Die Tiefen und Untiefen des Unbewussten

Das Unbewusste. Ein Mysterium der Menschheit. Ein undefinierbarer Ort in jedem von uns, dessen Existenz wohl schon seit Jahrhunderten vermutet und heute zumindest nicht mehr vielerorts in der aufgeklärten Welt angezweifelt wird. Man findet Auseinandersetzungen damit in fast allen Epochen und Zeiten der Menschheitsgeschichte, auf die eine oder andere Weise.

Gewissermaßen dient es wohl dazu, unser Leben erträglich zu machen. Es hilft uns, mit Schmerz und Problemen umzugehen. Die meisten Strukturen und Mechanismen entwickeln sich in der Kindheit und prägen uns ein Leben lang. Die Beschäftigung damit ist schwierig, da es in vielen Belangen keine fundierten und messbaren Methoden gibt, keine validen Tools und keine Geräte, die es sichtbar machen können wie Knochen, Muskeln, Sehnen, Blutbilder und Gehirnströme im Inneren des Körpers. Es gehört wohl zu den wenigen Dingen, die man nicht greifbar machen kann und deren Existenz dennoch weitgehend akzeptiert wird. Ein Wunderding, also. Ein Wunderding, das uns kurzfristig immer hilft, zu überleben und langfristig dennoch viele Probleme machen kann. Ein Berg, der uns die Sicht versperrt und manchmal sogar den Weg abschneidet.

Die Wurzeln in der Kindheit

Dass diese Probleme meist in der Kindheit beginnen, ist nicht meine Theorie, das haben schon einige vor mir vermutet und ich stütze mich auf deren Lehren. Was hier geschrieben wird ist jedoch nicht alles auf medizinischer Ebene als erwiesen zu betrachten sondern auch ein bisschen Glaubenssache. Denn ich glaube an das Unbewusste und an seine Macht. Ich bin überzeugt davon, dass dort alles abgespeichert ist, was wir erlebt haben. Dass es geclustert wird und dadurch den Großteil unseres Verhaltens steuert. Ich glaube daran, dass unser Unbewusstes unser Motor ist und dass das Ich ohne die Auseinandersetzung damit nur der Beifahrer im eigenen Leben ist. Ich gebe mich aber nicht der Illusion hin, dass das Unbewusste ganz und gar ins Bewusstsein rücken kann, das kann es nicht und das wäre auch gar nicht sinnvoll. Dennoch halte ich es für überaus wichtig, sich damit auseinanderzusetzen um sich selber besser kennenzulernen und aus vielleicht destruktiven Mustern, die uns in früheren Zeiten geholfen haben, einen Weg heraus zu finden. Wir alle haben solche Muster weil alle unsere Familien ihre Muster haben und weil wir frisch auf diesem Planeten nichts anderes tun können als von anderen zu lernen und anderer Menschen Verhalten nachzuahmen. Dies ist kein Vorwurf, aber eine Tatsache. Und es ist unsere Entscheidung, ob wir mit den Mustern unserer Familien leben oder ob wir sie vielleicht hinter uns lassen wollen.

Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus

Das Gemeine an der Sache mit dem Unbewussten ist ja vor allem das: es will uns glauben machen, dass es gar nicht existiert und im Grunde kaum eine Rolle spielt. Es schickt immer das Ich vor und wir denken, dass wir unsere Wege im vollen Bewusstsein gehen, während im Hintergrund soviele Entscheidungsprozesse ablaufen, von denen wir gar nichts mitbekommen. Das ist einerseits notwendig, um lebensfähig zu sein, andererseits bietet es jedoch die Möglichkeit, zu verschleiern und zu vertuschen, dass es auch bei vielen vermeintlich bewussten Entscheidungen Regie führt.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass das Unbewusste bei jedem einzelnen individuell ausgeprägt ist. Es gibt kein Patentrezept und keine klaren Parameter, was beim einen gut ist kann beim anderen schlecht sein, was einen pusht, kann den anderen behindern, was einer stärken soll, sollte der andere versuchen zu vermeiden. Der Weg ins eigene Unbewusste ist damit immer ein individueller, ein persönlicher und meist auch ein steiniger, der mit Schmerz und Traurigkeit verbunden sein kann – weil man Verdrängtes an die Oberfläche holen muss. Und nun gelange ich an den Punkt, für den ich soweit ausholen musste. Denn das ist mein ganz persönlicher Punkt. Wie schon weiter oben angeführt, das Unbewusste agiert bei jedem Menschen unterschiedlich und setzt verschiedene Maßnahmen, um zum Ziel zu kommen. Darum geht es vermutlich vielen Leuten so, dass sie nicht viel davon mitbekommen und gar nicht merken, dass es diese „Fremdsteuerung“ gibt. Aus diesem Grund ist es wichtig, manchmal innezuhalten, sich anzuschauen, wo man steht, wohin man unterwegs ist und sich zu fragen: will ich das wirklich?

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt

Doch welchen Weg kann man überhaupt erst einmal anfangen zu gehen, um sich den eigenen unbewussten Mechanismen anzunähern?

Der in meinen Augen allumfassendste und wichtigste Schritt ist: sich aktiv beobachten. Denn das Unbewusste offenbart sich einem wenn man genau hinschaut. Seine eigenen Reaktionen anschauen, Ängste und Zwänge hinterfragen, Entscheidungen betrachten. Entscheidungsketten nachgehen: was war alles notwendig, um zu diesem Zeitpunkt an diesem Ort zu landen? Wie oft habe ich mich an einer Abzweigung entschieden? Zufälle sind selten Zufälle.

Die landläufig immer wieder erwähnten „Freud’schen Fehlleistungen“ sind dann die Momente, in denen das Unbewusste sich am deutlichsten zeigt. Schlüssel werden vergessen, vor einem wichtigen Vortrag bekommt man auf einmal eine heisere Stimme, man verspricht sich, verschreibt sich – Momente, in denen die Schutzhülle einen Riss bekommt und man hineinschauen kann. Der perfekte Moment um „warum“ zu fragen.

Der „Königsweg“, wie Sigmund Freud es einst bezeichnete, ist der Weg über die Träume. Träume sind niemals unbedeutend. Träume können niemals mit Sicherheit universell gedeutet werden. Im Traum arbeitet das Unbewusste, es verarbeitet und es lässt uns manchmal zuschauen. Im Traum kann und will das Unbewusste seine Mechanismen nicht verhüllen. Es ist der Moment, in dem wir wieder ein Stück verstehen können wenn wir wollen.

Das Aha-Erlebnis als Indikator

Irgendwann geht die Beobachtung dieser Dinge in Fleisch und Blut über. Man bemerkt kaum noch, dass man es bemerkt. Und dann folgen auch meist Aha-Erlebnisse auf dem Fuß. Ich habe selbst schon sehr oft die Erfahrung gemacht, dass das Gefühl eine gute Kompassnadel ist im Erkennen der eigenen Wahrheit. Manche Theorien mögen noch so schlüssig und logisch sein, dennoch fühlen sie sich falsch an. Und dann gibt es Dinge, die für Außenstehende wie an den Haaren herbeigezogen wirken, aber innen drinnen macht es klick. Es ist ein Moment des wiedererkennens. Man weiß, dass es stimmt. Als würde sich nach dem Erreichen einer Kuppe ein weites Tal auftun und den Blick freigeben.

Hier bewege ich mich natürlich wieder sehr stark im Glaubensmilieu und natürlich kann man sich hier auch selbst ein Ei legen – denn man will sich auch gelegentlich selbst daran hindern, das Unbewusste zu entschlüsseln, weil man damit die Wirksamkeit der Mechanismen zum Teil aushebelt und das bedeutet Gefahr. Darum sollte man diesen Weg auch nicht unbedingt alleine gehen und sich zumindest abschnittsweise Rat und Unterstützung holen. Es gibt auch die Momente des Erkennens, die schwierig zu verkraften sind und hier kann es sehr sehr wichtig sein, damit nicht alleine zu sein. Denn auf die Erkenntnis folgt die Lösung nicht zwangsläufig auf dem Fuß – die steht in einem anderen Buch geschrieben und es passiert nicht selten, dass man fast daran verzweifelt, zu verstehen aber nicht damit weiter zu wissen.

Für viele mag dieser Text jetzt große Fragezeichen und Kopfschütteln hinterlassen. Was soll denn das alles? Vielleicht habe ich die Hoffnung, den einen oder andere zu motivieren, den Mut aufzubringen und hinzuschauen. Denn ich gehe diesen Weg bis zu einem gewissen Grad schon lange und aufgrund meiner Rückenprobleme ist die Beschäftigung mit solchen Themen für mich zu einem großen Punkt auf der Agenda meines Lebens geworden. Ich hatte viele solcher oben angesprochener Aha-Erlebnisse. Ich hatte welche der erleichternden Art und welche der schmerzhaften Art, ich habe Antworten gefunden und noch mehr Fragen aufgeworfen. Ich glaube, langsam verstanden zu haben wie ich ticke und warum, zumindest in einigen elementaren Punkten die mich früher schon beschäftigt haben. Gerade in den letzten Wochen sind wieder zwei ganz große Puzzlesteine dazugekommen, von denen ich hoffe, dass sie sich bald in meiner Gesamtkonstitution bemerkbar machen (ich hab hier und hier und hier darüber erzählt). Ich glaube, an den Punkt des Verstehens zu kommen – aber ich weiß, dass es bis zum Punkt des Lösens noch ein weiter weg ist. Dennoch habe ich das Gefühl, dass es der richtige Weg ist. Der Weg, den ich gehen muss, weil ich so bin und so sein will. Weil ich zwischen den Zeilen lesen will um dann am Ende sagen zu können:

Und eines Tages, baby, werden wir alt sein. Oh baby, werden wir alt sein. Und an all die Geschichten denken, die für immer unsere sind.