Appvorstellung: Airbrush & Kritische Gedanken zum Thema Schönheit und Perfektion. Achtung, sehr persönlich!

Heute stelle ich euch eine App vor, die mich selbst sehr zwiegespalten hinterlässt. Auf der einen Seite finde ich sie genial, auf der anderen Seite aber „horrifying“. Warum stelle ich sie euch dann überhaupt vor? Weil ich selbst bis vor kurzem nicht wusste, dass es diese App gibt und ich denke, dass es nicht schadet, wenn man sich dessen bewusst ist, dass es heute kein Photoshop und ausgefeilte Retusche-Kenntnisse mehr braucht, um entweder das Beste aus sich rauszuholen oder im Kleinen und auf die Schnelle ein sehr unreales, halbwahres Bild von sich zu erschaffen.

Airbrush ist eine App, die es mit ein paar einfachen Klicks ermöglicht, die wichtigsten Beauty-Retusche Arbeitsschritte vorzunehmen. Hautglätten, Zähne weißen, Augen zum Strahlen bringen, Make-Up auffrischen – kurz und gut, die optimale Variante von sich selbst zu zeichnen. Airbrush hat aber auch noch andere Möglichkeiten, die es sonst meines Wissens nach nur in den umfangreicheren Bildbearbeitungsprogrammen gab: partielle Größen verändern, strecken, usw.

Dass es diese Funktionen in der Bildbearbeitungstechnik gibt ist ja weithin bekannt und dass wir damit in allen Hochglanzmagazinen, auf Plakatwänden und im Fernsehen konfrontiert werden, sind wir gewöhnt. Aber ist uns bewusst, dass uns diese verfremdeten Bilder nun auch in allen sozialen Netzwerken begegnen? Auf Facebook, Pinterest und Instagram sowieso? Soziale Netzwerke wurden vor allem deswegen so groß, weil sie das waren, was klassische Medien schon lange nicht mehr waren: authentisch. Und ich glaube, dass sie im Moment sehr viel davon leben, dass es sich noch nicht sehr weit herumgesprochen hat, dass diese wunderbaren und neuen Medien mittlerweile auch alles andere sind als echt. Ich zumindest war mir dieses Ausmaßes nicht bewusst und vielleicht geht es auch manchen von euch so. Daher möchte ich euch heute ein paar Beispiele zeigen, was mit dieser App möglich ist, dass das Spaß macht aber auch schnell in einen Bereich abrutscht, der nicht mehr ganz ungefährlich ist.

Ich las von der App in einem Blogartikel (leider schon wieder keine Erinnerung daran, wer den gepostet hat) einer jungen Frau, die etwas Ähnliches angeprangert hat. Nicht nur, dass man in Wahrheit seinen Augen besser nicht mehr traut, sondern die auch noch eine wesentlich kritischere Komponente ansprach: seit sie die App verwendet, bemerkt sie, wie klein sie ist – etwas, das ihr zuvor nie aufgefallen wäre, geschweige denn sie gestört hätte. Daraufhin war ich neugierig, lud mir die App herunter und begann ein wenig damit zu spielen. Das erste Ergebnis hat mich sofort geflasht. Das auf dem Bild, das war ich – und auch wieder nicht. Ich habe keine derart professionell bearbeiteten Bilder, ich wurde noch nie professionell geschminkt und auf einmal sah ich eine Variante von mir, die ich sein könnte. Wenig später entdeckte ich die Möglichkeit, meine Nase etwas zu verkleinern und meine Augen und Lippen gleichzeitig zu vergrößern. Die beginnenden Lachfältchen um die Augen zu reduzieren. Da und dort ein wenig zu strecken. Und erschuf ein Bild von mir selbst, das ich war und doch auch wieder nicht. Ein Bild, das ich sein könnte, aber doch nicht war. Ich war bisher noch nie auf die Idee gekommen, mir über die Größe meiner Nase oder Lippen Gedanken zu machen. Doch auf einmal fragte ich mich, ob sie denn nicht ein wenig anders besser aussähen. Von meinem immerwährenden Drama mit den Kilos gar nicht zu sprechen.

Ich habe den Eindruck, dass das Bodyshaming, das wir in unserer medialisierten Welt quasi durch die Muttermilch aufnehmen, durch diese paar Tipps und Klicks ein guter Nährboden ist, um richtig üble Selbstzweifel wachsen zu lassen. Vielleicht bin ich anfälliger dafür als andere, vielleicht seht ihr das unproblematischer. Ich habe allerdings daraufhin gleich mit zwei meiner Freundinnen darüber gesprochen, die im Prinzip eine sehr ähnliche Erfahrung damit gemacht haben. Ich bin fast 30 und kämpfe damit weder in der Alters- und schon gar nicht in der Gewichtsklasse der „Miss World“ und co. Dennoch wünsche ich mir natürlich, als attraktiv wahrgenommen zu werden, was für mich mit dem, was ich tagtäglich zu Gesicht und als „Ideal“ präsentiert bekomme, sowieso fast lachhaft zu sein scheint. Aber es macht mich ein kleines bisschen anfällig. Unter’m Strich aber schaue ich kurz erschrocken, zucke mit den Schultern, spiele ein wenig mit den Selfies herum und glaube noch weniger von dem, was ich sehe. Was passiert aber mit den jungen Mädchen, die grade in einem Alter sind, in dem sie ihre Identität finden sollen? Und überhaupt, wieso spielen wir alle in dem ganzen Wahnsinn noch mit? Wieso konfrontieren wir uns mit der unechten Perfektion anderer? Mit dem unechten Glück fremder?

Auf meinem Arbeitsweg komme ich an einer Schule vorbei und ich sehe jeden Tag unfassbar viele untergewichtige und top gestylte Mädchen. Letztens las ich in der Zeit, dass es soviele essgestörte Mädchen gibt wie noch nie. Und es erschüttert mich und macht mich traurig.

Ich finde es heute wichtiger denn je, Mädchen beim Aufwachsen ein gesundes Selbstbild zu vermitteln. Sie ein Selbstwertgefühl lernen zu lassen, selbstbewusst zu sein – und ich spreche hierbei immer vom wörtlichen Sinn. Sie sollen wissen, wer sie sind und was sie ausmacht, dass sie sich auf sich selbst verlassen können. Dass sie hübsch sind und das jedes Mädchen auf seine Art schön ist und diese Ideale Schall und Rauch. Dass Bewegung und Ernährung wichtig sind, aber nicht zur Religion erhoben werden sollten. Und gleichzeitig sehe ich einen ganz großen Punkt in der Erziehung von Jungs. Denn auch ihnen sollte eben dieses vermittelt werden. Für sich selbst, aber auch für Mädchen. Dass die geglätteten und geschminkten Instagram-Stars genauso real sind wie alle anderen Werbungen und Magazine auch und dass dies keine Messlatte und kein Maßstab ist, den man an „echten“ Menschen anlegen sollte.

Ich war selbst einmal 13, 14 Jahre alt und ich weiß, wie grausam die Pubertät und andere Jugendliche sein können – und das, obwohl ich mit meinem Umfeld sicher überdurchschnittlich viel Glück hatte. Ich weiß, wie es ist, niemals ohne schlechtes Gewissen zu essen, sich selbst zu hassen, überzeugt zu sein, dass man für immer alleine bleiben wird, weil man mit einer Konfektionsgröße 38 es nicht „wert“ ist, geliebt zu werden. Ich hatte nie eine ernstzunehmende Essstörung, ich habe aber bis heute kein normales Essverhalten. Essen ist Belohnung, Kontrolle, Essen ist so vieles, nur nicht Versorgung des Organismus. Und damit bin ich nicht alleine. Ich habe viele Freundinnen, die im selben Boot sitzen, manche von ihnen sind dünn, andere nicht, aber wir alle haben eines gemeinsam: wir haben es nie geschafft, unseren Körper anzunehmen wie er ist.

Ich für mich kann sagen, dass es heute wesentlich besser ist als es in der Pubertät war, obwohl ich deutlich mehr Gewicht auf den Rippen trage. Denn ich weiß, dass es (nur) ein Teil von mir und nicht alles ist, das mich ausmacht. Dass es Menschen gibt, die mich mögen und sogar einen, der mich liebt – trotz Dellen an den Beinen. Das ist noch nicht das Ziel, aber ein kleiner Sieg auf dem Weg zu einem Selbstwertgefühl. Andere Frauen, die mir sehr nahe stehen und am Herzen liegen, haben das noch nicht geschafft und ich frage mich: wieso? Sie glauben immer wieder, dass sie alleine sind und vielleicht bleiben, weil sie nicht den perfekten Körper haben, egal wie klug, intelligent und schön sie sind und es gibt genügend Erfahrungen unterschiedlicher Menschen, vor allem aus dem Online-Dating, die diese Befürchtung nähren.

Die große Ironie an der Sache ist, dass das Internet die Gesellschaft offenbar noch oberflächlicher gemacht hat, als sie immer schon war. Noch mehr aufs Optische fokussiert. Noch brutaler, grausamer und kompromissloser.

Das sind harte und vernichtende Worte, die ich hier wähle und sie mögen im ersten Moment überzeichnet scheinen. Doch als wir hier mit diesem Internet und diesem Web 2.0 und der Bloggerei begannen, waren wir anonyme Layouts, die überwiegend aus Worten bestanden mit ein paar wenigen Bildern dazwischen, vielleicht. Schlecht aufgelöst, eingescannt oder mit miserablen VGA Kameras verrauscht und verschwommen aufgenommen. Wir erzählten von unseren Sorgen und Nöten und Gedanken und Beobachtungen. Und ich will nicht in ein „früher war alles besser“ verfallen, dennoch habe ich am Internet vor allem eines genossen und das war, Menschen abseits des Äußerlichen kennenzulernen. Heute hat sich das ins andere Extrem gewandelt, wir zeigen nur noch hochglanzpolierte Bilder, stellen uns dar und aus und malen ein Bild von uns, dem wir selbst nie gerecht werden können. Gleichzeitig verbreiten sich Trolle und Hater wie noch nie – und greifen Frauen, egal in welcher Position, immer zuerst mit dem Äußerlichen an.

Ich habe ein sehr zwiespältiges Verhältnis zum Feminismus, da ich mich mit den meisten VertreterInnen, die nach außen hin agieren, nicht identifizieren kann und weil mein Zugang dazu ein anderer ist. Ich stehe vielen der Themen zwiespältig gegenüber, weil man nicht immer alles über einen Kamm scheren kann. Ich bin in meinem Leben zum Glück relativ frei von vordominierten Geschlechterrollen erzogen worden, dennoch sehe ich, dass es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Wo diese liegen und warum und wo sich Angelerntes und Angeborenes trennen, lasse ich einmal dahingestellt. Ich hatte auch das Glück, bisher noch sehr selten unerfreuliche Erlebnisse machen zu müssen, aber ich weiß, dass das bei anderen ganz anders aussieht. Und ich weiß auch, dass ich als Frau immer zuerst äußerlich beurteilt werde, privat sowieso, aber auch im Beruf. Als Frau kann man meistens etwas „trotzdem“ oder „gerade deswegen“. Irgendwie erscheint es, als würden sich Männer wie Frauen dazu bemüßigt fühlen, zum Aussehen einer anderen Frau ein Urteil abzugeben, selbst wenn das Aussehen absolut nichts mit der Fragestellung an sich zu tun hat. Und so begleitet uns dieses leidige Thema „von der Wiege bis zum Sarg“. Leider kann ich es heute und hier und alleine nicht ändern. Dennoch hoffe ich inständig, dass das irgendwann, eines Tages aufhört. Dass man sein Gegenüber als Mensch im Ganzen sieht, mit all seinen Werten und Eigenschaften. Dass wir hindurchzusehen lernen, durch die Oberflächlichkeiten. Dass Frauen irgendwann einmal ihre geistigen und intellektuellen Fähigkeiten höher schätzen, als die Zahl, die auf der Wage steht und dass Männer sie vielleicht auch dafür lieben.