#travelathome: Rund um den Millstätter See & Die [Wort] Melancholie der ersten Herbstbilder

Die liebe Claudia, deren Naturaufnahmen ich schon seit so langer Zeit so mag, hat mir ein ganz besonderes Wort geschenkt:

Melancholie

Es ist eines meiner liebsten Worte. Eines derer, die sehr oft im Zusammenhang mit mir auftauchen, eines, das ganz nah bei mir ist.

Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen oder euch geht beim Gedanken an dieses Gefühl. Es ist ein bisschen zwiespältig, fast ambivalent. In der Melancholie schwingt immer ein wenig Traurigkeit mit. Meist darüber, dass etwas vorbei ist. Weil man etwas vermisst. Weil etwas nicht mehr so ist wie es einmal war. Das heißt nicht, dass alles schlechter ist. Es heißt nur, dass eben alles zwangsläufig eines Tages ein Ende hat.

Gleichzeitig bedeutet Melancholie aber auch, etwas Wundervolles erlebt zu haben. Zurückzublicken auf glückliche Erinnerungen, an schöne Zeiten und an gute Gefühle.

Es ist ein Gefühl, dem ich mich gerne hingebe. Es fühlt sich so wohlig warm und vertraut an. So gemütlich. Es ist ein Gefühl, in dem ich zuhause bin.

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Der Duden sagt:

[Melancholie ist ein] „von großer Niedergeschlagenheit, Traurigkeit oder Depressivität gekennzeichneter Gemütszustand; Düsternis ausstrahlend“ und schlägt sehr viele sehr eindeutig negative Synonyme vor, wie Betrübtheit, Freudlosigkeit, Depressivität, Mutlosigkeit, Trübseligkeit. Ich fokussiere mich in meiner Interpretation aber auf die paar weniger dunklen Begrifflichkeiten wie Schwermütigkeit, Nostalgie und Wehmut.

„Meine“ Melancholie ist eine Mischung aus diesen drei Begriffen. Man kann sich ein Gefühl wie einen Duft vorstellen. Es gibt das Vordergründige, das als erstes auffällt. Die Kopfnote. Das ist der Schwermut. Nicht unbedingt auf eine depressive Art und Weise, sondern in Nachdenklichkeit über das Wissen um die Vergänglichkeit. Das Wissen um die Zeit. Das Begreifen der Endlichkeit.


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Die Herznote der Melancholie, das ist die Nostalgie. Die Nostalgie ist der ganz eigentliche Charakter der Melancholie. Das sich auf Erinnerungen einlassen und auf die Gefühle, die sie auslösen. Das sich-auseinandersetzen mit Ereignissen und Menschen die einen im Damals geformt haben, um im Heute ein „Ich“ zu sein. Das zur Ruhe kommen, nicht immer nur vorwärts wollen, vorwärts denken, sondern ein wenig zurückschauen, aus der eigenen Geschichte lernen und reflektieren. Sich erinnern, was schön und wichtig , was vielleicht schmerzhaft aber bedeutend war. Was geprägt hat, was geblieben ist. Und die vorbeiziehenden Sequenzen mit einem Lächeln, manchmal mit einer Träne ziehen lassen.


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Zum Schluss die Basisnote. Der letzte Teil – der „langhaftende und schwere Bestandteil“: die Wehmut. Die Wehmut darüber, dass manche Zeiten vorbei, manche Erlebnisse nicht nachholbar sind, manche Menschen gegangen sind und Abschnitte unwiederbringlich der Vergangenheit angehören. Die Wehmut des Vermissens, das Vermissen von sich selbst, aus einer früheren Zeit und von Menschen, die kein Teil des Lebens mehr sind, sein können, sein wollen.


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Diese Melancholie, die sich zusammensetzt aus der Kopfnote Schwermut, der Herznote Nostalgie und der Basisnote Wehmut, die taucht mit den ersten Boten des Herbstes auf. Ganz leise gesellt sie sich ins Gefühlsrepertoire, wenn der Wind auffrischt und die Luft anstatt nach frisch gemähtem Gras und Sommerhitze nach Regen duftet.



Für mich ist sie immer wie ein Durchatmen. Das Gefühl, „das Jahr ist geschafft“. Natürlich ist das absurd, denn im September hat man ein Drittel des Jahres noch vor sich, es gibt noch viele Möglichkeiten zu erleben und zu formen. Aber der Frühling, der Sommer – die Sturm und Drang-Zeit eines frischen Jahres, es zu etwas Besonderem werden zu lassen, es voranzutreiben, es nicht zu versäumen, weiterzukommen, die ist dann vorbei. Es bleibt die Zeit, Tee zu trinken, auf sich selbst zu schauen, ein Buch zu nehmen und es im Sitzrad des Fitnesscenters zu lesen. Freunde zu treffen, die über aufregende Erlebnisse und Reisen und Jobs des Sommers berichten.



Es ist vermutlich das allerletzte Überbleibsel aus all der langen Zeit, die ich mich in Schule und Studium befand – hier begann im Herbst immer ein neues Kapitel. Über den Sommer wurden Karten neu gemischt, die im Herbst ausgeteilt waren. Man wusste, in welchem Stock des Schulgebäudes man mit welchen Nachbarklassen untergebracht war. Wer das Jahr über neben einem sitzen würde und ob man den Fensterplatz ergattern konnte. Welche Vorlesungen besucht werden würden und welche Tage stressig werden würden.

Alea acta est.

Im Herbst waren die Würfel gefallen, es konnte losgehen mit dem weitergehen.

Heute ist das nicht mehr so. Dennoch herrscht in den ersten acht Monaten des Jahres für mich gefühlt Ausnahmezustand. Wir beginnen das Jahr mit der Messesaison, es gibt unendlich viel vorzubereiten, alle bombardieren den Markt und die Branche mit Neuigkeiten, man ist ständig angespannt um zu positionieren. Dazu kommen die persönlichen und privaten Vorsätze fürs neue Jahr, die zwar ohnehin nie wirklich umgesetzt werden aber dennoch mitschwingen. Dann kommt der Frühling, es zieht einen nach draußen, nach der langen Zeit ohne Sonne und blauen Himmel, die wir hier in der Stadt immer erleben. Raus, an die Luft, mit den Turnschuhen und der Kamera. Und dann ist der Sommer da, braun will man werden und die Zeit nutzen um die Welt zu erkunden, die große weite und die kleine nahe. Urlaubszeit, im Büro ist es ruhig, das Telefon ist stumm und die e-Mail klingeln nur selten. Dafür sieht man das Meer, Seen, vielleicht Berge, man sitzt draußen und ist mit dem Kopf in den Wolken, weil

Every summer has its story.

Und dann ist er da, der Herbst. Mit all seiner Geschäftigkeit. Die Urlauber sind zurück und besonders bestrebt, schnell alles aufzuarbeiten und zu erzählen. Man weiß nicht genau, wo zuerst hinschauen, wem zuerst seine Hände oder seinen Kopf, oder die Ohren zur Verfügung zu stellen. Die drückende Hitze verschwindet. Während sich die ersten Tage anschleichen, die eine Jacke verlangen, das erste Mal die Heizung warm wird und die ersten Regentropfen vom düsteren, kühlen, wolkenverhangenen Himmel fallen, klopft der Herbst an – und bringt sie mit, die Melancholie, die einem ins Ohr flüstert:

Weißt du noch? Damals…

Die Bilder stammen allesamt von einem Superkurztrip an den Millstättersee.

Wikipedia sagt: Der Millstätter See ist ein See nördlich des Drautals bei Spittal in Kärnten (Österreich). Er liegt in 588 m Seehöhe, ist 11,5 Kilometer lang und bis zu 1,8 Kilometer breit und nach dem Wörthersee Kärntens zweitgrößter, mit 141 m tiefster und mit 1204,5 Millionen Kubikmetern wasserreichster See. Größere Ansiedlungen am See finden sich ausschließlich am Nordufer, darunter sind Seeboden, Millstatt und Döbriach die drei größten Ortschaften.
Persönlicher Eindruck: ein wunderschöner See, der einem bei Schönwetter und während der Sommermonate sicherlich viel Urlaubsfeeling vermittelt und an dem man gut genießen kann. Außerhalb der Urlaubszeit ist der Millstätter See meines Erachtens nach aber nicht wirklich ein Muss, da "die Gehsteige hochgeklappt" werden, sobald die Touristenmassen wieder zuhause sind.