Cala Agulla unter Wasser oder auf [Wort] Augenhöhe mit der eigenen Angst

Nach einer Weile gibt es wieder einen Wort-Beitrag von mir. Der ist schon ein Weilchen fertig, hat aber einfach nicht zu meiner düsteren Stimmung gepasst. Langsam öffnen sich gefühlt wieder ein paar Schleusen und es ist Platz dafür.

Der Beitrag, der mir von den gesamten Spanien-Bildern sicherlich am allermeisten am Herzen liegt, obwohl die Bilder nicht von mir sind. Ich habe aber einiges dazu beigetragen, dass sie entstehen konnten und habe außerdem die exklusive Erlaubnis, sie zu zeigen. Und da die Bilder für mich viel bedeuten, soll auch der Beitrag rundherum ein bisschen mehr sein. Zeit also für eines der Wörter, die mir geschenkt wurden

Augenhöhe

Frank war so nett, mir dieses wunderbare Wort zu schenken. Und wie das manchmal so ist, gibt es Wörter, die erst einmal farblos im Raum stehen. Dieses allerdings hat sich gleich an die Unterwasserbilder geheftet, obwohl ich im ersten Moment nicht fassen konnte, wieso. Dann fiel es mir auf einmal wie Schuppen von den Augen (die Metapher musste hier jetzt sein 😀 ) und mir war klar: Ich war: auf Augenhöhe mit dem Ozean und damit: auf Augenhöhe mit meiner Angst.

Ängste sind ein sehr eigenes Thema. Manche davon sind rational nachvollziehbar und basieren auf Fakten, andere sind irrational und man weiß nicht, woher sie kommen. Über rationale Ängste will ich hier nicht sprechen, denn mit diesen fertig zu werden ist ein anderes Thema. Hier geht es um irrationale Ängste oder besser: um eine meiner irrationalen Ängste, die mich schon ein Leben lang begleitet.

Woher sie kommt kann ich nicht sagen, ich vermute, dass sie möglicherweise dadurch ausgelöst wurde, dass ich als Kind zweimal – bevor ich schwimmen konnte – ins Wasser gefallen bin. Jedenfalls jagen mir lebende Gewässer derartige Angst ein, dass sie eine körperliche Panikattacke auslösen können. Heißt: Schweißausbruch, hyperventilieren, weinen, totale Verzweiflung. Eine Reaktion von irgendwo ganz tief unten, die ich nicht steuern kann, gegen die ich machtlos bin.

Lebendes Gewässer geht so lange: ich auf den Boden sehen kann. Ich stehen kann. Und dort nichts rumschwimmt, das ich ekelig finde (Seegras, Müll) oder vor dem ich (rational) Angst habe: Quallen, Seeigel, womöglich Gefährlicheres (in die Versuchung bin ich noch nie gekommen 😉 )

Jetzt könnte man meinen, dass man als Einwohner eines Binnenlandes mit dieser Angst ja durchaus leben könnte. Meine zurechtgelegte (lapidar genervte) Antwort, wenn jemand verständnislose Kommentare dazu geäußert hat: ich bin ein Feuerzeichen (Schütze), Wasser löscht mein Feuer. Dieses über-den-Dingen-stehen gab es jedoch nur nach außen hin. Nach innen hin ist das etwas, das mich seit je her wurmt und spätestens seit meinem 14. Lebensjahr extrem nervt. Damals bekam ich ein Buch in die Finger: einen dieser typischen Kitschromane von Nora Roberts. Ich erinnere mich an nicht viel aus diesem Buch – nur an die Beschreibungen über das Wracktauchen. Da zwickte es zum ersten Mal: das wirst du nie erleben.

Durch die Begeisterung eines wiedergewonnenen Freundes über die Unterwasserwelt höhlte der stete Tropfen jedoch den Stein und der Frust über diese Angst wurde größer und größer.

Dann hatte ich an Weihnachten 2013 die verrückte Idee, dem Herzjungen für seine Kamera ein Unterwassergehäuse zu schenken. Und im Sommer 2015 den Hintergedanken, wenn wir wegen dem Rücken schon keinen Roadtrip machen können, dann fahren wir halt ans Meer und probieren das Ding vielleicht aus. So wurde es Spanien und Mallorca, denn dort war das einzige Meer, in das ich mich schon einmal weiter als bis Kniehöhe hinein gewagt hatte. Ich witterte eine kleine Chance, es zu versuchen – oder wenigstens ihm die Möglichkeit zu geben, sein Geschenk zu testen und damit ein wenig zu spielen. Im schlimmsten Fall konnte ich ihm ja vom Strand aus zuschauen und wir könnten Fotos im Pool machen.

Soweit, so gut – denn wirklich rechnete ich nicht damit, diesem überwältigenden Gefühl die Stirn bieten zu können. Mein letzter Versuch dahingehend endete 2003 erfolglos an einem Strand in Cannes mit haufenweise verschlucktem Salzwasser und einer verstörten Schulkollegin.

Dann kam unsere Bucht. Und ich war verzaubert.

Irgendetwas war anders, dieses Mal. Ich sah die felsige Küste und das türkisblaue Wasser, jedes Steinchen am Grund und die sanfte Brandung, die ganz kleine Wellen ans Ufer schwappte. Etwas in mir zog mich richtiggehend hinein.

Ich schlug also – für ihn völlig überraschend – vor, uns Taucherbrille und Schnorchel zu kaufen. Keine drei Stunden später steckte ich dann tatsächlich meine Zehen zum ersten Mal ins Wasser.

Dann folgte eine lange Prozedur, die sich in Minischritten darauf zubewegte, mich mit Schnorchel als Ganzes ins Wasser zu befördern. Schritt für Schritt wagte ich mich vor und sprang auch wieder zurück. Bei jedem Besuch am Strand ein kleines Stückchen mehr. Erst nur mit der Brille im hüfthohen Meer, mit Kopf unter Wasser, das nächste Mal mit Schnorchel, um unter Wasser zu atmen. Gleichzeitig übte ich mich im Ruhigbleiben, wenn ein bisschen Seegras um mich herumtrieb. Als es zuviel wurde, habe ich mir den Raum gegeben und mir das Zugeständnis gemacht, zu gehen. Nach dem dritten Versuch kam dann die Feuerprobe: Weg vom Sandstrand, Einstieg in der Bucht. Ich hatte keine Ahnung ob ich es schaffen würde und was mich erwartete, aber ich wusste, ich MUSSTE es versuchen. Wenn es mir hier nicht gelingen würde, unter den Bedingungen, dann nirgends. Aber ich setzte mich auch nicht unter Druck. Ich war schon weiter gekommen als ich je geglaubt hatte und selbst sich im schultertiefen Wasser über einen bemoosten Stein treiben zu lassen und vereinzelt kleine Fische zu beobachten hätte mich zufrieden nachhause fahren lassen.

Dann war es soweit. Wir standen also auf dem Felsen und ich wusste, es gab nur zwei Schritte: knietief oder drei Meter tief. Noch nie zuvor war ich in lebendem Gewässer gewesen, das tiefer war als ich groß. Und dann der Schreck: ein Seeigel! Ich bekam erstmal Panik, wollte raus, bin ausgerutscht und habe mir am Felsen schön das Schienbein zerschnitten. ABER ich ließ mich nicht ins Bockshorn jagen. Der Herzjunge musste scouten, wo sich die Seeigel befanden und wo ich sicher erstmal stehen bleiben konnte. Und dort stand ich dann – fast eine dreiviertel Stunde. Ich wusste, ich musste mir Zeit geben. Ich musste ganz sicher sein. Einen Weg raus finden, der nicht auf einem Seeigel endete. Und wartete. Bis ich unbedingt, ganz unbedingt selber auch einen Blick unter die Wasseroberfläche riskieren wollte. Den Herzjungen in Griffweite wusste. Und es tat.

*

Kurz zurück zum Wort:

Augenhöhe (metaphorisch): auf [gleicher] Augenhöhe (gleichberechtigt, gleichwertig: [mit jemandem] auf Augenhöhe verhandeln, diskutieren, verkehren)

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Auf einmal war ich: auf Augenhöhe mit den Fischen! Und auf Augenhöhe mit meiner Angst. Erst atmete ich schnell, also kletterte ich flugs aus dem Wasser um den sicheren Ausstieg zu testen. Es klappte. Und noch schneller als ich draußen war, war ich wieder drin. Ich hörte nur noch meinen Atem, ich spürte das warme Mittelmeer um meinen Körper und ließ mich treiben. Es war das schönste und intensivste Gefühl, das ich seit langem spüren durfte. Denn ich wusste eines:

Der größte Triumph ist der Sieg über die eigene Angst.

Wie geht es euch? Was sind eure größten Ängste? Bekämpft ihr sie? Was tut ihr, um sie zu bekämpfen? Oder lasst ihr sie sein, geht ihnen aus dem Weg?

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PS: ich darf mich heute mit einer ganz anderen Angst beschäftigen: der vorm Zahnarzt. Drückt mir die Daumen, dass das Loch noch nicht zu tief ist!