Analog-digitale Blätterliebe & der Wert von Kommunikation

Vor einiger Zeit schrieb ich eine SMS. Das mache ich heute nur noch selten. Die meisten Menschen nutzen Whatsapp oder den Facebook Messenger und das tue ich auch. Auf SMS greift man nur noch zurück, wenn im Ausland die mobilen Daten ausgeschaltet sind (was in der EU nun erfreulicherweise auch nicht mehr notwendig ist) oder die Person am anderen Ende der Leitung kein Internet am Handy hat, wie mein Opa. SMS sind zur Rarität geworden, das kommunikative Highlight meiner Jugend ist mittlerweile irgendwas zwischen vintage, retro und oldschool.

Die meiste Zeit finde ich das super praktisch. Ich gehöre zu dem Menschenschlag, der lieber schreibt als redet. Also nicht generell, aber was Emotionen betrifft. Dazu kommt, dass man leichter zwischendurch eine Nachricht schreibt, als privat zu telefonieren, denn es ist unauffälliger und kann von Kollegen im Büro nicht so einfach mitbekommen werden. Es ist unmittelbar, denn ich kann an Orten schreiben, an denen ich nicht telefonieren möchte (in öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Toilette. Ja, ich gehöre zu den Menschen die da Hemmungen haben), ich kann Zeit für Kommunikation nutzen, die ansonsten nutzlos verstreichen würde (zum Begriff nutzlos hat sich Werner unlängst Gedanken gemacht).

Es ist wesentlich leichter geworden, zu mehr Menschen regelmäßigen Kontakt zu pflegen. Ich kann mit viel weniger Aufwand am Ball bleiben, ich weiß, was im Leben der anderen los ist. Das ist schön und für mich als durchaus positiv zu bewerten, denn so bleiben auch Menschen in meinem Leben, die ich mag, deren Weg aber so konträr zu meinem ist, dass ein nicht-virtueller Kontakt schwierig wäre und damit in früheren Zeiten wohl dazu geführt hätte, sich aus den Augen zu verlieren. Ich genieße das. Aber jedes Ding hat zwei Seiten.

So wie all diese Motive, vorrangig verdorrte Blätter, in der Masse der anderen untergehen, nicht gesehen und vergessen werden, so ist es heute mit der Flut an Nachrichten, die ausgetauscht wird. Jeden Tag erhalte ich zig Whatsapp-Nachrichten, von einzelnen Personen, aus Gruppen. Dazu kommen noch der schon oben erwähnte Messenger, der Instagram Chat, die iMessages. Vieles davon sind rein praktische Informationen – wann treffen wir uns wo, kannst du mir dies oder jenes mitbringen, coole Perspektive in deinem Bild, wo hast du das aufgenommen. Manchmal sind es Nachrichten aus andauernden Gesprächen, die virtuell geführt und fortgesetzt werden, wenn der Gesprächspartner an der Reihe ist. Es sind Gedankenflocken, die geteilt werden, weil jemand irgendwo etwas entdeckt, das als passend erachtet wird, kleine Momente der Aufmerksamkeiten, die „ich denk an dich“s. Alles das finde ich schön und mag ich sehr. Aber all das hat auch an Besonderheit verloren, im Vergleich zu den wertvollen 140 Zeichen, die innerhalb einer SMS zur Verfügung standen. Die Inhalte in Prä-Flatrate-Zeiten wollten wohl überlegt sein, die gespeicherten Nachrichten bei einer Kapazität von 15 Stück waren ausgewählte Schätze, die man immer wieder las und die jedes Mal das Herz erwärmten. Die ICH immer wieder las und die MEIN Herz erwärmten. Ich will nicht verallgemeinern, vielleicht haben andere ganz andere Erfahrungen gemacht.

Es sind diese kleinen Dinge, die ich vermisse. Die Kommunikation hat sich in meinem Leben vervielfacht und daraus entstand viel Schönes. Gleichzeitig ist aber der Wert der einzelnen Nachricht völlig verloren gegangen. Selbst wenn etwas Behaltenswertes dabei ist, rutscht es in Chats so schnell und weit nach hinten, dass ich es ohne Screenshot oft kaum noch finde. Ich mache selten Screenshots, denn ich bekomme selten Nachrichten, die dem Gewicht der damaligen Zeit entsprechen, weil sich heute kaum noch einer die Mühe macht, solche Nachrichten zu schreiben, die ja ohnehin nur in der Flut der Alltäglichkeiten untergehen. Und ich bin da kein Stück besser.

Manchmal frage ich mich, ob die Zeit auch deswegen so rast, ob die Jahre deswegen so vorüberfliegen, weil in der Menge des Gedachten, Gesagten und Erlebten die Ruhe fehlt, die unsere Wahrnehmung nötig hätte, um die Perlen der Zwischenmenschlichkeit überhaupt noch zu erkennen. Wir lesen jeden Tag unzählige Buchstaben, Wörter und Sätze, die in Form von Kurznachrichten, e-Mails oder Postings sozialer Netzwerke mitunter auch an uns gerichtet sind. Dazwischen schummeln sich kleine Herzensbotschaften und Liebesworte, die wir zwischen Tür und Angel lesen, die uns kurz aus dem Kontext gerissen lächeln lassen und dann mit einem Smiley mit Herzchenaugen und „ach, kannst du bitte Klopapier mitnehmen“ quittiert werden.

Ich bin manchmal so müde von dem Strudel der Informationen, durch den ich mich täglich kämpfe. Ich möchte soviel lesen, lernen, wissen, den ganzen Tag bin ich damit beschäftigt, Dinge zu rezipieren oder zu produzieren und doch kann ich dem Angebot nicht gerecht werden. Dann gibt es diese Momente wie die große Feier, in der die Smartphones in den Taschen bleiben und die Zeit für 24 Stunden stillsteht, in der wir in der Unmittelbarkeit gefangen sind, in der Bedeutung auf einmal so schwer wird, dass sie uns Tränen der Freude und des Schwermuts in die Augen treibt. Doch dann geht es weiter. Am nächsten Tag steigen wir wieder ein, in das Rad und die Erinnerung verblasst. Die Erinnerung an eine Zeit, als es nur 140 Zeichen brauchte, um zwei Monate lang zu strahlen.


Die Bilder entstanden mit der Nikon und dem alten Pentacon-Glas meines Schwiegervaters.