Blogparade: 30 – und dann?

Kürzlich bin ich über den Blog von Eni, thirty-ehrlich.de, gestolpert. Und auch wenn ich erst an der Schwelle zum nächsten Jahrzehnt stehe und noch ein bisschen sowas wie „Galgenfrist“ habe, beschäftigt mich dieses Thema dennoch sehr (da erzähle ich euch ja sowieso nichts Neues 😉 ). Ich möchte also gern an Enis Blogparade zu Thema „30 – und dann?“ teilnehmen.

Eni möchte wissen:

  • Wie war das, als Du 30 wurdest? Hattest Du Angst, Respekt, warst in freudiger Erwartung?
  • Gab es außergewöhnliche Ereignisse – sowohl freudige als auch schmerzliche?
  • Wie hast Du Deine 20iger oder auch 30iger er- und verlebt? Was war prägnant, einschneidend? Sind Deine Erwartungen / Befürchtungen – rückblickend – in Erfüllung gegangen oder kam alles doch ganz anders? Hattest Du Ziele, die Du erreicht hast oder hast Du Dich treiben lassen?
  • Wie hast Du Dich selbst verändert, wenn Du zurückblickst und vergleichst: Anfang 20 zu Anfang 30? Anfang 30 zu Anfang 40? Nimmst Du Dinge nun anders wahr, bist beispielsweise gelassener oder ängstlicher?
  • Wenn Du Deinen 30-BDay noch vor Dir hast: Wie wirst Du ihn feiern (und warum so und nicht anders?)
  • Was erwartest Du in Deinen 30igern? Was hast Du vor? Was willst Du erreichen? Familiär? Beruflich? Freundschaftlich?

Sie schreibt von sich selbst

Niemand verbietet mir etwas, keine Konventionen, nichts. Aber  mein Kopf ist nicht mehr frei. Nicht mehr im eigentlichen Sinne. Mittlerweile mache ich mir Sorgen: um die Gesundheit, Geld, Beruf, die Welt. Ich plane viel, was echt belastend ist – das habe ich früher nicht getan. Schreibe to do-Listen und freue mich über jeden Haken, den ich hinter Aufgaben machen kann.

Diese Zeilen haben mich bewogen, auch meinen Senf dazuzugeben, da ich da sichtlich einfach anders bin. Ich war schon immer so. Ich habe immer schon Listen geschrieben. Ich werde bald 30. Und ich will endlich damit aufhören.

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Ich gebe ehrlich zu: ich habe Bammel vorm Älterwerden. Und Älterwerden klingt in meinem Kontext, wenn es um die 30 geht, vielleicht total dämlich. Sagen wir also so: ich habe Schiss vor dem „nicht mehr ganz jung sein“. Das hört sich jetzt auch sprachlich irgendwie adäquater an.

Interessanterweise ist das etwas einigermaßen Neues für mich. Denn viele Freunde von mir hatten die erste Form dieses Kollers bereits vor dem 20er. Da war ich völlig gelassen und verständnislos. Endlich war ich frei, unterwegs, im Studentenleben angekommen. Warum also in die beengte und von außen dominierte Schulzeit zurückwünschen?

Begonnen hat das mit dem 27. Geburtstag, lauter geworden ist es mit der 28. Nun konnte ich nicht mehr wirklich „mitte 20“ sagen. Die Zahl ist dem „Ende“ zuzurechnen. Ende 20 bedeutet aber: „bald 30“. Und „bald 30“ bedeutete für mich immer: „bald erwachsen sein“. Und bald erwachsen sein bedeutete immer: Abends daheim sein. Leise und klassische Musik hören. Kinder hüten. Pflanzen gießen. Kurz gesagt: „Schluss mit lustig.“

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Jetzt mag man meine Einstellung dazu seltsam und unnachvollziehbar finden. Verstehe ich. Aber wie das so ist mit Gefühlen, lassen sich die schwer biegen und lenken. Ich merke, dass mir Dinge wie Hitze mehr zu schaffen machen als vor 10 Jahren (wie wird das erst in 20 sein?). Dass es mich mehr stört, wenig Schlaf zu bekommen. Dass mir Ruhe wichtig ist und neben dem Arbeiten die Energie nicht da ist, ständig unterwegs zu sein. Dass die Welt so groß ist, die Zeit so kurz und lange Autofahrten und kurze Nächte beschwerlich.

Mein Kopf sagt: das hat doch alles nichts zu bedeuten. Es ist genug Zeit! Mein Herz sagt: „Langsam musst du darüber nachdenken, wie du dein Leben wirklich formen willst.“

Aber ich bin noch nicht so weit.

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Ich habe in den letzten Jahren immer stärker das Gefühl gewonnen, dass mein Horizont, als ich jünger war, zu beengt war. Ich habe zu klein gefühlt und gedacht. Ich hätte so viele Möglichkeiten gehabt, aber die Komfortzone war mir näher. Ich habe sie ungenutzt verstreichen lassen, denn ich hatte ja ewig Zeit.

Der klassische „hättiwari“ – wie man bei uns so schön sagt.

Zeit ist es jetzt, die ich gefühlt gar nicht mehr habe, um sie verstreichen zu lassen, um nein zu sagen. Jeden Moment will ich festhalten, nutzen, speichern, denn sie werden weniger, kostbarer.

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Was hat sich am meisten verändert im Vergleich zu Anfang 20? Damals habe ich guten Gewissens drei Tage in Folge auf der Couch verbracht. Heute schaffe ich es kaum ein paar Stunden. Ich bin unruhig geworden.

Damals hatte ich Zeit und Raum für meine Gefühle, sie kommen und gehen zu lassen. Heute möchte ich wissen: wie soll es weiter gehen. Ich bin ungeduldig geworden.

Damals habe ich Listen geschrieben, geplant, bis in hohe Lebensjahrzehnte, Dinge nach hinten verschoben, auf Parties verzichtet, denn morgen ist auch noch ein Tag. Ich habe mich nie richtig jung gefühlt, weil ich immer lieber erwachsen sein wollte. Ich habe nie gedankenlosen Unsinn gemacht – weil ich zu sehr konditioniert war, an Konsequenzen zu denken. Damals – als „erwachsen sein“ noch „unabhängig sein“ bedeutete.

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Die 20er waren anfangs voll von Lena,  Herzschmerz, Praktika, später voll von Liebe, Freundschaft und Studium, schlussendlich voll Identitätssuche, Arbeit und Neugier. Sie schienen so unendlich, ein volles Jahrzehnt, nur für mich und mein Leben. Und es verging so schnell und hätte so gern so viel mehr sein wollen, soviel mehr sein können.

Die letzte Zeit ist geprägt von Einschränkungen – durch den Job, durch den Rücken. Es fühlt sich an, als hätte das „Erwachsensein“ mir nun sein wahres Gesicht gezeigt, abseits meiner rosaroten Vorstellung der Selbstverantwortlichkeit. Auf einmal wurde mir präsentiert: man weiß nie, wie lange man noch hat. Der Körper ist vergänglich (der Geist auch). Jedes Verschieben auf später ist vielleicht ein akzeptieren des „nie“. Jung sein bedeutet, das Leben auf die Zukunft verschieben zu können. 30 sein heißt: JETZT ist leben angesagt! Und auch das ist Teil dieser Zeit. Bewusst spontan sein, es bewusst trotzdem machen!

Sir Peter Ustinov sagte:

Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.

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Der Körper ist manchmal Sklave des Geistes. Und manchmal wird er benutzt, um etwas zu verdeutlichen. Um ein Ziel zu erreichen. Um einem den sprichwörtlichen Schuss vor den Bug zu verpassen. Mit dem Zaunpfahl zu winken. Ich habe es jetzt verstanden. Ich will es anders machen – und nach Maßgabe meiner Möglichkeiten setze ich das auch um.

Ein spontanes Wochenende in Budapest. Das immer stärker werdende Verlangen, mir ein Longboard zuzulegen (analog zu: Unsinn machen). Meine Ängste überwinden und schnorcheln gehen (ein bisschen). Noch nicht schlafengehen, weil das Musikhören grade so schön ist. Einfach mal auf der Couch sitzen bleiben, auch wenn die Sonne durch die Ritzen der Jalousie scheint. Noch nicht nachhause gehen, weil das Gespräch gerade so tief ist.

Ich bin zufriedener geworden, in den letzten Jahren. Ich vertraue mir selbst mehr und nehme Neues und Veränderungen gelassener hin als früher. Ich plane nicht mehr so viel und habe mehr Ideen im Kopf. Gleichzeitig bin ich nicht mehr so emotional, ich erlebe nicht mehr so intensiv, ich fühle nicht mehr so tief.

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Meinen dreißigsten Geburtstag werde ich entweder mit DJ und Freunden beim Tanzen feiern. Oder in einer europäischen Metropole, bei Nordlichtern in Skandinavien oder am Strand auf den Kanaren. Oder ganz anders.

In meinen Dreißigern werde ich heiraten oder nicht, ich werde Kinder kriegen oder nicht, ich werde wieder „aufs Land“ ziehen oder auch nicht. Ich werde reisen, arbeiten, mich austauschen, ich werde denken, atmen, schreiben, lesen und fotografieren, ich werde lieben, weinen, lachen, essen und leben. Ich werde alles dran setzen, das Leben zu nehmen, wie es kommt.

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Eines nämlich habe ich gelernt aus diesem letzten Jahrzehnt. Dass Dinge aus einem Grund passieren, ist keine leere Floskel.

Rilke schrieb einmal

Dass das, was wir Schicksal nennen, aus den Menschen heraustritt. Nicht in sie hinein.

Rückblickend sind die Dinge alle so passiert, wie ich sie „herbeigelebt“ habe. Ich übe mich also in Gelassenheit, dass das Leben mich dahin bringt, wo ich sein will, wo ich sein muss. Ich versuche nur, meinen Zielen, Wünschen und Ängsten näherzukommen, damit ich Entwicklungen nicht immer nur rückblickend verstehen kann. Es werden traurige Zeiten kommen, in den nächsten Jahrzehnten, Zeiten mit Schmerz, Abschieden und Widrigkeiten – sie gehören zum Leben. Aber es werden auch wundervolle Zeiten kommen. Zeiten, die ebenso schön sind wie die, die damals waren. Es gibt noch so viel zu erleben auf dieser Welt. Die meisten Grenzen setzt man sich im Kopf – und die 30 sowieso.