Innenstadt im Winter oder warum ich aufhörte anzufangen über SEO nachzudenken.

Ich mache jetzt was Komisches. Ich zeige euch den Post „Innenstadt im Winter“, bevor ich euch den Post „Innenstadt im Herbst“ zeige, der seit Monaten in den Entwürfen liegt und irgendwie zu hübsch-fröhlich zum Herzeigen ist 😉 Unlängst bin ich nämlich in der Facebook Bloggercommunity zum wiederholten Mal auf ein Thema gestoßen, das ich aufgreifen will, obwohl ich mich das eine oder andere Mal schon dazu geäußert habe und dazu passen die Bilder vom Wochenende optimal. Es geht mir um die vielen, vielen, zahllosen „Tipps“, wie man „erfolgreicher“ Blogger wird.

Ich könnte mit diesem Post jetzt folgendes machen: ich nenne ihn

„5 ungewöhnliche Tipps, die du in der Wiener Innenstadt unbedingt gesehen haben musst“.

oder:

„5 unbekannte Highlights in 10 Gehminuten in der Wiener Innenstadt.“

Dann nehme ich euch mit auf einen „sehr persönlichen“ Spaziergang.

Geheimtipp mitten in der City: der Michaelerplatz

Dann schreibe ich ein paar Sachen aus Wikipedia heraus, über „mein Lieblingskaffeehaus etwas abseits der Touristenströme“, über „das ehemalige Burgtheater“ und über das „Michaelertor“. Denn das Burgtheater, eine renommierte europäische Theaterbühne, stand ursprünglich am Michaelerplatz, in den Räumen des ehemaligen Ballhauses (die sich NICHT am Ballhausplatz befanden, ein bisschen Trivia). Als das alte Burgtheater abgerissen wurde, entstand der Trakt des Michaelertors, wie wir es heute hier sehen, einer der prunkvollsten und schönsten Teile der Wiener Hofburg. Seit einiger Zeit stehen vor dem Michaelertor die Wiener Fiaker. Wer also eine der berühmten Kutschen mieten möchte – quasi das Wiener Pendant zur venezianischen Gondel – wird hier fündig!

Ich erzähle euch, dass es das Café Griensteidl am Michaelerplatz, direkt neben den römischen Ausgrabungen vor dem Michaelertor, bereits 1847 gab. Dass dort sowohl Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig und Arthur Schnitzler, als auch Politiker, Ärzte und alles andere, was das Wiener Bürgertum im Fin de Siècle zu bieten hatte, aus und ein gingen. Dass das ursprüngliche Café Griensteidl 1897 geschlossen und erst 1990 wiedereröffnet wurde. Dass die heiße Schokolade dort besonders empfehlenswert ist und die Speisekarte alle Wiener Spezialitäten, wie Fiakergulasch, Tafelspitz, Wiener Schnitzel und natürlich die traditionellen Mehlspeisen wie Apfel- und Topfenstrudel bietet.


Der Architektur-Schocker der Jahrhundertwende: das Looshaus

Dann erzähle ich euch ein bisschen etwas über Architektur, nämlich, dass am Michaelerplatz 3, also direkt daneben, das Looshaus steht. Dass das Looshaus eine der Paradebauten des Architekten Adolf Loos ist, ohne den die moderne Architektur vielleicht anders aussähe. Dass das „Looshaus“ 1909 ursprünglich als „Wohn- und Geschäftshaus Goldmann & Salatsch“ errichtet wurde und sich durch den Kontrast wertvoller Materialien wie Marmorsäulen zu einfachem Putz der oberen Geschosse auszeichnet. img_6529


Luxus, Glanz und Glamour: Shopping am Kohlmarkt und am Graben

Als nächstes empfehle ich euch, das Looshaus links liegen zu lassen und über den Kohlmarkt zu spazieren. Dort könnt ihr die aktuellen Kollektionen von Gucci, Chanel, Louis Vuitton, Tiffany&Co und einigen traditionellen Wiener Geschäften bestaunen. Der Kohlmarkt mündet im Graben, hier wimmelt es nur so von Juwelieren.


Foodporn deluxe: Meinl am Graben

Auch die erste Adresse für Feinkost, der Meinl am Graben, ist dort zu finden. Das Geschäft bezeichnet sich selbst als „erste Adresse für Gourmets und Genießer„. Der Meinl am Graben ist sowas wie das letzte Relikt der Julius Meinl AG, die 1862 gegründet wurde und zu Beginn in der k.u.k.-Monarchie Kaffeebohnen verkaufte. Heute bekommt man dort alles, was das Schlemmerherz höher schlagen lässt. Und wenn ich sage alles, dann meine ich: alles. Im Meinl-Restaurant wird auf Hauben-Niveau gekocht.


Und zum Schluss gibt es dann noch:

Eine Prise Geschichte: Wien und seine Pestsäulen

Die prunkvolle Säule am Graben, die von Touristen gern als Selfie-Motiv genützt wird, wurde 1679 nach einer Pestepidemie errichtet. Die letzte große Pestepidemie in Wien vernichtete einen Teil der Bevölkerung. Zum Dank ihrer Überwindung wurden in und um Wien mehrere geweihte Säulen errichtet. Eine der bekanntesten steht am Wiener Graben. Anfangs wurde die Säule aus Holz aufgebaut und erst 14 Jahre später in der heute bekannten Marmorausführung fertig gestellt.

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Und zum Schluss zeige ich euch noch eine kleine Galerie an Schnappschüssen und Eindrücken, die ich bei meinem Spaziergang mitgenommen habe.


Vielleicht wisst ihr schon, worauf ich hinaus will. Ich finde diese Art von Artikel nicht prinzipiell schlecht, im Gegenteil, sie funktionieren und ich ertappe mich auch selber oft genug dabei, sie anzuklicken. Man liest sie immer wieder recht gern, sie haben Struktur und einen Aufbau, eine Art Ablauf. Aber: sie sind oft unpersönlich und austauschbar, gleichzeitig aber enorm aufwändig. Und dann frage ich mich: warum sollte ich das tun? Was hab ich davon, von „vielen“ Menschen gelesen zu werden, wenn es das ist, was gelesen werden will? Es werden Tipps gegeben, wie man seine Texte und Besucherzahlen verbessern kann – doch unterm Strich bedeutet es, sich, seine Blickwinkel, seine „Spreche“ zu verbiegen, nur damit die Statistik eine höhere Zahl anzeigt.

Und ich spüre, wie ich mich immer wieder dazu hinreißen lasse, darüber nachzudenken. Ist mein Instagram-Stream zu uneinheitlich? Sind meine Überschriften schlecht? Sollte ich mehr über die Orte und weniger über meine Gedanken erzählen?

Und dann frage ich mich: was hab ich davon? Was mache ich hier eigentlich? Ich investiere Zeit, Liebe, Mühe und Herzblut in diese Präsenz, weil es mir soviel gibt, zu schreiben und gelesen zu werden. Weil es mich wirklich glücklich macht von jemandem zu hören „dein Text hat mir geholfen“. Weil mir selbst vieles leichter fällt, wenn ich höre „ich weiß, wie es dir geht, ich habe das auch schon erlebt.“

Ich schreibe nicht für eine anonyme Zahl in meiner Statistik. Ich schreibe für Menschen, die zwei offene Augen und ein Herz haben, die zu weit weg sind, um sie persönlich zu treffen, aber die dennoch ein Stück des Lebens mit mir gehen wollen. Die gern mit mir über sich und das Leben nachdenken und was es denn lebenswert macht.

Und darum, sollte ich es jemals vergessen, erinnert mich daran. Pfeif auf SEO. Pfeif auf cross channel marketing. Pfeif‘ auf die Ich AG und branding. Ich schreibe hier, weil ich in eurem Leben eine kleine Spur hinterlassen will.

Darum erzähle ich euch zu den Bildern etwas ganz anderes, denn das sind die wahren Geschichten hinter den Bildern:

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Im Michelertor befand sich mein Uni-Institut. Das Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft hatte die wohl prominenteste Adresse und das wohl abgefuckteste Innenleben. Dennoch war es jedes Mal wieder ein erhebendes Gefühl, die schwere Tür der Batthyanystiege zu öffnen und erhobenen Hauptes dahinter zu verschwinden.


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Die heiße Schokolade im Café Griensteidl war der einzige Grund, der mich bei den unglaublich langweiligen Sonntagsspaziergängen durch die Wiener Innenstadt mit meinen Eltern in der grauen und trüben Jahreszeit, bei Laune hielt. Mir wurde zwar schon damals immer schlecht wenn ich Milch getrunken habe, aber was nimmt man nicht alles in Kauf?


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In einer Seitengasse des Graben befindet sich eine altangestammte Wiener Disco, das „Cabaret Fledermaus“. Ich habe dort meinen 21. Geburtstag gefeiert. Sehr betrunken, sehr verliebt, sehr ausufernd, sehr lachend und weinend. Und ich muss jedes Mal an diese Nacht denken, wenn ich im Augenwinkel am Schild des Lokals vorbeikomme.


Ich weiß nicht, wie viele Male ich den Blick über die Wientaltrasse bereits fotografiert habe. Es ist sowas, wie mein „Home-View“. Ich liebe diesen Blick, egal ob es grau in grau ist, ob es schneit oder ob die Sonne den Wienfluss in orangegoldene Lava verwandelt. Es ist mein zuhause in der weiten Welt der Großstadt.


 

Die Stufen hinter der Albertina – ein Motiv, das ich schon vor vielen Jahren, ganz zu Beginn meiner Fotografie, entdeckt habe. Ich mag den Minimalismus, ich mag den Rhythmus, die klaren Linien und vielfältigen Elemente, die sich hier aneinanderreihen, genauso wie die Metaphorik, das nach-oben-streben und das klare helle Weiß der Mauern.


Den Rest der Bilder fand ich halt hübsch, drum sind sie da.

Und zum Abschluss will ich noch folgendes sagen: das Internet ist voll von Ratschlägen, wie man erfolgreicher wird. Aber die Frage, die man sich vielleicht stellen soll, ist: habe ich wirklich zu bloggen begonnen, um erfolgreich zu werden? Wer diese Frage mit „ja“ beantwortet, tut gut daran, diese Tipps zu befolgen – denn ich glaube, sie funktionieren. Aber wer hier einen Moment innehält und darüber nachdenkt, was er oder sie denn eigentlich teilen und erreichen möchte, ob der Mensch dahinter mehr als eine eindeutig identifizierbare IP-Adresse ist und ob einen schreiben „frei Schnauze“ nicht vielleicht glücklicher macht, der sollte sich nicht von Tipps und Tricks und Clickbaiting vereinnahmen lassen. Es spricht nichts gegen Kooperationen, wenn sie in den Rahmen des Blogs passen. Es spricht nichts gegen Zwischenüberschriften, faktische Informationen und Erfahrungsberichte. Im Gegenteil. Aber behaltet euch euren Stil, eure Persönlichkeit und zeigt ein bisschen eurer Seele, denn dann kommen die Leser – um zu bleiben.

Und darum, meine Bitte auch an euch! Schreibt! Schreibt aufrichtig und persönlich, schreibt von Herzen und nicht für die Statistik. Schreibt, was ihr wirklich gedacht oder empfunden habt, was euch glücklich und traurig macht, denn ich beobachte es immer mehr, wie Blogs, hinter denen Menschen stehen, denen ich gerne gefolgt bin, zuerst immer strukturierter und geplanter, immer zeitaufwändiger werden, immer weniger Spaß machen und die Personen dann dafür von der Bildfläche – und aus meinem Leben verschwinden.

Ein Blog ist nicht mehr wert, nur weil er mehr Likes und Follower hat. Ein Blog ist dann etwas wert, wenn er Menschen fehlt, wenn er verschwindet.