#reflectiongram & Fachwerk in Dreieichenhain & [Wort] Hashtag

Ich habe sichtlich gerade eine sehr produktive Phase im Abarbeiten meiner Wortgeschenke 🙂 Seit dieser Beitrag für die Entwürfe vorbereitet ist – also seit knapp einem Jahr – ist er unter dem Titel #reflectiongram gespeichert. Welcher Post eignet sich also besser als dieser, um mein geschenktes Wort aufzugreifen?

 

#reflectiongram – ein Hashtag, den ich persönlich sehr mag. Ich liebe Reflexionen. Ich liebe Spiegelungen. Und ich finde es toll, so einfach nach Bildern suchen zu können, die diese Motive beinhalten.

 

#reflectiongram – ein Hashtag. Ein Hashtag ist in meinen Augen eine sehr spannende Sache. Denn es ist ein Begriff, der sich in der Gesellschaft etabliert hat, der vielmals nicht mehr wegzudenken ist, den Menschen querbeet benutzen (nicht immer den Begriff, aber den Hashtag an sich) und der eine Art Selbstverständlichkeit in der gegenwärtigen Kommunikation geworden ist.

Als ich ein Teenager war, war die digitale Kommunikation gerade in ihren Babyschuhen (Kinderschuhe waren noch zuviel gesagt). Ich entdeckte durch Zufall die SMS-Funktion auf meinem Handy. Die Möglichkeit, kurze, schriftliche Nachrichten zu versenden, an andere Handynummern. In Versalien. Ich war die erste in meinem Umfeld, die begann, SMS zu schreiben. Die erste, an die ich (glaube ich) eine SMS versendete, war meine älteste Freundin, die mich seit der Volksschule begleitete (Zufall). Sie hatte eben auch schon ein eigenes Handy. Damals unterschrieb ich noch mit meinem vollen Namen und meiner Nummer, da ich nicht wusste, welche Informationen am anderen Ende ankommen würden (schließlich hatte ich selbst noch nie eine SMS bekommen). Ich erfuhr auch bald, dass so eine SMS recht teuer war und mit 3 ATS (Schilling) sich bald einmal schmerzlich zu Buche schlug. Also suchte ich auf dem Diensthandy meines Vaters nach der Funktion, um mir ab und an dieses Geld zu ersparen. Doch sein Diensthandy hing noch im damaligen „D-Netz“, das die Möglichkeit zum SMS Versand nicht vorsah. Ärgerlich!

Langer Rede kurzer Sinn – digitale Kommunikation war für mich nicht immer eine Selbstverständlichkeit und von Hashtags sprach damals noch niemand. Wir begannen kurze Zeit später, unsere Gefühle in Sternchen zu schreiben, da es ja noch keine „echten“ Emoticons gab. Klar, langsam begannen die Menschen : – ) zu verstehen, aber bei : – D war es dann nicht mehr immer ganz einfach. Also gab es eben *kicher* und *rofl* und *lol*. Das waren unsere Hashtags. Abkürzung is king und es war auch die Zeit, als FANTA 4 mit MFG einen Wahnsinnscomeback hinlegten.

Doch die Sternchen setzten sich nicht durch. Sie wurden verdrängt und ersetzt: durch Hashtags. Hashtags nahmen wohl ihren Anfang (wenn mich nicht alles täuscht) auf Twitter (ein Netzwerk, das ich ausnahmsweise in seiner Intensität irgendwie ausgelassen hatte und erst in den letzten Jahren ein wenig und unregelmäßig nutze). Damals war man noch ein Nerd (selbst dieses Wort gab es irgendwie noch nicht), wenn man wusste, was ein Hashtag ist und wozu er verwendet wird. Und auch das ist in meinen Augen gerade dabei, sich mit zu verändern.

Ein Hashtag begann als Kennzeichnung, als Keyword, als Hilfe zur Suche, als Zusammenfassung, zur Ordnung. Ein Hashtag kommt – soweit ich weiß – aus der Denke der Programmierer und hat einen sehr pragmatischen Nutzen. Doch wenn die breite Masse etwas übernimmt, dann wird aus pragmatischem Nutzen schnell ein gesellschaftliches Phänomen. Während Hashtags heute in sämtlichen sozialen Netzwerken allgegenwärtig und absolut nicht mehr wegzudenken sind, benutzen Menschen sie auch außerhalb immer häufiger. Zumindest in meinem Umfeld passiert das. Es wird etwas besprochen und dann, irgendwann, folgt (wörtlich), zB: „Blablabla, Geschichte, Pointe, Hashtag: #metoo“ im Laufe des Gesprächs. Der Hashtag erlaubt praktische Kategorisierung (einerseits), einen kommunikativen Konsens – und gleichzeitig ist der Hashtag dazu da, Dinge zu beschreiben, die in „normalen“ Worten seltsam anmuten.

 

Wir veröffentlichen Dinge nicht mehr einfach in unseren Worten. Um Missverständnisse zu vermeiden oder um den Interpretationsspielraum zu reduzieren, schmeißen wir hinter einen „normalen“ Post noch ein paar Hashtags hinterher (zumindest passiert das in meiner Filterbubble so). Wir wollen sichergehen, dass die Wahrnehmung dessen, was von uns gesehen wird, sich mit der Wahrnehmung deckt, was wir zeigen wollen. Das ist vielleicht durchaus naheliegend, denn gerade die schriftliche Kommunikation bietet unendlichen Raum für Unklarheiten und falsche Bilder. Hashtags helfen zu schubladisieren. Ich ordne mich selbst und der Leser ordnet mich sofort einem semantischen Netz zu, wenn ich Hashtags wie #liveauthentic #healthylifestyle #vforveggie #metoo #hygge oder Ähnliches verwende.

 

Ich persönlich liebe Hashtags. Sie eignen sich einfach super, um sich verständlich zu machen. Je breiter die Masse, die sie versteht, umso einfacher werden Dinge in der Kommunikation. Gleichzeitig werden sie aber auch missbraucht. Von Bots in den sozialen Netzwerken. Von Menschen, um Dinge wahr wirken zu lassen und Authentizität vorzuspielen, wo keine ist. Dafür ist aber grundsätzlich der Hashtag nicht verantwortlich und er ist auch nicht daran schuld. Er vereinfacht einzig diese Aktionen. Ein Hashtag ist toll, wenn er wie #aufschrei oder #notjustsad zu einer Art Bewegung wird.

 

Also ich weiß ja nicht, wie es euch geht, aber ich finde es immer extrem spannend, mitzuerleben, wie Dinge entstehen und sich entwickeln, die irgendwann eine Selbstverständlichkeit für Großteile der Gesellschaft sind. Das Internet. Das Smartphone. Die großen Dinge. Und Hashtags – die kleinen Dinge. Und ich finde es spannend, darüber zu reflektieren. Warum ist diese Sache so beliebt? Warum funktioniert sie so gut? Der Hashtag schließt meinem Gefühl nach eine Lücke, die es in der (schriftlichen) Kommunikation immer gab. Der Hashtag ist genial. Lasst ihn uns nicht missbrauchen und kaputt machen.

Die Bilder entstanden im Ort Dreieichenhein in Hessen, während meines Aufenthalts zur IFH Frankfurt 2017. Es war meine erste Gelegenheit eine volle Altstadt mit Fachwerkshäusern zu bewundern. Und ich habe zum ersten Mal Schnitzel mit Sauce gegessen.