Reisen, Ethik, Moral, Wettbewerb und Gewissen

Wenn’s ums Reisen geht, dann geht es oft um so Vieles. Reisen bedeutet für jeden, der es gerne tut, etwas anderes. Und für die, die es nicht gerne tun, auch. Flucht, Selbstfindung, Erfahrungen sammeln, Fotografieren, Seele baumeln, das Leben verstehen, es gibt tausende und abertausende Facetten der Gründe, es zu tun (oder zu lassen). Jeder davon ist individuell, auch wenn uns das Internet so oft und gerne vorgaukelt, dass dem nicht so wäre. Denn Reisen, das zieht eine Assoziationskette hinter sich her wie kaum ein anderer Begriff. Wahrscheinlich gibt es außer fürs Glücklichsein (und Reisen wird ja oft als Allheilmittel dafür angepriesen) kaum ein anderes Konzept, für das auch nur annähernd soviele vermeintlich SEO wirksame 7 Punkte-Listen geschrieben wurden. Da ich ein Medienmensch bin, kann auch ich nicht behaupten, frei von diesen Einflüssen zu sein. Instagram, Pinterest und Co. machen genial einfache Planung möglich, laden die künftig verbrachten Urlaubstage aber schon im Vorhinein mit einer Menge bestimmter Erwartungen auf.

Aber nicht nur die Suche nach speziellen Plätzen führt dazu, dass wir schon im Vorhinein eine sehr konkrete Erwartungshaltung ihnen gegenüber haben. Allein das Reisen selbst, das wie wir Reisen, warum und wohin, die Auswahl der Destination, die Art und Weise wie wir dahin kommen, wie wir weiterkommen und wie wir schlafen sind relevante Aspekte unseres Reisens; aber nicht nur für uns – und hier kommt der Knackpunkt – sondern auch für unsere Außenwirkung.

Dies mag für viele Menschen nicht gelten, aber mich beschäftigt es immer wieder. Ich bezeichne mich als jemand, der gerne reist. Da ich jedoch üblicherweise an sicheren und touristischen Orten unterwegs bin, bin ich gefühlt immer auf der Hut, ob ums Eck jemand wartet, der mich deswegen kritisieren will, denn der Hickhack der #travelblogger untereinander ist ähnlich liebevoll wie der der #mamablogs. Bin ich eine Reisende, wenn ich auf einen gewissen Standard bei Übernachtungen achte? Darf ich mich als Reisende bezeichnen, obwohl ich noch nie als Backpacker (oder anders) in (Südost)Asien war? Darf man als jemand, der Asien und Afrika nicht ganz oben auf seiner Agenda hat, überhaupt von sich als reiseinteressiert sprechen? Darf man einen Reisefotoblog führen, wenn man sich in Marokko und Tunesien nicht wohlfühlt? Ist meine Reiseerfahrung echt, wenn ich mit allem Komfort von zuhause unterwegs bin, oder „gilt“ sie womöglich nur dann, wenn ich seit Tagen ohne vernünftige Dusche und aufgrund der Stockbettnachbarn ohne nennenswerten Schlaf, dafür mit handtellergroßen Küchenschaben als Bettgenossen einen Cocktail aus einer Kokosnuss am weißen Strand schlürfe? Denn so fühlt es sich manchmal für mich an. Und dann finde ich mich dämlich.

Trotzdem kommt es immer wieder. Ist das, was ich tue, tatsächlich reisen oder ist es nur das Konsumieren einer Show, die man mir als Tourist vorspielt, weil ich in meinen wenigen, vollzeitjobbedingten Urlaubstagen nicht schaffe, wirklich hinter die Kulissen zu blicken? Und MUSS ich hinter die Kulissen blicken oder darf ich mich mit den Eindrücken zufrieden geben, die mir präsentiert werden?

Eine Brücke entlang der Florida Keys, die während des Hurricane Irma zerstört wurde

In den allermeisten Fällen reise ich an Orte, weil ich an Natur und Landschaft interessiert bin. In Städten meist am Flair, am Ambiente und an dem einen oder anderen Bauwerk. Gelegentlich auch an der Kulinarik. Kultur ist nicht mein Steckenpferd und – so unpopulär das klingt – Menschen sind eher ein notwendiges Übel. Das bedeutet nicht, dass ich es nicht spannend finde, mit denen zu plaudern, die dort leben. Aber es ist mehr ein Zufallsprodukt und nicht das primäre Ziel und oft genug ist es mir lästig, wenn ich die Aura eines Ortes spüren will. Wenn ich die Natur erleben will, würde ich am liebsten alles Menschliche drumherum abschalten, denn die Menschen stören den Eindruck nur und machen ohnehin meistens alles kaputt.

Diese Einleitung ist nun also die Basis für zwei thematische Richtungen: einmal geht es dahin, dass ich darauf hinaus will, dass jeder, der etwas von der Welt erleben will, bestimmte Gründe dafür hat und sich bestimmte Erfahrungen wünscht – andere (manchmal unvermeidbare) können dabei lästig sein – und dürfen das auch, denn Reisen ist kein Wettbewerb. Es hat nicht die Person das Reisen gewonnen, die die größten Misslichkeiten und unbequemsten Schlafstätten aushalten konnte. Es hat überhaupt niemand von uns das Reisen gewonnen, auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als würden wir alle einem Preis hinterherrennen. Reisen ist ein Luxusprodukt. Es ist eine wunderbare, persönliche Horizonterweiterung, aber es verschmutzt die Umwelt. Wir reisen, weil wir es können und weil wir es dürfen, nicht, weil wir jemandem etwas beweisen müssen. Doch dieses Gefühl schleicht sich bei mir immer wieder ein, obwohl ich nicht einmal weiß, wer dieser jemand ist. Vielleicht Big Brother? So lange habe ich überlegt, ob unsere Hochzeitsreise „angemessen“ ist. Ob Florida und die Mexiko/Kuba-Kreuzfahrt abenteuerlich genug sind. Reisen ist zum absoluten Prestige geworden. Wie werden meine Freunde, meine Familie, meine Kollegen auf diese Reise reagieren? Werden sie mir auf die Schulter klopfen, werden sie neidisch sein, werden sie den Plan belächeln und abtun?

Und ich frage mich: wie zur Hölle bin ich in diese völlig schwachsinnige Denkspirale reingerutscht? Ja, ich kenne die Antwort. Es gab einmal jemanden, dem ich etwas beweisen wollte und ich habe mich an diese Art zu denken gewöhnt, sie begleitet mich, obwohl es diesen jemand schon lange nicht mehr gibt. Als ich also am Ende unserer Reise in Fort Myers am Pier stand und der Sonne zusah, wie sie langsam, ganz langsam, im Atlantik versank und mir vor Faszination über dieses Wunder, das sich jeden Tag aufs Neue zuträgt, fast die Luft wegblieb, sagte ich mir selbst: scheiß drauf!

Das, was wir erleben, ist echt! Reisen muss nicht schwer und schwierig sein, man muss nicht immer und ununterbrochen an seinen Grenzen sein und darüber hinaus gehen, um die Welt wahrhaftig zu erleben. Denn die Welt IST, da, genau da, wo du jetzt stehst und genau so, wie du sie jetzt siehst, in dem Moment, für dich.

Aber damit ist noch nicht Schluss, denn es gibt noch einen weiteren Aspekt und dabei geht es um Moral und Ethik. Wie oft ich von den indonesischen Traumstränden lese und vom charmanten Verfall Havannas und all der Romantisierung von Problemfeldern. Plastikmüll, soweit das Auge reicht, Armut und schlechte medizinische Versorgung und das sich Erheben all der #travelistas und #travelitos, die ein paar Monate ihren Lebensstandard herunterschrauben, unheimlich viel Spaß haben, das Leben genießen und diese wahnsinnig echten und ehrlichen Erfahrungen machen, bevor sie wieder in ihr komfortables, europäisches Leben zurückkehren, während die Bewohner des Landes in den „charmant morbiden“ Gebäuden dauerhaft wohnen.

Ich will damit die persönliche Erfahrung nicht gering schätzen, denn diese halte ich für sehr wertvoll und ich beneide viele von ihnen auch, dass sie den Schritt gewagt haben, diese Erfahrung zu machen – versteht mich nicht falsch! Aber ich bin hin- und hergerissen. Ist es tatsächlich so durch und durch positiv, an diese Orte zu reisen, noch mehr an der Verschmutzung mitveranwortlich zu sein? Ist es okay, an Orte zu reisen, sich an Strand und Meer zu fläzen, wenn im Nebenort die Familien nicht wissen, woher sie die grundlegendste medizinische Versorgung erhalten sollen? Schadet oder hilft man den Menschen in diesem Land mehr, wenn man es besucht? Inwieweit kann man überhaupt ein bewusster Reisender sein, wie sind locker flockiges Urlaubsflair mit den Eindrücken eines Entwicklungslandes vereinbar?

Auf diese Fragen habe ich keine umfassende Antwort und ich vermute, dass es auch keine allgemeingültige Antwort geben wird – abgesehen vom Offensichtlichen, wie zu versuchen, vor allem lokale Unternehmen zu frequentieren und seinen eigenen Müll wegzuräumen. Wie ich selbst künftig mit dieser Frage umgehen werde, wird sich wohl von Destination zu Destination entscheiden. Dennoch finde ich es wichtig (für mich), überhaupt einmal diese Fragen in den Raum zu stellen und nicht nur blind den positiven Klischees entgegen zu fliegen, denn jedes Land hat schöne und hässliche Seiten und in meinen Augen habe ich es dann erst wirklich bereist, wenn ich es geschafft habe, das Schöne zu genießen, ohne das Hässliche völlig auszublenden.

Was hier auf dem Bild lustig aussieht, ist alles andere als das. Der Alligator spielt nicht, er versucht mehrmals, den Plastikball zu schnappen, zu kauen und zu fressen. Zum Glück schafft er es nicht (zumindest nicht, solange wir da sind), denn wenn es ihm gelänge, könnte ein achtlos weggeworfenes Spielzeug das Todesurteil dieses wunderschönen Lebewesens sein.

Darum:

Take nothing but picutes. Leave nothing but footprints.