Semmering: Zauberblickrunde – Herbstwald & Details & Social Media Gedanken

Wenn man so durch den Wald streift, hat man Zeit und Gelegenheit, seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Ich sagte unlängst, ich hätte meine Worte verloren. Das ist es aber glaube ich nicht. Es ist grade eher das, dass ich um meine Identität hier im Internet kämpfe, weswegen die Anzahl der Artikel, die sich um dieses Thema drehen, grade enorm wächst. Ich hoffe euch damit nicht zu sehr zu langweilen, denn auch heute gibt es wieder etwas in diese Richtung.

Unlängst beging ich wieder den Fehler, einen Artikel darüber zu lesen, wie man denn nun eine große Followerschaft auf Instagram aufbaut. Ich habe den Namen der Autorin vergessen oder verdrängt, jedenfalls erklärte sie ganz ausführlich und begeistert, wie wichtig es wäre, die Bilder aus bestimmten Perspektiven zu machen, möglichst viel weiß und Pastellfarben zu verwenden (ihr Liebling: pink!) und dabei immer schön an die Individualität denken. Ihr Konzept scheint aufzugehen, denn laut eigenen Aussagen nannte sie 15.000 Follower ihr eigen. Etwas an diesem Text störte mich – wie ihr hier an meiner Einleitung wohl unschwer erkennen konntet – enorm. Nur was? Denn ganz grundsätzlich ist es ja jedermenschs eigene Sache, seinen Instagram-Account nach Belieben zu gestalten. Warum also rege ich mich darüber auf?

Ich denke, es hat unterschiedliche Gründe. Bloggen ist für mich etwas Persönliches. Ein Ausdruck meiner „Kunst“ und meiner Gedanken. Ich laufe Gefahr, mich zu wiederholen, aber so unweigerlich ich über die „5 Dinge…“-Überschriften stolpere, so habe ich das Bedürfnis, mich mantraartig davon zu distanzieren und schaffe es gleichzeitig auch nicht ganz. Ständig wird man gefragt „Welche Zielgruppe sprichst du an?“ „Welchen Mehrwert bietest du?“ und ich glaube mir drängt sich die Frage auf: wann sind wir eigentlich alle zu Verkäufern geworden?

Klar gibt es mittlerweile viele Menschen, die mit ihren Blogs Geld verdienen und viele gehen in diesem Business wohl auch total auf und das ist auch voll in Ordnung. Viel lauter (kommt mir vor) sind aber die Stimmen, die sich ununterbrochen, unentwegt und in einer Tour darüber beschweren, wie Social Media an ihrer Substanz nagt, am Selbstwertgefühl, wie sehr man ausbrennt, wenn man in diesem Rad mitläuft. Jedes Mal möchte ich diese Menschen fragen: „Ist es das wirklich wert?“ „Macht denn das eigentlich noch Spaß?“

Ich habe mich immer schon und immer wieder ganz klar dagegen entschieden, auf diesen Zug aufzuspringen. Meine Persönlichkeit und das, was ich ausdrücken möchte, lassen sich nicht in Marketingkennzahlen pressen. Ich möchte Dinge zeigen um der Dinge willen, nicht um der Response willen. Ich hoffe natürlich, dass ich euch, meinen Lesern und meiner Community etwas zeige, das für euch einen Mehrwert bietet. Allerdings ist das ein Mehrwert, der nicht monetär gemessen werden kann. Ich möchte schöne Erlebnisse teilen, ich möchte Gedanken niederschreiben, ich will interessante Orte zeigen. Ich will im besten Fall Inspiration sein und zum Nachdenken anregen. Ich möchte, dass meine Leser eine Seite von mir kennen, die es nur gibt, weil es dieses Medium gibt.

All das lässt sich jedoch nicht vereinbaren mit den Dingen, die man braucht und tun muss, um viele Follower zu generieren. Ich schrieb schon heuer im Frühjahr, dass ich mich sehenden Auges dagegen entschieden habe, meinen Blog SEO zu optimieren. Ich stehe immer noch zu diesen Worten, aber ich kämpfe dennoch immer wieder dagegen an, auf die „großen“ neidisch zu sein. Oben genannte Autorin schrieb in ihrem Artikel etwas wie „ich hatte auf meinem Blog nur 2000 Aufrufe pro Monat. Für das Internet ist das nichts. Ich hatte das Gefühl, für niemanden zu schreiben.“ Ich fand diese Aussage mehr als herablassend, denn jeder einzelne, der sich die Zeit nimmt, einen Beitrag anzuschauen und zu lesen, ist etwas wert und hat es nicht verdient, als „niemand“ bezeichnet zu werden.

Als kleiner Account wird es immer schwerer, gesehen zu werden – denn gesehen werden ist dennoch das, was man anstrebt, wenn man online etwas veröffentlicht. Während früher nur ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung das Internet aktiv genutzt hat, ist es heute die breite Masse. Während früher die Nutzer auch Spaß an Interaktion hatten, sind heute Unmengen der Kommunikation ziemlich „one way“. Gleichzeitig gibt es ein enormes Bedürfnis nach Meinungsäußerung, große Blogs sind mit unendlich viel Kritik konfrontiert, die sehr, sehr oft weit unter die Gürtellinie geht. Auch wenn ich Maddie von Dariadaria.com persönlich nicht so wahnsinnig sympathisch finde, hat sie unlängst einen Artikel gepostet, der mich in diesen Wahrnehmungen mehr als bestätigt hat.

Was ist noch sozial an sozialen Medien, wenn sie die, die sie erfolgreich nutzen, kaputt machen? Wo kommt all der Hass her?

Ja, ich gebe zu, auch ich würde mir wünschen, dass hinter meiner Followerzahl eines der kleinen „k“ steht. Weil es schön ist, wenn das, was man tut, offenbar für andere interessant ist. Aber was kostet es?

Für mich war das Internet immer ein Ort der Verbindung. Ein Ort, an dem ich Menschen treffen konnte, die weit weg waren und die vielleicht auch anders waren als ich – die ich in meinem Umfeld nicht kennengelernt hätte. Es war spannend, sich mit Menschen unterschiedlichster Interessen auszutauschen. Sich Websites anzusehen von anderen, die über Mittelalterfeste schrieben oder Games oder andere Hobbies, weil sie durch Zufall bei mir durchgestolpert und einen Kommentar hinterlassen hatten. Heute haben sich „echo chambers“ entwickelt und soziale Medien fungieren erwiesenermaßen als filter bubbles, in denen immer nur man selbst widerhallt. Ich kann das nicht ändern und ich habe auch nicht einmal das Recht dazu, denn das Internet ist das, was Menschen daraus machen – und wenn es nun so ist, ist es wohl das, was die Nutzer wollen. Sich selbst präsentieren und möglichst ins beste Licht rücken. Wir kennen es alle, das Stichwort „Selbstoptimierung“. Ich ziehe mich aus all dem immer mehr zurück und bin gleichzeitig traurig, dass all diese großartige Technologie ganz und gar in der Wirtschaft aufgegangen ist.

Ich weiß gar nicht, was das Fazit dieses Textes sein soll. Vielleicht ist es, dass ich immer wieder glücklich bin, diesen Ort hier zu haben, an dem „das Internet“ noch so funktioniert, wie ich es mir wünsche – auch wenn es nur eine sehr kleine Insel ist. Dass ich dennoch hoffe, dass sich die Negativität, die sich online vielerorts findet, irgendwann wieder wandelt. Dass die Nutzung von sozialen Netzwerken und Foren und anderen interaktiven Seiten wieder verbindend wirkt und nicht trennend und Erfahrungen wie Nila sie gemacht hat die Ausnahme und nicht die Regel sind.

Ich glaube, dass durch Statistiken, Likes und Followern jeder dazu angehalten wird, etwas zu verkaufen. Wer etwas verkaufen will, will einen Erfolg erzielen und ist permanent im Vergleich zu anderen messbar. Das schafft Neid und Missgunst. Natürlich werden wir nicht mehr darauf zurückkommen, Statistiken auszublenden, Blogreader zu deaktivieren und Likes abzuschaffen (all das gab es tatsächlich nicht, als ich begann, mich in den Weiten des WWW herumzutreiben). Dennoch hoffe ich und wünsche mir, dass es irgendwann wieder eine klarere Trennung geben wird von Inhalt und Werbung, von Verkäufern und Menschen. Gleichzeitig fürchte ich, dass ich zuerst ein Einhorn sehen werde. Darum kann ich nur ein Danke an euch aussprechen, dass ihr anders seid und dass es hier für mich anders ist. Dass ich all meine Kraft und Mühe dafür einsetze, dieses „anders“ hier zu erhalten. Und dass vielleicht der eine oder andere von euch dabei mitmacht. Denn solang ihr hier seid und diesen „Ort“ interaktiv mitgestaltet, so lange kann es ihn geben. Für mich und für euch 🙂