Semmering: Zauberblickrunde – Villen, Häuser & Gebäude & über Kindheitsmomente und das Loslassen der Vergangenheit

In meiner Suchbegriffliste, die das Dashboard von WP.com ausspuckt, befand sich einige Zeit lang folgende Frage:

Ist es dumm, die Vergangenheit nicht loszulassen?

Dass jemand über dieses Keyword auf den Episodenfilm gestoßen ist, fand ich irgendwie interessant und dachte, ich könnte diese Frage doch auch einfach aus meiner Sicht beantworten. Und irgendwie lustigerweise passt dieser Beitrag auch ganz perfekt zu einer wunderschönen Idee, auf die mich Lovisa vom Schwedenlichterblog aufmerksam gemacht hat. Denn sie fordert uns auf, die Lichtmomente unserer Kindheit zu zeigen.

Der Semmering (von dem ich als Kind immer dachte, dass er Semmelring hieße) begleitet mich seit ich auf der Welt bin, denn er ist der Pass, der Niederösterreich von der Steiermark und daher mein Heimatbundesland von dem meiner Großeltern trennt. Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, antworte ich gern „ich bin eine österreichische Mischkulanz“. Mein Papa ist eigentlich vom tiefsten (Bauern)Land, er ist im Pinzgau der 60er Jahre aufgewachsen. Meine Mutter kommt aus der Arbeiterstadt Mürzzuschlag in der Obersteiermark. Kennengelernt haben sich die beiden nach ihren Weltenbummlerphasen, die sie raus aus den Orten ihrer Kindheit getrieben haben, in Wien und aufgewachsen bin ich im so genannten Speckgürtel rund um die Bundeshauptstadt. Ich fühle mich demnach allen möglichen Regionen zuhause, wenn auch nirgends so ganz zugehörig. Das betrifft sowohl die Region, als auch die Mentalität, denn in meinen Erbanlagen vermischen sich so viele verschiedene Lebensentwürfe, wie man sie in unseren Breiten nur finden kann.

Als wir letzten Herbst also in den steirisch-niederösterreichischen Grenzwäldern, immer nah an den Gleisen der Semmeringbahn, wanderten, war tief in mir drin auch ein altes Kindheitsgefühl aufgewacht. Bahngleise. Das größte Abenteuer meiner Kindheit war es, auf Spaziergängen mit meinem Großvater die Gleise, die den Wald vom bewohnten Ort trennten, nicht an den Übergängen zu überqueren. Das klingt jetzt im ersten Moment verantwortungslos, aber keine Sorge, wir taten das nur an weithin einsichtigen Streckenabschnitten. Der Geruch, den die braunen Steine zwischen den metallenen Gleisen der Semmeringbahn verströmten, das Geräusch, das die Schuhe machten, das leise Knirschen, wenn man schnell darüber huschte, das ist tief in mir verankert und das ist pures Kindheitsglück.

Es erinnert mich an die Zeiten, als meine Großmutter noch lebte und mir sommerferienwochenlang alle meine Lieblingsspeisen kochte. Es erinnert mich an ein Alter, in dem mich weder die Work-Life-Balance, noch Terrorismus beschäftigten und Hausübungen noch Spaß machten. Als ich niemals zu wenig Zeit hatte und meine Fantasie die Ruhe, sich Geschichten auszudenken.

Für einen kurzen Moment sind diese Erinnerungen da, so bunt, so farbig, so laut, als wären sie gestern passiert. Ich werde still und spaziere den Weg entlang und während die Bahngleise sich aus meinem Sichtfeld bewegen, verblassen auch die Erinnerungen. Sie werden überlagert, erst vom Tod meiner Großmutter, dann von der Gegenwart und auf einmal sind der fast greifbare Geruch, das fast spürbare Geräusch und die Erinnerung an mein unbeschwertes Kinderherz verschwunden und ich bin wieder 29 Jahre alt.

…und ich komme zurück zur Frage des Anfangs:

Ist es dumm, die Vergangenheit nicht loszulassen?

Doppelte Verneinungen sind immer kompliziert und ich muss dreimal überlegen, ob es jetzt Dieses oder Jenes bedeutet. Und ich muss die Frage mit einem ganz klaren NEIN beantworten. Dumm ist es gewiss nicht, an der Vergangenheit festzuhalten. Obwohl es natürlich davon abhängt, was loslassen und festhalten bedeutet. Die Vergangenheit, unsere Biografie, macht uns zu dem, der wir sind. Sie hat uns geprägt und wenn wir sie „verlieren“, ist die Frage: wer sind wir eigentlich?

Erst kürzlich dachte ich mir, wer „richtig“ erwachsen ist, dem bedeuten die Dinge, die in Kindheit und Jugend wichtig waren, nichts mehr. Das ist meine Vorstellung von Erwachsensein. Ich kenne solche Menschen. Es macht mich traurig das zu sehen und ich möchte auf diese prägenden Gefühle und Erinnerungen nicht verzichten. Ich bin anders. Für mich ist es wichtig. Und wenn jemand diese Frage stellt, dann denke ich, dass es auch für diese Person wichtig ist. Wir sollten nicht vergessen wer wir sind, woher wir kommen und was uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Wir sollten nicht vergessen, was uns glücklich gemacht hat, was uns zum Lachen – aber auch, was uns zum Weinen gebracht hat. Wir brauchen unsere Vergangenheit, um daraus zu lernen, um uns zu entwickeln, um zu wachsen. Aber wir dürfen nicht in ihr verharren und für die vergangenen Momente leben.

All we have is now.

Aber ohne das Gestern wäre unser Jetzt vielleicht sehr dünn.

Als Kind hat man meistens die Fähigkeit, sich faszinieren und begeistern zu lassen. Als Erwachsener braucht es wesentlich mehr, um unsere Emotionen zum Laufen zu bringen. Erhalten wir uns doch alle ein Stückchen Kindheit, auf dass es uns glücklich macht, wenn ein Schmetterling an unserer Nase vorbeifliegt. Auf dass wir jemanden gern haben, den wir gerade einmal zwei Minuten kennen. Auf dass wir weinen, wenn wir verletzt sind. Auf dass uns gemeinsame Erinnerung mit langjährigen Freunden immer noch ein warmes Gefühl durch Herz und Magen laufen lassen. Darauf, dass es uns nicht egal ist.

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