Reflexionen am Abend, draußen im Feld.

Life is a journey. Not a race.

Leider weiß ich nicht, von wem dieses Zitat stammt und auch das Internet kann mir nicht maßgeblich weiterhelfen. Unlängst fand ich einen Artikel, der im Kern dieses Zitat wiedergibt. Der Text beschäftigt sich mit dem Thema des Nachjagens von Zielen und dem Vergessen vom Glücklichsein. Um es kurz und vereinfacht zusammenzufassen. Mich hat das sehr berührt, da der Text grade zu einem Zeitpunkt meinen Weg kreuzte, an dem dieses Thema auch mich wieder beschäftigte.

Worauf kommt es an im Leben? Gibt es darauf eine allgemeingültige Antwort? Oder muss die jeder für sich selbst finden?

Unser Privileg ist es, gerade wenn wir in größeren Städten leben, dass wir uns nicht drum scheren müssen, was die Nachbarn sagen. „Lasse reden“ singen die Ärzte und das können wir gut. Es ist egal, wie wir aussehen und was wir tun, auf der Straße fragt uns niemand danach. Dennoch suchen wir uns Bezugsgruppen, online, offline, von denen wir uns Ziele diktieren lassen. Vielleicht sind es Introjekte unserer Kindheit, Werte, die wir von unseren Eltern übernommen haben. Vielleicht sind es postpubertäre Rebellionen gegen genau diese. Vielleicht haben wir uns auch eine neue Bezugsgruppe gesucht – in jedem Fall streben wir nach dem guten und richtigen Leben. Doch allzu oft verlieren wir den Bezug zu uns selbst, denn können wir wirklich umgehen mit dieser Wahlfreiheit? Keine Generation vor uns kannte diese Möglichkeiten und wir sind heute oft überfordert, wir können oft nicht entscheiden und überfordern uns selbst mit dem, was wir vom Leben wollen und zu brauchen glauben.

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Dabei geht es vielen von uns hier so gut. Wir haben das sprichwörtliche Dach über dem Kopf und wir haben genügend Nahrung (wenn nicht sogar  weit im Überfluss). Wir leben – soweit als möglich – in Sicherheit. Wir sind privilegiert. Und doch sind die Zahlen der Depressionen und Burn-Outs und anderer psychischer Krankheiten hoch wie nie. Wieso brennen wir aus, wenn wir doch auch mit etwas weniger von allem noch nicht am unteren Limit leben müssten?

Ich weiß, dass dieser Text gewagt ist, denn er ist nicht entsprechend faktisch überlegt, sondern er kommt aus dem Bauch und aus dem Herzen und auch, wenn ich in einer Verallgemeinerungsform schreibe, so meine ich doch vorrangig mich.

Lange Zeit lebte ich so vor mich hin und war damit eigentlich zufrieden. Ich kannte keine großen Sehnsüchte. Ich hatte meine Beziehung, meine Freunde, mein soziales Umfeld und meine kleinen Urlaube, schifahren, Österreich, Italien. Ich hatte nicht viel Geld aber ich brauchte es auch nicht. Dann kam dieses eine Erlebnis und auf einmal hatte ich das Gefühl, dass mein Leben mehr sein müsste. Dass ich es vergeudet hatte mit dem biederen Dasein der letzten Jahre. Ich wollte mehr, mehr durchtanzte Nächte, mehr Freunde, mehr Liebe, wenn auch nur für den Moment, mehr von der Welt, mehr von mir selbst. Der Zeitgeist traf mich mit voller Wucht. Du kannst alles tun, du kannst alles sein und auf einmal sah ich unendliche Möglichkeiten – nur nicht mich selbst.

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Es folgten Jahre der Unruhe, in denen ich es nie schaffte, Familie, Freunde, Beziehung, Sport, Studium, Arbeit, Fotografie und alles andere unter einen Hut zu bringen. Es blieb kein Raum für Spontaneität, alles war strikt durchgeplant, denn was gibt es schlimmeres als noch mehr kostbare Zeit zu vergeuden? Wie könnte ich jemals in Frieden diese Welt verlassen, wenn meine To Do Liste nicht abgehakt war? Ich hetzte von Spanien nach Budapest, von Dani zu Alice, von Mutter zu Opa, von Arbeit zur Physiotherapie und spürte dabei nichts. Ich machte Fotos, die ich in den raren Momenten zuhause bearbeitete, in denen ich wahrnahm, wie wunderschön der Ort gewesen war, den ich halb in Gedanken an die geplanten Termine danach kaum gesehen hatte.

Ich hatte ein Leben, von dem ich erzählen konnte aber keine Momente, die warm und bedeutsam in Erinnerung blieben.

Dann kam der Winter und mit ihm eine Zeit, in der ich nicht mehr konnte. In der ich mich von allem ausklinken musste und mich grade so vom Bett in die Arbeit, mit Medikamenten auf die notwendigsten Messen und zurück auf die Couch schleppte. Das System hatte Stopp gesagt. Laut und deutlich. Und ich verstand es nicht. Kaum ging es mir besser, kippte ich wieder in das Muster und es dauerte nicht lange, bis der nächste Zwischenfall mich wieder zuhause einsperrte.

Langsam beginne ich etwas zu verstehen. Das Dickicht der Termine hatte mir lange den Blick verstellt und erst als ich es abgeschüttelt hatte und meinen Kalender leergefegt konnte ich langsam etwas erkennen. Dass ich abgebogen war, damals und mich mehr und mehr von mir entfernte. Ich sah, dass ich hart geworden war in den letzten Jahren und dass ich alles vermied, was diesen Schutzpanzer aufweichen hätte können. Das meiste das ich tat fand an der Oberfläche statt. Ich benutzte meinen Kopf, nicht aber mein Herz, denn das hatte mich enttäuscht. Oder vielleicht hatte ich es enttäuscht und es hat sich verschlossen. Jedenfalls finde ich gerade Schlüssel, es wieder zu öffnen und es fühlt sich unendlich gut an, Vorfreude zu empfinden und Freude und einfach nur zu sein. Aber in diesem Sein geht es nicht um den Gehaltszettel und das Blech vor der Türe. Es geht nicht einmal um die Stempel im Pass. Es geht um die Momente mit Lebewesen, die vier befellte Beine haben, die bellen, wiehern oder mauzen. Es geht um Sommerabende mit geöffneten Fenstern und Notenblättern. Es geht um zwei Menschen und einen Ball. Um die ganz kleinen Dinge, in denen kein Platz für ein Smartphone ist, weil sie beide Hände, beide Beine und die gesamte Aufmerksamkeit von einem verlangen. Die Momente, in denen ich ausgelassen bin ohne es zu merken, ohne dass der Kontrollfilter eingeschalten wird. In denen ich das Ich wiederfinde, das ich sein kann, das ich sein will und das mir bestimmt ist.