Blogparade: Helden und Genies

Es taucht in unterschiedlichen Fragerunden immer wieder die Frage auf, mit welcher Person, egal ob lebend oder tot, man sich gerne einmal treffen würde. Bei mir haben sich über die letzten Jahre im Grunde drei Persönlichkeiten herauskristallisiert, mit denen ich gern so einiges beplaudern und von denen ich mir gern so manches erzählen ließe. Da ich es generell eine spannende Frage finde und auch immer neugierig bin, was andere drauf antworten und vor allem: warum (dieser Aspekt kommt bei den Frage-Antwort-Stöckchen ja oft zu kurz) mache ich daraus eine kleine Blogparade, ein Stöckchen. Vielleicht mag es ja jemand aufgreifen. Sollte sich daraus etwas entwickeln, wird es am Ende natürlich eine Zusammenfassung geben. Der Zeitraum für die Parade ist gesetzt von ab sofort bis 31. Juli 2016. Solltet ihr dazu schon einmal einen Beitrag geschrieben haben, könnt ihr ihn auch im Nachhinein verlinken und dazu einreichen.

Meine drei Auserwählten, in lebenschronologischer Reihenfolge:

Platon & die Ideenlehre

Ich mag die griechischen Naturphilosophen. Meine erste Begegnung mit ihnen hatte ich im Rahmen des Philosophie-Unterrichts in der Schule. Meine zweite im Buch „Sophies Welt“ von Jostein Gaarder, das ich allen sehr ans Herz legen möchte, die eine einfache und übersichtliche Einführung in die Geschichte der Philosophie bekommen möchten. Ich fand es spannend, mit wie wenig Mitteln sich Menschen sehr detailreich und zum Teil auch sehr nah an der Wirklichkeit damals schon die Welt zu erklären versuchten. Bei all den spannenden Persönlichkeiten hatte ich allerdings immer einen Favoriten: Platon.

Platon war Schüler des Sokrates, mein zweitliebster griechischer Philosoph („Ich weiß, dass ich nichts weiß“) und Aristoteles, den ich zwar in gewissen Bereichen beeindruckend finde, in anderen dafür wieder ablehne. Platon bewundere ich vor allem für seine Ideenlehre, die für mich ein sehr psychologisches Konzept ist. Die Ideenlehre besagt, dass es von jedem Ding, jedem Lebewesen und überhaupt allem Irdischen die perfekte Ausführung gibt, nämlich die in der Welt der Ideen. Wenn also jemand sagt „stell dir ein Pferd vor“, dann siehst du deine „Idee“ von einem Pferd. Dasselbe gilt für einen Tisch, für einen Fluss, für eine Wolke. Alles, das wir Menschen kennen, ist als Form einer Idee in uns abgespeichert.

Außerdem war Platon der vermutlich erste Feminist. Im leider sehr patriarchalischen „späten“ Griechenland waren ja Frauen in etwa soviel wert wie Sklaven. Sie durfen kaum am öffentlichen Leben teilhaben, von Bürgerrechten ganz zu Schweigen. Platon hat allerdings damals schon die Unsinnigkeit dieser Tatsache erkannt und gesagt:

Ein Staat, der seine Frauen nicht ausbildet, ist wie ein Sportler, der nur seinen rechten Arm trainiert

Aus diesem Grund, weil er damit fortschrittlicher war als der überwiegende Teil aller Denker, die Jahrhunderte nach ihm lebten, hat auch er das Rennen um den Stockerlplatz gemacht. (Nebenbei beschrieb er in der Politeia ein Seelenbild, das quasi ein Vorläufer des freudianischen Instanzenmodells ist.)

"Die Idee Magnolie"

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Sigmund Freud und das Unbewusste

Wen wundert es nach den Texten der letzten Wochen noch, dass diese Person es in den Kreis der Wunschgesprächspartner geschafft hat 🙂 ? Sigmund Freud ist für mich eine Persönlichkeit, der in der öffentlichen Meinung viel zuviel Klischee und viel zu wenig Bewunderung anhaftet. Auch ihm begegnete ich während meiner Schulzeit zum ersten Mal und warum auch immer es passiert ist, es sprang sofort der Funke über.  In seinen Konzepten fand ich soviel Erklärung und Antworten, die ich schon lange gesucht hatte. Die Faszination blieb und ich nutzte im Rahmen meiner Ausbildungen alle erdenklichen Möglichkeiten, mich auch auf wissenschaftlicher Ebene mit ihm auseinanderzusetzen.

Freud entwickelte eine systematische Traumarbeit, er erklärte das Unbewusste zur Triebfeder des Menschen, beschrieb Fehlleistungen und definierte die drei Instanzen, die den Menschen formen, im Grunde genommen ist er auch etwas wie der Urvater der Psychosomatik. Ohne seine Beobachtungen und Studien und Schriften wäre vieles, das wir heute im Bereich der Psychologie und Psychiatrie als selbstverständlich erachten, möglicherweise nicht denkbar gewesen. Er war seiner Zeit weit voraus, er nutzte keine brutalen und menschenunwürdigen Behandlungsmethoden, sondern erkannte im Gespräch und in der Kommunikation ein großes Potenzial für Heilung. Er erkannte, dass viele Menschen, die krankhafte (physische) Symptome zeigten, nicht immer (nur) körperlich krank waren und dass nicht Medikamente sie heilen konnten, sondern Selbstreflexion, das Annehmen von Bedürfnissen und Verständnis.

Die Liste der Dinge, die er erklärt, beschrieben, beobachtet und auch behandelt hat könnte noch eine ganze Weile weitergeführt werden. Die Neurosen und Psychosen, das Unheimliche, die menschlichen sexuellen Entwicklungsphasen, der Witz und so vieles mehr.

Seine (vermeintliche) Fixierung auf das Sexuelle ist letztendlich das, was in der breiten Bevölkerung von ihm angekommen ist. Jedes Mal, wenn ich das höre oder darüber lese, wie offenbar wenig informierte Journalisten sich das zum Steckenpferd machen, fühle ich mich fast persönlich gekränkt. Denn Forschung muss man immer im Kontext der Zeit sehen und ich bin überzeugt davon, dass die Unterdrückung und Tabuisierung eines menschlichen Grundbedürfnisses garantiert zu vielen unbewussten Mechanismen in der Gesellschaft geführt hat, grade in seinem bürgerlichen Umfeld. Es ist aber schlicht nicht wahr, dass für Freud alles in diese Richtung geht – und genau das ist eigentlich auch das wichtigste in seinen Erkenntnissen. Seine Psychoanalyse ist immer individuell und niemals wertend. Er war im Grunde ein großartiger und unterhaltsamer Schriftsteller, der ein immenses Talent gehabt haben musste, Menschen seine Erkenntnisse und Beobachtungen zu vermitteln.

In meinen Augen war er ein ganz großes Puzzlestein, der den Menschen in unserem Kulturkreis ihre Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung losgelöst von gesellschaftlichen Zwängen und Mustern gegeben hat. In Freuds „Redekuren“ ging es immer darum, sich selbst zu verstehen und sich selbst anzunehmen. Und das ist für mich ein ganz wichtiger Aspekt eines freien und selbst gestalteten Lebens, in dem man Minderwertigkeitskomplexe (ich borge mir hier den Adler’schen Begriff) überwinden und unabhängig von Ethnie, Alter, Geschlecht oder sonstigen äußerlichen Merkmalen zusammenleben kann. Denn nur wenn ich mich selbst kenne, wenn ich weiß wer ich bin, muss ich mich nicht von etwas oder jemand anderem (grundlos) bedroht fühlen.

"Die Sonne des Bewusstseins, die durch das Dickicht des Unbewussten dringt"

J.R.R. Tolkien und die bunte Welt von Mittelerde

Der dritte und jüngste im Bunde, den ich sozusagen grade nur um einige wenige Jahre auf diesem Planeten verpasst habe, ist J.R.R. Tolkien, der Erschaffer von Frodo, Sauron, Gollum und dem Einen Ring. Tolkien darf hier einen Platz einnehmen, weil er mir die Freude am Lesen und an der Fantasie zurückgegeben hat, die ich so lange verloren hatte. Er hat mich in seine Welt mitgenommen und ich habe wieder spüren gelernt, wieviele Welten es durch Bücher zu erleben gibt und wie bereichernd es sein kann, wie glücklich es machen kann und wie erfüllend, die Helden und Antihelden auf ihren Abenteuern zu begleiten.

Es hat mich immerhin drei Anläufe gekostet, „Der Herr der Ringe“ zu lesen. Es fehlte die Zeit, die Ruhe, die Muße. Beim dritten Mal allerdings hat es mich verschluckt. Es hat mich eingesogen und in seinen Bann gezogen, der bis heute anhält. Tolkien muss ein geisteswissenschaftliches Genie gewesen sein und unglaubliche kulturelle Bildung gehabt haben. Er hat aus unzähligen Sagen und Mythen ein umfassendes und lückenloses Werk erschaffen, etwas, das aus der Buchstabenzusammensetzung „Hobbit“ und Erzählungen für seine Kinder letztendlich entstanden ist. Er hat Sprachen konstruiert und nicht zuletzt an der Kunstsprache Esperanto mitgewirkt. Er hat eine Welt erschaffen mit Chronologien, Schöpfungs- und Kulturgeschichten, mit Wesen, Entwicklungen und einer umfassenden Geografie. Er hatte einen für mich wunderschönen Sinn für Romantik, indem er die Geschichte von Beren und Luthien für sich und seine Frau erschaffen hat. Ich bewundere ihn und ich würde mir zu gerne von ihm selbst die Geschichte des Ringkriegs erzählen lassen, mit seiner Stimme, in seinen Worten.

"Die bunten Seiten von Mittelerde"

Ich möchte mit den dreien durch den Türkenschanzpark spazieren, den Frühling genießen, ihnen „mein Wien“ zeigen und mir von Freuds Wien, Tolkiens Oxford und Platons Griechenland erzählen lassen.

Und nun seid ihr dran! Welche Persönlichkeiten bewundert ihr? Wem wolltet ihr schon immer eine bestimmte Frage stellen? Erzählt es mir! Verlinkt den Beitrag hier bei mir oder lasst einen Kommentar mit eurem Beitrag da. Natürlich können das auch Personen sein, die ihr persönlich kanntet, die aus eurem Leben verschwunden oder die gestorben sind. Auch Großeltern können Helden und Genies sein 🙂

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