geben, weil ich die Möglichkeiten des Körpers aufregend finde. Ich arbeite daran. Es wird besser. Und für das Frauenlauftraining werde ich es mit der schnelleren Gruppe versuchen.

Wiki: Der Frillensee ist mit dem Eibsee entstanden, als sich ein Teil des Zugspitzmassivs löste und einen Krater verursachte, der sich dann mit Grundwasser füllte. Ein weiterer Bergsturz trennte den Frillensee vom Eibsee. Beide Seen sind aber nach wie vor unterirdisch verbunden und der Wasserspiegel hat stets die gleiche Höhe. Die Morphologie vom See und seiner Umgebung wird durch Bergsturzblöcke dominiert. Nur am Südostufer ist eine kleine Schotterbank zu sehen, die von einem nicht mehr existenten Bach angeschwemmt wurde.