Gedanken zum Aufschrei um den Instagram-Algorithmus

Ein soziales Netzwerk ist immer ein bisschen wie ein Baum, der aus dem Winterschlaf erwacht. Zuerst steht da nichts als ein leeres Gerüst, eine Idee, aus der etwas wachsen kann. Dann, langsam, sprießen vereinzelte Äste, Knospen setzen auf und öffnen sich nach einiger Zeit. Alles wird bunt und strahlt und übt eine magische Anziehungskraft aus. Die Blüten verblühen, es wachsen Blätter, kleine, saftige, grüne, viele, eine unüberschaubare Menge, frisch und lebendig. Mit der Zeit werden sie größer, dunkler, weicher, trockener, bis sie irgendwann abfallen und der Stamm mit seinen Ästen zurückbleibt, ein leeres Gerüst, eine Idee.

So war es immer, bis Facebook auftauchte. Alle sozialen Netzwerke, die davor einen Hype erlebt haben, verschwanden einige Jahre später in der Bedeutungslosigkeit. Facebook hat etwas geschafft, das bisher noch kein anderes Netzwerk geschafft hat. Es hat sich gewandelt – von der kleinen, überschaubaren Online-Familie zu einem Newsfeed für alle. Mit der Wandlung hat sich allerdings auch die Nutzung verändert. Das, was Facebook einmal ausgemacht hat – das Teilen von Statusnachrichten, Bildern, das Markieren und Kommunizieren, den Austausch, das am Laufenden bleiben mit Menschen, die man nicht so oft sieht, das ist – zumindest in meiner Timeline – weitgehend verschwunden. Facebook ist ein Newsfeed geworden, eine Plattform für Medien und Unternehmen, für Fotografen und Blogger, die ganz nah an den Leser, an den Kunden, an den Konsumenten kommen. Es wird fleißig geteilt und vervielfacht, aber es wird kaum Neues geschaffen. Dafür dreht sich eine Menge Geld. Es scheint seinen Zweck gefunden zu haben, den kritischen Punkt überstanden und in einer neuen Form weiterzuleben.

Ich kenne diesen Zyklus bereits. Ich habe schon x-mal die Plattform gewechselt, Neues entdeckt und bis auf Myspace so ziemlich alles mitgemacht. Ich habe in Facebook anfangs meine Art Paradies entdeckt, etwas, das mir im Internet immer noch gefehlt hatte, vor allem seit jetzt.de seinen Charme verloren hatte. Mit vielen Menschen Gedanken teilen, Dinge festhalten, Alltagsmomente so schreiben, dass ich sie selbst noch lesen mochte.

Doch in den letzten Monaten hat sich erneut für mich ein Wechsel vollzogen. Facebook nutze ich nun ebenfalls als oben genannten Newsfeed, es erleichtert das Zeitunglesen (obwohl mir natürlich klar ist, dass es den Eindruck, auch den Schwerpunkt der Themen völlig verfälschen kann), es unterhält mich gelegentlich und ein bisschen nutze ich es für diese Seite. Ich like nur noch ganz selten, ich mag es nicht, dass meine unüberschaubaren 333 Kontakte so genau wissen, was mir gefällt. Ich kommentiere in Ausnahmefällen, bewusst, wenn ich möchte, dass meine 333 Kontakte vielleicht lesen, was ich zu sagen habe. Ansonsten bin ich: passiv.

Also zog ich um, mit Sack und Pack, auf Instagram. Hier postete ich monatelang frisch und fröhlich, was mir grade in den Sinn kam. Bis auf einmal – naja, ihr kennt es ja. Die Streams, die hübsch einheitlich sein sollten, weil es einem selbst ja auch gefällt. Die Qualität der Bilder, auf die man achten will – alles schön und gut, hat seinen Sinn und Zweck, macht sich gut als Portfolio, aber nicht als Facebook-Tagebuchersatz, durch den man selbst Monate später stöbert, um sich an die Zeit zu erinnern (was Snapchat als Alternative gleich ausschließt). Kurz gesagt: ich habe begonnen, mich einzuschränken, um ein Ziel zu erreichen. Ich bekomme wesentlich mehr Likes und habe wesentlich weniger Spaß. Seit gestern gibt es den ersten Algorithmus auf Instagram, der die Beiträge nun nicht mehr chronologisch ausspielen wird. Das ist erstmal noch nicht so schlimm, denn immerhin werden die Beiträge zumindest (angeblich) noch alle ausgespielt. Ich dachte mir auch erst nicht viel dabei und vor allem: weder werde ich von irgendjemandem Notifications anturnen (sagte ich schonmal, dass ich diese inflationären Push-Benachrichtigungen hasse?), noch werde ich irgendjemanden bitten, sie bei mir aufzudrehen. Instagram wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach zu einem Facebook für Bilder entwickeln. Nicht heute, nicht morgen, aber in 1 bis 2 Jahren schätze ich, dass sich sowohl Nutzung als auch Angebot ebenfalls dorthin entwickelt haben. Warum? Weil es für Facebook (Instagram ist ja auch Facebook) rentabel ist. Weil sich so Werbeeinnahmen lukrieren und ein Haufen Geld machen lässt.

Versteht mich nicht falsch – wäre ich Facebook, würde ich es ebenfalls so machen. Im letzten Jahr sind die Nutzerzahlen offenbar explodiert, es finden sich Unmengen an Personen auf Instagram, die wohl ihr Leben lang noch kein Foto gemacht haben. Das zeigt, dass IG nun offenbar „the place to be“ ist. Aber das ist auch das Todesurteil für das Instagram, das ich mochte.

Darum habe ich nun meinen kleinen virtuellen Rucksack schon gepackt und warte, dass sich eine neue Tür öffnet, eine neue Plattform auftut, auf der ich mich wieder niederlassen kann und die für mich wieder funktioniert. Heute bin ich aber nicht sicher, ob die Zeit dafür noch die richtige ist.