Wenn man sich selbst nicht erkennt und der Almsee im Schnee verschwindet

Mein letzter Text hat in gewissem Maße ein bisschen Wellen geschlagen. Wellen der Besorgnis. Ich war total perplex, erstaunt und gerührt, welche Nachrichten mich außerhalb der Kommentarfunktion hier erreicht haben, wieder einmal zu merken, dass viele einfach still mitlesen, aber da sind. Der Gedanke daran überschwemmt mich mit einer Welle voll Wärme. Danke an jeden von euch ❤ aber, aber! zur Beruhigung und vielleicht auch ein bisschen zur Differenzierung: es ist mit mir alles okay. Es ist gerade alles ein bisschen viel, aber im Großen und Ganzen ist (das meiste davon) richtig. Nur ist der Blog mittlerweile doch wieder zu dem geworden, was das Schreiben im Internet von Anfang an für mich war: ein Ventil. Der Ort, an dem Platz finden kann, was im Alltag zu viel, zu laut, zu negativ, zu dramatisch, zu pathetisch ist. Momentaufnahmen und Auszüge, eine Sammlung, ein Notizbuch, ein Reflexionsraum.

Ich musste diesen Text schreiben. In dem Moment, als ich in der Situation war. Es hat mir geholfen, das Gefühlschaos zu definieren, das da irgendwo aus den Untiefen der Vergangenheit über mich hereingebrochen ist. Obwohl der Text letztlich keine Richtung und kein Ziel hatte. Das war in dem Moment total okay. Aber ich wäre nicht ich, wenn das nach dem Abklingen der ersten Emotionen nicht doch wichtig wäre. In einer Nachricht wurde ich gefragt:

Was möchtest du für dich?

denn es gibt ja ganz unterschiedliche Möglichkeiten, mit Angst- und Paniksituation umzugehen. Vermeidung. Konfrontation. Medikamente. Doch ich wollte zu allererst einmal verstehen. Was triggert? Warum ist die Emotion so stark? Was steckt dahinter? Worum geht es es denn eigentlich?

Es war nicht das Kranksein.

Es war nicht die Angst.

Es war nicht die Scham.

Es war die Unfähigkeit, mich selbst zu spüren. Es war das Reagieren auf das Außen. Es war das Aufgeladensein mit alten Mustern, die ich nicht durchbrechen konnte.

Mein Leben gehört mir.

Mein Körper gehört mir.

Ich muss mich nicht bevormunden lassen, was ich in meiner Freizeit riskieren kann oder darf. Ich muss nicht dagegen rebellieren, was jemand anderes für richtig hält.

Doch mein Gefühlschaos entstand genau daraus. Und mitten drinnen hatte ich völlig das Gefühl und den Bezug zu mir selbst verloren. Was denke ich selbst, dass das richtige für mich ist? Losgelöst vom Spannungsfeld „ich funktioniere, also bin ich“ und „meine Gesundheit gehört mir“.

Ich konnte nicht nur nicht klar sehen, ich konnte überhaupt nichts mehr erkennen. Ich fühlte mich machtlos und ausgeliefert. Einem schwachen Körper und einem noch schwächeren Geist. Denn es war ein Moment, in dem ich in ein sehr, sehr altes Muster gerutscht bin: nämlich, die Verantwortung über meine eigenen Entscheidungen abzugeben. Weil ich sie mir so lange hatte abnehmen lassen müssen, dass ich irgendwann eine Art Gewinn daraus zog: wer nicht selbst Verantwortung übernimmt, kann Entscheidungen und unerfreuliche Passagen im Leben jemand anderem übelnehmen. Wie praktisch. Wie destruktiv.

Ein Muster, das mein Leben unendlich lange bestimmt hat. Eines, aus dem ich mich mit unendlich viel Kraft, Anstrengung und Ausdauer versucht habe herauszuwinden. Und von dem ich gedacht hatte, dass es mich wieder verschluckt hat.

Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass es eine sehr doppelbödige Situation war. Hätte ich mich selbst entsprechend wahr und ernst genommen, hätte all das nicht eskalieren müssen. Ich war nicht zu feige, ich war schlichtweg krank. Und daher gibt es eine neue Lektion für mich zu lernen: Auch wenn mein Immunsystem das öfter macht als das der anderen: wenn’s nicht geht, dann geht’s nicht. Das darf, kann und muss okay sein.

Die Fotos entstanden im Februar 2018 am Almsee, im Grünau im Almtal. Eigentlich sollten sie anders aussehen. Eigentlich sollte mich eine wunderschöne Spiegelung erwarten, doch was ich vorfand, war ein zugrfrorener, verschneiter See. Die Dinge sind nicht immer so, wie sie sein sollen. Aber das ist ihr gutes Recht. So ist das Leben.