Minifotoausflug in den Setagaya-Park & Blogparade „Ab morgen darfst du nochmal leben.“

Patrick von living-memory.de hat zu einer interessanten Blogparade aufgerufen: „Ab morgen darfst du nochmal leben.“ Bis 15.7. läuft sie noch. Er stellt folgende Fragen:

  • Was würdest Du anders machen?
  • Warum würdest Du Dich diesmal anders entscheiden?
  • Wie würde diese Entscheidung Dein Leben beeinflussen?
  • Was denkst Du, wo, was und wer wärst Du heute?

Los gehts!

Ich gehöre ja selbst auch zu der Sorte Menschen, die das „was wäre wenn“ und das „wenn ich das damals gewusst hätte“ und co manchmal gern zelebrieren. Darum finde ich das Gedankenexperiment interessant. Nämlich genau in dieser Art: was würde ich anders machen, würde ich wissen, dass…, denn: wenn ich den Wissensstand auch abgeben müsste, würde ich klarerweise dasselbe wieder machen, ich habe ja auch damals die Entscheidungen „nach bestem Wissen und Gewissen“ getroffen. Untermalt mit Bildern.

Schule

Gehen wir zurück zu meiner ersten (großen) Entscheidung, die ich bewusst selbst getroffen habe: nach der Unterstufe nicht die Schule zu wechseln. Ich habe das eine zeitlang immer wieder bereut. Heute würde ich es allerdings so wieder machen, denn auch, wenn es an meiner Schule nicht nur Vorteile gegeben hat, habe ich dort wunderbare Freundschaften erlebt, die ich nicht würde missen wollen und die Möglichkeit gehabt, einen gewissen Bereich meines „Ichs“ zu entfalten, der für mich bis heute wichtig ist. Diese Entscheidung bliebe bestehen.

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Meine Bedürfnisse

Etwa zu der gleichen Zeit fing ich immer mehr an, mit vielen Dingen aus meinem alltäglichen Tagesablauf unzufrieden zu sein.Aus verschiedenen Gründen habe ich es mehr und mehr für mich behalten, bin mehr und mehr im Stillen unglücklich geworden und habe innerlich viele negative Gefühle entwickelt, die mir bis heute nachhängen. Wenn ich es irgendwie könnte, würde ich das anders machen, vielleicht mehr Streit in Kauf nehmen, um meine Unzufriedenheit auszudrücken und nicht soviel Angst vor Konflikten zu haben.

Ich hätte mich selbst versucht anders zu sehen. Mich nicht von Idealbildern wahnsinnig machen zu lassen.

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Studium

Hier hätte ich definitiv den größten Bedarf, eine andere Wahl zu treffen, da die Entscheidung für das Studium einfach aus den falschen Gründen gefallen ist und ich mich darum nie wirklich damit identifizieren konnte. Heute würde ich mich von meinem Wunsch, Psychologie zu studieren, nicht abbringen bzw. mich nicht verunsichern lassen, dass es nicht das Richtige sein könnte und ich hätte es einfach ausprobiert. Die beruflichen Möglichkeiten, die ich nun ergriffen habe, wären mir dennoch offen gestanden, aber ich hätte auch die Option, in eine ganz andere Richtung zu gehen (ich hätte meine Seelenschwester nicht kennengelernt – hätte sie aber auch nicht gehen lassen müssen.)

Diese Entscheidung ist heute die einzige, von der ich sagen kann, dass ich sie definitiv „falsch“ getroffen habe – weil ich auch damals schon wusste, dass die Gründe dafür nicht die richtigen waren, sondern die „Angst, die Komfortzone zu verlassen“, gewonnen hat (ein leidiges Thema in meinem Leben). Zum Glück ist das meiste im Leben nicht „unrevidierbar“ – aber dennoch mit einigem Aufwand verbunden, den man sich erst einmal antun wollen muss.

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Liebe

Lange habe ich mir gedacht, dass ich hier eine ganz große Sache ganz anders machen würde. Heute weiß ich es nicht. Ganz darauf verzichten würde ich denke ich nicht wollen, trotz des ganzen Schmerzes, mit dem es geendet hat, aber ich habe in gewisser Weise zumindest für eine Zeit eine Familie gewonnen, die ich sonst nie gehabt hätte und die mir bis heute unglaublich viel bedeutet. Aber ich denke, ich würde mich weniger einschränken lassen. Ich würde mehr Ich sein. Auf meine Bedürfnisse aufpassen und mehr darauf pochen (wenn ich das ein paar Jahre zuvor nicht schon verlernt hätte, wäre das ja auch alles vielleicht gar nicht erst passiert?). Vielleicht hätte ich dann mehr Kraft dafür, den zweiten Anlauf zu dem Zeitpunkt zu stoppen, als ich wusste, dass er keine Chance mehr hat – nämlich kurz bevor er wirklich begonnen hat.

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Freundschaften

Ich hätte mehr Zeit gefunden, für Freunde, als ich wirklich Zeit hatte. Dies wäre dann auch kein Problem gewesen, weil mich mein Studium nicht so erschöpft und ausgelaugt hätte, weil ich mich permanent davon überzeugen gemusst hätte, weiterzumachen. Da ich mich in meiner Beziehung für mehr „Ich“ entschieden hätte, hätte ich mehr mit meinen Freunden unternommen und wäre auch mal außerhalb von Schul-Aktivitäten (bzw. danach) mit ihnen weggefahren. Ich wäre nicht die Person geworden „die nie Zeit hat“. Dies tut mir aus zweierlei Gründen leid: einerseits, weil ich Freunde damals im Stich gelassen habe und andererseits, weil dadurch Distanz in die Freundschaften gewachsen ist.

Es wäre zwar schon damals nicht mehr das gleiche gewesen wie in der Teenagerzeit, als es für mich nicht möglich war, aber es wäre noch machbar gewesen. Ich hätte weniger Angst gehabt vor dem Autofahren und wäre alleine dadurch viel freier gewesen (Komfortzonen-Alarm!).

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Reisen

Das ist tatsächlich ein Kapitel, das mich auch ein wenig schmerzt. Denn mein Interesse an Natur und Welt hat sich erst recht spät ausgeprägt. Reisen war in meiner Jugend und während dem Studium für mich kein großes Thema – „wegfahren“ war aus verschiedenen Gründen lange für mich sehr kompliziert und mir fehlte der Bezug dazu. Der kam erst mit der Fotografie und die Fotografie kam erst gegen Ende des (ersten) Studiums in mein Leben. 10 Tage Ausland waren mir damals leicht genug. Aus heutiger Sicht hätte ich die damalige Zeit gern mehr genützt. Es wurmt mich, dass ich das Angebot, die Summer School in Kanada oder Kalifornien zu machen, nicht angenommen habe, obwohl ich das eigentlich unbedingt wollte (Komfortzone lässt grüßen!). Dass ich mich nicht früher für und letztendlich generell gegen ein Auslandssemester entschieden hab. Dass ich nicht öfter mal in irgendwelchen Ferien in den Zug gestiegen und irgendwo hin gefahren bin. Dass ich nicht öfter auf Schiern stand. Dinge, für die mir heute die Urlaubstage und – zumindest was die Schi betrifft – die Begleitung fehlen.

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Mein Fazit daraus

Ich hätte mir weniger Sorgen gemacht und die schönen Momente mehr genossen. Ich hätte weniger Angst gehabt. Ich hätte mehr von der Welt gesehen. Ich hätte weniger geklammert und mehr riskiert. Ich wäre spontaner gewesen und lebenslustiger. Ich war immer zu ernsthaft, zu unentspannt, zu besorgt. Ich wäre gerne wirklich jung gewesen, als ich wirklich jung war.

Einerseits bringt es natürlich nichts, den „was wäre wenns“ nachzutrauern und dafür soll diese Reflexion auch nicht dienen. Man hat gewisse Entscheidungen getroffen – die besten, zu denen man in dem Moment in der Lage war. Bereuen nützt nichts und man wäre natürlich nicht die Person, die man ist. Allerdings ist man auch nicht immer die Person, die man sein will – und manches davon ist genau aus diesen früheren Entwicklungen entstanden. Dann denke ich, dass es sehr wohl sinnvoll, wenn nicht sogar notwendig ist, sich mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen und sich zu fragen: warum ist mir das heute noch wichtig? Was kann ich tun, um trotzdem zum Ziel zu gelangen? Und wenn es nicht umkehrbar ist – wie kann ich mich damit arrangieren und die negativen Gefühle loslassen? Tut man das nicht, schwingen die Unzufriedenheiten unterschwellig mit. Und machen beispielsweise Rückenschmerzen.

Das alles hört sich an, als wäre ich etwa 90 Jahre alt und würde ein wenig einem Leben hinterhertrauern, das ich nie hatte und nie mehr nachholen könnte. So ist es nicht. Aber ein bisschen auch schon. Das klingt vielleicht dekadent und abgehoben, aber wenn man das unglaubliche Glück hatte, studieren zu dürfen und die Freiheit der absoluten Selbstbestimmung kennenzulernen, dann fühlt man sich mit einem „normalen“ Job oft eingesperrt. Obwohl ich mit dem Studieren eingespannt war, da ich meine beiden Magisterstudien mit 26 abgeschlossen hatte und nebenbei meistens gearbeitet hab, war ich räumlich flexibel. Dass mir dieser Aspekt jetzt fehlt, ist etwas, mit dem ich zu kämpfen habe. Es ist schon besser geworden, aber ich vermisse die Studienzeit dennoch enorm und würde sofort wieder tauschen. Ich bin gemacht für Prüfungsstress, nicht für Alltagsroutine. Dies ist für mich leider ein typischer Fall von „man weiß es erst zu schätzen, wenn man es nicht mehr hat.“ Das Bewusstsein, wie wertvoll diese Freiheit ist, kam mir erst sehr, sehr spät, sodass ich es versäumt habe, sie entsprechend zu nutzen. Das ist etwas, das ich heute wirklich bereue – und auch nicht mehr nachholen kann. Vermutlich zerlege ich darum alles immer bis ins kleinste Detail, damit ich nach dem nächsten Lebensabschnitt nicht wieder bemerke „Hoppla, du hast ja das Wichtigste verpasst!“.

Wenn ich all das anders gemacht hätte, dann wüsste ich heute vielleicht, wer ich wäre, wenn ich hätte sein können, wie ich bin. (So bin ich jetzt daran, es langsam und Schritt für Schritt zu lernen. Und hoffentlich eines Tages zu entdecken.)