Schreibgefühle

„Warum schreiben Sie?“, fragt mich diejenige, die mich seit einigen Jahren dabei unterstützt, meine Zwiebelschichten zu entzwiebeln. „Weil ich muss.“, antwortet eine Facette meines Ichs. „Ich kann nicht anders. Irgendwo muss das alles ja hin.“ „Und warum schreiben Sie es dann nicht einfach nur für sich?“ „Weil ich dann nicht schreiben kann. Nicht so. Weil ich es erzählen muss. Weil ich es teilen will. Weil ich immer irgendwie hoffe, dass es den Weg von jemand anderem leichter machen kann. Dass sich jemand vielleicht weniger einsam oder verloren fühlt, weil da draußen auch andere so fühlen und denken, auch andere genau diesen Weg gehen oder gehen mussten, genau über diesen Stein gestolpert sind und das Leben weiterging, weil das Internet für mich immer der Ort war, an dem alles Platz hatte, das für das echte Leben zu düster war, oder zu laut, zu viel, zu echt, zu sehr ich.“

„Und warum haben Sie dann Angst davor?“ „Weil es Menschen lesen, die mich kennen, also mein physisches Ich. Weil das vielleicht nicht zusammenpasst, weil das vielleicht etwas verändert, in dem, wie sie mich sehen. Weil sie es vielleicht nicht verstehen, weil sie es lächerlich finden oder pathetisch oder einfach nur peinlich. Ich meine, warum schreibt man sowas? Warum tut man das? Warum versucht man überhaupt, seine Seele zu entblößen und diesen ganzen Bullshit zu veröffentlichen, was ist das hier überhaupt?“, fragt ein anderer Teil von mir und hofft auf eine Antwort, die wirklich hilft und all den Zweifeln standhält.

Einstweilen muss ich die Erklärung nehmen, die ich habe und darauf warten, dass ich irgendwann vielleicht keine mehr brauche. Bis dahin ist es jedoch mein einziger Weg, nicht die Bodenhaftung oder mich selbst zu verlieren (schrieb ich ja schon im letzten Text). Auch wenn ich mich viel zu oft verstricke und verliere in meinem gedanklichen Überbau. Es ist meine einzige Verbindung von innen nach außen. Weil ich nur diesen dünnen Faden habe, zwischen dem Ort in meinem Körper, in dem die Gefühle festsitzen, zu den Fingern, aus denen die Buchstaben auf die Tastatur fließen, die oft genug an den geflickten Stellen hängen bleiben, an denen der Faden an seinen losen Enden letzten Sommer wieder verknüpft wurde.