Werden, wer man ist. [Kroatien/Istrien Unterwasser 2018]

Hallo ihr lieben, tollen, wunderbaren Menschen, seid ihr noch da? Ich hoffe es, auch wenn ich es euch nicht verdenken könnte, bereits anderswo zu sein in dieser Schnelllebigkeit, die sich schneller überholt als ich „schnell“ auch nur aussprechen, geschweige denn schreiben kann.

Ich bin wieder da. Erstmal. Mal sehen. Zumindest tippe ich die ersten Zeilen seit, nunja, etwa zwei Monaten. Das heißt nicht, dass in meinem Kopf währenddessen nicht unendlich viele Zeilen entstanden sind. Aber es war nunmal nicht die Zeit, sie niederzuschreiben. Der Sommer wollte einfach weitgehend im Hier und jetzt sein. Den Moment entdecken, wahrnehmen, annehmen. Ohne darüber zu sinnieren. Spüren ohne sofort zu denken. Mein großes Defizit. Mein großes Ziel.

Denn nichts ist so schwer im Leben wie der Mensch zu werden, der man ist.

Aus: Thomas Sautner, Fuchserde

Ich habe lange Zeit gespürt, dass mir die Art, wie ich mein Leben lebte, es mir unmöglich machte, der Mensch zu werden, der ich bin. Ich hatte aber das große Glück, dass ich zumindest die Verbindung zum Kern meines Wesens nie ganz verloren habe. Ich wusste zumindest noch, dass das, was ich da tat, das, was ich da lebte, mir nicht entsprach und durch diese Inkongruenz (um es in der Sprache der Systemik auszudrücken), dass mein Tun und mein Sein nicht stimmig waren, entstand soviel innere Unruhe und Auflehnung, gegen Vieles, gegen alles. Und obwohl ich das wusste, war ich nicht bereit und in der Lage, die Verantwortung dafür zu übernehmen und die Konsequenz daraus zu ziehen. Es war ein langer Weg von der Erkenntnis, bis zum Eingeständnis und zum Entschluss, mich zu verändern. Ein langer und schmerzlicher Weg, den ich zum Glück nicht alleine gehen musste.

Alles begann damit, meine Schmerzen zu bekämpfen. Die Defizite meines Körpers nicht einfach hinzunehmen und mich von ihnen definieren zu lassen, sondern mir meine Soma wieder zurückzuerobern, mit meinem Körper zusammenzuarbeiten und ihn nicht alleine für und gegen mich arbeiten zu lassen. Es ging darum, mich zu fragen, womit ich meine Zeit verbrachte. Mit welchen Aktivitäten, mit welchen Menschen. Es ging darum, Energiespender zu finden, die mich füttern konnten, wenn ich vom Arbeitsalltag leer war. Ich ging kleine und große Schritte, nach vor und fiel wieder zurück. Ich war müde und kraftlos und verzweifelt und fand doch wieder den Faden zu kämpfen, denn all das war es die ganze Zeit: ein Kampf. Ein Kampf gegen die Resignation, die Komfortzone anzunehmen, die die Verbindung zu mir selbst irgendwann kappen würde. Ich erklomm so manchen Gipfel. Das Amphitheater in Cartagena, die Bucht in Mallorca, die Ponta da Piedade in Portugal. Sie alle waren Bergwertungen und Etappensiege am Weg zu mir selbst, auf dem Kurs Selbstvertrauen.

Ich entschied mich, Dinge zu tun, vor denen ich Angst hatte, die man mir nicht zugetraut hatte, die mir lange nicht erlaubt waren. Ich formte meine Zeit und erkannte, dass ich selbst wirklich und wahrhaftig die Architektin meines Lebens sein konnte. Dass die Grenzen dessen, was mir möglich war, viel weiter außerhalb meiner Vorstellungskraft lagen.

Heute habe ich mich befreit aus dem Familiensystem, in dem ich defizitorientiert sozialisiert wurde. Ich habe den PADI Open Water Diver erfolgreich absolviert. Ich bin Studentin des Propädeutikums für Psychotherapie. Ich treffe Entscheidungen aktiv und nicht aus der Gelegenheit heraus, auch wenn sie sich falsch anfühlen. Mein Element ist das Feuer und meine Leidenschaft das Wasser. Ich bin noch lange nicht am Ziel, aber ich bin am Weg. Ich entscheide mich jeden Tag. Ich verändere mich  jeden Tag. Und ich weiß, ich habe jetzt die Chance, die Fremde hinter mir zu lassen und endlich die zu werden, die ich bin.

(Unter anderem bin ich eine sehr schlechte Unterwasserfotografin. Das tut mir leid, aber ich finde es macht auch nicht so viel. Die Bilder sollen nur zweierlei übermitteln: die Ruhe und die Kraft, die in diesem Element liegen.)