Jetamele hat mich inspiriert. Mit einem wunderschönen High Key Pflanzenmakro. Der Entzug von Farben und die Veränderung von Licht verändern die Aussage eines Bildes enorm, bis hin zu ihrer völligen Transformation. Und daher nutze ich diese Bilderstrecke für einen abstrakten Gedankengang, den ich seit langem hege, über den ich schon schreiben wollte und dann doch wieder den Zugang verloren habe und für den ich nun einen neuen Anlauf wagen möchte.

Diesen Bildern ist eines gemein: sie haben etwas Surreales. Sie wirken unwirklich und manchmal im ersten Moment verwirrend. Wir brauchen einen Moment, bis wir ihre Formen und Strukturen erfassen und unser Gehirn aus den visuellen Informationen ein Motiv bastelt. Etwas, das wir erkennen. Aber etwas, das kein wirkliches Abbild der Realität zu sein scheint, sondern eine Erinnerung an das, was einmal echt war.

Ein ähnliches Phänomen glaube ich gibt es in der Übertragung von Emotionen über Generationen innerhalb von Familien. Ich stelle nun eine gewagte These auf, die ich im Freundeskreis schon das eine oder andere Mal angerissen habe und auf die ich immer wieder zurückkomme. Ich gehöre der zweiten Nachkriegsgeneration an. Das heißt, dass meine Großeltern den Krieg miterlebt haben. Meine Oma in ihrer Teenagerzeit sehr bewusst, mein Opa, der einige Jahre jünger war, etwas weniger unmittelbar, aber doch noch sehr deutlich, vor allem gegen Ende. Sie haben beide eine unfassbare Zeit erlebt und wurden von diesen Jahren für ihr ganzes Leben geprägt.

Insbesondere für meine Großmutter bedeutete der Krieg eine Zäsur, denn sie musste innerhalb kürzester Zeit praktisch ihre ganze Familie begraben. Ihr Verlobter starb im Schützengraben, irgendwo allein im Ausland. Ihr Vater starb kurz nach dem Krieg mit grade einmal 60 Jahren, ja woran? Und ihre Mutter folgte ihm, kurze Zeit darauf, weil sie sich von einem Raubüberfall psychisch nicht mehr erholte. Sie, die im Krieg jeden Tag ihr Leben riskiert hatte, um Versteckten Essen zukommen zu lassen, starb an gebrochenem Herzen, weil man ihr eine große Summe Geld gestohlen hatte.

Innerhalb von weniger als 5 Jahren verlor meine Großmutter alle drei Menschen, die ihr nahe standen. Sie war Anfang 20 und alleine. Sie zog zu ihrer Großmutter – eine resolute Frau in den 60ern, die sie siezte und die Besatzungssoldaten verpflegte und bei ihnen übernachten ließ, um über die Runden zu kommen.

Irgendwann erzählte mir meine Großmutter, dass sie damals alleine bleiben wollte und kein Naheverhältnis mehr zu Menschen haben, doch das war als Frau in den 40ern nicht eben gerade einfach. Irgendwann lernte sie meinen Großvater kennen, einen sehr attraktiven, wesentlich jüngeren Mann, den sie schließlich heiratete.

Nach einer Fehlgeburt, die sie selbst fast das Leben gekostet hätte, kam schließlich meine Mutter zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt – im Jahr 1958 – war sie 34 Jahre alt.

Sie hatte Zeit ihres Lebens ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Mutter. Ich möchte fast sagen, dass sie all die Liebe, die ihr das Leben zuvor genommen hatte, auf dieses Kind projizierte.

Ich weiß nicht, wie es ist, als Kind einer Kriegsgeneration aufzuwachsen. Ich weiß nicht, wie sehr man Traumata, die die Eltern erlebt haben, bewusst spürt. Aber ich bin mir einer Sache sicher: dass diese Erlebnisse und dieser Schmerz ihre Spuren hinterlassen. Ich kann vieles davon heute noch in meinen Eltern spüren. Die Sensibilität, wenn es um dieses Thema geht. Der Hass auf das System, das ihren Eltern so Vieles genommen hat. Auch wenn diese Generation den Krieg nicht am eigenen Leib erlebt haben, so war er unmittelbar Teil ihrer Geschichte, weil ihre Eltern bis an ihr Ende darunter gelitten haben.

Diese Gefühle wurden weitergegeben. Schmerz transformiert sich und wird unbewusst wahrgenommen und gespeichert. In den Kindern, aber auch in den Enkeln. Etwas hat sich in unseren Familien manifestiert, das unsere Eltern unbewusst mittragen, aber auch wir, zumindest, wenn wir ein enges Verhältnis zu unseren Großeltern haben oder hatten.

Es kommt mit Sicherheit auf den Menschen an und auf das, was dieser Mensch in dieser Zeit erlebt hat. Aber für jene Familien, bei denen dieser Schmerz so präsent war wie in meiner Familie, bleibt man als Mitglied davon kaum unberührt. Ohne diesen Schmerz wäre sie vielleicht nicht chronisch krank geworden und unser Familiensystem hätte andere Rollen ausgeprägt. Ohne diesen Schmerz wäre ich nicht mit der Omnipräsenz einer tiefen Traurigkeit, aber gleichzeitig mit einer unbeschreiblichen Empfindungsfähigkeit aufgewachsen. Ohne diesen Schmerz gäbe es mich nicht, oder ich wäre ein/e andere/r, denn meine Großmutter hätte einen anderen geheiratet.

Ich frage mich bisweilen immer wieder, warum es Menschen gibt, die das Leben so leicht und locker nehmen können und woher dieser kleine düstere Grundtenor kommt, der meine Gefühlswelt seit ich denken kann beherrscht. Wieso so viele der Welt mit einer gewissen optimistischen Gleichgültigkeit begegnen, während für mich globale Katastrophen schnell zu persönlichen Problemen werden. Selbstverständlich gibt es darauf keine Antwort, die mit Sicherheit und wissenschaftlich fundiert korrekt ist. Aber all meine Reflexionen führen mich immer wieder dahin zurück. Sie enden immer dort, wo ich mit meiner Großmutter in der Küche sitze und sie mir erzählt, dass keine Tränen mehr da sind, weil sie alle verfügbaren schon in ihrer Jugend geweint hat. Sie enden immer dort, wo sie mit einem nicht fassbaren Schmerz in den Augen irgendwo leicht nach oben sieht, still und in sich gekehrt, weil nur dort, ganz blass in der Erinnerung noch der Mensch lebt, der sie wirklich einmal war.

54 Comments on “Überbelichtete Pflanzenstrukturen & generationsübergreifende Gefühlswelten

  1. Liebe Christina, das ist sehr traurig und sicherlich umgibt einen diese Trauer. Ich möchte nicht zu persönlich werden hier auf deinem Blog, daher nur ganz allgemein: Man kann sich frei machen von solchen Lasten. Zu einer solch tiefsitzenden Stimmung gehört ganz sicher ein Chrakter, der dafür empfänglich ist, daran kann man nichts ändern. Man macht aus einem sensiblen Menschen keinen abgestumpften. Aber man kann lernen, dass das, was deiner Großmutter widerfahren ist, nicht dein Leben ist. Es ist ein ganz kleiner Teil davon. Doch die Emotionen dieses kleinen Teils sind für dich omnipräsent. Diese Geschehnisse gehören der Vergangenheit an.
    Wenn du mir privat noch schreiben magst, du kennst unseren Kanal 😉

    Ganz liebe Grüße, Bee

    • liebe bee, ich denke, dass das ein spannendes thema ist. ich habe dir schon geantwortet.
      ich konnte glaube ich auch vieles, das ich dazu empfinde, (noch) nicht so ganz gut in worte fassen. ich glaube, dass der artikel ein wenig zu drastisch ausdrückt, was ich meine. gedankengänge, die noch nicht so lange teil meiner überlegungen sind, kommen manchmal ein wenig holprig „zu papier“.

      • Es ist doch gut, wenn du es hier runterschreibst. Ist ja eine Art Bewältigung es konkret in Worte zu fassen. Du musst immer bedenken, dass ich deutlich älter als du bin, daher vielleicht etwas mehr Gelassenheit 😉 an den Tag lege.

        Ich bin immer für ein Gepräch da, wenn du das magst.

        • ja das ist es für mich. und auch eine art erinnerung, denn diese erkenntnisse kommen, sind wichtig und manchmal versinken sie dann auch wieder. daher ist es gut, sie irgendwo festgehaltne zu haben.
          alter ist manchmal ein grund, manchmal aber auch nur eine praktische ausrede, die ich für mich nur bedingt gelten lasse 😉 (ich bin streng mit mir).
          ich danke dir meine liebe ❤

  2. Danke fürs Teilen dieser sehr persönlichen Geschichte. Es gibt bei dir immer wieder Authentisches, nachdenklich Machendes zu lesen. Ohja, man kann nachlesen, dass Kriegstraumata über mehrere Generationen reichen. Ich kenne das auch. Allerdings ist ein Trauma, ein eigenes oder ein „ererbtes“, eine Sache und eine eigene charakterliche Disposition eine andere. Ich bin da ganz Bees Meinung.
    Was die Bilder betrifft, so finde ich einige geradezu beängstigend, schön aber tot, geisterhaft …..

    • liebe myriade, es ist schön, das zu hören, denn das ist mir ein wichtiges anliegen. sowohl, dass meine gedanken hier raum bekommen, aber auch, dass meine leser etwas zum mitnehmen bekommen, etwas das anregt oder etwas das abschließen hilft oder sonst ein zartes pflänzchen setzt.
      „schön aber tot“ – ich glaube das trifft auch mein gefühl zu den bildern und das war wohl unbewusst auch der grund, warum diese bilder dann letztendlich dann den beitrag zu diesem thema getriggert haben.

  3. Ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, die das Leben nur leicht und locker nehmen. Auch die haben ihre Krisen.

    Aber so schlimm die Situation für Deine Vorfahren war – was kannst DU daran ändern? NICHTS! Du kannst heute leben – du kannst es anders machen – es nützt nichts sich das Leid derer anzuziehen in dessen Schuhen man nicht gelaufen ist.

    Es gibt sowas wie selbsterfüllende Prophezeiung – so wie Du denkst – so wird es auch werden. Glaube ist eine stärkere Macht als wir denken – nicht umsonst wirken Placebos – nicht umsonst besiegen manche Menschen den Krebs, obwohl Ärzte das für unmöglich hielten. Ich kann nicht mehr ändern, was gestern war – ich weiß nicht was morgen kommen wird. Ich leben jetzt und heute! Und ja Menschen machen Fehler – die sind passiert – man kann daraus lernen – man kann sie aber nicht mehr ändern – zurückdrehen geht bei der Zeit leider nicht.

    Dinge einfach mal annehmen wie sie sind – das Beste draus machen – Vertrauen darauf, dass das Schicksal schon einen guten Weg hat. Positiv denken – Fragen um was wäre wenn rauben Dir nur Zeit und Kraft. Lächle die Menschen an – sie lächeln zurück! Vergleiche dich nicht mit anderen – du bist so wie du bist und das ist gut! Lebe Dein Leben und übernimm dafür die Verantwortung – nicht für das Leben deiner Vorfahren. Mach eigene Fehler und lerne daraus. Wir machen sie alle! Immer wieder. Der Mensch fällt und steht wieder auf – von klein an … Steck dir kleine Ziele und freue dich darüber, wenn sie erreicht sind! Und wenn was passiert, was nicht in die Reihe passt – davon geht die Welt nicht unter – was du nicht ändern kannst, das nimm einfach hin – nutze deine Zeit lieber positiv als sowas zu zerdenken. Achte auf Dich!

    Du machst wundervolle Bilder und gehst so oft besondere Wege – so wie hier mit den Überbelichtungen. Du siehst so viele tolle Orte und bringst so schöne Eindrücke mit.

    Man kann viel in Bildern lesen – denn die innere Einstellung ist die Linse, mit der du das Leben siehst. Auch an Fotos kann man sehen, wie anderen die Welt sehen in der sie leben. Glaube nicht, dass andere keine Fehler machen, die haben auch schlechte Tage, Zeiten in denen nichts so läuft, wie man es sich wünscht. Die Einstellung dazu ist nur eine andere. Wie hat Oma immer gesagt – wie man in den Wald hinein ruft – so schallt es heraus! Ändere Dich und Deine Einstellung und Dein Leben ändert sich. Alles andere kannst Du nicht ändern – fang bei Dir an! Hört sich völlig easy an – ist es bestimmt nicht – das glaube ich Dir gerne, aber wenn man will, gibt es Menschen die einem dabei helfen. Ob man so weiter macht wie bisher oder sich helfen lässt, darf man natürlich selber entscheiden 🙂

    Hier schau mal bei Annette – Ruhrköpfe – vorbei – sie hat vor ein paar Tagen so ein wunderschönes Beispiel gebracht von dem Mobile „Gerät ein Element des Mobiles in Bewegung, geraten alle Elemente in Bewegung – ob sie wollen oder nicht. Änderst du etwas in deinem System, wirkt das auf viele, meist sogar auf alle Systeme, in denen du dich bewegst, egal ob beruflich oder privat. “

    https://ruhrkoepfe.wordpress.com/2017/05/04/ruhrkoepfe-in-eigener-sache-du-bist-teil-eines-mobiles-teil-eines-grossen-ganzen/#more-2710

    Ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag!

    Herzliche Grüße
    Birgit

    • liebe birgit, erstmal danke für deinen langen und sehr interessanten kommentar – dem muss ich auf jeden fall weitgehend zustimmen! danke auch für den link, da werde ich auf jeden fall vorbeischauen!
      ich bin aber nicht ganz sicher, ob meine gedanken/gefühle bzw. meine situation durch den beitrag vielleicht zu drastisch drübergekommen sind. es ist nicht etwas, das mein leben aktiv bestimmt oder mich aktiv sehr viel beschäftigt oder beeinträchtigt. ich meinte eher, dass es etwas sehr, sehr altes und grundlegendes ist, etwas, das man halt in seinen ersten lebensmonaten und -jahren mitbekommt, etwas, das mich auch irgendwie ausmacht. eine ganz unterschwellige grundstimmung, die möglicherweise eben durch diese erlebnisse voriger generationen ausgelöst und auf mich übertragen wurden.

      ich zweifle überhaupt nicht am positiv denken und an der beeinflussungsmöglichkeit, die man dadurch hat und an dem arbeite ich – wenn ich die energie habe – auch immer und immer wieder. und es ist mir ebenfalls klar, dass es niemanden gibt, dem immer alles leicht fällt. aber es gibt trotzdem einfach menschen, die das leben leichter nehmen und andere, die es schwerer nehmen und das von kindheitstagen an. das ist denke ich schon eine tatsache, wenn man sich umschaut und erinnert und ich sehe es auch in meinem freundes- und bekanntenkreis. ich bin aller wahrscheinlichkeit nach außerdem auch eine „HSP“ – zumindest passt sehr, sehr vieles, das ich empfinde, in dieses „forschungsgebiet“ hinein. aber die ursachenforschung ist einfach ein ganz persönliches interesse von mir und da bleiben die erziehenden generationen letztendlich einfach nicht unbeleuchtet.

      die fotografie ist übrigens einer der wege für mich, das schöne und positive zu sehen und mich darauf zu konzentrieren. die welt bewusster wahrzunehmen und genau daran zu arbeiten 🙂
      alles liebe für dich!

  4. Klasse! Die Bilder haben eine unheimliche Leichtigkeit. Ich finde das super spannend, weil man bei dem s/w high key irgendwie genauer hinschaut. Nicht, dass ich keine Blumenbilder mag, aber irgendwie schaue ich dann oft nur drüber. Durch die Reduktion lässt du hier was neues entstehen. Es ist wieder spannend und man entdeckt mehr.

    • ja gell, diese erfahrung habe ich auch gemacht. obwohl, ich LIEBE blümchenbilder, aber ich weiß was du meinst, man nimmt sich nicht immer oder oft nicht die zeit, sie genauer anzuschauen. durch die reduktion auf ihre strukturen ändert sich das, weil das auge nicht mehr quasi „von selbst“ das bild formen kann, unbewusst und ohne konzentration.

  5. Liebe Christina, das Thema ist eines, das mich auch immer wieder beschäftigt. Ich bin sehr dicht mit meiner Großmutter und meiner Urgroßmutter aufgewachsen, beide sind sie aus ihrer Heimat vertrieben worden, meine Großmutter mit gerade mal 9 Jahren. An manchen Dingen und Verhaltensweisen sehe ich, wie sie quasi auf mich abgefärbt haben, und ich erschrecke vor manch tief sitzenden, halb verborgenen Glaubenssätzen, die ich in mir trage, ohne zu wissen, woher sie kommen – die aber im Leben der Generationen vor mir absolut Sinn ergeben. Es tut gut, Dinge aufzudecken und dann auch an der richtigen Stelle zu lassen! Aber es ist manchmal ein harter Weg. Liebe Grüße! Mathilda

    • liebe mathilda, es tut gut zu lesen, dass auch andere diese erfahrungen machen und darüber nachdenken. wahnsinn, dass sich das bei dir sogar in richtigen glaubenssätzen manifestiert hat. bei mir ist es ja eher ein sehr vages und ungreifbares gefühl. in jedem fall ist es wichtig, zu wissen, dass es einem nicht gehört, dass es von außen kommt.

  6. Ich hab da eine ganz klare und harte Meinung zu diesem Thema. Einfach weil ich mir schon sehr viele Gedanken darum gemacht habe. Und die These mag gewagt sein, unberechtigt oder überzogen. Doch in der Hinsicht lass ich mich nur schwer belehren… 😉 Ohne den Krieg würde es heute deutlich mehr Therapieplätze geben. Denn die sind voll von unserer Generation (also 25-40 Jahre ganz grob). Aber auch die Generation unserer Eltern ist noch ordentlich vertreten. Und so kommen wir zu Generation unserer Großeltern die völlig unbewusst die Kugeln ins rollen gebracht haben. So schließt sich der Kreis und die Therapeuten und Psychologen machen das große Geld (wobei die guten ihres Fachs unbezahlbar sind)…

    • ja das geld, das therapie kostet, ist nochmal ein ganz eigenes thema. aber ich finde es spannend, dass du dich da auch schon so damit beschäftigt hast. ich denke, dass unsere generation einfach die erste ist, die zumindest in gewissen schichten einfach auch mehr bereit ist, sich auf so etwas einzulassen, während in der generation unserer eltern alles was mit therapie zu tun hatte nochmal weitaus stigmatisierter war als es heute ist. aber vielleicht können wir dem weitertragen dieser traumata wenigstens ein ende bereiten…

    • Für mich liegt der Grund der vielen Therapiebedürftigen eher darin, dass unsere Umwelt so extrem komplex, schnell und laut geworden ist. Keiner kommt mehr zur Ruhe! Ständig gibt es Stress und Eindrücke zu verarbeiten – im Beruf, in der Freizeit. Es ist normal geworden permanent etwas zu unternehmen. Es ist cool zu betonen wie beschäftigt und ausgebucht man doch ist. Und so fehlt die Zeit und – noch wichtiger – Ruhe zum reflektieren. Um Antworten zu finden, muss man zur Ruhe kommen und das kann man heute kaum noch, weil es ständig irgendwelche Ablenkungen gibt und wir uns ablenken lassen. Ein Therapeut ist da ganz gut zum Reflektieren – der hilft unsere Gedanken zu sortieren. Der hilft uns Dinge zu erkennen, die im Alltagslärm untergehen.

      • Mit Sicherheit ist das auch ein absoluter Hauptgrund. Wie schwer welcher Grund jetzt gewichtet wird ist sicher gar nicht wichtig, im Endeffekt ist es ein Zusammenspiel aus mehreren Umständen die Vergangenheit und Gesellschaft „verschulden“… Zusammenfassend kann man denk ich schon sagen, dass es heutzutage nicht einfach ist, sorgenfrei zu leben…

        • Ja, ich habe noch lange darüber nachgedacht und denke auch, dass es Zusammenspiel aus mehreren Ursachen ist. Letztlich wird man das auch gar nicht genau bestimmen können.

      • ich bin übrigens auch meist ziemlich ausgebucht und beschäftigt. und ich finde es gar nicht cool. es überfordert mich total. aber irgendwie ist es auch nicht wirklich möglich, mit vollzeitjob, sozialleben und sport zeit für sich und ruhe zu finden. ich frage mich manchmal, wie das andere menschen machen :/

  7. So leicht angefangen hat dein Beitrag doch nen ganz schönen Brocken zu tragen.
    Ich kann es durch meine ältere Verwandschaft bestätigen. Wenn es um dieses Thema geht werden Sie ganz ruhig, in sich gekehrt.
    Erinnerungen die sie vielleicht auch noch nie jemanden gesagt haben oder Empfindungen, die Sie zu diesem Zeitpunkt in der Lage gewesen sind richtig oder überhaupt irgendwie zu verarbeiten.
    Ich selbst bin in gleichem Alter wie du schätze ich, auch 2 Generartion. ZU jung um sich im Ansatz zu wagen darüber Urteilen oder Bewerten zu können.

    „Jeder trägt sein Päckchen.“

    Was man damit verbindet, ob Verlust, Angst, Erinnerung an Kriege….dahingestellt.

    Daher gefallen mir diese LowKey-Bilder…Sie sind zart, beherscht aufgrund der fehlenden Farben, einzelne Strukturen…..schön umgesetzt.

    • hallo simon, danke fürs lesen und für deinen kommentar!
      ja, das ist möglicherweise nicht ganz untypisch für meine beiträge ^.^
      ich glaube, dass auch unendlich viele erinnerungen, die unsere vorfahren extrem verändert und geprägt haben, mit ihnen begraben wurden und all dieses unausgesprochene, das immer zwischen den familienmitgliedern in der luft gehangen hat, einfach noch wesentlich schwerer „aufzulösen“ ist.
      und ja, jeder trägt sein päckchen – und manche tragen das ihrer ahnen noch mit.

  8. Hallo Du Liebe. Gewagte These? Nein, damit beschäftigen sich schon sehr viele und diese Art der ‚geistigen Vererbung‘ ist allgegenwärtig. Und wer glaubt, wir wären mit dem Krieg schon durch, obwohl wir scheinbar nicht davon berührt wurden, der kann auch noch eines besseren belehrt werden. Ich denke, alles hängt mit allem zusammen, auf spannende und manchmal verängstigende Art und Weise. Krieg und Frieden haben beide eine Funktion. Ich frage mich zum Beispiel manchmal, ob wir uns gerade wieder auf einem gefährlichen Weg befinden, weil wir die Lehre des Krieges bzw. des Friedens immer noch nicht verstanden haben? Dass Krieg und Frieden etwas mit uns zu tun haben. Dass wir das eine besser finden als das andere und darum nur das eine haben wollen und das andere, schon im kleinsten, ablehnen. Kürzlich gab es dazu eine spannende Geschichte aus der Ausstellungsarbeit heraus, die ich leider leider nicht wiederfinde, aber die die Gleichberechtigung auch von Krieg und Frieden extrem anschaulich gemacht hat. Diese Menschen, die so sonnig, locker und scheinbar ohne Sorgen durch die Gegend laufen… ich halte das nicht für echt. Du weißt das ja, wir haben ja kürzlich aufgrund eines Artikels von mir darüber geschrieben. Ich glaube, bei vielen steckt ein wahnsinniger Aufwand an Ablehung des vermeintlich Dunklen und Bösen dahinter, die totale Verdrängung des Schattens. Und genau das führt uns wieder hin zum Unausweichlichen, weil wir es zuvor nicht annehmen konnten. Es sind wahnsinnig spannende Gedankengänge, die sehr tief führen können, wenn wir es denn zulassen. Und das tust Du ja!

    • ohja, von diesen zusammenhängen bin ich auch total überzeugt. wenn man ein bisschen anfängt drüber nachzudenken, dann wird es sofort gruselig. wie ich angedeutet habe – ohne den verlust des verlobten meiner großmutter gäbe es mich nicht. ich bin nur deswegen auf dieser welt, weil der mensch gestorben ist, den sie hat heiraten wollen und dann jemand anderes an diese stelle getreten ist.

      was ich auch glaube ist, dass wir gerade in einer sehr heiklen situation deswegen sind, weil unsere vorfahren, die den krieg erlebt haben, bald nicht mehr auf dieser welt sein werden und so unterschiedlich diese menschen waren, den großteil hat doch eines geeint und das war der wunsch nach frieden. mir scheint, dass der mit dem sterben derer, die den schrecken erlebt haben, nicht mehr bei allen an erster stelle steht.

      dass diese leichtlebigkeit bei vielen menschen aufgesetzt ist, dem stimme ich absolut zu. aber ich bin in meinem leben auch schon menschen begegnet, von denen ich wirklich behaupten würde, dass sie einfach „geborene optimisten“ sind. aber nicht auf eine aufdringliche, unangenehme weise. sondern dass sie einfach ein wenig anders ticken als ich das eben tue.

  9. Ich finde diese Bilder fantastisch! Die sind dir richtig gut gelungen. Die Helligkeit ist genau perfekt, finde ich! Wunderschön!

    Dein Text regt zum Nachdenken an. Die Geschichte deiner Vorfahren war wertvoll zu lesen. Danke, dass du das so offen teilst. Ich würde gerne mehr schreiben, damit du siehst, wie ernst ich dich und deinen Text nehme, aber irgendwie fehlen mir gerade die Worte, also hoffe ich, dass du das auch so siehst! 🙂

    Liebe Grüße
    Judith

    • vielen dank liebe judith, das freut mich sehr! es war wieder ein spannender prozess, wie text und bild zusammenkamen!
      und ich freue mich übers lesen und deinen kommentar und natürlich vor allem, dass dich der text bewegt hat. es müssen keine romane sein, die man hinterlässt, manchmal gibt es auch gar nicht soviel zu sagen.
      alles liebe dir ❤

  10. danke dir für diesen Beitrag! Du sprichst mir – mal wieder 😉 – aus der Seele. Liebe Grüße aus dem sommerlichen Do, Annette

  11. Liebe Christina,
    die zarten Bilder und die tiefen Gedanken….oder die tiefen Bilder und die zarten, vorsichtigen und doch tiefen Gedanken…wie auch immer, beides berührt mich und geht mir nahe. Unsere Großmütter sind uns beide in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen und ich finde in deiner Erzählung die meinen wieder. Erstaunlich wie sehr. Oder vielleicht auch gar nicht erstaunlich, denn die Frauen wuchsen im Krieg auf. Meine waren älter als die deinen aber ihre Erzählungen ähneln. Der Tod der Männer, verlorene Kinder und kein Raum mehr für Tränen. Deine Gedanken zum Erbe mancher Emotionen ist interessant und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Erzählungen und die Nähe zu einem Menschen die nächsten Generationen prägen.
    Schmerz im Herzen zu tragen ist kein leichtes Erbe. Die ‚Empfindungsfähigkeit aber – auch die manchmal sicher nicht leicht – die dir mitgegeben wurde, die sieht man in deinen Bildern und die liest man in deinen Zeilen.

    Herzliche Grüße und tausend Dank für diesen schönen Text
    Mitzi

    • liebe mitzi, vielen herzlichen dank für deinen kommentar, er hat mich sehr gerührt ❤ es macht mich so traurig, was menschen, die wir so geliebt haben, durchmachen mussten und ihr leben lang mittragen. oft wünsche ich mir, dass ich meine großmutter als jugendliche hätte kennenlernen dürfen, wie sie war, bevor sie all das ertragen musste. und vielleicht fühle ich mich ihr auch manchmal verpflichtet, es nicht zu vergessen, es mitzunehmen, als ihr andenken.

  12. Irgendwie finde ich immer, dass es etwas besonderes ist, wenn man so viel über die Vergangenheit seiner vorherigen Generationen kennt. Dieses Glück wurde und wird mir verwehrt. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als Kind einst meinen Opa fragte wie der Krieg war, wie er ihn erlebt hat. Ich wollte wissen wie es für ihn persönlich war. Ich wollte mehr von seinem Leben erfahren. Und ich wollte verstehen.
    Seine Reaktion war allerdings anders als ich in meinem kindlichen Glauben erwartet hatte. Ich sah und spürte den Schmerz. Es war als wäre die Zeit stehen geblieben. Das Leid, was er nie überwunden hatte, spiegelte sich in seinen Augen, seinen Gesichtszügen, seiner Körperhaltung und seiner knappen Worte wieder. Es war ein Thema über das er nicht sprechen konnte und nicht wollte. Ich habe ihn nicht bedrängt und wollte ihm sein Frieden lassen. Denn lachend, murrend und maulend gefiel er mir besser. Heute ist er nicht mehr da, als dass ich ihn erneut fragen könnte.
    Mal Back to topic. Ich finde wirklich, dass es etwas besonderes ist wenn man annähernd weiß, was das Leben für die eigenen vorherigen Generationen bereit gehalten hat. Bestimmte Verhaltensweisen, Einstellungen, Befürchtungen oder Ängste der eigenen Großeltern oder Eltern werden dadurch nachvollziehbar, verständlicher; vielleicht gewinnt man dadurch auch einen tieferen Einblick zu sich selbst. Das kann helfen, sich selbst und sein eigenes Handeln, die eigene Gefühls- und Gedankenwelt besser zu interpretieren. Denke (oder besser gesagt: vermute) ich zumindest.

    Liebe Grüße,
    nossy

    • liebe nossy, da hast du auch recht. ich bin sehr froh, diese dinge zu wissen. interessant ist übrigens, dass meine mutter vieles davon nicht weiß, das ist wohl auch wieder ein spezielles verhältnis zwischen großeltern und enkeln. aber dennoch gibt es sooo viele dinge, von denen ich keine ahnung haben und die für immer mit ihr begraben wurden. meinem vater geht es übrigens mit seinem vater (also mit meinem opa von der anderen seite) gleich wie dir mit deinem opa. er war ja 6 monate im kz und er hat nie darüber gesprochen. auch er hat diese zeit nie wirklich verkraftet.
      mir hilft es tatsächlich, diese dinge zu wissen und mir dynamiken in der familie damit zumindest ein wenig besser erklären zu können.

  13. Paleica, das ist sehr schön geschrieben und weil ich auch die zweite Nachkriegsgeneration bin, kann ich mich in Deinen Zeilen wiederfinden.

    Hast Du schon mal etwas von Bruce Lipton gelesen? Kennst Du ihn? Ich habe vor einiger Zeit sein Buch „Intelligente Zellen“ gelesen und da geht es genau darum. Darum, wie Erfahrungen unsere Gene steuern. Auch über Generationen hinweg. Lipton ist Wissenschaftler und das Buch ist wissenschaftlich, aber für den Laien geschrieben und vom Laien zu verstehen (jedenfalls habe ich keinen naturwissenschaftlichen Hintergrund). Ich finde das Buch unglaublich spannend und informativ.

    • nein, von diesem buch hab ich noch nie gehört. aber danke für den tipp, ich hab es mir gleich mal auf die wunschliste gestellt. das hört sich genau nach literatur an, die ich suche. ich habe nämlich erst vorgestern auch mit meinem freund über das thema gesprochen und gemeint, ich würde zu gern etwas darüber lesen, da es sicherlich auch wissenschaft und forschung in diesem bereich gibt.

  14. Ich finde bei den Fotos vor allem die von Löwenzähnen total schön! Diese Strukturen haben mich immer schon fasziniert. Aber so in schwarz/weiß wirken sie irgendwie noch mal ganz anders. Und mehr nach „Kunst“ (klingt jetzt irgendwie seltsam; gebe ich zu).

    Ich glaube, dass einem gewisse Dinge doch einfach mitgegeben sind. Manche Dinge entwickeln sich sicherlich erst, sei es nun durch das Umfeld oder persönliche Erlebnisse, aber ich denke gewisse Dinge hat man einfach in sich drin. Und die kriegt man nur schwer los… daher lernt man wohl am besten sie zu akzeptieren und für einen selbst am besten damit umzugehen.
    Die einen sind eben grundoptimistisch und wahre „Sonnenscheine“, die anderen eher skeptisch. Und ich denke die Gesellschaft braucht beide Typen.

    Das Licht auf deinen Fotos von der Burg war definitiv schöner. 😉 Bei uns war es eher bedeckt! ^^
    Aber die ganze Gegend um den Rhein herum ist wirklich sehr schön, gefällt mir immer wieder.
    Ein netter Zufall, dass wir die Beiträge bzw. Fotos fast gleichzeitig online gestellt haben.

    Also eine Freundin von mir ist Kroatin und schwärmt ja immer sehr über das Land. Ich hoffe sie verwirklicht dann ihre Pläne und heiratet wirklich dort bzw. lädt uns dann auch echt alle ein. 😉

    • der löwenzahn ist auch mein liebstes. je deutlicher die s/w-kontraste, umso besser funktioniert dieser stil, finde ich. ich weiß schon was du meinst. während „normale“ pusteblumenmakros einfach nur was hübsches abbilden, verändert das das „hübsch“ halt stark und verfremdet das eigentliche motiv.

      ja da wirst du wohl recht haben, dass das in der gesellschaft so schon gewissermaßen „angelegt“ ist. trotzdem fragt man sich manchmal, warum man nicht zu den sonnenscheinigeren typen gehört. ab und an verfluche ich diese schwermut, die so sehr in mir verankert ist.

      ich hab auch schon ganz viel tolles über kroatien gehört. ich bin also schon sehr gespannt. in knapp 2 wochen geht es ja schon los 😀

  15. Liebe Palaica, sehr viel ist schon geschrieben worden, daher werde ich mich eher kurz fassen. Das Thema Krieg ist für mich immer wieder mehr oder minder präsent im Leben. Literatur oder Literaturverfilmungen zum Thema lasse ich selten aus. Vielleicht auch und gerade weil bei uns das Thema mehr totgeschwiegen wurde. Was übrig blieb vom Krieg, waren Menschen, welche verbittert und zeitweise recht gefühlskalt erschienen. Dies prägt die zukünftigen Generationen sehr – ohne dass man auf den ersten Blick verstehen kann, woher es wohl kommen mag. Ich denke viele von uns tragen eine dunklere Grundfarbe in sich – entscheidend ist, welche Fartöne Du zur Ergänzung hinzufügst – zusammen ergibt sich dann trotz allem oft ein stimmiges und auch gelegentlich fröhliches Gesamtbild. Die dunklen Töne dürfen sein, liebe Palaica, sie sollten nach Möglichkeit nur nicht das ganze Bild einnehmen. Deine high key Fotografie finde ich sehr gelungen – ein wenig wie Geisterbilder aus der Vergangenheit – bei der die Fantasie eine große Rolle spielen darf. Vielen Dank dafür … Eine gute Zeit wünscht Marion

  16. Liebe Palaica,
    vielen Menschen ist in dieser Zeit schlimmes widerfahren. Auch meinem Vater, der Bürgermeister einer Stadt im hohenlohischen war und der hier einiges hat aushalten müssen, weil er seinen Mund unter dem Regime nicht gehalten hat.

    Mein Vater wurde nach vielen Aufenthalten in verschiedenen Gefängnissen in Deutschland nach Torgau, Fort Zinna gebracht, wo er sein Todesurteil erhalten hat. Todesstrafe durch Erschießung. Er saß im Gefängnis wurde mißhandelt. Er wurde z.B. in kochendheißes Wasser gestellt und seine Füße dann mit Eisenstücken bearbeitet. Er hat zeitlebens offene Füße gehabt und darunter gelitten.

    Jedesmal wenn die Wärter an seiner Zellentür vorbeigingen, ging ihm durch den Kopf „holen sie mich jetzt?“ Das ist schon eine psychische Herausforderung.

    Als die Russen dann vor Torgau standen, wurden die Gefangenen, zu denen auch mein Vater gehörte, in ein Stadion getrieben und sollten dort erschossen werden. Da waren aber die Russen schon da und mein Vater und die anderen Gefangen wurden befreit.

    Mein Vater schlug sich dann von Torgau bis Heilbronn nach Cleversulzbach durch. Dort hatte meine Oma einen Bauernhof und inzwischen war Deutschland ja befreit.

    Dazu wäre dann noch zu sagen, dass meine Mutter mit ihren Kindern den Krieg über und als mein Vater im Gefängnis war, auf dem Bauernhof der Oma war. Die SS war auf dem Bauernhof einquartiert und das war kein schönes Leben.

    Ich bin gerade auf der Suche nach vielen Dingen, die meinen Vater betreffen, habe Staatsarchive durchforstet und auch die Personalakten meines Vaters eingesehen. Auf meinem Blog habe ich schon drüber berichet.

    Ich verarbeite das für mich und klar bin ich traurig, aber das war diese Zeit und ich kann und will mich auch nicht mit diesen Dingen belasten. Das klingt vielleicht hart aber es gibt Menschen, denen viel schlimmeres widerfahren ist und die auch ihr Leben weiterleben. Es war eine andere Zeit und ich kann auch bestimmte Reaktionen verstehen auch von meiner Mutter aus.

    Ich bin heute 68 Jahre alt und vielleicht ist es auch mein Alter, das mich das so sehen lässt. Man darf diese Zeit nicht vergessen, aber man muß auch einmal abschließen können.

    Es ist wie mit dem Glück, ich habe das Glück mir mein Leben gestalten zu können, wie ich möchte und mache das auch.
    Aber ich bohre auch nicht jeden Tag irgendwo herum und suche und suche, wo ich denn was finden könnte.
    Das ist genau das, was Männer auch nicht gerne mögen, Frauen suchen und suchen und wärmen alles auf. Aber vielleicht sehe ich das – aufgrund meines Alters – auch etwas anders.

    Für mich ist es viel viel schlimmer, dass manche jungen Menschen heute mit gewissen Daten der Geschichte nichts mehr anzufangen wissen, wie z.B. der 20.Juli 1944, der 8. Mai 1945. Wer war Eichman, wer war Mengele? Aber das wie ich geschrieben habe, meine Sicht.

    Mit lieben Grüßen Eva

    • Ich hatte noch vergessen zu schreiben, dass meine Schwiegermutter, Jahrgang 1915, in Berlin im Keller ihres Haus im RauxlerWeg

      von 5 russischen Soldaten immer und immer vegewaltigt wurde.

      Da ist sie nie drüber weggekommen, sie hat es erzählt, immer wieder, hat es nicht abgebaut.

      Meine Schwiegermutter ist mit 95 Jahren in einem Heim in Stuttgart gestorben.

      Lieben Gruß Eva

    • liebe eva, die geschichte, die du erzählst, ist erschütternd. wahnsinn, was dein vater mitmachen musste, das muss wirklich ein horror für ihn gewesen sein und für deine schwiegermutter auch. krieg macht unfassbares mit den menschen und bringt sie in situationen, von denen man in friedenszeiten kaum glauben kann, sie zu überleben.

      ich verstehe auch absolut deinen zugang dazu und denke, dass das auch richtig ist. es ist eine wichtige strategie, dich da abzugrenzen. aber ich denke, dass es zwischen der kriegsgeneration und ihren kindern nochmal ganz anders ist als zwischen großeltern und enkeln. man bekommt das auf eine andere art mit, alles ist viel weiter weg und für einen selber so lange her, dass es eine ewigkeit in der vergangenheit zu liegen scheint. meine mutter hat – soweit ich weiß – da eine sehr ähnliche einstellung wie du. es war auch weniger gemeint, dass man sich mit diesen dingen sehr aktiv beschäftigt und diese last trägt, indem man sie immer wieder ins bewusstsein holt. ich stellte mir mehr die frage, was an unbewusstem dieser erlebnissen in nachfolgenden generationen ausgelöst haben. was überträgst du auf dein kind, wenn du weißt, dass es nicht auf der welt wäre, wenn die liebe deines lebens nicht gestorben wäre? wieso haben mein freund und ich so ähnliche großmütter, die für uns mitunter die familiäre hauptrolle gespielt haben – hat die prägung durch diese menschen mit unserer verbundenheit zu tun?
      natürlich gibt es darauf keine antworten und vielleicht ist es auch nicht wichtig. aber ich habe einfach ein sehr starkes psychologisches interesse, nicht nur aufgrund eines eigenen erkenntnisinteresses, sondern auch im rahmen der wissenschaft und da ergeben sich diese fragen einfach immer wieder und es tut mir gut, darüber zu schreiben, da ihre ursprünge natürlich sehr oft in eigenen erlebnissen oder erlebnissen von menschen, die mir nahe stehen, wurzeln.

  17. Ganz ganz toll, deine Bilder, wie Gemälde. Starke Wirkung.
    Wie schön, dass meine Frühlingstristesse dich mit inspiriert hat. 🙂

    Und dein Thema, das kenne ich gut. Wahrscheinlich kennst du die Bücher zum Thema Kriegsenkel/Kriegskinder?
    Ich befinde mich in Wellen immer wieder in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit meiner Familie, immerhin hat die Haltung derer, die vor mir waren, auch mich geprägt und ihre Haltung hatte einen Grund, für sie einen Sinn. Generationsübergreifende Traumata. Das ist heilsam, sich damit auseinander zu setzen, mancher der Vorgenerationen hat das in der Form nie getan, tun können. Aus Gründen, die für sie galten, für usn jedoch nicht mehr gelten müssen.
    Das Bewusstwerden dieser Denk-und Verhaltenstrukturen, die wir in uns wiederfinden, empfinde ich als befreiend. Und es befreit von Automatismen, man lernt, zu entscheiden, was für einen selbst gilt und was nicht. Und sich bewusst entscheiden zu können. Für was auch immer.
    Das ‚Alte‘ ist natürlich nur ein Aspekt meines Wesens, aber ein Teil davon.
    Es geht (zumindest mir) gar nicht darum, das zu bewerten. Eher, es zu erkennen. Dann wird es etwas, was nicht mich beherrscht, sondern etwas, womit ich ’spielen‘ kann.

    Und wenn es dich so stark interessiert, dann forsche weiter. Dann ist es ein Teil deines Weges. 🙂
    Danke, dass du hier soviel davon teilen magst.

    Ein schönes Wochenende dir!! Andrea

    • dankeschön! ja, das hat sie wirklich. ich musste unbedingt probieren, ob sich mit meinen bildern da auch was machen lässt und es war total spannend, mit den fotos so herumzuexperimentieren.

      nein, diese bücher kenne ich nicht. was sind das für bücher? das würde mich sehr interessieren!

      und ja, so geht es mir auch. ich möchte das verstehen und begreifen, weil ich wissen möchte, was und wie mich geprägt hat.

      • Schön, das freut mich. 😉 Ist doch immer cool, wenn die eigenen Bilder anregend für andere sind …

        Die Bücher heißen ‚Kriegsenkel‘ und ‚Kriegskinder‘, die Autorin Sabine Bode. Sehr interessant zu lesen. Es sind vor allem Beispielsequenzen, Fallbeispiele. Nicht in allen findet sich eigenes wieder, aber manches schon und du findest auch weiterführende Links und Bücher zu dem Thema.
        Ich fand das sehr spannend, auch meine eigene Familiengeschichte besser zu verstehen und heraus zu finden, was meins ist und was ein Thema meiner Eltern zB, was sich übertragen hat … etc.

        Für mich haben sich einige Dinge geklärt bzw. sind nur verständlicher durch die Auseinandersetzung mit dieser Vergangenheit meiner Familiengeschichte.

        • ja das ist es 🙂

          danke für den tollen tipp. hab gleich mal geschaut bei amazon und werde mir das sicherlich demnächst für den kindle zulegen, das ist im grunde genau das, wonach ich gesucht habe. ich bin schon sehr gespannt, was cih lesen werde und eigentlich bin ich fast überrascht, dass ich bisher von dieser forschung noch ncihts gehört hab.
          ich glaube nämlich, dass diese ereignisse unser familiensystem in sehr vielerlei hinsicht sehr stark geprägt haben und ich würde das eben auch gerne noch ein wenig besser verstehen.

  18. Oh wow… jetzt weiß ich was du neulich gemeint hast als du sagtest „der Beitrag wird dir ganz viel geben.“ Schön dass ich endlich die Zeit u Ruhe hatte ihn zu lesen und DANKE für diese sehr offenen und berührenden Worte. Ich kanns nicht oft genug sagen. Es gibt nur wenige Menschen die so sachlich und berührend zugleich schreiben können wie du. Die so gut mit Worten umgehen können (ok ein paar andere tolle Blogger könnte ich jetzt schon nennen aber auch hier sind wir ja einer Meinung 😉). Ich spare jetzt meine Worte zu dem Thema – wir haben schon oft genug darüber gesprochen (und werden es sicher nicht das letzte Mal getan haben) 😉 ein DANKE trotzdem noch mal. 😘😘

  19. Eine Geschichte, die alles hat: Traurig, dramatisch, berührend und ohne kitschiges Happy End. Wobei ich gar nicht sagen könnte, wie so ein glückliches „Ende“ aussehen hätte können…

    • ich fürchte fast, dass es im rahmen dieser erinnerungen keine echten happy ends geben kann, aber so ist das manchmal im leben… danke für die lieben worte, es ist schön zu hören, dass sie gelesen werden ❤

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