Schlögener Schlinge – ein Symbol für das Leben.

Montag, 15. Oktober:

C., wenn du zuhause bist und einen ruhigen Moment hast, kann ich dich dann anrufen?

Eine WhatsApp Nachricht von A. Ich komme aus Budapest, von einem Wochenende mit meiner Mama und meinem Opa. Ich will gerade laufen gehen und stehe in voller Montur im Wohnzimmer über meinem Nachtspeicherofen, als ich meinen Apfel in der Hand halte und diese Zeilen lese. Mir wird in diesem Moment heiß und kalt, ich hatte schon ein gewisses Unwohlgefühl, weil von der Traumreise nach LaRéunion nach anfänglichen intensiven Instastories seit einigen Tagen nichts mehr in meine Timeline gespült wurde und ich auf Nachfragen, ob es ihnen gutgeht, auch noch keine bestätigende Antwort erhalten hatte.

Ich antworte sofort als ich es lese:

Ja was ist denn???

und habe keine Geduld, auf ihren Anruf zu warten und drücke sofort auf den grünen Hörer. Am Telefon frage ich ohne Umschweife: „Was ist passiert?“ Vielleicht frage ich auch noch: „Wo bist du?“ So genau weiß ich das nicht mehr. In diesem Moment hoffe ich noch, dass sie sagt, jemand hat sich nur ein Bein gebrochen, aber tief in mir drinnen spüre ich, dass es nicht so glimpflich abgelaufen ist, dass nichts passiert ist, das mit der Zeit wieder heilen wird.

„Ich bin seit Samstag wieder in Wien. Wir waren wandern. H. ist abgestürzt. Sie ist gestorben.“

Mein Magen dreht sich um. Ich weiß nicht, was ich zuerst sage. Sage ich überhaupt etwas? Sage ich nur, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll? Dass ich mir schon Sorgen gemacht und gehofft hatte, dass es einen harmlosen Grund wie mangelndes Internet für die Stille aus dem indischen Ozean gab? Irgendwann frage ich, wie das passiert ist. Wie sie zurecht kommt. Ob sie Hilfe braucht. Der Rest des Telefonats verschwimmt in meiner Erinnerung und wird von einem Gefühl von Entsetzen und Ungläubigkeit überlagert. Ich lege auf. Ich gehe laufen. Ich muss mich mehrmals fast übergeben. Im einen Moment ist sie da, im anderen ist sie weg. Durch einen falschen Schritt. Wieviele falsche Schritte hat jeder von uns schon gemacht, ohne jegliche Konsequenz? Wie oft haben wir Abhänge hinuntergeschaut und sind außerhalb des Absperrbandes geklettert, um ein besseres Foto zu machen, um den perfekten Blick zu genießen? Wie oft sind wir gestolpert und doch stehen geblieben, in Situationen, in denen – auch wenn wir gefallen wären – nichts passiert wäre?

Manchmal macht das Leben eine Wende. Manchmal stehen wir auf einer geschützten Aussichtsplattform und manchmal stürzen wir ab. Einfach so. Wir wissen nicht, was das Leben für uns bereithält. Oder für andere. Wir wissen nicht, warum es einen trifft und andere nicht. Zufall? Schicksal? Mit diesen Fragen muss jeder individuell umgehen.

In diesem Jahr sind viele Dinge passiert. Gute und schlechte. Entsetzliche. Überwältigende. Ich weiß noch nicht, wie mir dieses Jahr in seiner Gesamtheit in Erinnerung bleiben wird, ich weiß nur, dass ich As erste Worte von diesem Telefonat niemals vergessen werde. Gepaart mit diesem Gefühl von Schock und Erwachen, dass es jeden von uns zu jeder Zeit und an jedem Ort in irgendeiner Form aus dem Leben reißen kann. Oder dass man dabei zusehen muss, wie es einem geliebten Menschen passiert.

Die Schlögener Schlinge ist eine Flussschlinge im oberen Donautal in Oberösterreich, etwa auf halbem Weg zwischen Passau und Linz und der größte Zwangsmäander Europas.