Der Herbst in seiner Essenz der Vergänglichkeit

In den Entwürfen liegt noch viel… viel Herbst, viel Reise und viele Emotionen. Viel 2015. Während sich die erste Jahreshälfte zum Teil zog wie ein Kaugummi, ist die zweite nur so an mir vorbeigerast und gedanklich noch nicht ganz für mich abgeschlossen.

Vielleicht hat der eine oder andere von euch bemerkt, dass es bei mir keinen Jahresrückblick gab. Dies lag nicht daran, dass ich keinen hatte schreiben wollen, sondern schlicht daran, dass ich keine Zeit gefunden hatte.

Anfang November ist meine Zeitrechnung irgendwie stehen geblieben. Der Herbst war dieses Jahr so toll, ich war gefühlt ständig außer Atem um so viele bunte, sonnenbestrahlte Blätter mitzunehmen wie nur irgendwie möglich. Als die Bäume kahl waren freute ich mich auf ein bisschen Durchschnaufen nach dem Marathon des Jahres. Doch offenbar war der Marathon für meinen Körper eher ein Iron Man gewesen, in den ich schlecht trainiert gestartet war – worauf mir die Rechnung präsentiert wurde, als die Spannung nachgelassen hatte. Die restliche Zeit versuchte ich, möglichst wieder auf die Beine zu kommen, damit Weihnachten und Irland wie geplant stattfinden konnten. Wie ihr ja wisst, ist mir das nicht so ganz gelungen.

2015 stand definitiv unter dem Stern des Welterkundens. Die Welt war zwar auf Europa beschränkt, aber dennoch gab es für mich viele Auszeiten und Tapetenwechsel. Ich habe das sehr genossen, es aber gleichzeitig geschafft, mich mit dieser wunderbaren Sache sehr unter Druck zu setzen. Auf einmal war es eine Art Ehrgeiz, da und dort noch etwas unterzubringen,  zu erzählen und zu verbloggen zu haben, obwohl ich eigentlich Ruhe gebraucht hätte. Ruhe, um viele Eindrücke zu verarbeiten anstatt immer wieder neue anzuhäufen. Um dem Erlebten Bedeutung zu geben. Aber das konnte ich nicht. Ich musste weiter, schneller, Neues planen.

Seit ich im Hamsterrad Vollzeitberuf laufe, gleichen sich die Tage und die Erinnerung wird zu einer Art beigebraunem, gleichgültigem Einheitsbrei. Reisen, wo anders sein, aus dem Alltag auszubrechen – all das gibt mir das Gefühl, meine Zeit zu nutzen. Die Pausetaste zu drücken und kurz einmal auszusteigen. Erinnerungen zu sammeln, die einem Jahr rückblickend Inhalt und Sinn geben.

Der Herbst ist meine liebste Jahreszeit und das aus gutem Grund. Er fühlt sich für mich so vertraut an. Es ist die Zeit, in der meine Seele zuhause ist. Weil die Melancholie und das Bewusstsein der Vergänglichkeit in mir verankert sind. Der Herbst macht sie sichtbar, auch für andere.

Es ist schwer für mich, Menschen die ich liebe und auch mir selbst beim Älterwerden zusehen zu müssen. Zusehen, wie das Leben im Eiltempo durch unser aller Finger rinnt. Wie wir versuchen, es festzuhalten, es anzunehmen und es so gut es nur geht zu nützen.

Feststellen, dass ich mich noch überhaupt nicht bereit fühle für dieses Leben obwohl ich doch nun wirklich alt genug wäre. Nicht bereit erwachsen zu sein, mir meine Hühnersuppe selbst zu kochen wenn ich krank bin, den Steuerausgleich zu machen, einen Kredit aufzunehmen, mit Sie angesprochen zu werden, mich auf einem Amt durchzufragen, Antifaltencrème zu kaufen, Kinder zu bekommen, Menschen sterben zu sehen.

Gleichzeitig fühle ich mich, als würde ich rennen, um der Zeit vorauszulaufen. Immer ein Stückchen weiter vorn, damit sie mir nichts wegnehmen kann. Ich plane, fotografiere, schreibe. Aber ich bin müde. Sie ist mir immer auf den Fersen. Ich kann sie nicht abhängen. Und sobald ich nur einmal stehen bleibe, um mich umzusehen, um Luft zu holen, um innezuhalten, ist sie schon da. Und überholt mich.

Ich kann sie nicht abschütteln, die könnte/sollte/würde/möchte, die in meiner Vorstellung kreisen. Bis 30 sollte ich. In diesem Jahr wollte ich. Eigentlich hätte ich. Und während ich vergangenheitsbehaftet die Zukunft plane, verpasse ich: den Augenblick.

Darum habe ich nur einen einzigen Vorsatz für dieses kommende Jahr: ich will Lebenswertmomente wieder in den kleinen Dingen finden. Von vor der Haustüre bis auf der anderen Seite der Erde. Denn erst, wenn der Alltag wieder genug ist, kann ich mein Tempo finden. Erst, wenn ich nicht weg muss um anzukommen, bin ich aus den richtigen Gründen unterwegs. Erst wenn ich nicht mehr empfinde, dass mein Leben zu klein, zu unspektakulär ist, erst wenn mein Geist und meine Seele mit dem kleinen Glück des Alltäglichen zufrieden sind – erst dann, kann mein Körper die Ruhe finden die er braucht um endlich wieder stark zu werden.

Bilder entstanden am 26. Oktober am Wiener Stadtwanderweg 4.