Bayern Kurztrip: Herbstdetails mit Waldwasser & Gedanken zum Glück

Glück. Glücklich sein. Eine große Begrifflichkeit. Etwas, das in der westlich industrialisierten Welt inflationär gebraucht und allgegenwärtig ist. Der Sinn des Lebens, die neue Religion. „Bist du glücklich?“ – die Standard-Frage. Kannst du nicht mit ja darauf antworten, musst du etwas ändern. Dich selbstverwirklichen, den Job kündigen, die Wohnung auflösen, auf Reisen gehen, Yogi werden, dich vegan ernähren. Ihr merkt die Ironie in meinen Worten, aber ich hoffe, ihr versteht, worauf ich hinauswill.

Ich empfinde Glück als schwierigen Begriff und der permanente Druck der Gesellschaft, die mir vorschreibt, glücklich sein zu müssen, laugt mich aus. Ist der Mensch dafür geschaffen, glücklich zu sein?

Es ist eine Frage, die mich seit langem beschäftigt wohl weil ich zwar viel Glück hatte im Leben, glücklich zu sein jedoch dennoch nicht zu meinen Kernkompetenzen gehört.

Eine Weile lang verschwand dieses Thema irgendwie von meinem Radar und wich einer geschäftigen Produktivität, doch es lugt immer wieder hinter Hausecken hervor und läuft mir über den Weg. So auch letztens, als ich über eine Website stolperte, die sich voll und ganz dem Glücklichsein widmete.

Wann bin ich glücklich? Ist glücklich zu sein überhaupt ein möglicher Dauerzustand? Wird glücklich zu sein nicht vielleicht überbewertet? Setzen wir uns nicht möglicherweise selbst viel zuviel unter Druck, weil wir uns ständig fragen, warum unser Leben eigentlich gut ist, aber wir dennoch nicht wie ein lackiertes Hutschpferd durch die Gegend strahlen?

Ich komme noch einmal zurück auf diese Glücks-Website. Ich habe dort Vieles gelesen. Manches, das mich vielleicht irritierte, anderes, das ich durchaus interessant finde. Natürlich möchte ich glücklich sein – wer möchte das nicht?

Ich las von einem spannenden Ansatz: nämlich, dass es lt. aktueller Hirnforschung offenbar Erkenntnisse gibt, dass negative Gefühle auszuleben nicht – wie lange angenommen – Erleichterung bringt, sondern, dass das Ausleben von Wut und Traurigkeit eher zu einem Teufelskreis führt, der einen immer wieder in eine Negativspirale zurückkatapultiert. Das erinnert mich wieder an etwas, das eine Freundin mir schon mehrmals gesagt hat: wenn du ein negatives Gefühl spürst, dann schau hin – wenn du dich darauf konzentrierst, dann kannst du es nicht lange festhalten.

Es geht hierbei nicht um Verdrängen oder Unterdrücken, sondern sehr wohl eine bewusste Wahrnehmung des Gefühls. Diese soll dafür sorgen, dass die Negativität uns nicht unterschwellig begleitet, ohne dass wir eigentlich wissen, warum sie das tut.

Ich habe daher nun beschlossen, ein Selbstexperiment zu wagen:

  1. Ich möchte lernen, meine Gefühle genauer zu beobachten. Ich bin zwar ein reflektierter Mensch, aber meist erst in der Rückschau. Ich will aufmerksamer werden dem gegenüber, was im Moment passiert. Wie fühle ich mich und warum? Welche Emotionen begleiten mich über den Tag? Wodurch werden sie ausgelöst, wie und warum klingen sie ab?
  2. Ich möchte dem Ratschlag folgen und jeden Abend drei Dinge vermerken, die an diesem Tag wertvoll waren. Ich wähle bewusst diesen Begriff, da ich von der sehr abstrakten Glücksvorstellung ein wenig abrücken möchte. Aber Dinge, die meinen Tag lebenswert gemacht haben und die mir ein gutes Gefühl gegeben haben.

Ich habe nämlich vor einer Weile ein wirklich, wirklich sehr lesenswertes Comic, ebenfalls zum Thema Glücklichsein gefunden, das ich seit langem schon mit euch teilen will. Bisher fehlte einfach immer der richtige Moment dazu. Denn in diesem Comic wird mir so sehr aus dem Herzen geschrieben, dass ich euch wirklich nahelege, euch die zwei Minuten Zeit zu nehmen, die Bilderkurzgeschichte anzusehen.

Den Link findet ihr hier.

Der Text hinterfragt nämlich – genau wie ich das in meinem Gefühl tue, aber nie die richtigen Worte gefunden habe – was mich an der Konnotation des Glücklichseins stört.

Ich schrieb es schon vor einigen Wochen: manchmal ist das große Glück ein kleiner Sonnenaufgang vor der Türe. Es ist auch manchmal ein bunter Strauß lebloser Blätter, die in ästhetischer Perfektion auf dem Wasser treiben. Es ist manchmal das Geräusch eines kleinen Wasserlaufs, der uns an die Perfektion der Natur erinnert. Das kleine Glück liegt überall am Weg, aber das große Glück, das ist oft eine Illusion, der wir ein Leben lang nachjagen, während all das kleine unbemerkt an uns vorüberzieht.

Glücklich zu sein ist für mich eine Momentaufnahme, aber nie ein Dauerzustand. Zum Leben gehört die gesamte Bandbreite an Gefühlen. Und auch, wenn es enorm wichtig ist, das Glück wertschätzen zu können, das uns mit unserem Geburtsort und unserem Pass in die Wiege gelegt wurde, wären wir keine Menschen, wenn das allein reichen würde, um ein dauerhaft glückliches Leben zu führen. Am Glück können wir nicht wachsen. Wir wachsen am Schmerz, an der Trauer, an der Wut. Wir wachsen, weil wir uns verändern wollen und wären wir immer glücklich, wann würden wir denn dann noch nach Veränderung streben?

I claim the right to be unhappy!

Dieses Zitat stammt aus „Brave New World“. Ich las dieses Buch im Rahmen des Englischunterrichts vor mittlerweile 13 Jahren – aber diese Worte habe ich nicht vergessen. Denn in der „Schönen neuen Welt“ ist jeder glücklich, weil er das macht, wofür er geboren wurde. Niemand is über- oder untequalifiziert, niemand muss Schmerzen haben, niemand muss ums Überleben kämpfen. Sollte dennoch bei dem einen oder anderen ein negatives Gefühl auftauchen, gibt es Mittel und Wege, dieses wieder in den Griff zu bekommen. Ist das nicht nahe dort, wo wir heute von all den Gurus hingepredigt werden? Ich entdecke Parallelen und sage daher vielleicht schon aus Trotz: lasst mich doch auch verdammt nochmal unglücklich sein!
Es gehört für mich zum Mensch-sein dazu. Es ist anstrengend und mühsam und oft wünschte ich, ich könnte es abschalten, aber dennoch ist das Hinterfragen und Zweifeln ein fixer Bestandteil meines Lebens.

Ich hänge mich auf, an fixen Arbeitszeiten und Urlaubssperrmonaten, wo mir doch das Internet anpreist, dass ich theoretisch auch auf Bali meinen Job machen könnte.

Maximizing minimiert dein Glück

Schreibt die z.ett am Donnerstag.

Ich vergesse manchmal zu sehen, dass mir mein Job ein finanziell sorgloses Leben ermöglicht, das meine Heizung, meine Kletterhalle, meine Kaffeehausbesuche, das Benzin für all meine Reisetrips und meinen Shoppingspleen bezahlt.

Ich verfluche die Tage wegen kleinen Wehwehchen und vergesse dabei manchmal, dass es auch Krebs sein könnte.

Erst letztens ist mir der Wahrheitsgehalt der Floskel „jedes Ding hat zwei Seiten“ wieder bewusst geworden. Ich kann warten, bis der Sturm zu Ende ist, oder ich lerne im Regen zu tanzen. Ich scheitere grandios an diesem Zitat, seit Jahren. Aber ich erinnere mich auch immer und immer wieder daran.

Good enough is the new perfect.