Panta rhei – cuncta fluit – alles fließt.

Vor langer langer Zeit habe ich einmal einen Blogpost zu diesem Zitat verpasst. Vieles hat sich seither geändert, nur eines nicht: dass die Dinge im Fluss sind und das einzig Beständige – so platt es auch sein mag – die Veränderung ist.

Seit ich hier schreibe, hat sich in meinem Leben (fast) jeder Aspekt verändert. Ich habe mit Anfang 20 begonnen, mir hier eine kleine Online Präsenz aufzubauen, ich habe hier meine Leidenschaft zur Fotografie entwickelt, ausgebaut und geteilt und ich hatte Platz, meine Gedanken und Gefühle zu reflektieren, ungefiltert und (weitgehend) unzensiert. Ich hatte hier immer Platz, ich zu sein ohne in irgendwelche Rollen gedrängt zu werden, zu schauen, was dahinter liegt, hinter der, die sich im Wirtschaftsstudium nicht wohlfühlt, hinter der, die Schwierigkeiten hat, eine Trennung zu akzeptieren, hinter der, die von 40 Wochenstunden erdrückt wird und den tausend anderen kleineren Dingen, die sich in den letzten 10 Jahren in meinem Leben abgespielt haben. Hier war der virtuelle Ort, an dem Veränderung gestestet werden konnte, wo Gefühle zu Worten werden und den ersten Schritt in die Realität wagen konnten. Es war hier, als ich aussprach, wenn ich verzweifelt und verloren war, aber auch, wenn ich auf einmal Lichtblicke und neue Wege fand. Der Blog, das Schreiben, aber auch das Fotografieren war das, was mir zehn Jahre lang geholfen hat, die zu werden, die ich jetzt bin. Und auch, wenn ich heute genauso ein „Projekt in Arbeit“ bin wie ich es damals war, bin ich doch ein paar Schritte weiter. Ich bin zum ersten Mal da, wo es ein Ziel gibt, das kein Abschluss, sondern ein Anfang ist.

Ich habe hier so viele Modi entdeckt und benützt, die mich in schwierigen Zeiten (und für diese scheine ich Spezialistin zu sein) über Wasser gehalten haben, die mir immer die Kraft gegeben haben, weiterzumachen, wenn ich sie in der analogen Welt nicht mehr gefunden habe. Es begann damit (und das schon lange vor WordPress), mir Hilfe im Schreiben zu suchen. Im Reflektieren und Verstehen. Dann kamen die Bilder dazu, die mein Weg waren, die schönen Dinge der Welt zu sehen. Erst die Fotografie hat mir die Welt des Reisens eröffnet und das Entdecken neuer und auch fremder Dinge schmackhaft gemacht. So habe ich mit der Zeit gelernt, die Angst vor neuen und fremden Dingen, vor all dem, was ich noch nicht kannte oder konnte, im Zaum zu halten, mich nicht davon blockieren zu lassen. Durch all diese Dinge habe ich eines Tages geschafft, meine Panik vor lebendem Gewässer hinter mir zu lassen und die Unterwasserwelt mit meinen eigenen Sinnen zu erkunden – ein Traum, den ich kaum noch zu träumen gewagt hatte.

Der größte Triumph ist der Sieg über die eigene Angst.

Das wurde 2015 zu meinem Leitspruch, als ich zum ersten Mal unter Wasser atmete.

Ich habe nicht den Mut verloren, gegen die Schmerzen zu kämpfen und Wege zu finden, mir mein Leben zurückzuerobern. Erst für meinen Körper – und dann für meine Seele. Ich bin in meinen Zwanzigern, von denen ich dachte, dass sie eine einzige, rauschende Party werden würden, durch meine persönliche Hölle gegangen und habe beschlossen, den Weg anzunehmen, mich wieder heraus zu kämpfen. Ich weiß nicht, warum das Leben für mich soviel düsterer ist als für so viele andere. Ich weiß heute nur: ich bin damit nicht alleine. Und ich weiß auch: jeder Mensch hat diese schwarzen Löcher in sich. Wann sie sich zeigen und wie man damit lebt, ist jedoch von Mensch zu Mensch verschieden. Mein Weg war mittendurch, auch wenn ich manchmal fast darin ertrunken bin.

Doch es hat mich etwas „am Ende“ erwartet. Und „am Ende“ bedeutet nicht, dass ich „angekommen“ bin. Am Ende bedeutet, dass ich gelernt habe, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Dass egal, welche Wege und Einflüsse wozu geführt haben: Situationen anzunehmen oder abzulehnen, damit zu leben oder sich daraus zu befreien, eine Entscheidung ist, die man jeden Tag treffen kann. Dass man geprägt ist von außen, dass das Leben manchmal schwer und unfair ist und doch: es ist das einzige, das man hat und am Ende hat man es doch nur für sich selbst gelebt. „Am Ende“ steht die Selbstwirksamkeit, die in jeder Muskelfaser, in jedem Nerv spürbar ist und die die beste (vielleicht sogar die einzige) Waffe gegen die Ohnmacht ist, die so viele Jahre zuvor für Lähmung und Lethargie, für Hilflosigkeit und Wut gesorgt hat.

[Und so ist das nun – völlig ungeplant – endlich der Text über Selbstwirksamkeit vs. Fremdbestimmung geworden, den ich so lange schreiben wollte und den ich erst im Schreiben auch als solchen erkannt habe.]

Ich habe endlich ein Ziel, das gleichzeitig ein Weg ist und es hat so lange gedauert, es mir einzugestehen. So lange war es nur eine vage Idee, ein „naja, es interessiert mich ja auch privat“ – aus Angst, es nicht durchzuhalten, keinen Weg zu finden, es zu finanzieren oder sonst in meinem Leben unterzubringen. Aber das ist eine Lüge, denn: Ich will Psychotherapeutin werden. Ich will es mit jeder Faser meines Ichs. Ich will anderen Menschen ermöglichen, sich selbst besser zu verstehen und ich will meinen Teil dazu beitragen, dass die Gesellschaft psychische Vorgänge nicht mehr einfach abtut. Ich habe diesen Weg begonnen, als ich mich mit 16 von meinem damaligen Lehrer in diese Faszination einsaugen habe lassen. Ich ging ihn weiter, als ich mich für Marketing entschieden hatte – weil die Wirtschaft in meiner Familie den größten Rückhalt hatte und ich meinen Bezug dazu, wie der Mensch funktioniert, nicht aufgeben wollte. Alle anderen Entscheidungen und Erlebnisse haben auf verschlungenen Wegen dazu geführt, mich mit 29 Jahren endlich für das Propädeutikum zu inskribieren. Seit 5 Semestern studiere ich also berufsbegleitend und je mehr Lehrveranstaltungen ich besucht habe, umso größer wird die Faszination. Auch wenn der Arbeitstag lang und intensiv war, wünsche ich mir nie, die 4 Stunden Uni hinten dran ausfallen lassen zu können. Auch wenn mir mein Schlaf am Wochenende heilig ist, habe ich noch keinen Samstag oder Sonntag am Institut bereut. Ich will mehr erfahren, mehr wissen und ich will es mich weiter verändern lassen.

Wer mir vor 10 Jahren gesagt hätte, was in einer Dekade alles passieren würde, dem hätte ich nicht geglaubt – vielleicht auch nicht glauben wollen. Vor 10 Jahren, als ich gerade dabei war, mein letztes richtiges Ziel, nämlich mein Wirtschaftsstudium abzuschließen, zu erreichen. Mein Folgeziel war ein von Haus aus temporäres: die verbleibende Zeit an der Uni als „richtige“ Studentin zu genießen. Und dann? Keine Ahnung. Hoffentlich ein Wunder.

Letztlich war es eben doch kein Wunder, sondern einfach nur mein Weg, von dem jeder Schritt seine Notwendigkeit hatte, mich in die Richtung zu schubsen, in die ich mich bewegen sollte.

Zum ersten Mal seit meiner Schulzeit bin ich an einem Ort und unter Menschen, wo ich mich nicht fehl am Platz fühle. Zum ersten Mal bin ich auf einem Weg, den ich mit anderen gemeinsam gehe, mit dem ich mich vollends identifizieren kann. Zum ersten Mal in meinem Leben brenne ich dafür, ein Ziel zu erreichen, um den Weg danach weiter und immer weiter zu gehen.