Eingebrannte Erinnerungen

Es gibt diese Ereignisse auf der Welt, die einen gar nicht so wirklich persönlich betreffen und doch so furchtbar tiefgehen. Diese Ereignisse, über die man manchmal Jahre später noch spricht. Ereignisse bei denen man immer wissen wird, wo man war, was man machte, als man davon erfahren hat. Ereignisse, die die Zeit stillstehen lassen während man das Gefühl hat, die Welt rast um einen herum.

Das erste Ereignis dieser Art, an das ich mich erinnere, das ist der Tod von Prinzessin Diana. Es war im August 1997. Ich war damals 10 Jahre alt. Ich saß auf dem Boden auf dem Teppich bei meinen Großeltern und blätterte durch eine dieser schrecklich bunten Zeitungen, es war eine Freizeit Revue, die meine Großeltern immer kauften, wegen der Rätsel. Ich mochte die Witze-Seite und weil ich damals alles las, was mir in die Finger fiel, las ich auch Klatsch und Tratsch der Prominenz. Es war einer dieser ganz normalen Tage am Ende der Sommerferien, als ich auf einmal hörte – ich weiß nicht mehr, ob es Radio oder Fernseher war – „Prinzessin Diana ist tot.“ Nun möchte man meinen, dass das 11jährige Mädchen nicht besonders betrifft, aber aus unterschiedlichen Gründen mochte ich diese Lady Di, vor allem weil sie mich so sehr an meine Mutter erinnerte und so war dies das erste Ereignis des Weltgeschehens, das mir mit einem Zeitpunkt des Erkennens in Erinnerung geblieben ist.

Das nächste dieser ganz großen Dinge – wie könnte es anders sein – war 9/11. Ich war 14. Dies wiederum war eines der Dinge, die ich nicht sofort begriff und die erst im Laufe der Zeit ihren Schatten in mein Bewusstsein warfen. Ich kam von der Schule nachhause und irgendwo in den Nachrichten wurden die ersten Schlagzeilen kommuniziert. Als man noch dachte, es wäre ein Unfall gewesen. Als erst der erste Turm getroffen worden war. Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter schockiert sofort den Fernseher einschaltete. Der zweite Turm war bereits getroffen worden und langsam, langsam sickerten die Begriffe „Anschlag“ und „Terror“ durch. Der Fernseher lief den ganzen Nachmittag. An die Bilder erinnere ich mich nicht mehr, nur durch ihre unzähligen Wiederholungen über die Jahre. Den ganzen Abend schrieb ich via ICQ mit einem Freund, auch darüber und ich hatte Angst vor den Konsequenzen. Auf jeden Fall weiß ich noch eines: die Welt war an diesem Tag für mich zu einem anderen Ort geworden.

Es folgten viele andere Ereignisse, manche die sich mehr, andere die sich weniger abspeicherten. Das Unglück der Gletscherbahn Kaprun. Auftauchen von Natasche Kampusch. Der Tod von Udo Jürgens. Das Attentat auf Charlie Hebdo. Der Absturz der Germin Wings Maschine. Und Paris am 13. November 2015. Wahrscheinlich werde ich mir das Datum nicht merken, aber ich werde wissen, dass ich einen Freitagabend mit einer Freundin im Museumsquartier verbrachte. Dass wir uns darüber unterhielten, dass dieses 2015 ein seltsames Jahr war, eines, das uns soviel abverlangte, innerlich äußerlich, uns persönlich, der ganzen Welt. Dass es nicht in die Riege der „ungeraden Jahre“ passte, die in meiner Chronologie immer ein Stückchen besser als die geraden Jahre waren. Dann kam eine Push-Mitteilung meiner Zeit App. Explosionen und Tote in Paris. Es war ähnlich wie bei der ersten Info von 9/11, ich warf einen Blick drauf, dachte „aha“ und schob das Handy beiseite. Erst am Heimweg wollte ich der Ursache nachgehen und las den von einem Bekannten auf Facebook geteilten Artikel der NZZ. Während der ORF noch von 16 Toten schrieb, deklarierte die NZZ schon 30. Ein Fußballmatch. Restaurants und eine Konzerthalle. In dem Moment befürchtete ich schon, dass es wieder einer dieser Momente sein würde. Einer von denen, die man nicht vergisst.

Nur zwei Tage zuvor hatte ich endlich Zeit gefunden, den Film „Zusammen ist man weniger allein“ mit Audrey Tautou anzuschauen. Dies veranlasste mich zu einem Instagram-Posting mit dem Titel „Schlimmböse Parisvermissung…“.

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Ich schrieb auf Twitter:

Ich kann es nicht glauben. Ich will es nicht glauben.

Bis halb 2 Uhr früh saßen wir vor dem Fernseher. Fassungslos. Schockiert. Sprachlos. Bis jetzt weiß ich keine Worte dafür. Nur, dass es meine Welt wieder ein Stückchen verändert hinterlassen hat.

Vor ziemlich genau einem Jahr besuchte ich Paris zum zweiten Mal. Die Stadt, in der ich kurz nach Florenz ein weiteres Stück Herz verloren hatte. Es war so schön wiederzukommen, ich hatte mich neu verliebt. Die duftenden Boulangerien, die imposanten Palais, Paris bei Nacht, es war wundervoll. Nur ein Monat später passierte Charlie Hebdo. Seither fühlt es sich an als gäbe es dieses Paris nicht mehr. Und mit diesem Paris, ist auch dieses Europa für mich verschwunden…

PS: meine Betroffenheit zu diesem Thema soll die furchtbaren Ereignisse in Beirut oder Bagdad nicht schmälern.