Überbelichtete Pflanzenstrukturen & generationsübergreifende Gefühlswelten

Jetamele hat mich inspiriert. Mit einem wunderschönen High Key Pflanzenmakro. Der Entzug von Farben und die Veränderung von Licht verändern die Aussage eines Bildes enorm, bis hin zu ihrer völligen Transformation. Und daher nutze ich diese Bilderstrecke für einen abstrakten Gedankengang, den ich seit langem hege, über den ich schon schreiben wollte und dann doch wieder den Zugang verloren habe und für den ich nun einen neuen Anlauf wagen möchte.

Diesen Bildern ist eines gemein: sie haben etwas Surreales. Sie wirken unwirklich und manchmal im ersten Moment verwirrend. Wir brauchen einen Moment, bis wir ihre Formen und Strukturen erfassen und unser Gehirn aus den visuellen Informationen ein Motiv bastelt. Etwas, das wir erkennen. Aber etwas, das kein wirkliches Abbild der Realität zu sein scheint, sondern eine Erinnerung an das, was einmal echt war.

Ein ähnliches Phänomen glaube ich gibt es in der Übertragung von Emotionen über Generationen innerhalb von Familien. Ich stelle nun eine gewagte These auf, die ich im Freundeskreis schon das eine oder andere Mal angerissen habe und auf die ich immer wieder zurückkomme. Ich gehöre der zweiten Nachkriegsgeneration an. Das heißt, dass meine Großeltern den Krieg miterlebt haben. Meine Oma in ihrer Teenagerzeit sehr bewusst, mein Opa, der einige Jahre jünger war, etwas weniger unmittelbar, aber doch noch sehr deutlich, vor allem gegen Ende. Sie haben beide eine unfassbare Zeit erlebt und wurden von diesen Jahren für ihr ganzes Leben geprägt.

Insbesondere für meine Großmutter bedeutete der Krieg eine Zäsur, denn sie musste innerhalb kürzester Zeit praktisch ihre ganze Familie begraben. Ihr Verlobter starb im Schützengraben, irgendwo allein im Ausland. Ihr Vater starb kurz nach dem Krieg mit grade einmal 60 Jahren, ja woran? Und ihre Mutter folgte ihm, kurze Zeit darauf, weil sie sich von einem Raubüberfall psychisch nicht mehr erholte. Sie, die im Krieg jeden Tag ihr Leben riskiert hatte, um Versteckten Essen zukommen zu lassen, starb an gebrochenem Herzen, weil man ihr eine große Summe Geld gestohlen hatte.

Innerhalb von weniger als 5 Jahren verlor meine Großmutter alle drei Menschen, die ihr nahe standen. Sie war Anfang 20 und alleine. Sie zog zu ihrer Großmutter – eine resolute Frau in den 60ern, die sie siezte und die Besatzungssoldaten verpflegte und bei ihnen übernachten ließ, um über die Runden zu kommen.

Irgendwann erzählte mir meine Großmutter, dass sie damals alleine bleiben wollte und kein Naheverhältnis mehr zu Menschen haben, doch das war als Frau in den 40ern nicht eben gerade einfach. Irgendwann lernte sie meinen Großvater kennen, einen sehr attraktiven, wesentlich jüngeren Mann, den sie schließlich heiratete.

Nach einer Fehlgeburt, die sie selbst fast das Leben gekostet hätte, kam schließlich meine Mutter zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt – im Jahr 1958 – war sie 34 Jahre alt.

Sie hatte Zeit ihres Lebens ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Mutter. Ich möchte fast sagen, dass sie all die Liebe, die ihr das Leben zuvor genommen hatte, auf dieses Kind projizierte.

Ich weiß nicht, wie es ist, als Kind einer Kriegsgeneration aufzuwachsen. Ich weiß nicht, wie sehr man Traumata, die die Eltern erlebt haben, bewusst spürt. Aber ich bin mir einer Sache sicher: dass diese Erlebnisse und dieser Schmerz ihre Spuren hinterlassen. Ich kann vieles davon heute noch in meinen Eltern spüren. Die Sensibilität, wenn es um dieses Thema geht. Der Hass auf das System, das ihren Eltern so Vieles genommen hat. Auch wenn diese Generation den Krieg nicht am eigenen Leib erlebt haben, so war er unmittelbar Teil ihrer Geschichte, weil ihre Eltern bis an ihr Ende darunter gelitten haben.

Diese Gefühle wurden weitergegeben. Schmerz transformiert sich und wird unbewusst wahrgenommen und gespeichert. In den Kindern, aber auch in den Enkeln. Etwas hat sich in unseren Familien manifestiert, das unsere Eltern unbewusst mittragen, aber auch wir, zumindest, wenn wir ein enges Verhältnis zu unseren Großeltern haben oder hatten.

Es kommt mit Sicherheit auf den Menschen an und auf das, was dieser Mensch in dieser Zeit erlebt hat. Aber für jene Familien, bei denen dieser Schmerz so präsent war wie in meiner Familie, bleibt man als Mitglied davon kaum unberührt. Ohne diesen Schmerz wäre sie vielleicht nicht chronisch krank geworden und unser Familiensystem hätte andere Rollen ausgeprägt. Ohne diesen Schmerz wäre ich nicht mit der Omnipräsenz einer tiefen Traurigkeit, aber gleichzeitig mit einer unbeschreiblichen Empfindungsfähigkeit aufgewachsen. Ohne diesen Schmerz gäbe es mich nicht, oder ich wäre ein/e andere/r, denn meine Großmutter hätte einen anderen geheiratet.

Ich frage mich bisweilen immer wieder, warum es Menschen gibt, die das Leben so leicht und locker nehmen können und woher dieser kleine düstere Grundtenor kommt, der meine Gefühlswelt seit ich denken kann beherrscht. Wieso so viele der Welt mit einer gewissen optimistischen Gleichgültigkeit begegnen, während für mich globale Katastrophen schnell zu persönlichen Problemen werden. Selbstverständlich gibt es darauf keine Antwort, die mit Sicherheit und wissenschaftlich fundiert korrekt ist. Aber all meine Reflexionen führen mich immer wieder dahin zurück. Sie enden immer dort, wo ich mit meiner Großmutter in der Küche sitze und sie mir erzählt, dass keine Tränen mehr da sind, weil sie alle verfügbaren schon in ihrer Jugend geweint hat. Sie enden immer dort, wo sie mit einem nicht fassbaren Schmerz in den Augen irgendwo leicht nach oben sieht, still und in sich gekehrt, weil nur dort, ganz blass in der Erinnerung noch der Mensch lebt, der sie wirklich einmal war.