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Schreibgefühle

„Warum schreiben Sie?“, fragt mich diejenige, die mich seit einigen Jahren dabei unterstützt, meine Zwiebelschichten zu entzwiebeln. „Weil ich muss.“, antwortet eine Facette meines Ichs. „Ich kann nicht anders. Irgendwo muss das alles ja hin.“ „Und warum schreiben Sie es dann nicht einfach nur für sich?“ „Weil ich dann nicht schreiben kann. Nicht so. Weil ich es erzählen muss. Weil ich es teilen will. Weil ich immer irgendwie hoffe, dass es den Weg von jemand anderem leichter machen kann. Dass sich jemand vielleicht weniger einsam oder verloren fühlt, weil da draußen auch andere so fühlen und denken, auch andere genau diesen Weg gehen oder gehen mussten, genau über diesen Stein gestolpert sind und das Leben weiterging, weil das Internet für mich immer der Ort war, an dem alles Platz hatte, das für das echte Leben zu düster war, oder zu laut, zu viel, zu echt, zu sehr ich.“

„Und warum haben Sie dann Angst davor?“ „Weil es Menschen lesen, die mich kennen, also mein physisches Ich. Weil das vielleicht nicht zusammenpasst, weil das vielleicht etwas verändert, in dem, wie sie mich sehen. Weil sie es vielleicht nicht verstehen, weil sie es lächerlich finden oder pathetisch oder einfach nur peinlich. Ich meine, warum schreibt man sowas? Warum tut man das? Warum versucht man überhaupt, seine Seele zu entblößen und diesen ganzen Bullshit zu veröffentlichen, was ist das hier überhaupt?“, fragt ein anderer Teil von mir und hofft auf eine Antwort, die wirklich hilft und all den Zweifeln standhält.

Einstweilen muss ich die Erklärung nehmen, die ich habe und darauf warten, dass ich irgendwann vielleicht keine mehr brauche. Bis dahin ist es jedoch mein einziger Weg, nicht die Bodenhaftung oder mich selbst zu verlieren (schrieb ich ja schon im letzten Text). Auch wenn ich mich viel zu oft verstricke und verliere in meinem gedanklichen Überbau. Es ist meine einzige Verbindung von innen nach außen. Weil ich nur diesen dünnen Faden habe, zwischen dem Ort in meinem Körper, in dem die Gefühle festsitzen, zu den Fingern, aus denen die Buchstaben auf die Tastatur fließen, die oft genug an den geflickten Stellen hängen bleiben, an denen der Faden an seinen losen Enden letzten Sommer wieder verknüpft wurde.

Von Paleica

Internetmethusalem. Schütze Aszendent Jungfrau, zwanghaft neurotisch, begeisterungsfähig, Kommunikationsjunkie, Psychotante. Ein Kopf voll Gefühl, ein Herz voll Gedanken.

37 Antworten auf „Schreibgefühle“

Liebe Paleica, ich kann all das, was du hier schreibst sehr gut nachvollziehen, weil es mir ganz ähnlich ergeht. Für mein Seelenheil ist es elementar wichtig, mich auszudrücken. Ich glaube es hilft, weil dadurch etwas in Bewegung kommt, ans Licht kommt, sichtbar und „begreifbar“ wird, ich komme aus mir heraus und ein anderer Blickwinkel entsteht. Deshalb ist für mich das Schreiben und Fotografieren und auch das Spiel mit den Farben zunächst mal „für mich“. Aber in mir ist ist da auch dieser tiefe Wunsch, das was in mir ist zu teilen, dass ein Austausch entstehen darf, weil es wahr ist, was dieser Spruch (ich weiß den Verfasser nicht) besagt: „ Der Mensch ist die beste Medizin für den Menschen!“

liebe beate, das ist wirklich ein sehr schöner spruch und dem kann ich viel abgewinnen ❤ und auch dem rest kann ich nur zustimmen. ich komme immer wieder zu den beiden begriffen "ordnen und erden" – das ist schreiben für mich immer schon gewesen. erkenntnis gewinnen, mich selbst besser verstehen. vor jahren habe ich es auch mal so definiert, dass schreiben ordnen aber nicht heilen hilft und auch das stimmt noch – aber ich habe gleichzeitig die erfahrung gemacht, dass es ohne ordnung ohnehin (für mich) keine heilung geben kann. heilung kommt irgendwie erst durch austauscht und durch die eigene akzeptanz in gang.

Ich möchte dir heute ein Buch empfehlen: „Der Freund“ von Sigrid Nunez (erschienen im Aufbau-Verlag). Ein wunderbares Buch über die Liebe, das Schreiben (und Lesen), über Freundschaft und die Trauer.
Ich lese es mit großer Begeisterung.

Ganz liebe Grüße,
Werner

liebe paleica, ich verstehe dich sehr gut, was das schreiben(müssen) angeht. schreibst du eigentlich auch tagebuch? nur für dich alleine meine ich?
ich denke auch, dass es hilft zu schreiben, (ich empfinde das schreiben beispielsweise als unverzichtbare notwendigkeit), es stößt ein inneres bewusstwerden an und/oder unterstützt es. und ich denke auch, dass das beherzte schreiben, andere herzen erreicht.
liebe grüße! und danke für deine schönen beiträge. alles liebe und einen inspirierenden tag dir.

nein, nur für mich alleine schreib ich nicht. ich hab das immer wieder versucht und manchmal hat es über einen gewissen zeitraum geklappt und dann wurde es einerseits meistens zu einer art verpflichtung und dadurch zu einer belastung und dann hab ich es wieder gelassen. 2018 hatte ich so einen tageskalender, da hab ich jeden tag ein paar worte über den tag geschrieben. das hat mir anfangs gut getan, auch im sinne der achtsamkeit, aber irgendwann anfang 2019 hat es dann wieder gar nicht mehr gepasst und ich hab es gelassen. tagebuchsachen schreibe ich meist auch irgendwie wirklich nur um beim schreiben nochmal zu reflektieren, weil ich es gar nicht aushalten kann, diese art von texten danach nochmal anzuschauen, das ist dann wie fremdschämen für mich selbst. seltsam, oder?

und ich danke dir wirklich von herzen für deine worte, fürs mitlesen und für die schönen kommentare, die du dalässt, das gibt mir sehr viel ❤

Ich finde den Grund den du nennst, um zu schreiben, den vielleicht besten. Ich werde das auch ab und zu gefragt warum ich nicht nur für mich selbst schreibe, aber es ist etwas ganz anderes. Mann erzählt, und das macht man ja meistens aus einem anderen Grund als Tagebuch zu schreiben. Und gerade bei dir bin ich mir sicher, dass der der liest mindestens genauso viel profitiert wie die, die schreibt. Wobei profitieren ein unschönes Wort ist. Besser, es tut beiden Seiten gut.
Ich jedenfalls, versinke jedes Mal bei dir und die Kombination mit den wunderschönen Fotos ist einfach nur großartig. Offen, ehrlich und ganz oft so nah und dicht an mir selbst.

ich danke dir sehr liebe mitzi. es ist so schön, dass durch die aneinandergereihten buchstaben die paar 100 km zwischen uns ein wenig verschwinden und wir fast nebeneinander sitzen, zumindest empfinde ich das oft so.
meine seele fühlt sich von deinen worten sehr gestreichelt.

Du hast wiede wunderbar geschrieben. Ich mag Deine Art zu schreiben und bewundere dich immer wieder das du das auch so öffentlich tust! Ich habe damit nicht so gute Erfahrungen gemacht…
Lass dich mal aus der Ferne feste drücken und hab auch Du mit deinem Herzensmann ein schönes Wochenende!

liebe britta, ich danke dir von herzen für deine worte, sie gehen mir sehr nah ❤ ich habe zum glück meistens gute erfahrungen damit gemacht, sonst hätte ich sicherlich schon längst damit aufgehört, weil ich in diesem bereich tatsächlich sehr sensibel und empfindlich und verletzlich bin. gleichzeitig ist es aber auch etwas, das irgendwas in mir so sehr braucht, dass ich damit einfach nicht aufhören kann. darum hoffe ich, dass dieses medium einfach noch eine weile funktioniert ❤
eine herzliche umarmung aus der ferne an ich zurück und einen schönen sonntag dir!

Gern geschehen ;o)

Später, wenn es noch schlimmer wird in der Welt der sozialen Medien (Überwachung, Neid… etc. etc. etc…) wäre es zu überlegen seinen Blog dann auf *Privat* umzustellen. Nach dem einem Jahr wo ich nicht gebloggt habe, bin ich schon wirklich erschrocken gewesen, wie viele Blogschreiber/innen nach Einführung der DSGVO das Handtuch geworfen haben. Ich denke oft, das wird nur gemacht, um uns davon abzuhalten uns auszutauschen, damit wir ja die Klappe halten.
Dich auch noch mal drücke aus der Ferne!
Und habt einen schönen Sonntag noch!

ja, die DSGVO hat in der blogosphäre schon nochmal richtig arg spuren hinterlassen und vor allem viele kleine nicht-kommerzielle blogger aus dem medien rausgeschossen, was ich eigentlich bis heute richtig schlimm und traurig finde. aber es ist halt schon… wenn mans genau nimmt, ist mein blog wohl auch nicht DSGVO-konform und eigentlich ist dafür, dass ich einfach nur ohne jegliches geschäftliches Interesse, meine Gedanken und Fotos ins Internet stelle, ein Risiko einzugehen schon frustrierend.

Vieles verstege ich auch nicht. Und die, die teilweise noch übrig geblieben sind, sitzen oft auf einem hohen Ross und halten sich für etwas besseres. Das finde ich manchmal so frustrierend… Bei manchen Fotos gruselt es mir wirklich, aber die werden dann noch 100fach geliket………. tzzzzzzzzzzzzzzz *schmunzel
Hab ein feines Wochenende und macht es euch kuschelig!

ja, das stimmt leider. es sind schon zu einem großteil andere menschen geworden, die dieses medium noch nutzen – und die art eben auch. überall im internet. drum muss man sein bestes geben, seine bubble zu erhalten 🙂

Warum schreiben wir, warum schreibe ich? Nun, weil wir es wie das lesen einst lernen mußten. Kulturtechniken, nicht wahr. Manche wenden sie als Technik an. Zweckbestimmt. Manche denken an Kultur, Enkulturation, wollen sich weiterbringen, veredeln. Manche wie ich müssen einfach. Es ist ein Zwang, ein Bedürfnis. Ich erlebe, sehe, lese, höre und irgendwie, oft ohne bewußtes Zutun, verwandelt sich das in meist völlig verfremdete, nicht wiederzuerkennde Geschichten.
Wäre ich in alter Zeit, ohne Schriftkultur, ein Barde geworden, ein Geschichtenerzälhler? Vielleicht. Denn ein Sänger bin ich ja nun nicht, so gar nicht.
Aber ja, ich denke schon dass ich am Lagerfeuer sitzen würde. Und reden, reden… Falls mir jemand zuhören wollte.
Statt, wie viele ja anmerken, richtig zu arbeiten.

„Manche wie ich müssen einfach. Es ist ein Zwang, ein Bedürfnis.“ oh ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen… spannend, die frage, wie sich das in anderen zeiten ausgeprägt hätte…

Ich kann es gut verstehen. Es geht dabei ja auch ums Erzählen, sich mitzueilen und auf einer Art „gehört zu werden“. Ähnlich wie im Alltag, wo man sich an eine Vertrauensperson wendet um sich „auszuweinen“. Dieses Bedürfnis haben wir alle, egal in welcher Form. Es hilft uns sehr bei der Verarbeitung von Trauma oder Sorgen. Und im Internet kann man sich ausdrücken, ohne dabei im Augenblick des Loswerdens unterbrochen zu werden, was ja für viele auch sehr wichtig ist, denn dieses „lass mich bitte erst mal Aussprechen“ fällt weg. Ich verstehe dich daher sehr gut.

Wunderschöne Bilder im Übrigen!

ja, das hast du sehr schön beschrieben. gehört werden… und vor allem: so wie man ist. weil ohne hemmungen schreiben manchmal einfacher ist als reden, in eine gesichtslose tastatur anstatt in das gegenüber von jemandem, vor dessen urteil man sich sorgen macht, berechtigt oder nicht…

Ich lese fast jeden deiner Artikel und kann gut verstehen, dass du dir manchmal Gedanken darüber machst, wie es ist, wenn Menschen aus deinem wirklichen Leben dies auch lesen. Die dann plötzlich einen Einblick in deine Psyche erhalten, die du ihnen möglicherweise so vis-à-vis gar nicht geben würdest. Als Leserin profitiere ich oft von deiner Offenheit und ich mag diesen Tiefgang. Es gab Zeiten, so um 2013, da war dein Blog eine zeitlang anders, da waren im Verhältnis mehr Bilder, weniger Text, weniger du. Jetzt ist es wieder sehr intensiv und mich regen deine Gedanken an, berühren mich und oft wälze ich sie tagelang. Ein bisschen finde ich mich manchmal in ihnen wieder, sie sind mir nicht fremd. Vielleicht bin ich jetzt auch anders…… Aber mir fehlen oft die Worte, um einen Kommentar zu schreiben. Oder manchmal ist mir das dann doch zu persönlich, um öffentlich zu kommentieren. Aber ja, deine Offenheit hilft.

Liebe Grüße!

liebe conny, ich danke dir sehr für deine worte, das zu lesen bedeutet mit wirklich viel. und du hast recht, es gab eine zeit, da war es anders. da war etwas in mir versperrt und ich habe mich geweigert, den schlüssel zu suchen. das hat sich zum glück geändert und auch wenn es viel schmerzhaftes mitbringt, ist es wichtig für mich, damit ich ich selbst sein kann.
es tut auch gut zu lesen, wenn man verstanden wird. ich finde gerade das, was die texte bei dir bewirken, das schöne daran. das bewirken zu können. und es bringt halt auch sie sorge mit sich, wie sehen das menschen, die mich eben persönlich kennen und möglicherweise selbst nicht auf der reflektiven schiene unterwegs sind. manchmal denke ich mir – sollte mir das nicht egal sein? aber leider ist es dann doch in letzter konsequenz nicht immer so.

Meine Liebe,
ich verstehe dich so gut und kann jedes einzelne geschriebene Wort deines Beitrags nachvollziehen.
Liegt es nicht auch ein Stück weit in der Natur des Menschen, sich mit zu teilen oder mitteilen zu wollen? Die einen machen es auf diese Art und Weise, andere wieder auf eine andere Art und Weise. Ich finde, es ist alles okay, wenn es sich stimmig anfühlt. :o)
Fühl dich gedrückt und viele liebe Grüße nach Wien,
Karina

ganz lieben dank, liebe karina ❤
ich weiß nicht, ich kenne schon menschen, die das auch irgendwie gar nicht mögen. obwohl ich mir dann wieder denke, ob die es einfach nur "abgewöhnt bekommen haben" oder so. aber andererseits ist natürlich auch jedes handeln und jede lebensweise irgendwie ausdruck von einem selbst. ohje, philosophiemodus on 😀
danke meine liebe, eine virtuelle umarmung von mir zurück!

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