Erwartungen von außen und von innen.

Ich habe ja unlängst schon das Thema Erwartungen als des Übels Wurzel angesprochen. Erwartungen erzeugen viel Druck, der sich auf verschiedene Arten auswirkt. Bei jedem anders. Manche werden davon angestachelt, andere fühlen sich wie gelähmt. Die einen brauchen ihn, die anderen verabscheuen ihn. Erwartungen begleiten uns das ganze Leben. Viele von uns. Erwartungen, die in uns gesetzt werden und Erwartungen, die wir in etwas oder jemanden setzen. Der letzte Text handelte von den Erwartungen, die mir entgegen gebracht werden – und was es mit mir macht. In diesem Beitrag geht es um die Erwartungen, die ich an mein außen habe und die Konsequenzen daraus.

Es gibt diese Menschen, die können Dinge gut auf sich zukommen lassen. Ich gehöre nicht dazu. Ich plane gerne, weil ich es hasse zu improvisieren. Ich weiß gerne, worauf ich mich einlasse und was mich eben erwartet. Das geht natürlich nicht immer und derlei Situationen stressen mich mal mehr, mal weniger. Sie sind außerhalb meiner Komfortzone und ich mag meine Komfortzone. Planung allerdings schürt Erwartung – und Erwartungen bedingen Enttäuschung.

Aus diesem Grund habe ich mir manche Erwartungshaltungen im Laufe der Zeit fast vollständig abgewöhnt. Vorfreude zum Beispiel. Denn auch Vorfreude ist nichts anderes, als freudige Erwartung.

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Große Vorfreude hat oft zu großer Enttäuschung geführt, weil die Realität der Vorstellung nicht entsprechen konnte. Um mich selbst davor zu bewahren, habe ich mir in vielen Belangen das jugendliche Kribbeln, die Überdrehtheit, die Nervosität abgewöhnt um von Ereignissen beschwingt und erfreut, nicht aber ernüchtert zurückgelassen zu werden. (Dass auch das nicht immer die richtige Lösung ist steht allerdings auf einem anderen Blatt.)

Die 20er waren die letzte große Party , der ich mit immensen Erwartungen und schier unbeschreiblicher Vorfreude entgegen getreten bin.

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Ich habe ja schon mehrmals erwähnt, dass die anstehende 3 etwas ist, das mir gewisse Kälteschauer des Gruselns über den Rücken jagt. Als müsste ich das Tor zum Hades passieren, kralle ich mich an den Rändern des Binsenbootes fest und flehe Charon mit doppeltem Obulus an, mich wieder zurückzubringen. Nur warum? Ist es die Angst vor dem, was mich im nächsten Jahrzehnt erwartet, oder vielleicht doch eher die Enttäuschung darüber, was mich im vergangenen Jahrzehnt nicht erwartet hatte?


John Cage, eine Figur aus meiner Lieblingsfernsehserie Ally McBeal sagte einmal zu ihr (sinngemäß): du hast gelacht, du hast geweint, du hast geliebt und getrauert – dann war es kein verlorenes Jahr.


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Twentysomething zu sein war für mich immer so ein bisschen am Rande des wirklichen Lebens spazieren zu gehen. Jeder hat noch ein gewisses Verständnis für emotionale Kapriolen, für Liebeskummer, für ein bisschen Naivität, vielleicht sogar für kindlichen Trotz. Es ist der Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Die Zeit, in der man sich ausprobiert, Fehler macht, Nächte durchtanzt, im Morgengrauen verschwitzt und betrunken nachhause wankt, Übernachtungsgrillparties mit Freunden feiert und auf Festivals im Auto schläft. Die Zeit der Praktika und Nebenjobs, in denen man noch nicht so richtig ernst genommen wird und immer das Gefühl hat, heillos überqualifiziert zu sein, was aber nichts macht, weil das wirkliche Leben ja noch da draußen, da vorne wartet. In der man in Wahrheit nichts und niemandem außer sich selbst Rechenschaft schuldig ist, einen niemand allzu schief anschaut weil man noch keine Verantwortung übernommen hat oder übernehmen will und auf die Frage „Was willst du dann eigentlich beruflich machen?“ „Irgendwas mit Medien“ noch eine legitime Antwort ist.


Und dann, irgendwann, still und heimlich, betritt man den Wald, der das wirkliche Leben ist und man muss Verantwortung übernehmen und sich mit Steuerausgleich und Versicherungen beschäftigen, Krankschreibungen bringen und einen gewissen launentechnischen Anstand im Umgang mit Arbeitskollegen und Kunden an den Tag legen. Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht, während man sich durch das Dickicht kämpft. Ja wo ist denn nun der verdammte Weg, den ich da immer gehen wollte, der vor kurzem in der Ferne noch so strahlend vor mir lag?

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Denn dann ist man mittendrin. Dann ist das Leben jetzt und nicht mehr morgen. Dann möchte man nicht mehr nicht wissen was man anfangen soll mit seinem Leben und in seiner Beziehung nur ein „vielleicht, mal schauen“ sehen. [Ich spreche hier in Verallgemeinerungen, verzeiht mir das bitte.]

Dann bemerke ich auf einmal, dass ich nie wirklich 20 war. Dass ich all diese vielleichts und falschen Wege nie gegangen bin. Und dann frage ich mich, ob ich mit meinem 30. Geburtstag nach außen hin vielleicht einfach nur das werde, was ich nach innen hin ohnehin schon seit langem bin. Und muss mir darauf antworten: „Ja!“ Als ich 18 war, lag ich lieber mit Herrn Punkt auf der Couch bei einem Film als in verrauchten Lokalen zu sitzen. Mit 21 saß ich sonntags mit der Hexenrunde beim Brunch anstatt in einem Club. Mit 25 stand ich an der Kreuzung zu einem anderen Leben doch ich entschied mich dafür, zu bleiben was ich war. Anstatt für das Jetzt für die Zukunft. Aber es gab auch die anderen Tage und Nächte. Es gab Festivals, Konzerte, neue Orte und Alkohol und Tränen und Lachen und Liebe und Schmerz.

Dieses Jahrzehnt war nicht so, wie es mir die Film- und Fernsehindustrie vermittelt hatte. Ich bereiste nicht allein die Welt und küsste massig fremde Menschen um völlig verändert nachhause zu kommen. Ich lebte nicht in WGs und ging auf Parties anstatt zur Uni. Dafür begab ich mich auf eine andere Reise – auf die Reise mich selbst zu entdecken. Ich stehe ganz am Anfang dieser Reise und beginne zu lernen, mich von den Vorstellungen zu lösen, die einem andere oktroyieren. Dass Zufriedenheit und Glück nicht zu verallgemeinern sind und für jeden etwas anderes bedeuten. Dass sein darf, was ist und sein kann was muss und dass Bewertungen hemmen. Dass die Ruhe und der Frieden im Innen liegen und nicht im Außen. Und dass man wahrscheinlich tatsächlich immer so alt ist, wie man sich eben fühlt.